Laborführung

Arbeits- und Gesundheitsschutz im Dentallabor - Teil 6

Belastung durch Lärm und Vibration

07.09.2016
aktualisiert am: 26.09.2016

Geräusche kann man auf einfache Weise messen, zur Bestimmung von Vibrationen wird man eher auf maßgebliche Mustermessungen zurückgreifen. Zum Gesundheitsschutz existieren für beide Bereiche Verordnungen und Expositionsgrenzwerte. ZTM Werner Hebendanz bespricht in diesem 6. Teil seiner Serie, welche Lärm- und Vibrationsbelastungen im Labor auftreten und welche Maßnahmen sich hieraus ableiten.

Sie sitzen in einer gemütlichen Runde, mehrere Unterhaltungen laufen parallel und Sie bemerken, dass Sie Ihrem Gesprächspartner nicht mehr folgen können. Oder Sie sitzen im Sommer auf der Terrasse, der Partner sagt, wie schön die Vögel zwitschern, aber Sie hören sie nicht. Kennen Sie das? Hoffentlich nicht, denn das sind die ersten Anzeichen eines Gehörverlusts, einer Schädigung des Gehörs.

Wie hören wir?

Wir haben im Innenohr eine Vielzahl von Haarsinneszellen (HSZ; Abb. 1a). Jedem Frequenzbereich ist ein bestimmter Bereich von HSZ zugeordnet. Wenn Schall auf unser Ohr trifft, werden die jeweils betroffenen HSZ in Bewegung versetzt und wandeln den akustischen Reiz in ein für unser Gehirn verständliches elektrisches Signal um, das über den Hörnerv weitergeleitet wird. Ist es laut, werden die Zellen mechanisch stärker beansprucht als in leisen oder ruhigen Situationen. Trotz der Erholung der HSZ in Ruhephasen unterliegen Teile der HSZ einer mechanischen Abnutzung und sterben bei Überbeanspruchung ab (Abb. 1b). In den Bereichen, die lückenhaft sind, kann man dann nichts mehr hören. Ganz problematisch wird das in dem Frequenzbereich, in dem die Sprache angesiedelt ist. Einmal abgebrochene Haarsinneszellen kann man nicht mehr reparieren – weg ist weg!

  • Abb. 1a: Haarsinneszellen (HSZ) im gesunden Ohr. © Oticon
  • Abb. 1b: Schädigung der Haarsinneszellen durch Lärm. © Oticon
  • Abb. 1a: Haarsinneszellen (HSZ) im gesunden Ohr. © Oticon
  • Abb. 1b: Schädigung der Haarsinneszellen durch Lärm. © Oticon

Da stellt sich natürlich sofort die Frage: Ist denn laute Musik auch Lärm? Selbst wenn man die Musik als angenehm empfindet, schädigt sie auch das Gehör. Das ist dann allerdings im Freizeitbereich, auf den man als Arbeitgeber keinen Einfluss hat. Dennoch kann man das in einer Unterweisung „Lärm“ ansprechen. Auf die Unterweisung komme ich im Weiteren noch zu sprechen.

Gibt es Lärm und Vibrationen im Dentallabor?

Das wird sicher jeder mit „Ja“ beantworten. Die entscheidende Frage ist aber, welche Expositionswerte im Einzelnen auftreten. Der Gesetzgeber hat für diesen Bereich die „Verordnung zum Schutz der Beschäftigten vor Gefährdungen durch Lärm und Vibrationen“ (LärmVibrations- ArbSchV) erlassen. Im § 3 Gefährdungsbeurteilung wird der Arbeitgeber verpflichtet, dass er zunächst feststellen muss, ob seine Beschäftigten Lärm oder Vibrationen im Betrieb ausgesetzt sind oder ausgesetzt sein können. Dies dürfte in jedem Dentallabor gegeben sein. Deshalb fordert die Verordnung als weiteren Schritt die Beurteilung der hiervon ausgehenden Gefährdungen für die Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten. Das bedeutet, es müssen die einzelnen Lärmquellen ermittelt und die auftretenden Expositionen bewertet werden. Hierfür kann man auf Informationen der Hersteller oder Inverkehrbringer von Arbeitsmitteln zurückgreifen. Lässt sich jedoch die Einhaltung der Grenzwerte nicht sicher feststellen, muss eine Messung der Expositionen stattfinden.

Wie geht man mit den gewonnenen Ergebnissen um?

Die LärmVibrationsArbSchV nennt hier zwei Grenzwerte. In § 6 Auslösewerte bei Lärm werden als unterer Auslösewert LEX8h = 80 dB(A) und als oberer Auslösewert LEX8h = 85 dB(A) genannt (LEX8h bedeutet Tages- Lärmexpositionspegel). Die beiden Auslösewerte ziehen unterschiedliche Maßnahmen nach sich.

Ist der untere Auslösewert überschritten, also mehr als 80 dB(A), hat der Unternehmer folgende Maßnahmen umzusetzen:

  1. Persönlichen Gehörschutz für den Mitarbeiter zur Verfügung stellen. Der Gehörschutz muss in seiner Dämpfung so ausgewählt werden, dass die Gefährdung des Gehörs beseitigt oder auf ein Minimum verringert wird. Das Tragen des Gehörschutzes ist nicht verpflichtend für den Mitarbeiter.
  2. Mitarbeiter über die Ergebnisse der Gefährdungsbeurteilung unterweisen, das heißt über
    • die Art der Gefährdung,
    • die durchgeführten Maßnahmen zur Minimierung der Gefährdung,
    • die Expositionsgrenzwerte und die Auslösewerte,
    • die sachgerechte Verwendung der persönlichen Schutzausrüstung.
  3. Sicherstellen, dass der Mitarbeiter eine arbeitsmedizinische Beratung erhält.

Ist der obere Auslösewert überschritten, also mehr als 85 dB(A), hat der Unternehmer folgende zusätzliche Maßnahmen umzusetzen:

  1. Der Gehörschutz ist jetzt verpflichtend für den Mitarbeiter zu verwenden.
  2. Die Arbeitsbereiche, in denen der Grenzwert überschritten wird, müssen als spezielle Lärmbereiche gekennzeichnet werden (Abb. 2).
  3. Der Arbeitgeber hat ein Programm mit technischen und organisatorischen Maßnahmen zur Verringerung der Lärmexposition auszuarbeiten und durchzuführen (Lärmminderungsprogramm).

  • Abb. 2: Piktogramm zum Kennzeichnen des Lärmbereichs.

  • Abb. 2: Piktogramm zum Kennzeichnen des Lärmbereichs.
    © ufotopixl10/fotolia.com
Der Tages-Lärmexpositionspegel LEX8h bezieht sich auf ein Mittel von acht Arbeitsstunden pro Tag. Er umfasst alle am Arbeitsplatz auftretenden Schallereignisse. An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass der Schall in Dezibel gemessen wird. Er wird durch eine logarithmische Funktion beschrieben, was bedeutet, dass die Berechnung der Werte nicht einfach durch Addieren der Zahlen erfolgt.

Eine Schallquelle mit 80 dB(A) plus eine weitere Schallquelle mit 80 dB(A) ergibt nicht 160, sondern 83 dB(A). Das bedeutet, eine Zunahme von 3 dB(A) ist eine Verdopplung (!!!) des Schalldrucks auf das Ohr. Das ist auch wichtig zu wissen, wenn man neue Geräte und Maschinen beschafft, um die Angaben über die Lautstärke richtig einordnen zu können.

  • Abb. 3: Alles im grünen Bereich? Ab 83 dB(A) wird Lärm gefährlich. Grafik: Werner Hebendanz

  • Abb. 3: Alles im grünen Bereich? Ab 83 dB(A) wird Lärm gefährlich. Grafik: Werner Hebendanz
Wenn ein Mitarbeiter acht Stunden lang Modellgussprothesen ausarbeitet – hier entsteht als Beispiel ein Lärmpegel von 86 dB(A) –, dann ist der obere Auslösewert überschritten. Arbeitet der Zahntechniker nur vier Stunden lang Metall aus, halbiert sich die Belastung auf 83 dB(A). So hat man den roten Gefahrenbereich verlassen und befindet sich zwischen den beiden Grenzwerten. Halbiert man noch einmal die Zeit, liegt man bei 80 dB(A) und ist im grünen Bereich – es ist keine Schädigung des Gehörs zu erwarten (Abb. 3). Es ist individuell zu prüfen, welche Arbeiten der Mitarbeiter im Durchschnitt ausführt und wie hoch die Lärmbelastung ist.

Welche Tätigkeiten sind im zahntechnischen Labor besonders laut?

Bereits angesprochen wurde das Schleifen von Metall, wie bei Kronen und Brücken sowie Modellgussprothesen. Hier ist der Lärmpegel extrem unterschiedlich. Bei einer entsprechenden Messung sind Werte von 84,4 dB(A) bis über 95 dB(A) festgestellt worden. Das ist abhängig vom Material, das bearbeitet wird, von der Drehzahl und den Schleifkörpern, die verwendet werden. Schleifsteine sind leiser als Fräsen. Auch variieren die Werte von Techniker zu Techniker.

  • Abb. 4: Hilfe zur Berechnung der Lärmwerte in Ihrem Labor: der Lärmexpositionsrechner. © Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA)

  • Abb. 4: Hilfe zur Berechnung der Lärmwerte in Ihrem Labor: der Lärmexpositionsrechner. © Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA)
Eine weitere sehr laute Tätigkeit ist das Abblasen mit Druckluft. Hier entstehen Werte bis an die 100 dB(A), wenn auch nur für wenige Sekunden. Abhilfe kann hier der Einsatz von lärmarmen Knickventil-Blaspistolen schaffen. Diese sind mit einer Multikanal-Druckluftdüse ausgestattet, welche den Luftstrahl bündelt und das Strahlgeräusch gegenüber einer konventionellen Blaspistole um ca. 21 dB(A) mindert (7 x leiser).

Als weiteres Gerät im Labor fällt der Dampfstrahler auf, der es auf über 90 dB(A) bringt. Auch dieser wird meist nur im Sekundenbereich eingesetzt, doch alles addiert sich zur Tagesexposition.

Um den Tages-Lärmexpositionswert dann auch wirklich berechnen zu können, gibt es vom Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) unter der Internetadresse http://laermexposition.ifa.dguv.de/html/lärmexpositionsrechner.html einen Lärmrechner (Abb. 4). Dort trägt man die einzelnen Tätigkeiten mit der Zeit und der Lautstärke ein und bekommt unten den Gesamtwert über acht Stunden ausgeworfen – eine sehr gute Hilfe und auch gleichzeitig eine Dokumentation für die Gefährdungsbeurteilung.

Was tun, wenn am Schluss der Recherche ein Wert von über 80 dB(A) herauskommt?

Die erste Überlegung muss in die Richtung der Lärmvermeidung gehen. Ist dieser Bereich ausgeschöpft, sollte der organisatorische Bereich überdacht werden – also die lauten Tätigkeiten, wenn möglich, über mehrere Techniker verteilen, sodass auch die Belastungen verteilt werden. Als letzte Möglichkeit ist über persönlichen Gehörschutz nachzudenken. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Gehör zu schützen.

> Gehörstöpsel: Diese bestehen aus einem weichen, verformbaren Material, das vor dem Einsetzen zwischen Daumen und Zeigefinger zusammengedrückt und dann in den Gehörgang geschoben wird. Im Ohr stellt sich die Verformung zurück und dichtet so das Ohr ab. Wichtig ist aber, dass der Stöpsel auch tief genug in das Ohr eingeführt wird. Hinweis: Es handelt sich hier um ein Einwegprodukt!

> Kapselgehörschutz: Dieser Gehörschutz sieht aus wie ein Kopfhörer und sitzt auf den Ohren. Er ist jedoch gerade bei warmem Wetter nicht ganz so angenehm zu tragen.

  • Abb. 5: Individuell angefertigter Gehörschutz. © Werner Hebendanz

  • Abb. 5: Individuell angefertigter Gehörschutz. © Werner Hebendanz
> Otoplasten: Das ist ein individueller Gehörschutz, der nach einem Abdruck des Gehörganges vom Hörgeräteakustiker hergestellt wird. Der große Vorteil ist, dass die Teile perfekt in das Ohr passen und dass über einen Filter die Sprache durchgelassen wird. Man hat also sowohl den Gehörschutz als auch die Möglichkeit, sich trotzdem mit Kollegen zu verständigen. Dieses Produkt erfüllt seine Aufgabe mehrere Jahre. Wenn man den Verbrauch von Gehörstöpseln über die Zeit hochrechnet, amortisiert sich der höhere Preis für die Anfertigung schon nach ca. eineinhalb Jahren (Abb. 5).

Auch Vibrationen summieren sich

Im zweiten Teil des heutigen Themas geht es um die Vibrationen, die beim täglichen Arbeiten im Dentallabor auf das Hand-Arm-System der Mitarbeiter einwirken. Unter Vibration im Sinne des Arbeits- und Gesundheitsschutzes versteht man alle mechanischen Schwingungen, die durch Gegenstände auf den menschlichen Körper übertragen werden und zu einer Gefährdung führen können. Die Schwingungen erreichen das Hand-Arm-System über das Halten des Handstücks in der einen und das Halten des Werkstücks in der anderen Hand. Es werden also sowohl die rechte als auch die linke Seite belastet.

  • Abb. 6: Messung der Hand-Arm-Vibration beim Ausarbeiten einer Kunststoffprothese. © Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA)

  • Abb. 6: Messung der Hand-Arm-Vibration beim Ausarbeiten einer Kunststoffprothese. © Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA)
Die LärmVibrationsArbSchV nennt für den Bereich Vibration genau wie beim Lärm zwei Grenzwerte. Auch diese sind auf einen Arbeitstag von acht Stunden bezogen. Der Auslösewert A(8) wird mit 2,5 m/s2 beschrieben und der Expositionsgrenzwert ist auf A(8) = 5 m/s2 festgelegt. Da eine Messung dieser Vibrationswerte technisch sehr aufwendig ist, hat das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) Mustermessungen durchgeführt, die als orientierende Größen bei der Gefährdungsbeurteilung dienen können. Untersucht wurden folgende Tätigkeiten:

  • Ausarbeiten einer Kunststoffprothese (Abb. 6)
  • Ausarbeiten einer Modellgussprothese mit unterschiedlichen Schleifkörpern
  • Gummieren und Polieren einer Modellgussprothese
  • Bearbeiten einer Metallkeramikverblendung
  • Bearbeiten eines Gipsmodells

Generell ist bei diesen Untersuchungen aufgefallen:

  • In der Hand, in der das Werkstück gehalten wird, wurden deutlich höhere Vibrationseinwirkungen gemessen.
  • Je gröber der Fräser und je härter das Material, desto höher ist der Vibrationskennwert.
  • Beim Polieren können die Vibrationsbelastungen weitgehend vernachlässigt werden.

Im Einzelnen hat die Untersuchung ergeben, dass beim Ausarbeiten einer Kunststoffprothese der Vibrationsgrenzwert erst nach acht Stunden erreicht wird, also zum Ende des Arbeitstages. Beim Ausarbeiten der Modellgussprothesen reduziert sich die Zeit auf vier Stunden und zwölf Minuten. Ebenso wird der Grenzwert beim Bearbeiten von Gipsmodellen nach fünf Stunden und zwölf Minuten erreicht.

Welche Maßnahmen kann man hieraus ableiten?

Da hier eine technische Lösung nicht möglich erscheint – das Werkstück muss nun mal festgehalten werden –, bleibt nur die Steuerung über die Zeit. Das heißt, ein Zahntechniker muss bei einem durchschnittlichen Arbeitstag unter den oben genannten Zeiten bleiben. Bei einem Zahntechniker, der unterschiedliche Arbeitsgänge am Tag erledigt, ist das sicher unproblematisch. Bei sehr spezialisierten Tätigkeiten ist jedoch eine Grenzwertüberschreitung zu erwarten.

Fazit

Das Thema Lärm geht jeden im Dentallabor an und ist unbedingt zu bearbeiten. Denken Sie immer daran, dass Lärm nicht weh tut, der Prozess des Hörverlustes schleichend vonstatten geht und man nichts reparieren kann. Ich habe in meinen Seminaren schon einige Zahntechniker getroffen, immer so um die 50 Jahre alt, die mir von den eingangs beschriebenen Situationen berichtet haben. Immer wieder kommt dann: „Wenn ich das gewusst hätte – ich hätte etwas dagegen getan.“ Tun Sie rechtzeitig etwas für den Schutz des Gehörs für Ihre Mitarbeiter, aber auch für sich selbst! 

Teil 7 dieser Artikelserie (Link siehe unten) handelt vom Thema: Methylmethacrylat, Quarz, Cobalt: Schutz vor den Gefahren für Zahntechniker.

Die Links zu allen Beiträgen dieser Serie finden Sie ebenfalls unter diesem Beitrag.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: ZTM Werner Hebendanz

Bilder soweit nicht anders deklariert: ZTM Werner Hebendanz