Laborführung

Arbeits- und Gesundheitsschutz im Dentallabor - Teil 5

Der Desinfektionsarbeitsplatz

03.06.2016
aktualisiert am: 27.06.2016

In einer achtteiligen Serie gibt ZTM Werner Hebendanz wertvolle Tipps und Tricks rund um den Arbeits- und Gesundheitsschutz im Dentallabor. Die bereits behandelten Themen wie „Wichtige Gesetze und Vorschriften“, „Haben Sie eine Gefährdungsbeurteilung?“, „Betriebsan- und Unterweisungen“ oder „Umgang mit Gefahrstoffen“ finden Sie am Ende dieses Beitrages verlinkt. Im hier folgenden Beitrag steht nun das wichtige Thema „Desinfektion“ im Fokus.

Was bringt der Bote denn so ins Labor mit?

Das sind nicht nur die Aufträge, zahnmedizinischen Abformungen, Bissnahmen, zahntechnischen Werkstücke und Hilfsmittel, auf denen wir schönen Zahnersatz für unsere Patienten herstellen wollen, sondern das ist auch eine ganze Palette an Krankheitserregern, die der Patient den Arbeitsunterlagen mitgegeben hat. Das können unter anderem sein:

  • Pilze,
  • Bakterien, die z. B. Tuberkulose beim Mitarbeiter auslösen können, aber auch
  • Viren, die zu einer Hepatitis-B- oder Hepatitis-CInfektion, aber auch zu HIV führen können.

Die Wahrscheinlichkeit, mit Hepatitis-B-Viren in Kontakt zu kommen, ist hoch. Hepatitis-B-Viren können sehr lange auf unterschiedlichen Oberflächen überleben. Auf jeden Fall überleben sie die Anfertigungszeit von zwei Wochen im Labor. Das heißt, ohne wirksame Desinfektion besteht die ganze Zeit die Möglichkeit, sich anzustecken! Auch eine Schmierinfektion ist möglich, z. B. über die Türklinke. Um sich zu infizieren, reicht schon eine geringe Anzahl von Viren aus.

Leider ist den angelieferten Arbeitsunterlagen nicht anzusehen, ob sie mit einem gefährlichen Erreger behaftet sind. Deshalb muss der Unternehmer eines Dentallabors sicherstellen, dass kein Mitarbeiter einer Biogefährdung durch die angelieferten Materialien aus der Zahnarztpraxis ausgesetzt ist.

Gesetzliche Grundlage für diesen Bereich ist die Biostoffverordnung (BioStoffV). Dort ist unter § 2 Begriffsbestimmungen Abs. (7) definiert: „Tätigkeiten sind … 2. die berufliche Arbeit mit ... Produkten, Gegenständen oder Materialien, wenn aufgrund dieser Arbeiten Biostoffe auftreten oder freigesetzt werden und Beschäftigte damit in Kontakt kommen können.“ Es handelt sich also im Dentallabor um Tätigkeiten mit Biostoffen und somit ist diese Verordnung im Dentallabor anzuwenden. In § 3 BioStoffV werden die sogenannten Risikogruppen erläutert. Es gibt in dieser Einteilung vier Stufen. Je höher die Risikogruppe, desto größer ist das Infektionsrisiko:

  • Risikogruppe 1 umfasst biologische Arbeitsstoffe (Biostoffe), bei denen es unwahrscheinlich ist, dass sie beim Menschen eine Krankheit hervorrufen.
  • Risikogruppe 2 beschreibt Biostoffe, die eine Krankheit beim Menschen hervorrufen können und eine Gefahr für Beschäftigte darstellen können. Eine Verbreitung der Krankheit in der Bevölkerung ist unwahrscheinlich; eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung ist normalerweise möglich.
  • Risikogruppe 3 beinhaltet Biostoffe, die eine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen und eine ernste Gefahr für Beschäftigte darstellen. Die Gefahr einer Verbreitung kann bestehen, doch normalerweise ist eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung möglich.
  • Risikogruppe 4: Hier werden Biostoffe eingestuft, die eine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen und eine ernste Gefahr für Beschäftigte darstellen. Die Gefahr der Verbreitung ist unter Umständen groß, eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung normalerweise nicht möglich (z. B. Ebola-Virus).

  • Abb. 1: DGUV Information 203-021. © BG ETEM

  • Abb. 1: DGUV Information 203-021. © BG ETEM
Neben der Biostoffverordnung als staatlichem Recht ist in diesem Bereich ein weiteres normsetzendes Regelwerk der BG ETEM zu Rate zu ziehen. Es handelt sich hier um die DGUV Information 203-021 (alte Bezeichnung: BGI 775). Diese Information trägt den Titel „Zahntechnische Laboratorien – Schutz vor Infektionsgefahren“ und beschäftigt sich speziell mit dem Thema Biogefährdung im Dentallabor (Abb. 1). Nun hat eine DGUV Information keinen Gesetzescharakter, d. h., die Forderungen sind nicht als direkt verbindlich anzusehen. Der Inhalt einer DGUV Information hat aber eine sogenannte Vermutungswirkung. Wer also als Arbeitgeber den darin enthaltenen Empfehlungen und insbesondere den beispielhaften Lösungsmöglichkeiten folgt, kann davon ausgehen, dass er damit geeignete Maßnahmen zur Verhütung von Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren getroffen hat.

Andere Lösungen sind möglich, wenn Sicherheit und Gesundheitsschutz in gleicher Weise gewährleistet sind. Aber Vorsicht an dieser Stelle! Immer wenn etwas passiert ist, wird es schwierig sein, bei der Berufsgenossenschaft oder vor Gericht darzulegen, dass die Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter gleichwertig waren, denn: Es ist ja etwas passiert! – Deshalb hier die Empfehlung, die Forderungen der DGUV Information 203-021 umzusetzen. Diese sollen im Weiteren erläutert werden.

  • Abb. 2: Muster einer Gefährdungsbeurteilung für den Desinfektionsarbeitsplatz. (Quelle: erstellt von Werner Hebendanz auf Grundlage von Infomaterial BG ETEM)

  • Abb. 2: Muster einer Gefährdungsbeurteilung für den Desinfektionsarbeitsplatz. (Quelle: erstellt von Werner Hebendanz auf Grundlage von Infomaterial BG ETEM)
Links habe ich die einzelnen Risikogruppen aufgeführt. Ein weiterer Begriff aus der BioStoffV sind die sogenannten Schutzstufen, denen Tätigkeiten hinsichtlich ihrer Infektionsgefährdung zuzuordnen sind. Die DGUV Information 203-021 kommt zu der Feststellung, dass die Tätigkeit mit mikrobiell kontaminierten Materialien der Schutzstufe 2 zuzurechnen ist. Weiter wird ausgeführt, dass im übrigen Laborbetrieb die Schutzstufe 1 anzunehmen ist, aber nur, wenn die kontaminierten Materialien an einem Desinfektionsplatz eingehend behandelt werden. Das heißt, es ist unbedingt notwendig, alles, was im Labor ankommt, einer Desinfektion zu unterziehen.

Damit ist nun geklärt, dass ein Desinfektionsplatz verbindlich vorhanden sein muss. Daraus folgt die Forderung der BioStoffV – Sie haben es sich bestimmt schon gedacht –, dass zu diesem Thema auch eine Gefährdungsbeurteilung erstellt werden muss. Das „Muster einer Gefährdungsbeurteilung: Desinfektionsarbeitsplatz“ ist in Abbildung 2 zu sehen. Nachdem die Gefährdung bzw. Belastung genannt ist, folgen die Maßnahmen, die zu treffen sind.

Erläuterungen zum „Muster einer Gefährdungsbeurteilung“

1. Personenkreis festlegen, der Umgang mit kontaminiertem Material hat: Dies schließt ein, dass die Beschäftigten aufgrund ihrer Ausbildung und Erfahrung Infektionsgefahren erkennen und Maßnahmen zu ihrer Abwehr treffen können. (Es gibt eine Beschäftigungseinschränkung von unter 18-jährigen Personen, die dort nur arbeiten dürfen, wenn es die Erreichung des Ausbildungsziels erforderlich macht und wenn der Schutz durch die Aufsicht eines Fachkundigen gewährleistet ist.)

2. Diesem festgelegten Personenkreis, der am Desinfektionsplatz arbeitet, ist eine Hepatitis-B-Schutzimpfung zu ermöglichen: Dies geschieht im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchung „Infektionskrankheiten G 42“ durch den Betriebsarzt. Die Kosten trägt der Unternehmer. Jeder Mitarbeiter, der am Desinfektionsplatz arbeitet, muss auch die Vorsorgeuntersuchung wahrnehmen.

3. Betriebsanweisung für den Desinfektionsplatz erstellen. Wie das geht, können Sie im dritten Teil dieser Serie nachlesen. Nach der Betriebsanweisung folgt die Unterweisung der betreffenden Personen.

4. Desinfektionsplatz entsprechend den Anforderungen der DGUV Information 203-021 „Zahntechnische Laboratorien – Schutz vor Infektionsgefahren“ einrichten: Darauf werde ich im Anschluss an die Gefährdungsbeurteilung eingehen.

5. Regelmäßige Reinigung organisieren. Hier ist v. a. darauf zu achten, dass diese auch von Personen durchgeführt wird, die zu dem Kreis der unter 1. Benannten gehören. Auch bei der Reinigung kommt der Mitarbeiter mit kontaminiertem Material in Berührung. Also: besondere Festlegungen treffen für das Reinigungspersonal.

6. PSA (persönliche Schutzausrüstung) – hier sind flüssigkeitsdichte Handschuhe notwendig. Diese Handschuhe müssen auch gegenüber den verwendeten Desinfektionsmitteln beständig sein und der mechanischen Beanspruchung standhalten. Wenn die Handschuhe nicht nach der ersten Benutzung entsorgt werden, müssen auch diese wieder desinfiziert werden. Es ist dabei darauf zu achten, dass eine Kontamination der Innenseiten nicht erfolgt, oder sie sind zu entsorgen. Die Hände sind nach der Tätigkeit zu desinfizieren und gegebenenfalls anschließend zu waschen. Es dürfen am Desinfektionsarbeitsplatz keine Ringe, Schmuckstücke oder Uhren an den Händen oder Unterarmen getragen werden.

7. Zu diesem Punkt will ich wie folgt Stellung nehmen: Der Unternehmer hat sicherzustellen, dass seine Mitarbeiter im Labor keiner mikrobiellen Kontamination ausgesetzt sind. Dies kann aus meiner Sicht nur sicher gewährleistet werden, wenn die Desinfektion im eigenen Betrieb vor Ort durchgeführt wird.

Wie soll also ein Desinfektionsarbeitsplatz aussehen?

Hier stellt die DGUV Information 203-021 folgende Anforderungen auf:

• Es wird eine ausreichend große Fläche gefordert, und zwar für das Auspacken der ankommenden Materialien, für die eigentliche Desinfektion und eine davon getrennte Ablagemöglichkeit für die desinfizierten Materialien, um das Wiederinfizieren zu vermeiden.

• Der Arbeitsplatz ist eindeutig zu kennzeichnen. Dies kann mit dem Symbol „Biogefährdung“ oder mit der Betriebsanweisung für den Desinfektionsarbeitsplatz oder einfach durch die Bezeichnung „Desinfektionsplatz“ erfolgen.

• Werden Transportverpackungen eingesetzt, die wiederverwendet werden, müssen diese leicht zu reinigen und zu desinfizieren sein.

• Die Oberflächen müssen feucht zu reinigen sein und desinfiziert werden können.

• Wandanstriche müssen der DIN EN 13 300 genügen, was früher als Scheuerbeständigkeit bezeichnet wurde. • Arbeits- und Ablageflächen sollen eine geschlossene Oberfläche aufweisen.

• Beim eigentlichen Desinfektionsvorgang ist das Verfahren so zu wählen, dass die Mitarbeiter weitgehend vor Hautkontakt mit den möglichen Krankheitserregern und den Desinfektionsmitteln geschützt werden. Es ist darauf zu achten, dass die Krankheitserreger nicht frei werden können und dass die mikrobiell kontaminierten Materialien vollständig mit Desinfektionsmittel benetzt werden.

• Weiter wird ein Handwaschbecken mit fließend warmem Wasser benötigt. Hier sollten Direktspender mit Seife, Händedesinfektionsmittel und Hautpflegemittel angebracht sein. Die Handtücher müssen zum einmaligen Gebrauch zur Verfügung stehen. (Abb. 3)

Um die eingehenden Materialien sicher zu desinfizieren, ist ein festgelegtes betriebliches Verfahren notwendig. Zunächst werden die Abformungen aus der Plastikverpackung entnommen und in eine extra dafür vorgesehene Schale gelegt. Diese wird nur im unreinen Bereich zwischen auspacken und Desinfektionsgerät verwendet.

  • Abb. 3: Handwaschplatz im Desinfektionsraum. Nachweis Abb. 3-5: © Werner Hebendanz
  • Abb. 4: Beispiel für geschlossene Desinfektion.
  • Abb. 3: Handwaschplatz im Desinfektionsraum. Nachweis Abb. 3-5: © Werner Hebendanz
  • Abb. 4: Beispiel für geschlossene Desinfektion.

  • Abb. 5: Beispiel für Tauchbad-Desinfektion.
  • Abb. 5: Beispiel für Tauchbad-Desinfektion.

Das eigentliche Desinfizieren

Hier gibt es zwei verschiedene Systeme:

1. Die geschlossene Desinfektion (Abb. 4): Vorteil ist hier, dass im geschlossenen Raum gearbeitet wird. Die Abformungen werden immer mit frischem Desinfektionsmittel eingesprüht und nach der Einwirkzeit wieder abgespült. So wird ein sparsamer Verbrauch des Desinfektionsmittels erreicht. Nachteil ist hier die Einwirkzeit von 10 Minuten.

2. Das Tauchbad (Abb. 5): Die Abformungen werden komplett in das Bad gelegt und nach der Einwirkzeit wieder entnommen. Wichtig ist, dass darauf geachtet wird, wenn Konzentrate verwendet werden, dass sie im richtigen Verhältnis gemischt werden. Zudem ist auf die Haltbarkeit des Bades zu achten.

Beide Systeme sind bei vorschriftsmäßiger Anwendung als gleichwertig anzusehen. Als ungeeignet gilt das Handsprühverfahren, z. B. mit Druckgasdose, vor allem auch wegen der entstehenden Aerosole, die für den Beschäftigten beim Einatmen schädlich sind.

Nach erfolgter Desinfektion werden die Materialien entnommen und im „reinen“ Bereich in den Laborkreislauf eingeschleust. Es ist darauf zu achten, dass kein Kontakt zum unreinen Bereich mehr stattfindet. Die Folge wäre eine mögliche erneute Infizierung der Materialien.

Wenn die Desinfektion wie beschrieben durchgeführt ist, wechselt die Risikogruppe 2 auf die Risikogruppe 1 für den weiteren Produktionsprozess.

Zusammenfassend kann ich feststellen, dass der Desinfektionsplatz einen hohen Stellenwert für die Gesundheit der Mitarbeiter im Labor einnimmt. Wem die Gesundheit seiner Beschäftigten wichtig ist, der wird sehr gut darauf achten, dass alles, was das Tor zum Labor durchschreitet, auch den Desinfektionsplatz durchläuft.

Im 6. Teil seiner Serie widmet sich ZTM Werner Hebendanz dem Thema „Belastung durch Lärm und Vibration“. Den Link finden Sie unter diesem Beitrag.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: ZTM Werner Hebendanz

Bilder soweit nicht anders deklariert: ZTM Werner Hebendanz



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