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Lücken im digitalen Workflow machen Laboren die Investitionsentscheidung schwer

Drucken aktualisiert am 28.07.2011

Karin Schulz, DENTAGEN-Vorstandsvorsitzende: „Auch die IDS 2011 hat unseren Kurs, die interdisziplinären Weiterbildungsangebote für alle Akteure in der Zahnheilkunde weiter auszubauen, erneut bestätigt.“ Ein Interview mit der Chefin der größten Verbundgruppe der Zahntechnik in Deutschland.

Karin Schulz, DENTAGEN-Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführerin eines Dentallabors, zieht nach der IDS 2011 das Fazit: „Die Lücken im digitalen Workflow machen Laboren die Investitionsentscheidung schwer“.
Karin Schulz, DENTAGEN-Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführerin eines Dentallabors, zieht nach der IDS 2011 das Fazit: „Die Lücken im digitalen Workflow machen Laboren die Investitionsentscheidung schwer“.


ZTM: Frau Schulz, hat die konventionelle Zahntechnik ausgedient?

Frau Schulz: So ausschließlich lässt sich das nicht sagen, aber die digitale Zahnheilkunde ist nicht mehr aufzuhalten. Die Digitalisierung verspricht klare Vorteile hinsichtlich Qualität, Passgenauigkeit und Kosten. Allerdings nur dann, wenn ein konsistenter Daten- und Workflow in Praxis und Labor gewährleistet ist. Und dies ist – das hat die IDS 2011 gezeigt – noch nicht der Fall. Was fehlt, sind die Schnittstellen zwischen Befundaufnahme, Diagnostik, Therapieplanung, der digitalen Abdrucknahme und dem Zahnersatz. Aber die Vorteile der digitalen Technologie lassen sich aktuell noch nicht voll nutzen. Es gibt noch zu viele Insellösungen.

ZTM: Haben Sie ein Beispiel aus der Praxis?

Frau Schulz: Sicher. Wenn ein intraoraler Scan gemacht wird, habe ich eine digitale Abformung. Dennoch müssen digital Modelle hergestellt werden, da aufgrund des fehlenden Bewegungssimulators die Funktion nicht direkt im Scan bearbeitet werden kann. Das heißt: Die Modelle, die angeliefert werden, wenn ich sie nicht selber herstelle – was ja auch keinen Sinn macht –müssen dann entweder herkömmlich in einem Artikulator oder aber in einem Klipp- Klapp fixiert werden. Und mit einem Klipp-Klapp bin ich wieder in der zahntechnischen Steinzeit.

ZTM: Ist der virtuelle Artikulator die Antwort?

Frau Schulz: Ja, da gibt es Anfänge. Aber soweit ich über den Stand der Entwicklung informiert bin, können auch dort die Bewegungen noch nicht genau simuliert werden. Am besten wäre natürlich ein perfekter Bewegungssimulator, in dem die Kieferbewegungen genau dargestellt werden. Ich denke, das wird in den nächsten Jahren sicherlich Realität werden – für den digitalen Workflow ein enormer Qualitätssprung.

ZTM: Also abwarten, Tee trinken, erst einmal nichts tun als Labor?

Frau Schulz: Das ist die große Frage. Ich denke, wir Labore sind in Zugzwang und müssen uns positionieren. Ganz klar. Aber bis dato hätte ich beispielsweise für kleinere Betriebe immer die Perspektive im Kauf eines Scanners gesehen, um dann in Fräszentren fertigen zu lassen. Jetzt wurden auf der IDS jedoch mehrere kleine und bezahlbare Fräsmaschinen präsentiert. Das bedeutet: Mit einer Investition von rund 20 000 Euro plus Scanner hat ein Labor eine komplette Inhouse-Produktion. Ich bin in der Vergangenheit davon ausgegangen, dass die Zukunft in den großen Fräszentren liegt. Jetzt glaube ich eher an eine Trendwende. Nun stellt sich für uns Labore die schwierige Frage nach der richtigen Lösung. Was also tun? Da sind geschlossene Systeme, da sind offene Systeme. Die offenen Systeme sind jedoch nur bedingt offen. Nicht alle Fräsmaschinen können alle Teilbereiche abdecken. Ein Labor muss sich ganz genau informieren, welcher Scanner und welche Fräsmaschine die individuellen Anforderungen des Labors erfüllt. Bei der Fräsmaschine muss es darum gehen, ob das Labor das Gerät auslasten kann. Alles was überdimensioniert ist, ist ja auch schon wieder zu kostenintensiv. An dieser Entscheidung hat die Zahntechnik auch nach der IDS 2011 weiter zu knabbern. Hier kann der DENTAGEN-CAD/CAM-Arbeitskreis zur Entscheidungsfindung beitragen.

ZTM: Und der Reiz, die Wertschöpfung im Labor zu halten, wächst?

Frau Schulz: Natürlich. Und das ist doch auch wichtig. Ich kann im eigenen Labor effizienter produzieren. Dadurch haben die Mitarbeiter den Freiraum, mehr Services bieten zu können. In dieser Kombination liegt die Zukunft unserer Labore. Das bedeutet andererseits aber auch, dass die Mitarbeiter qualifizierter sein müssen. Die Anforderungen an die Techniker steigen mit der rasanten Entwicklung der Technologie. Spezielle Fortbildung – auch im Servicebereich – wird immer wichtiger.

ZTM:Wird sich DENTAGEN in diesem Bereich noch mehr engagieren?

Frau Schulz: Ja. Wir bieten zusammen mit der IGfZ (Implantologische Gesellschaft für Zahnärzte eG) und unseren Kooperationspartnern schon viel an. Diese Themen stehen in unseren Fort- und Weiterbildungsangeboten ganz oben. Das belegt ein Blick auf unsere Website. Wir haben schon vor zwei Jahren konzentriert Informationsveranstaltungen zum Oralscanner durchgeführt. In Berlin, am DENTAGEN- Firmensitz in Waltrop und in anderen Regionen der Republik. Deshalb können wir selbstbewusst sagen, dass wir in Sachen Update-Workshops gut aufgestellt sind.
Karin Schulz: „Ich bin in der Vergangenheit davon ausgegangen, dass die Zukunft in den großen Fräszentren liegt. Jetzt glaube ich eher an eine Trendwende“.
Karin Schulz: „Ich bin in der Vergangenheit davon ausgegangen, dass die Zukunft in den großen Fräszentren liegt. Jetzt glaube ich eher an eine Trendwende“.


ZTM: Ihr Fazit nach der IDS 2011 aus zahntechnischer Sicht?

Frau Schulz: Es gab viele Präsentationen, die noch nicht marktreif sind. Viele Firmen standen offenbar unter Druck, etwas Neues zu zeigen. Ob das jetzt die Plottertechnologie ist, in der anhand von Modellen oder Datensätzen der Modellguss entworfen wird, um anschließend geplottet und gegossen zu werden. Diverse Firmen bieten das an, aber die Passung soll noch nicht so gut sein, um damit jetzt in den Markt gehen zu können. Sicher auch nur eine Frage der Zeit. Oder das Angebot der monolithischen Disks, wo nur noch aus einem Material gefräst und nicht mehr verblendet wird. Vieles wurde gezeigt, wurde beworben, kann aber noch nicht geliefert werden.

ZTM: Navigierte Implantologie und Funktionsdiagnostik. Gibt es da markttaugliche Angebote?

Frau Schulz: Ja, das zebris Kieferregistriersystem oder der Freecorder® BlueFox sind wichtige Ansatzpunkte - allerdings mit den unerwünschten Schnittstellen- Problemen. Ziel ist ja letztendlich die komplette digitale Umsetzung. Diese ist noch nicht gegeben. Der Idealfall, der Patient wird vermessen, die Daten werden in einen Scanner transferiert und danach kann der Zahnersatz konstruiert werden, liegt leider nicht vor. Wir haben heute die aufgezeichneten Daten mit den Kiefergelenksbewegungen des Patienten, müssen dann aber die Modelle mit den erhobenen Daten herkömmlich in einen volladjustierbaren Artikulator einartikulieren. Erst dann können wir den Zahnersatz per CAD/CAM herstellen. Das ist die Situation. Ich weiß, alle Anbieter arbeiten mit Hochdruck daran, die digitale Lücke zu schließen. Das war auf der IDS in Gesprächen immer wieder herauszuhören.

ZTM: DENTAGEN und DT&Shop haben auf der IDS gemeinsam gefeiert. Was ist das für eine besondere Verbindung?

Frau Schulz: Der informative Party-Abend bei DT war eine tolle Sache. Die Resonanz bei unseren Mitgliedern war riesig. Da spiegelten sich zehn Jahre partnerschaftliche Zusammenarbeit wieder. DT&Shop ist ein Kooperationspartner, wie man ihn sich nur wünschen kann. Wir haben über viele Jahre eine konstante Win-Win-Situation geschaffen. Sehr zum Nutzen für die DENTAGEN-Mitglieder. Wir können nur ein dickes Kompliment nach Bad Bocklet schicken. Das Team um Eva Maria Roer ist sehr innovativ und in jeder Beziehung außerordentlich fair.

ZTM: Auch das Ergebnis einer Frauenfreundschaft?

Frau Schulz: Ja, es gibt ja nicht nur Männerfreundschaften, die positiven Nutzen für die Allgemeinheit haben – wenn sie es haben. Bei uns ist das jedenfalls so.

ZTM: Business is People – werden Netzwerke immer wichtiger?

Frau Schulz: Ja, stimmt. Die werden immer wichtiger. Zahnärzte, die von einer Flut von Neuigkeiten überrollt werden, schauen sich nach Informationsgebern um. Sie finden sie in einem qualifizierten Zahntechniker, der ein gutes Netzwerk hat. Den haben sie nicht in Fernost, den haben sie vor Ort. Das Labor ist die Nummer Eins. Und auch die Patienten wollen immer mehr und besser informiert werden.

ZTM:Was verbirgt sich hinter dem Arbeitstitel „DENTA+“?

Frau Schulz: Wir arbeiten gemeinsam mit Kooperationspartnern aus der Dentalindustrie an unserem Kommunikationskonzept „DENTA+“. Wir wollen eine ganze dentale Welt bei DENTAGEN aufbauen, damit unsere Mitglieder Zugriff auf alle relevanten Inhalte haben, um mit ihren Kunden und den Patienten besser kommunizieren zu können. Das fängt an mit grundsätzlichen Informationen als Grundlage für die Herstellung individueller Flyer. Geht weiter über eine Checkliste für Tage der offenen Tür, vom Roll Up bis hin zum Regenschirmständer – falls notwendig. Mit den Informationen, die DENTAGEN zur Verfügung stellt, lassen sich solide Webauftritte bezahlbar realisieren. Infos über die gesamte dentale Welt bedeuten ganz simpel auch Antworten geben, die man sonst nicht so schnell findet: Wie wird die Krone hergestellt, welche Arten von Kronen gibt es, welche Studien dazu? Was kann man fachlich fundiert über Zirkon sagen? Welche Argumente liefern Materialunterschiede für unterschiedliche Preise bei Zirkonkronen? Warum ist das eine Material besser als das andere? Auch dazu gibt es Studien, die DENTAGEN-Mitgliedslabore per Mausklick abrufen können. Jedes erdenkliche Thema wird bedient. Dazu haben wir Arbeitsworkshopsmit Partnern aus der Industrie realisiert. Es ist ein Novum, dass die großen Mitbewerber an einem Tisch sitzen und gemeinsam ohne Stress an einem umfassenden Thema arbeiten. Darauf sind wir stolz.

ZTM: Frau Schulz, vielen Dank für dieses Gespräch! 

 

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Fotostrecke
Karin Schulz: „Ich bin in der Vergangenheit davon ausgegangen, dass die Zukunft in den großen Fräszentren liegt. Jetzt glaube ich eher an eine Trendwende“.  

ZAHNTECH MAG 15, 6, 362 – 364 (2011)

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