Zukunft der Zahntechnik

Drucken aktualisiert am 11.04.2010

Wer die Frage nach der Zukunft der Zahntechnik in Deutschland stellt, erhält Antworten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Da ist vom baldigen Untergang die Rede, ein „Weiter so“ wird ebenso häufig erhofft, wie ein Paradigmenwechsel prophezeit wird. Jemand, der alle Höhen und Tiefen in der Geschichte des Zahntechnikerhandwerks miterlebt und -erlitten hat, ist ZTM Herbert Stolle aus Cuxhaven. Nach seiner Einschätzung zur zukünftigen Entwicklung des deutschen Zahntechnikerhandwerks befragte ihn die Redaktion von „Das Internationale ZAHNTECHNIK MAGAZIN.“

ZTM Herbert Stolle mit seinen Auszubildenden, deren Förderung ihm im Hinblick auf die Zukunft der Zahntechnik schon immer ein besonderes Anliegen war. Ingesamt 320 Azubis haben unter seiner Führung ihr zahntechnisches Know-how erlernt.
ZTM Herbert Stolle mit seinen Auszubildenden, deren Förderung ihm im Hinblick auf die Zukunft der Zahntechnik schon immer ein besonderes Anliegen war. Ingesamt 320 Azubis haben unter seiner Führung ihr zahntechnisches Know-how erlernt.


ZTM: Kaum jemand hat mehr als Sie die Geschichte der deutschen Zahntechnik in Theorie und Praxis begleitet. Wie lautet Ihre Prognose für die Zukunft des Zahntechnikerhandwerks und welche persönlichen Schlüsse ziehen Sie daraus?
Herbert Stolle: Bei der Beantwortung dieser Frage sollten wir systematisch vorgehen und diese Antwort in drei Rubriken aufteilen:
  • Welche äußeren Kräfte, die wir nur schwer beeinflussen können, zum Beispiel die Politik und die Krankenkassenverbände, wirken auf uns ein?
  • Welchen Einfluss hat der technische Fortschritt auf unser Berufsbild?
  • Was bleibt von den alten, traditionellen Werten noch erhalten?“

ZTM: Kommen wir zur ersten Rubrik!
Herbert Stolle: Die politische Entscheidung, das Zahntechnikerhandwerk in die RVO – heute SGB V – einzubinden, war ein in jeder Beziehung schwerwiegender Fehler. Er hat die Unternehmer unter uns entmündigt und ihre Betriebe an den Rand des Ruins getrieben. Die Warnung von Horst Seehofer vor einem Krankenkassenstaat ist inzwischen zur Realität geworden; die Krankenkassen machen inzwischen – siehe Selektivverträge – was immer ihnen gefällt.

ZTM: Und wie sieht Ihr Lösungsvorschlag aus?
Herbert Stolle: Als FVZL-Bundesvorsitzender bin ich in vier Wochen mit dem Bundesminister für Gesundheit, Dr. Philipp Rösler, in Berlin verabredet. Ich erwarte eine Übereinstimmung mit unserer Forderung nach „Raus aus dem SGB V“. Danach würde für unser Handwerk auch wieder das zurzeit eingeschränkte Kartellrecht in Anwendung gebracht werden können. Wir könnten uns erfolgreich gegen die Krankenkassen und ihre Verträge zu Lasten Dritter zur Wehr setzen.

ZTM:
Ihre zweite Rubrik – der technische Fortschritt?
Herbert Stolle: Die Folgen der Industrialisierung werden übertrieben. Die ganz kleinen und die sehr großen Laboratorien werden Existenzprobleme bekommen, aber die Ursachen dafür liegen individuell auf ganz anderen Gebieten. Vollkeramik und implantatgetragene Prothetik werden sehr bald zur Normalität. Schon jetzt liegen die Kapazitäten der Fräszentren – für jedermann zugänglich – weit über dem Bedarf. Die Preise werden sich im freien Wettbewerb marktgerecht einpendeln.

Die Dental Stolle GmbH
Die Dental Stolle GmbH


ZTM: Und was bliebe von den alten Werten übrig?
Herbert Stolle: Eine durchaus tröstliche Perspektive. Seitdem es Zahnersatz gibt, verbinden die Patienten – und um die geht es schließlich – mit ihren neuen Zähnen drei Wünsche: Sie möchten damit gut aussehen und wollen möglichst störungsfrei kauen und sprechen. Auf dieses Ziel sollten wir uns konzentrieren, ohne uns von den Werbestrategen der Hightech-Branche verrückt machen zu lassen.

ZTM: Das klingt alles sehr einfach.
Herbert Stolle: Die Wahrheit ist meistens einfach. Was uns stattdessen zu schaffen macht, ist eine überbordende Bürokratie, sind machtversessene Krankenkassen und eine Politik, die glaubt, alles reglementieren zu müssen. Unsere Hoffnung richtet sich auf die neue Bundesregierung, mit deren gesundheitspolitischen Grundsatzaussagen wir weitestgehend übereinstimmen.

ZTM: Und welche Konsequenzen haben diese Erkenntnisse für die Zukunft Ihres eigenen Labors?
Herbert Stolle:
Mein Sohn Peter, ein talentierter Zahntechnikermeister, aber ein noch besserer Musiker und Dirigent, hatte sich vor etwa zehn Jahren in voller Übereinstimmung mit mir für die Musik entschieden. Von meinen zwölf Laboratorien habe ich die meisten verkauft, den Rest geschlossen. Zurzeit gründen wir eine GmbH. Diese wird mein Cuxhavener Dental Labor kaufen, und ich werde für die nächsten drei Jahre die Position des Geschäftsführers übernehmen. Vier Führungskräfte – hier auf der beigefügten Grafik als Bereichsleiter gekennzeichnet – erhalten die Chance zur vollen Entfaltung ihrer Fähigkeiten. Wir können – und das sehe ich als meine Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft an – noch einmal kräftig durchstarten, bevor ich mich nach einem spannenden und manchmal auch abenteuerlichen Leben von der aktiven Mitarbeit zurückziehe.

Fotostrecke
Die Dental Stolle GmbH  

ZAHNTECH MAG 14, 4, 196 – 197 (2010)

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