Herausnehmbare Implantatprothetik

Eine vermeintlich einfache, konkret aber ziemlich vertrackte Angelegenheit

Allergie auf Dentalmaterial



Es ist ein bemerkenswerter Widerspruch: Moderne Materialien und ihre Verarbeitungstechnik sorgen für eine immer geringere Patientenbelastung mit Korrosionsprodukten. Trotzdem wird immer häufiger der Verdacht auf „Unverträglichkeit“ geäußert. Man könnte dies als typisches „Wohlstands-Problem“ abtun, hilft damit aber selten den betroffenen Patienten und noch seltener deren Zahnärzten. Auch die Zahntechniker stehen mitunter im Kreuzfeuer dieser Patienten und werden dann mit Vorwürfen konfrontiert oder auch um Rat gefragt.

So jedenfalls stellte dies das Landgericht Oldenburg bei Entscheidung eines einschlägigen Falles im Jahre 2006 fest [5]. Seither gab es keine anders lautenden Beurteilungen dieser Frage. Im Gegenteil, das Landgericht Kiel folgte 2012 dieser Auffassung und stellte auch eine Implantatberatung unter dieses Verdikt [6]. Den damaligen Klägern (und den ihnen folgenden Gerichten) ging es dabei um klare Verhältnisse: Nur wer auch die medizinische Seite der Verträglichkeitsproblematik der vielen Dentalmaterialien studiert hat, besitzt nach erfolgreichem Abschluss dann die Approbation (Genehmigung), auch medizinische Therapieempfehlungen zu geben. Es soll damit auch eine Verunsicherung betroffener Patienten vermieden werden. Oft ist aber genau solch eine Verunsicherung bei den beiden Partnern der Zahnersatzanfertigung zu konstatieren: beim Zahntechniker und leider auch beim Zahnarzt. Das hat verschiedene Gründe: Erstens gehört die Immunologie heute bedauerlicherweise nicht mehr zum Fächerkanon des Zahnmedizinstudiums. Die Problematik der intraoralen Allergien wird zumeist eher nebensächlich im Rahmen der Inneren Medizin oder der Dermatologie abgehandelt. Zweitens sind seriöse Fortbildungen auf diesem Gebiet, welches so viele Verknüpfungen zur Psychosomatik hat, dünn gesät. Und drittens leisten zudem so manche Hersteller dieser Materialien ihren Beitrag zur allgemeinen Verwirrung, indem sie die Inhaltsstoffe und die Zuordnung ihrer Produkte nicht oder nur sehr versteckt angeben, wie z. B. die Korrosionsfestigkeit ihrer Legierungen. Und indem sie tiefer gehende Fragen zu ihren Produkten reflektorisch für Industriespionage halten.

Und weil sich auf dem Gebiet der „Materialtestung“ mittlerweile genügend Anbieter dubioser Methoden tummeln und sich geradezu ein Markt für Tests jenseits der evidenzbasierten Medizin bildete, erscheint es wichtig, auch den Zahntechnikern einen Wegweiser durch den Dschungel der „Unverträglichkeiten“ zu geben. Denn auch wenn sie keine Patienten beraten dürfen, entscheidet sich doch oft durch die Qualität ihrer Arbeit, ob es zur Herauslösung von Korrosionsprodukten bzw. Eluaten aus den Dentalmaterialien kommt, ob also das normalerweise sehr geringe Allergierisiko zu einem ernsthaften Problem werden kann.

Bevor es losgeht: kleine Fachwortkunde

Allergietypen: Allgemein werden vier Allergietypen unterschieden, neuerdings streiten die Fachleute, ob es auch einen Typ V gäbe. Für die Zahnmedizin ist der Typ I interessant, die anaphylaktische Reaktion. In der Zahnmedizin ist z. B. die Sofortreaktionen auf Gummi (Latex) möglich. Dazu gehören aber auch die weit verbreiteten „Volkskrankheiten“ Heuschnupfen, allergisches Asthma und die Überreaktion auf Insektenstiche, die nicht im Zusammenhang mit der Zahnmedizin stehen. Bei diesen Erkrankungen ist derzeit ein kontinuierlicher Anstieg zu beobachten, was jedoch nicht mit einer etwaigen Häufung der Typ IV-Allergie verbunden ist. Diese Kontaktallergie, auch Spät- oder zellvermittelte Reaktion genannt, ist unser eigentliches Problem. Sie manifestiert sich an der Haut und ggf. auch der Schleimhaut.

Sensibilisierung oder manifeste Allergie: Was eigentlich ist der Unterschied zwischen dem Vorliegen dieser beiden Zustände? Im allgemeinen Sprachgebrauch werden beide oft gleichgesetzt, im echten Leben aber unterscheiden sie sich durchaus: Eine Sensibilisierung bedeutet, bildlich ausgedrückt, dass sich das Immunsystem eine Substanz für spätere Aktionen vorgemerkt hat. Es ist sozusagen die Vorstufe zur klinisch ausgebildeten Allergie. Ob es zu deren Ausbruch aber wirklich einmal kommt, hängt von verschiedenen Faktoren ab und ist ungewiss. Aber das Risiko besteht.

allergen oder Allergen? Schreibt man das nun groß oder klein: allergen oder Allergen? Obwohl oft von allergenen Kunststoffen zu lesen ist, öfter noch von hypoallergenen oder sogar „antiallergischen“ Materialien, sind diese Bezeichnungen grundsätzlich falsch. Was hier wie eine akademische Suche nach Korinthen erscheinen mag, rührt jedoch am Grundverständnis dieser Probleme: Die (klein geschriebene) Eigenschaft eines Materials „allergen“ zu sein, gibt es gar nicht, also kann auch kein Kunststoff etwa „hypoallergen“ sein. Denn es sind nicht an erster Stelle die Eigenschaften eines Materials, die darüber entscheiden, ob es bei einem Menschen zu einer krankhaft überschießenden Immunreaktion kommt. Es sind einige Veränderungen des Organismus, seines Stoffwechsels, seiner Immunregulation, die dazu führen, dass im Kontakt zu bestimmten Stoffen solche Reaktionen auftreten. Selbstverständlich gibt es Substanzen bzw. Elemente, auf welche die Menschen statistisch sehr viel häufiger allergisch reagieren. Aber letztendlich entscheidet der Organismus, ob er sein Immunsystem ungebremst von der Leine läßt. In diesem Falle sind solche Substanzen dann „Allergene“. Und auch die Eigenschaft, „antiallergisch“ zu sein, können nur wenige Stoffe für sich in Anspruch nehmen: Es sind Medikamente wie Antihistaminika oder Kortison, die man den betroffenen Patienten gibt, um ihr Immunsystem wieder zu beruhigen. Aber aus diesen Salben oder Pillen kann man eben keinen Zahnersatz basteln …

  • Abb. 1: Die Symptome einer vermeintlichen Titan-Allergie verschwanden sofort, nachdem die Patientin auf ein reine Zitronensäure enthaltendes Reinigungspulver verzichtete. Trotzdem sollte eine derartige „Lötung“ zwischen einer Goldlegierung und Titan nicht vorgenommen werden.

  • Abb. 1: Die Symptome einer vermeintlichen Titan-Allergie verschwanden sofort, nachdem die Patientin auf ein reine Zitronensäure enthaltendes Reinigungspulver verzichtete. Trotzdem sollte eine derartige „Lötung“ zwischen einer Goldlegierung und Titan nicht vorgenommen werden.
Allergene sind in der Regel Proteine. Niedermolekulare Substanzen wie auch Metall-Ionen sind zunächst nur sogenannte Haptene, die erst durch die Bindung an ein Körpereiweiß zum Vollantigen werden können. Hier spielt die Bindungsfähigkeit also eine große Rolle. Titan beispielsweise oxidiert an der Oberfläche in Sekundenbruchteilen. Sein Oxid ist sehr stabil und kann sich unter biologischen Bedingungen nicht mehr mit Eiweißen verbinden. Deshalb kann es auch keine echte Titanallergie geben (Abb. 1).

Auch gegenüber massiven Festkörpern, wie z. B. Prothesen oder Brücken, kann man nicht allergisch reagieren, nur auf die dort herausgelösten Bestandteile, also auf das Kunststoff-Eluat oder die elektrochemischen Korrosionsprodukte. Man kann es auf die griffige Formel bringen: Entscheidend ist, was herauskommt.

Die Allergie-Tests

1. Prophylaktisch testen?

Die Idee erscheint auf den ersten Blick einleuchtend: Man sollte vor jedem geplanten Zahnersatz zunächst die dabei zu verwendenden Materialien testen. Auf den zweiten Blick wundert man sich dann, warum dieses Verdikt ausschließlich gegenüber den Dentalmaterialien ausgesprochen wird. Warum testen Mütter nicht jedes Waschmittel VOR der Benutzung auf die individuelle Baby-Verträglichkeit? Wieso lassen wir nicht ein Stoffmuster von jedem neuen Kleidungsstück VOR dem Kauf auf seine Wirkung auf unsere Haut testen? Wieso nicht jedes neu anzuschaffende Besteck, jedes Brillengestell, jeden Nagellack oder jede Hautcreme? All diese Produkte unterliegen bei weitem nicht den Sicherheitsauflagen und Deklarationspflichten wie Dentalmaterial ... So eine prophylaktische Testung wäre also zunächst ein gigantisches Geschäft für die Anbieter aller seriösen und teuren sowie aller unseriösen, aber ebenso teuren Untersuchungen. Dazu kommt auch eine wissenschaftliche Fragwürdigkeit: Bekanntlich muss vor dem Auftreten einer allergischen Reaktion immer eine Sensibilisierung stattgefunden haben. Wer aber mit bestimmten Materialien noch nie Kontakt hatte, wird bei so einem Test auch keine positive Reaktion zeigen können. Der Organismus verrät uns nicht, worauf er demnächst allergisch zu reagieren gedenkt. Eine „prophetische“ Testung hat also nicht viel Sinn und wird auch von der Deutschen Kontaktallergie-Gruppe (DKG) abgelehnt. Dem folgten bisher auch alle mit dieser Frage befassten Gerichte [8, 9, 10]. Und so ist es auch in den Zahnersatz-Richtlinien der vertragszahnärztlichen Versorgung nachzulesen, wo für den Fall von Unverträglichkeitsreaktionen die DKG-Empfehlung als bindend aufgeführt wird.

2. Parameter für die „Wahrheit“ von Testergebnissen

Wenn man die Qualität eines Tests erkennen will, muss man zwei Fragen stellen: Erstens ist zu klären, ob dieser Test wirklich alle Kranken als krank erkennen kann. Diese Eigenschaft nennt man die Sensitivität („richtig Positiv- Rate“), die im Idealfall 100 % beträgt. Dies allein aber genügt nicht, denn damit ist noch lange nicht sicher, ob dieser vermeintlich perfekte Test nicht versehentlich auch viele Gesunde als krank (fehl-)erkennt. Zweitens muss also gefragt werden, ob ein Test wirklich alle Gesunden als gesund identifiziert. Diese Eigenschaft heißt Spezifität („richtig Negativ-Rate“) und wäre im Idealfall auch 100 %. Erst aus beiden Eigenschaften zusammen kann man die Aussagekräftigkeit eines Tests berechnen.

3. Im Mund testen?

Es klingt zunächst logisch, dass man eine Allergie dort testen sollte, wo sie sich manifestiert. In unserem Falle wäre dies die Mundschleimhaut, solch ein Test hieße dann „Epi-Mukosa-Test“. Aber auch wenn dieser Test sogar in seriösen Lehrbüchern der Prothetik Eingang fand, bleibt er nutzlos, was an einigen deutlichen Unterschieden zwischen Haut und Mundschleimhaut liegt: Auf der Schleimhaut fehlt der Fettfilm – und damit eine Schicht, in der ein potenzielles Allergen länger gelöst vorliegt und somit auch länger mit den für die Startreaktion der Immunantwort zuständigen Zellen (Langerhanszellen) in Kontakt kommen kann. Außerdem gibt es in der Schleimhaut weniger Langerhanszellen als in der Haut. Und schließlich darf der verdünnende Effekt des Speichels und der Nahrung nicht vergessen werden. Das alles führt dazu, dass die nötige Schwellenkonzentration für die Ausbildung einer klinisch manifesten Allergie ca. 6-10 mal höher liegt.

Ein wichtiges Argument gegen diesen Test ist zudem, dass es für ihn keinerlei Auswertesystematik gibt. Es liegen also für die Entscheidung zwischen „massiver Allergie“, „schwacher Allergie“, „Irritation“ und „gesund“ keine makroskopisch eindeutigen Kriterien vor, die es für den Hauttest selbstverständlich gibt. Dies ist eine der beiden Erklärungen für den vermeintlichen Widerspruch, dass ein im Hauttest nachgewiesener „echter“ Allergiker oftmals im Mund mit genau diesem Material völlig problemlos leben kann. Auf die zweite Erklärung dafür gehen wir noch im Abschnitt: „Testsubstanz: Legierung, Pulver oder Metallsalz?“ ein.

4. Der offizielle „Kassen-Test“: ECT

Das offiziell immer noch als Standardtest für eine Kontaktallergie geltende Verfahren ist der Epicutantest (ECT), bei dem Lösungen der verdächtigten Allergene über 24 Stunden in innigem Kontakt mit der Rückenhaut gebracht werden. Die Ablesung der Reaktion erfolgt dann nach 24, 48 und 72 Stunden. Es existiert eine Einteilung: Aus welchem klinischen Bild lässt sich welcher Befund ableiten? Um dies richtig zu erkennen, bedarf es einer guten Kalibrierung. Insbesondere die Unterscheidung zwischen allergischer und irritativer Reaktion ist nicht einfach. Dieses Ablesen ist allein Ärzten vorbehalten und zwar am besten den Dermatologen.

Der ECT hat unbestrittene Nachteile. Am schwersten wiegt, dass es durch den engen Hautkontakt bei bislang gesunden Personen zur stumm verlaufenden Sensibilisierung kommen kann, welche sich beim nächsten Kontakt manifestiert, z. B. beim Eingliedern des gerade eben negativ getesteten Kunststoffes. Verschiedene Studien zeigten, dass die Reproduzierbarkeit des ECT besser sein könnte. Im gewissen Maße wird dies wohl auch auf der immer subjektiv gefärbten Bewertung der Haut-Effloreszenzen durch einen Arzt beruhen – Und schließlich kann ein solcher Test durch den Patienten oder durch Dritte manipuliert werden, was nicht jeder Arzt in der klinischen Routine bemerkt.

5. Der „Privat-Test“: LTT

Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen ihn nicht, raten aber ihren Versicherten mitunter dazu. Es handelt sich um einen „In-vitro“-Test an einer Blutprobe des Patienten, damit ist eine Manipulation ebenso ausgeschlossen wie eine ungewollte Sensibilisierung. Denn der Patient selbst kommt gar nicht in Kontakt mit der zu testenden Substanz. Das Testergebnis wird im Labor maschinell erstellt, wodurch auch jeder subjektive Ablesefehler entfällt. Die Reproduzierbarkeit soll wesentlich höher sein als beim ECT, aber trotz laufender Verbesserung der Methode stehen die wissenschaftlichen Verbände der Dermatologen und Allergologen dem LTT noch sehr skeptisch gegenüber und verweisen darauf, dass dieser Test für viele Allergene nicht validiert sei [2]. Was oft übersehen wird: Der LTT-Test gibt an, ob eine Sensibilisierung vorliegt! Ob dann auch eine akute allergische Reaktion am Patienten ablaufen würde, ist eine andere Frage!

Wie bei allen In-vitro-Tests erlebt der Laborarzt auch beim LTT nicht, ob die aufgrund seines Ergebnisses durchgeführte Therapie dem Patienten den erhofften Nutzen brachte. Es kann durchaus passieren, dass nach Entfernung bzw. Ersatz des im LTT identifizierten Allergens die beklagten Beschwerden unverändert bestehen bleiben. So lange es hierzu keine aussagekräftigen klinischen Studien gibt, kann also auch der LTT nicht den Anspruch auf absolute diagnostische Sicherheit erheben.

6. Testsubstanz: Legierung, Pulver oder Metallsalz?

Hier geht es um die Frage, warum unterschiedliche Proben desselben Materials zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Bei den beiden letztgenannten Tests ECT und LTT wird immer wieder die Frage diskutiert, mit welcher Substanz man sie durchführen solle. Es gibt prinzipiell drei Möglichkeiten:

A) „Originalteile“, also vom Hersteller produzierte Kunststoff- oder Legierungsplättchen,

B) vom Zahntechniker analog zu echten Patientenarbeiten hergestellte Plättchen oder

C) spezielle Lösungen der Allergene: bei Metallen die Salzlösungen, bei Kunststoffen die Monomere.

Es ist ganz klar, dass bei Variante C (Verwendung der Eluate bzw. Salze) die höchste Rate positiver Testergebnisse zu erwarten ist, schließlich überschwemmt man das Immunsystem geradezu mit dem potenziellen Allergen [12]. Die Frage ist nur, wie lebensnah diese Ergebnisse sind. Nutzt man die Produkte so, wie sie im Munde vorliegen sollen (Variante B), darf von einer deutlich geringeren Menge des Allergens ausgegangen werden. Und möglicherweise ist sie so gering, dass die Schwellenkonzentration gar nicht erreicht wird und das Immunsystem eines echten Allergikers mangels Masse einfach still hält. Nachteilig ist dabei jedoch, dass die Kunststoff- oder Metallverarbeitung in jedem Labor recht unterschiedlich sein kann, man also keinen wirklich standardisierten Test mehr ausführt. Das Ergebnis müsste dann lauten: „Wenn die Legierung X vom Labor Y vergossen und verblendet wird, ist mit keiner Allergie zu rechnen“. Was aber soll der Zahnarzt dann im Patientenbefund notieren? Handelt es sich um einen Allergiker oder nicht? Bei der Variante A (Originalteile der Industrie) werden die wenigsten positiven Ergebnisse entstehen. Dabei kann es aber passieren, dass Allergiker übersehen werden, die dann auf die fertigen und etwas korrosionsanfälligeren Produkte doch reagieren. Diesem Dilemma kann man nur entgehen, wenn man den Patienten über diese Zusammenhänge aufklärt und mit ihm zusammen (!) vertrauensvoll (!) nach einer Lösung sucht. Möglicherweise wäre eine Kombination aus den genannten Varianten sinnvoll.

Anders sieht es aus, wenn man es mit einem Phobiker zu tun hat, also einem Patienten, der eine fast irrationale Angst vor bestimmten Materialien hat und alle nur denkbaren Beschwerden auf diese zurückführt. Dann muss man sozusagen an die Extreme gehen, denn harte Phobiker sind, das gehört zum Krankheitsbild, kaum kompromissbereit. Das bedeutet dann Testen mit den Eluaten/Salzen und anschließend gnadenlose Entfernung der verdächtigten Materialien. Auch vor Gericht kann der klug abwägende Zahnarzt schneller verlieren als der radikal handelnde, denn den wenigsten Richtern ist der Unterschied zwischen Sensibilisierung und Allergie bekannt und wohl keiner kann etwas mit der Schwellenkonzentration oder den Unterschieden zwischen Schleimhaut und Haut anfangen. Hier wird auch deutlich, wie wichtig das Zusammenwirken von Zahnarzt und Allergologe sowohl bei der Auswahl der Testsubstanzen als auch bei der Bewertung der Ergebnisse ist. Der Zahnarzt braucht die kompletten Testprotokolle, um auch die negativ ausgegangenen Tests zu kennen. Der Allergiepass alleine hilft nicht viel weiter.

An dieser Stelle komme ich kurz auf die Einleitung dieses Textes zurück: Möchten Sie als Zahntechnikermeister riskieren, zwischen diese Fronten zu geraten? Die Nicht- Erlaubnis zur Beratung in Sachen Intoleranz kann man auch als eine Schutzmaßnahme auffassen!

Glaubensmedizinische Tests

  • Abb. 2: Überprüftes und reproduzierbares Wissen, Unsicherheiten, Glauben, Erfahrung …, auf dem Allergiemarkt gibt es alles, auch zum Beispiel das Auspendeln als Mittel der Diagnostik. Quelle: © sassi/<a href=pixelio.de" origsrc="typo3temp/_processed_/csm_spcp_1453908287_Abb.02_95387a.jpg_6e9c880e256065b46dc0f480ec459e21_ea4c3b860e.jpg" style="cursor:pointer;">

  • Abb. 2: Überprüftes und reproduzierbares Wissen, Unsicherheiten, Glauben, Erfahrung …, auf dem Allergiemarkt gibt es alles, auch zum Beispiel das Auspendeln als Mittel der Diagnostik. Quelle: © sassi/pixelio.de
Nach den leider niemals ganz sicheren Tests müssen hier nun auch die absolut unsicheren Tests besprochen werden, denn davon gibt es eine nahezu unüberschaubare Vielfalt. Dass auch seriöse Kollegen in ihrem anerkennenswerten Bedürfnis, kranken und sich unverstanden fühlenden Menschen zu helfen, rasch auf diese Schiene geraten können, soll das Beispiel eines Zahntechnikermeisters zeigen, der mir seine (streng genommen nicht erlaubte) Strategie mit 100 % Erfolg anpries. Dieser Kollege, nennen wir ihn ZTM X, lässt zunächst durch einen „Pendler“ per Telefon anhand der Stimme des Patienten auspendeln (Abb. 2), welche der vorgelesenen Materialien dieser wohl vertragen könne. Aus diesen sucht ZTM X dann die für den konkreten Fall denkbaren Produkte aus, damit sie nun ein „Arzt des Vertrauens“ mit den verschiedensten Methoden austeste. Und mein Gesprächspartner zählt neben dem ECT und dem LTT, die er beide wegen vieler Fehltestungen für nicht bewährt hält, ein gutes Dutzend anderer, „alternativer“ Tests auf. Dazu kann er jeweils seine Erfahrungen nennen: Mit Elektroakupunktur gab es niemals eine Fehltestung, beim „Biotensortest“ (der Tensor ist eine Einhandrute) gibt es wenigstens von geübten Untersuchern gute Ergebnisse. Die Frage ist nur: Woher kommen diese Bewertungen? Denn es gibt keinerlei Vergleichsstudien. Es gibt nur die Erfahrung des ZTM X, die vermutlich ganz einfach lautet: Kam das erwartete Ergebnis heraus, war der Test richtig. Wurde die Verdachtsdiagnose dagegen nicht bestätigt, war der Test eben schlecht. Dass auch die Verdachtsdiagnose falsch sein könnte, wurde offensichtlich nicht bedacht. Hier wird der Unterschied zwischen Wissen und Glauben deutlich: Von ECT und LTT wissen wir um ihre Stärken, ihre Schwächen und um ihre Grenzen. Zu den unzähligen „alternativen“ Tests, die in Wahrheit eben keine Alternative sind, gibt es kaum fundiertes Wissen. Ein Mangel, der vom festen Glauben überdeckt wird. Die Bezeichnung „Glaubensmedizin“ trifft deshalb den Kern! Die wenigen Studien zu diesen „ganzheitlichen“ Testmethoden kommen zu ernüchternden Ergebnissen. Bei kinesiologischer Diagnostik trifft man beispielsweise nur mit Würfelwahrscheinlichkeit das richtige Ergebnis [7]. Warum dann nicht gleich die Diagnose auswürfeln?

Man könnte zu all diesen Tests genügend Haarsträubendes berichten, hier soll die Sache aber schnell auf den Punkt gebracht werden: Zahnärzte unterliegen bei eingegliedertem Zahnersatz einer mehrjährigen Gewährleistungspflicht. Wer also aufgrund solcher dubioser Tests einen neuen Zahnersatz anfertigt, sollte vom Tester eine ebenso lang währende Gewährleistung verlangen. Mal sehen, wie viele Alternativtester bereit sind, sich diese Verantwortung mit dem Zahnarzt zu teilen …

Ist Allergie ein häufiges Phänomen?

  • Abb. 3: Äpfel haben ein gutes Image. Mit Äpfeln auf Bildern lässt es sich gut werben, wobei die Natur als IMMER GUT dargestellt wird. Demgegenüber sind Dentalmaterialien und andere Produkte POTENZIELL BÖSE. Im Leben sind die Verhältnisse umgekehrt: Es gibt hunderttausende Apfelallergiker ... Quelle: © Lupo/<a href=pixelio.de" origsrc="typo3temp/_processed_/csm_spcp_1453908287_Abb.03_657611.jpg_a59293738d54422b59d80397a3908f92_852eb4fe2f.jpg" style="cursor:pointer;">

  • Abb. 3: Äpfel haben ein gutes Image. Mit Äpfeln auf Bildern lässt es sich gut werben, wobei die Natur als IMMER GUT dargestellt wird. Demgegenüber sind Dentalmaterialien und andere Produkte POTENZIELL BÖSE. Im Leben sind die Verhältnisse umgekehrt: Es gibt hunderttausende Apfelallergiker ... Quelle: © Lupo/pixelio.de
Eine Veröffentlichung der Gesellschaft für Ganzheitliche Zahnmedizin könnte schon Angst machen: Bereits 40 % aller Bundesbürger sollen, so wird das Robert-Koch-Institut zitiert, an einer Allergie leiden (Abb. 3). Beim Studium der Originalquellen darf man aber wieder etwas entspannen: In Deutschland ist die gesamte Allergie- Prävalenz (also Allergietypen I bis IV) mit ca. 29 % der Bevölkerung zwar hoch, aber im letzten Berichtszeitraum immerhin etwas gesunken [4]. Die Rate der hier in Rede stehenden Kontaktallergien (Typ IV) ist glücklicherweise viel geringer: Sie lag 2013 für Frauen bei 4,2 % und für Männer bei 1,5 %, was eine durchschnittliche Krankheitshäufigkeit von 2,8 % ergibt. Noch geringer ist die Zahl der durch Dentalmaterial ausgelösten Kontaktreaktionen zu bewerten.

In der Literatur finden sich Angaben deutlich unterhalb 1 % der Bevölkerung [11, 13]. Lediglich in negativ selektierten Gruppen, also in Kollektiven, die mit einem Allergieverdacht zu spezialisierten Einrichtungen überwiesen wurden, liegen die Zahlen geringfügig höher [3].

Allergieprävention

Diese ist einfacher beschrieben als umgesetzt: Man sollte alles vermeiden, was zur Freisetzung von Ionen aus Legierungen und zur Eluation von Restmonomeren aus Kunststoffen führt. Das kann beispielsweise auf folgende Weise geschehen:

– Durch Karies- und Parodontitis-Prophylaxe sowie die Ernährungsweise verhindern, dass überhaupt Fremdmaterialien in die Mundhöhle gelangen. Das ist wohl eine klassische Binsenweisheit. Aber denen, die uns Zahnärzten immer vorwerfen, wir würden ihnen durch das in die Mundhöhle eingebrachte Material fast schon nach dem Leben trachten, darf man diesen Satz gerne zurückgeben.

– Wenn Metalle genutzt werden müssen, möglichst wenige verschiedene und möglichst hoch korrosionsfeste Legierungen auswählen. Die Korrosionsraten kann man beim Hersteller erfragen, seriöse Firmen geben diese Daten gerne heraus. Die Rate sollte idealerweise unter 10 ?g pro cm² in 7 Tagen liegen.

– Die ausgesuchten Legierungen sollten zudem möglichst so bearbeitet werden, dass ihre Korrosionsfestigkeit erhalten bleibt, also ihr gutes Gefüge nicht verändert wird: Das bedeutet Fräsen statt Gießen, Laserschweißen statt Löten, Kleben statt Angießen usw.

– Soweit durch die Indikation vorgegeben, können auch moderne Kunststoffe eine Alternative für Metalle sein. Mithilfe teilkristalliner Polymere wie PEEK scheint es mittelfristig möglich zu sein, sogar Modellgussklammern metallfrei und doch ebenso funktionell wie haltbar herzustellen.

– Bei Verwendung von Prothesenkunststoffen (Abb. 4) sollte man aus den chemoplastischen Produkten das eluierbare Restmonomer durch thermische Nachbehandlung und Wasserlagerung möglichst schon im Labor herausholen, bevor es mit dem Patienten in Kontakt tritt [1].

– Alle thermoplastische Kunststoffe (also auch thermoplastisches PMMA) geben grundsätzlich weniger Monomer ab.

Hier wird deutlich, dass die Zahntechniker einen großen Anteil an diesen Präventionsmaßnahmen haben. Insofern ist dies trotz des Beratungsverbots ein bedeutendes Thema für den Berufsstand!

Und die Schlussfolgerung

  • Abb. 4: Der Verdacht auf eine Prothesenkunststoff-Allergie erzeugt oft kleine Sammlungen, weil man sich angesichts dieser „bequemen“ Diagnose zu wenig Gedanken um andere Ursachen macht.

  • Abb. 4: Der Verdacht auf eine Prothesenkunststoff-Allergie erzeugt oft kleine Sammlungen, weil man sich angesichts dieser „bequemen“ Diagnose zu wenig Gedanken um andere Ursachen macht.
Es gilt die altbekannte Erkenntnis: Entscheidend ist, was herauskommt! Deshalb ist es so wichtig, dass den Herstellern des Zahnersatzes (Zahnärzten UND Zahntechnikern) die Informationen über diese Inhaltsstoffe, über die Zuordnung der vielen Kunststoffe in bestimmte chemische Gruppen und das Herauslösen von Bestandteilen zugänglich gemacht werden!

Immer, wenn Ihnen Reklame für ein neues Produkt ins Haus flattert, sollten Sie in der Wüste der Werbung nach den Oasen der Information suchen!

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Felix Blankenstein



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