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Nur wer sich ändert, bleibt sich treu
DruckenIn der Totalprothetik gibt es nachweislich seit knapp 150 Jahren von wissenschaftlicher, zahnärztlicher und zahntechnischer Seite verschiedene unterschiedliche Grundprinzipien (-philosophien) und demzufolge variable Regeln zum „richtigen Erstellen von totalen Plattenprothesen“ (so der damalige Begriff um 1930). Diese sind durch den einen oder anderen zu richtungsgebenden Regelwerken zusammengefasst worden. Und die Flut von Ideengebern auf diesem Bereich ist zum Glück bis in das Jahr 2010 nicht abgerissen. Auf der Suche nach dem Ursprung der heutigen Aufstellsysteme bin ich auf einige interessante Aussagen unserer Vordenker gestoßen, die auch heute noch Gültigkeit besitzen.

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Die Neuerung ist, dass heute vieles namentlich zu einem „System“ zusammengefasst wurde, wodurch es leicht den Charakter eines abgeschlossenen und allgemeingültigen Alleinstellungsmerkmals erhält und wenig Raum für Weiterdenken und Vorwärtsentwicklung zulässt. Das ist aus meiner derzeitigen Sicht – ich habe den gleichen Fehler begangen – sehr schade und könnte aufgrund von erzwungener bis hin zu traditioneller Einseitigkeit im Denken führen.
Unterschiedliche Regeln für ein Ziel
Was mache ich aber, wenn ich mich als Zahnarzt oder Zahntechniker ernsthaft mit der Frage beschäftige: Wie ist die richtige Vorgehensweise bei der Herstellung von funktionellen totalen Prothesen? Welches alte oder neue System ist heute als richtig, falsch, indiskutabel oder möglich anzusehen? Was wirkt Gewebe schonend oder zerstörend? Gab es vielleicht bereits das fehlerfreie System – und habe ich es verschlafen oder vergessen? War gestern das APF-System vorgestern einmal Gysi und heißt das heute APFNT? War Hiltebrandt der „antike“ Gerber und wurde daraus das Lerch-Konzept? Wer kaut besser mit BPS und wer mit BLP? Wie und wo nimmt man besser das Staub- Cranial- und wann fährt man besser mit dem TiFSystem? Sind Hilfsmittel eher dem Anwender nützlich oder lediglich Umsatz förderlich für die Industrie (Abb. 1)?
Suchst Du nach Neuem, frag bei den Alten!
Wer könnte in diesem Zusammenhang schon von sich behaupten, Regeln oder gar Lehrsätze aufgestellt zu haben? Von wem können wir wirklich lernen? Wer hat, wer kennt Maßstäbe? Wer hat mit Weisheit und Erfahrung die Totalprothetik geprägt? Diesen Erfahrungsschatz können wir nahezu ohne Einschränkungen unseren prothetischen Vorvätern zugestehen, die vor über 100 Jahren mit ihrem Hineindenken in die Wirkungsweisen und dem Studieren der Funktionsweise die „Plattenprothetik“ geprägt haben.
Deshalb hören wir ihnen einmal ungefi ltert zu (d.h. alle Zitate entstammen aus den Originalschriften und sind in der damaligen Sprache abgedruckt) und beobachten sie einmal in ihrem Schaffensdrang sowie im Umgang mit den nahezu zeitgleichen Entwicklungen ihrer Kollegen (Abb. 2 bis 4).
Die Modellanalyse – lesen und denken lernen
Zu den ersten Regeln, die Gysi aufgestellt hat, gehört das konsequente Beobachten und Analysieren der Modelle als solche und deren interalveolare Zuordnung nach der Modellmontage in seinem Artikulator. Gysi beginnt in seinem Buch: Das Aufstellen der Zähne für Vollprothesen mit dem Kapitel: „Formen und gegenseitige Stellungen der zahnlosen Kiefer“ und fasst dieses so zusammen:
Gysi: „Es gibt natürlich noch viele hundert andere Formen von Alveolarkämmen. Die achtundzwanzig hier besprochenen genügen aber, um das Wesentliche derselben zu charakterisieren. Aus diesen wenigen ist auch ersichtlich, dass der Zahntechniker aus den Gipsmodellen verschiedenes herauslesen kann, was für die Brauchbarkeit der Prothese von größter Wichtigkeit ist. Er muss also selbstständig denken lernen, von Fall zu Fall“ [1].
§1 in der Totalprothetik
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich das als den §1 bei der Herstellung der Totalprothetik erklären: „Sehen – lesen – selbstständig denken
– denken lernen – in jedem Fall – und stets aufs Neue“. Vielleicht ist das bereits eine der wesentlichsten Aufforderung aus der vergangenen Zeit (bereits vor gut 150 Jahren), eine gründlichere Bestandsaufnahme der vor uns befindlichen Gipsmodelle vorzunehmen, als nur das Markieren von Kieferkammmitten, einer Papilla Inzisiva, der großen Gaumenfalten der retromolaren Polster und der Tubera im Oberkiefer.
Vergleiche: Was ist im Mund – was auf dem Modell
Tanzer: „Bei der näheren Betrachtung über die Nachgiebigkeit der die Kiefer bedeckenden Schleimhaut kommt es uns zum Bewusstsein, welche Unterschiede sich zwischen der Arbeit im Laboratorium und der prothetischen Sanierung im Mund bemerkbar machen. Das Gipsmodell ist eine versteinerte Form des nachgiebigen prothetischen Fundaments, auf dem wir unsere Arbeiten aufzubauen haben. Der Techniker mag seine Arbeiten noch so gewissenhaft auszuführen, im Mund haben wir ein anderes Bild vor uns“ [2].
Das wird sich nicht nur auf die Modellanalyse beim Analysieren von prothetisch geeigneten Belastungsbereichen für den Zahnersatz beschränken, sondern auf Begrenzungen von Prothesenrändern. Unterschiedliche Resilienzbereiche, Druckund schmerzempfindliche Areale sowie die exakte Bestimmung der dorsalen Abdämmung, lassen sich nur nach entsprechender Kontrolle seitens des Zahnarztes im Mund bestimmen und auf die Modelle übertragen.
Das aber wird uns keinesfalls davon entbinden, eine Modellanalyse aufs Sorgfältigste durchzuführen oder gar als Entschuldigung dienen, keine gemacht zu haben. Zu dem Thema Modellanalyse finden wir in der Literatur schon sehr lange einiges wertvolles und speziell auch über die Position der größten Kaueinheit des Unterkiefers und das Platzieren des ersten Molaren. Auch zu dem Aufstellen und/oder Weglassen von Zähnen auf dem aufsteigenden Unterkiefer-Ast, gab es schon frühzeitig eindeutigen Meinungen.
Die Position der größten Kaueinheit
Tanzer: „Der erste Molar nimmt im natürlichen und im künstlichen Gebiss eine Sonderstellung ein. Er befi ndet sich in der Kraftrichtung des musculus masseter. Er ist der stärkste Zahn des menschlichen Gebisses und gegen Kaudruck am besten verankert“ [3].
Hiltebrandt: „Wir beginnen regemäßig mit dem ersten Unterkiefer Molaren und zwar, weil seine Stellung die stabilste sein muss überhaupt von allen Zähnen. Deswegen müssen wir ihm den günstigsten Platz anweisen. Nun findet sich im Molarenbereich des Unterkiefer-Fortsatzes eine Einsenkung, nicht selten stark ausgeprägt. Immer stellen wir den Molar an die tiefste Stelle der Einsenkung, weil eine Belastung seiner Kaufläche den Zahn in die tiefste Stelle hineindrückt, so dass er weder medial noch distal ausweichen kann. Die tiefste Stelle der Einsenkung entspricht oft nicht der Stellung des natürlichen ersten Unterkiefer-Molaren. Dadurch wird aber nicht nur die ganze untere künstliche Backenzahnreihe, sondern auch die obere medio-distal verkürzt“ [4] (Abb. 5 und 6).
Diesem Grundsatz jedoch widerspricht Haller mit dem Hinweis auf seine zentripetale Aufstellung der Seitenzähne:
Haller: „Dass bei flachem Unterkiefer mit schwachem Frontzahnkamm die untere Prothese nach vorn geschoben werden könnte, trifft nicht zu; denn die „Kerbe“ (Aufstellungsform der Molaren, Anm. des Autors) verhütet ja nicht nur das Abdrängen nach rückwärts, sondern auch nach vorwärts [5].
Denkmodelle aus den 50ern – mechanisch oder physiologisch
Tanzer: In den 50er Jahren gab es im Wesentlichen zwei Auffassungen des Kauorgans: Der mechanisierten (Gysi) und der physiologischen Form (Hiltebrandt). Eine weitere ergänzende Ausrichtung kam von Haller, dessen auffällige konträre Einstellung zu Gysi mit der Negierung der Grundsätze der „klassischen Prothetik“ für Vollersatz und die völlige Befreiung von der Bevormundung des Kiefergelenks für die kaufunktionelle Bedeutung des Zahnersatzes (darin Einigkeit zwischen Haller und Hiltebrandt) in seinen Schriften nahezu auf jeder Seite betont wurde [6].
Aber gerade in Hiltebrandt hatte Gysi (s)einen wissenschaftlichen Widersacher, der sich unter anderem darin begründete, dass er den Vierphasenbiss, das Artikulationsgleichgewicht verwirft sowie die Gysi´schen Zähne in ihrer Form und Funktion kritisierte.
Verzahnung: Zu eng, meint Hiltebrandt
Recht viele drastische und eindeutige Aussagen sind von Seiten Hiltebrandt’s zu Gysi’s Formen von anatomischen Backenzähnen gefallen, die Gysi zur Herstellung von Zahnprothesen entwickelte, produzieren ließ und letztlich auch verwendete. Hiltebrandt bezeichnete diese als zu eng, erläuterte uns dazu begründend das Wesen der „regulatorischen Kontrollbewegungen“ und hat uns in diesem Zusammenhang den Begriff des „Okklusionsfeldes“ näher gebracht, der sich heute in der Okklusionslehre wie selbstverständlich wiederfindet.
Tanzer: „In seiner Broschüre „Die Okklusionslehre“ stellt Hiltebrandt Thesen auf, die in der Forderung gipfeln, dass das Artikulationsproblem physiologisch, also den Lebensvorgängen entsprechend aufzufassen sei. In der Abhandlung: „Die physiologischen und statischen Grundlagen der totalen Prothese“ versteigt sich Hiltebrandt zu der Äußerung, dass wohl die Vertreter der Artikulationslehre noch niemals in den Mund des Patienten gesehen hätten, sonst hätten sie wahrgenommen, dass es einen Vierphasenbiss und ein Artikulationsgleichgewicht nicht gibt [7].
Hiltebrandt rief auch Gysi einmal zu, ob er denn nicht zufällig einmal einem Patienten in den Mund gesehen habe. In diesem speziellen Zusammenhang wollte Hiltebrandt zum Ausdruck bringen, dass Gysi nur feste Punkte an einem Artikulator kennt, die im Mund aber nicht vorhanden seien. Hiltebrandt‘s Abrasionszähne „Teleoformzähne“ hingegen arbeiten mit einer sagittalen Leiste (Pistill) in der Mitte der unteren Kaufl äche in einer im Oberkiefer groß ausgebildeten Kaufl äche (Mörser). Diese Funktionsweise fi nden wir in Anlehnung heute wieder in der Gerber‘schen Lehre des Mörser-Pistill-Prinzips (Abb. 7 und 8). Aber auch Haller war nicht zurückhaltend, wenn es um seine Ansicht der Funktionstüchtigkeit von Prothesenzähnen ging:
Haller: „Es war ein großer Irrtum, zum Beispiel anzunehmen, einen Backenzahn dadurch funktionstüchtig gestalten zu können, dass er genau nach dem natürlichen Zahn modelliert wurde, oder anzunehmen, dass es darauf ankommt, das natürliche Gebiss genauestens in der Prothese wieder zu erkennen [8].
Die Spee-Kurve
Gysi: „Als ich im Jahre 1887 in Philadelphia meine Examensprothese machte, galt es noch als höchste Vollkommenheit, wenn bei den auf eine Tischplatte gelegten oberen und unteren Zahnreihen nicht nur sämtliche Zähne, sondern sämtliche Höcker die Tischplatte berührten. Seither sind viele wesentliche Fortschritte erzielt worden auf diesem Gebiete, z.B. erscheinen im Jahr 1890 die Befunde des deutschen Anatomen Graf Spee über die „spiralige Drehung“ der Längsbiegung der Zahnreihen und im Jahre 1896 die Arbeiten von W. E. Walker (U.S.A) über die „Niveaudifferenz der Molarenhöcker und der Vorwärts- und mehr oder weniger starken Abwärtsbewegung der Gelenkköpfe“ [9].
Tanzer‘s Wahrheit: „Im Verlauf unserer Betrachtungen kommen wir auch zu Spee, den Haller seiner Kurve wegen oft angreift. Zunächst einmal muss der Wahrheit die Ehre gegeben werden, und da steht nun ein für alle mal fest, dass der Kieler Anatom Graf Spee „seine Kurve“ nicht für Zahnbehandler „gefunden“ hat. Spee hat, wie es alle Anatomen und besonders die Gelenkanatomen tun, die Bewegungsbahn des Unterkiefers, namentlich die Vorbissbewegung, analysieren wollen. Dass ihm dabei ein Fehler unterlaufen ist und seine Analyse der Vorbissbewegung nicht richtig ist, kann man ihm nicht übelnehmen. Dass aber viele (einschließlich Gysi) diese Bezeichnung bis in die letzte Zeit der Prothetik übernehmen und das auch noch falsch machen, weil sie es nicht der Mühe wert halten, darüber nachzulesen, ist beschämend. Und wenn sich auch tüchtige und namhafte Prothetiker fi nden, die diesen Ausdruck an falscher Stelle verwenden, ändert das nichts an der Tatsache, dass es Unsinn ist.
Die Spee-Kurve ist eine anatomische Bezeichnung und hat in der Prothetik rein gar nichts zu suchen. Sie ist für den fortschrittlich wissenschaftlichen Prothetiker das rote Tuch, selbst dann, wenn sich Gysi in seinem neuesten Buch immer noch nicht von dieser Bezeichnung trennen kann. Wer sie für die Prothetik verwendet, gibt damit zu erkennen, dass seine Kenntnisse in theoretischer Hinsicht veraltet sind [10]. Zitate aus Dresden 1937 und 1951
Legitime Wandlung: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu
Gysi hat dann später in Amerika Zähne mit modifizierter und niedriger Höckerneigung entwickelt und herausgebracht, die die Firma Dentists supply als Zähne für die Totalprothetik unter dem Namen „Mühlsteinzähne“ in den Handel gebracht hat.
Tanzer: „Es sind Zähne, die eine Kombination von Anatoformzähnen und Dynamikzähnen darstellen und zudem eine sagittale Höckerneigung von 20° zur Bissplattenebene aufweisen. Wir erkennen hieraus die Wandlung Gysi‘s im Gegensatz zu seiner früheren Ansicht und können vielleicht auf diesem Wege das Gerücht „Gysi widerrufe seine Lehre“ verständlich finden“ [11].
Okklusale Reduktion der Kauflächen
Um zu beweisen, wie wichtig Okklusionsreliefs u.a. zur Druck-Reduzierung auf die Kieferkämme bei der Nahrungszerkleinerung sind, hat Gysi zahlreiche Versuche unternommen und ist dann auch bei der Herstellung und Modifikation von Seitenzähnen konsequent vorangegangen.
Gysi: „So haben auch die Molaren, die keine genügenden Abzugsrinnen haben, oder wegen zu starken Einschleifens zu breite Kontaktflächen erhalten haben, nur ein geringes Durchdringungsvermögen auf die zu kauende Nahrung. Man hüte sich also vor zu weitgehendem Einschleifen“ [12]. Auch die zeitgenössischen Berufskollegen äußern sich zu diesem Thema recht eindeutig:
Tanzer: „Die Verwendung höckerloser Zähne ist nicht angezeigt. Bei höckerlosen Zähnen würde die „Griffsicherheit“ bei der Bearbeitung der Speisen leiden“ [13].
Rehm: „Bei einem totalen oberen und unteren Gebiss waren die Höcker völlig plan herunter geschliffen. Die Kaufl ächen waren plan. Die Patientin klagte darüber, dass sie die Speisen nicht klein bekam. Die Seitenzähne kamen ihr zu „stumpf“ vor. Da die Ausgestaltung der Plattenbasis auch hinsichtlich des statischen Aufbaus der Prothesen und an der Bisshöhe keine Fehler festzustellen waren, haben wir lediglich die Seitenzähne des unteren und oberen Gebisses durch neue Zähne (Dynamikzähne) ersetzt und in guter Artikulation aufgebaut. Nach dieser Änderung war der Ersatz für die Patientin zu gebrauchen. Dieses Beispiel zeigt uns, dass völlig plane Kauflächen einen Misserfolg auch dann hervorrufen können, wenn das künstliche Gebiss sonst richtig aufgebaut ist [14].
Flache Kieferverhältnisse
Gysi: „Prothesen auf sehr schlechten und flachen Kieferverhältnissen haben keinen guten Halt, sie verschieben sich leicht beim Kauen. Für diese Fälle muss man daher Molaren mit wenig breiter Kaufläche verwenden, um den Druck auf die schwachen Alveolarkämme zu vermeiden. Wegen dieser flachen Verhältnisse darf man nur schmale Höckerzähne verwenden“ [15] (Abb. 9 und 10).
Zentripetale Aufstellung nach einem „überzeugten“ Haller
Wie sicher muss sich Haller nach seinen Untersuchungen gewesen sein, wenn er über seine zentripetale Prothetik geschrieben hat:
Haller: „Die zentripetale Prothese ist, das ergibt sich aus allen Fällen, funktions-freudig und energiegeladen, die zentrifugale Prothese ist schwach und unvermögend“ [16].
Haller: „So ist durch das zentripetale System ein zweites Mal ein bedeutungsvoller interner Vorgang der Natur, bzw. des Kau-Organismus prothetisch neu geschaffen und zurück erobert. Die Tragweite dieser Erkenntnis lässt dem verantwortungsbewussten Praktiker Zweck und Aufgaben der „zukünftigen Zahnprothetik“ in einem ganz neuen Licht erscheinen, dem gegenüber die Leistungen der bisherigen Prothetik nur einen bescheidenen Bruchteil ausmachen“ [17].
Haller: „Im Wert des zentripetalen Systems liegt zum einen der Wert in der längeren Erhaltung des restlichen Eigenzahnbestandes. Zum anderen darin, dass mit der Zentripetal-Prothese die Speisen infolge tüchtigen Kauens für die Ausbeute durch den Organismus besser vorbereitet sind, wodurch ein volksgesundheitlicher und letzten Endes auch ein volkswirtschaftlicher Faktor liegt“ [18] (Abb. 11).
Eines aber werden wir ihm nicht vorwerfen können, dass er leichtfertig oder leichtsinnig (gedankenlos) seine Ergebnisse veröffentlicht hat, da er seinen Ausführungen seine Prämisse vorausschickt:
Haller: „Wenn der Prothetiker, der vielleicht noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts seine Prothese aus Elfenbein schnitzte, sich an die Natur hielt und sklavisch vom vorderen bis zum hinteren Plattenrand das natürliche Gebiss auf das künstliche übertrug, so ist dies durchaus zu begreifen. Vom neuzeitlichen Prothetiker dagegen, der gegenüber früher über ganz ungleich vorteilhaftere Mittel und Einrichtungen verfügt, muss heute erwartet werden, dass er überprüft, ob er mit der Verbesserung seiner Arbeitsmethoden und Materialien auch auf der anderen Seite Schritt gehalten hat, und ob es heute noch gerechtfertigt ist, nach denselben Prinzipien zu arbeiten wie ehedem“ [19]. Der aufmerksame Leser, der den gesamten Kontext kennt, wird rasch erkennen, dass hier ein messerscharfer Seitenhieb auf die Gysi‘sche zentrifugale Aufstellung ausgeführt wurde.
Man kannte sich auch damals sehr gut
Neben vielem anderen hatte Haller das oben angeführte Zitat Mitte des 19. Jahrhunderts in Kenntnis der Untersuchungen und Ergebnisse seiner aktuellen Berufskollegen geschrieben. Damit fand Haller selbstverständlich nicht nur uneingeschränkte Zustimmung seiner Kollegen, die insbesondere doch meist ganz andere oder zumindest unterschiedliche Ansätze und Ergebnisse vorwiesen und damit in ihrer Meinung nicht „hinterm Berg hielten“. Dazu schrieb Tanzer:
Tanzer: „Sobald einer der Forscher eine Verbesserung der Fachwelt vorgestellt hatte, erhoben sich gar zu oft schlagartig ein Dutzend Gegner, um die Ansicht des anderen zu zerstückeln, bis nichts mehr davon verblieb, einzig und allein mit dem Ziel, keinen Deut von der eigenen Anschauung zu opfern [20].
Haller sieht das wesentlich entspannter:
Haller: „Es ist heute so, dass der Praktiker das eine Mal von diesem, das andere Mal von jenem System etwas verwendet, um schließlich seine eigene Methode zur Geltung zu bringen. Das heißt, dass er nach seiner eigenen Erfahrung und Methode dem jeweiligen Fall gerecht zu werden versucht [21].
Tanzer: „Wenn man nicht ganz auf seinen früheren Prinzipien reitet, sondern sich aufgeschlossen einer Neuerung zuwendet, freut man sich über jeden Fortschritt [22].
Tanzer‘s Offenbarung: „Wenn ich als früherer Gysi-Prothetiker die Anschauungen Hiltebrandts mit dem technischen Nutzen Gysis verbinde, so erweckt das bei vielen Verwunderung. Vielleicht sieht man in mir den „Mann der Konzessionen“, der keinen Mut zur klaren Entscheidung hat. Indessen, wer mich näher kennt, bezweifelt das entschieden und ist eher vom Gegenteil überzeugt. Nun soll ich oder will ich, ja vielleicht muss ich meine Ansicht abermals ändern. Ist überhaupt der Fachmann ernst zu nehmen, der in einem Jahrzehnt seine wissenschaftliche Meinung ändert? Sind damit alle meine diesbezüglichen Veröffentlichungen hinfällig, meine Bücher veraltet, wenn ich in der Auffassung Hallers eine weitere prothetische Möglichkeit der Prothesengestaltung zur Erhöhung des Kaueffektes erblicke? Nein – und wenn ich meine Auffassung mehrfach in einem kurzem Zeitraum ändern müsste, ich würde keinen Augenblick zögern, dem Fortschritt zu dienen; denn nichts in der Welt hat ewigen Bestand; Schüler bleiben wir immer [23].
Zusammenfassung
Tanzer: „Wenn heute behauptet wird, die Ansichten Gysi’s stünden einer allgemeingültigen fortschrittlichen Lösung der Artikulationsfragen hemmend entgegen, so wäre es interessant zu erfahren, welchen Verlauf die Wissenschaft genommen hätte, wenn Gysi nicht gewesen wäre. Alle, die nach ihm kamen, haben nur von ihm gelernt, so wie Gysi von Bonwill und Balkwill gelernt haben wird. Es ist heute leicht zu sagen: Wir brauchen Gysi nicht mehr. Natürlich ist die Entwicklung weitergegangen. Wo aber ist ein technisches Gerät, das uns in die Lagen versetzt, die physiologischen Kenntnisse vom „Okklusionsfeld“ der Backenzähne anzuwenden. Die Abrasionszähne Hiltebrandts sind ohne Zweifel ein wesentlicher Vorteil. Ihre Anwendung bringt aber keinesfalls alle anderen Grundsätze einwandfreier Prothesenherstellung ins Wanken“ [24].
Und wenn wir diese Gedankengänge unter genauer Beobachtung aller Ergebnisse der darauf folgenden Forschungen und Erkenntnisse bis in die heutige Zeit fortsetzen, dann sehen wir, dass wir ohne die Basis der „Urväter“, die nach bestem Wissen und Gewissen geforscht, gearbeitet und gelehrt haben, kaum eine Weiterentwicklung zustande gebracht hätten oder noch eine weitere in der Zukunft bringen werden.
Sich selbst zu brüsten: Das habe ich ge- oder erfunden oder dies ist meins und jenes muss ich schützen lassen, ist nahezu unsinnig oder sogar überheblich. Wichtiger ist es, daraus nur das richtige Fazit zu ziehen und alles auch das bereits vorhandene, aus dem heutigen Kenntnisstand heraus zu beurteilen und konsequent zur Verbesserung der Arbeiten für unsere Kunden, die Patienten, zu nutzen. Und dasb geht nur, wenn ich mich mit dem „Alten Gedankengut“
beschäftige und es verstanden habe.
Thesen und Fazit unserer Vordenker
So möchte ich nun den Versuch unternehmen, eine kurze Quintessenz aus den zusammengetragenen Meinungen unserer Vorväter zu erstellen und damit aufzuzeigen, wie geringfügig viele dieser wesentlichen Grundsätze von damals zu heute verschwunden sind. Vergessen vielfach leider schon, aber noch nicht ganz verschollen. Dass wir sie heute teilweise anders bezeichnen oder nur hübscher und wissenschaftlicher verpackt haben, ändert nichts an ihrer ursprünglichen Essenz und Richtigkeit. Beispiele hierzu:
- Die Modellanalyse ist keine starre Formel. Ein genaues Beobachten, Analysieren und sein folgerichtiges Handeln gehört zu den unabdingbaren Voraussetzungen, bevor eine Zahnaufstellung mit dem Anspruch auf Funktionstüchtigkeit begonnen wird.
- Molaren mit Höckern sind in jedem Fall wirkungsvoller und flachen Molaren vorzuziehen. Die transversale Reduktion bei ungünstigen Kieferstellungen und Kieferkämmen ist ein wirksames Instrument, die Statik der Prothese und den Komfort des Patienten zu verbessern.
- Die „so genannte Speekurve“ ist eine anatomische Beobachtung und Bezeichnung. Sie ist nie für den Aufbau von Prothesen gedacht gewesen. Sie sollte in dieser Form aus den prothetischen Gedanken verschwinden.
- Kritik an der Meinung von Berufskollegen, darf nur in Fairness und in jedem Fall nur nach vorheriger genauer Kenntnis deren Gedanken erfolgen. Das Verbreiten von Gerüchten oder „ich hab da gehört“ oder „der soll doch gesagt haben“ etc., erzeugt in unserer Branche einen verheerenden Flächenbrand, der selten wieder zu löschen ist.
- Meinungsänderung zu Besserem hin zeugt echten Fachleuten gegenüber nicht von Schwäche oder Konzessionsfreudigkeit, sondern von Stärke und vom Willen zum fortschrittlichen Lernen. Die anderen lassen einfach wir lächeln!
- Vom neuzeitlichen Prothetiker wird erwartet, dass er Vorhandenes behutsam und gewissenhaft überprüft und dem Ergebnis entsprechend
Arbeitsmethoden und Materialien nur wo es wirklich sinnvoll ist verbessert. - Ein System als solches macht eine prothetische Versorgung nicht automatisch besser, sondern einzig die Suche nach dem optimalen Ergebnis für jeden einzelnen Patienten und dem bedingungslosen Drang nach dessen Erfüllung.
Beurteilungshilfen zur sinnvollen Anwendung
Wenn demnach im Nachfolgenden Regeln, Vorschriften, Ideen wie auch Hilfestellungen in „Systeme“ eingebunden vorgestellt werden, dann dürfen vielleicht einige Beurteilungshilfen in Frageform vorangestellt werden, die die sinnvolle Anwendbarkeit dieses oder jenes „Systems“ verdeutlichen soll:
Handelt es sich um eine Philosophie, ein Denkmodell oder um eine Step-by-Step-Anleitung mit ausreichend klarem Unterrichtsmaterial. Ist solches vorhanden, ist es für jeden verständlich und für jeden zugänglich?
Bietet es ausschließlich eine Grundlage? Lehrt es nur Prinzipielles mit Grundbegriffen und ist damit in der Anwendung für den täglichen Alltag in der Praxis vielleicht unvollkommen?
Ist es in der Ausbildung einsetzbar und über die Basisausbildung hinaus reproduzier- und prüfbar? Ist es aus dem Basismodell heraus variabel einsetzbar? Existieren auch Anleitungen für die tägliche Praxis, um Patientenarbeiten sicher anzufertigen? Sind (mechanische) Hilfsmittel notwendig, sind sie im Unterricht einsetzbar und hilfreich? Sind solche Utensilien nur im Unterricht anwendbar, in der täglichen Praxis aber eher hinderlich, unbrauchbar, schwer zugänglich, zu teuer oder nur über Lizenzen erhältlich?
Lässt es unter Einbezug der Basisbegriffe genügend Freiräume um individuelle Problemfälle zu versorgen?
Steht es in ausschließlicher Abhängigkeit zu einer Industriefirma, (was nicht schlecht sein muss) und zu bestimmten Geräten oder Materialien, ohne die es sich nicht umsetzen lässt?
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ZAHNTECH MAG 14, 9, 492 – 502 (2010)
Literaturverzeichnis
Originalliteratur und deren Quellen zu den Fußnoten im lfd. Text:
[1] Gysi: Das Aufstellen der Zähne für Vollprothesen. Seite 21 (1948)
[2] Tanzer: Klinik und Technik der Vollprothese. Seite 78 (1937)
[3] Tanzer: Klinik und Technik der Vollprothese. Seite 233 (1937)
[4] Hiltebrandt: Die Gestaltung der totale Prothese. Seite 51 (1957)
[5] Tanzer: Klinik und Technik der Vollprothese. Erwiderung in der Fußnote Nr. 14 durch Haller, Seite 241 (1937)
[6] Tanzer: Klinik und Technik der Vollprothese. Seite 17 (1937)
[7] Tanzer: Klinik und Technik der Vollprothese. Seite 46 (1937)
[8] Haller: Die Zahnprothetik in einer neuen Epoche Teil 1. Seite 10 (1943)
[9] Gysi: Das Aufstellen der Zähne für Vollprothesen. Seite 10 (1948)
[10] Tanzer: Klinik und Technik der Vollprothese. Seite 241 (1937)
[11] Tanzer: Klinik und Technik der Vollprothese. 51 (1937)
[12] Gysi: Das Aufstellen der Zähne für Vollprothesen. Seite (1948)
[13] Tanzer: Klinik und Technik der Vollprothese. Seite 282 (1937)
[14] Rehm: Vermeidung und Behebung von Misserfolgen bei totalen Prothesen. Seiten 66f (1939)
[15] Gysi: Das Aufstellen der Zähne für Vollprothesen. Seite 20 (1948)
[16] Haller: Die Zahnprothetik in einer neuen Epoche Teil 1. Seite 40 (1943)
[17] Haller: Die Zahnprothetik in einer neuen Epoche Teil 1. Seite 34 (1943)
[18] Haller: Die Zahnprothetik in einer neuen Epoche Teil 1. Seite 35 (1943)
[19] Haller: Die Zahnprothetik in einer neuen Epoche Teil 1. Seite 16 (1943)
[20] Tanzer: Klinik und Technik der Vollprothese. Seite 58 (1937)
[21] Haller: Die Zahnprothetik in einer neuen Epoche Teil 1. Seite 12 (1943)
[22] Tanzer: Klinik und Technik der Vollprothese. Seite 226 (1937)
[23] Tanzer: Klinik und Technik der Vollprothese. Seite 235 (1937)
[24] Tanzer: Klinik und Technik der Vollprothese. Seite 40 (1937)
Literaturverzeichnis:
Tanzer G: Klinik und Technik der Vollprothese. Richard Pflaum Verlag, München (1937 1. Auflage, 1951 2. Auflage)
Rehm H: Vermeidung und Behebung von Misserfolgen bei totalen Prothesen. F.J. Lehmanns Verlag, München/Berlin (1939 3.Auflage)
Gysi A: Das Aufstellen der Zähne für Vollprothesen. Verlag: Schweizerische Zahntechniker-Vereinigung (1948)
Haller L: Die Zahnprothetik in einer neuen Epoche Teil 1. Karl Weinbrenner & Söhne, Stuttgart (1943)
Marxkors R: Geroprothetik, m. Beiträgen von A. Wollowski und K. Mayer. Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin (1994)
Hiltebrandt C: Die Gestaltung der totalen Prothese. Dr. Alfred Hüthig Verlag, Heidelberg (1954)








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