Laborführung

Arbeits- und Gesundheitsschutz im Dentallabor, Teil 2

Haben Sie eine Gefährdungsbeurteilung?

Wenn Sie die Frage nach der Gefährdungsbeurteilung mit „Nein“ beantworten müssen, könnte das bei einem Betriebsbesuch durch die Gewerbeaufsicht oder die Berufsgenossenschaft zu einem Problem werden. Umso größer wird es im Falle eines schweren Unfalls in Ihrem Betrieb, denn dann möchte auch die Staatsanwaltschaft die Gefährdungsbeurteilung sehen. Was ist also diese Gefährdungsbeurteilung und was muss der Unternehmer da tun? Dies beantwortet ZTM Werner Hebendanz im zweiten Teil seiner Serie.

Eine gesetzliche Grundlage für die Gefährdungsbeurteilung findet sich im Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG):

„§ 5 Beurteilung der Arbeitsbedingungen: (1) Der Arbeitgeber hat durch eine Beurteilung der für die Beschäftigten mit ihrer Arbeit verbundenen Gefährdung zu ermitteln, welche Maßnahmen des Arbeitsschutzes erforderlich sind.“

Daraus ist abzuleiten, dass ich mich als Meister damit beschäftigen muss, was bei den Tätigkeiten, die meine Mitarbeiter in meinem Labor ausführen, passieren kann. Dies reicht von der Gestaltung und Einrichtung der Arbeitsstätte sowie des Arbeitsplatzes über die Betrachtung der physikalischen, chemischen und biologischen Einwirkungen auf den Mitarbeiter bis zur Gestaltung, Auswahl und zum Einsatz von Arbeitsmitteln, insbesondere von Arbeitsstoffen und Geräten. Seit 2013 neu im Arbeitsschutzgesetz ist, auch die psychischen Belastungen der Mitarbeiter mit einzubeziehen.

Aber nicht nur im Arbeitsschutzgesetz wird die Gefährdungsbeurteilung gefordert, sondern auch in weiteren Verordnungen, die von der Bundesrepublik erlassen wurden. Beispielhaft sind hier die Bildschirmarbeitsverordnung, die Betriebssicherheitsverordnung, die Gefahrstoffverordnung, die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung sowie im autonomen BG-Recht die DGUV Vorschrift 1 zu nennen. In all diesen Regelwerken wird der Arbeitgeber verpflichtet, sich um eine Beurteilung der Arbeitsbedingungen zu kümmern.

Von der Verhütung von Unfällen zur Schaffung gesunder Arbeitsplätze

  • Abb. 1: Die sieben Schritte der Gefährdungsbeurteilung. Quelle: © BG ETEM

  • Abb. 1: Die sieben Schritte der Gefährdungsbeurteilung. Quelle: © BG ETEM
Die Entwicklung der Gefährdungsbeurteilung war eine Folge der Neuausrichtung des Arbeitsschutzes in Deutschland. Bis Mitte der 1990er-Jahre war das Motto im Arbeitsschutz: Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten. Dies wurde durch unzählige Unfallverhütungsvorschriften (UVV) manifestiert. Bei den Unternehmern regte sich Widerstand, man fühlte sich überreguliert. Die Regierung änderte mit dem Erscheinen des Arbeitsschutzgesetzes die Richtung und nun galt die Losung: Schaffung von sicheren und gesunden Arbeitsplätzen. Es wurden zu diesem Zweck u. a. die oben genannten Verordnungen erlassen (staatliches Recht) – das autonome Recht der Berufsgenossenschaften musste vielfach zurücktreten. Um die neue Ausrichtung auf sichere und gesunde Arbeitsplätze zu erfüllen, räumt der Gesetzgeber im Arbeitsschutzgesetz einen breiten Spielraum ein, verlangt jedoch, dass genau die betrieblichen Anforderungen und Gegebenheiten bei der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt werden. Es gibt also heute weniger detaillierte Unfallverhütungsvorschriften, dafür aber staatliche Verordnungen – und daraus resultiert für den Unternehmer die Verpflichtung, ganz genau in seinem Betrieb zu schauen, welche Gefahren dieser in sich birgt. Die Gefährdungsbeurteilung ist also der Eigencheck des Betriebes! Um eine Gefährdungsbeurteilung zu erstellen, sollte man systematisch vorgehen. Eine gute Abfolge der einzelnen Schritte gibt der Regelkreis vor (Abb. 1).

1. Die Analyse

  • Tab.: Welche Faktoren können den Mitarbeiter gefährden?

  • Tab.: Welche Faktoren können den Mitarbeiter gefährden?
Hier muss man Erkenntnisse dazu sammeln, welche Arbeitsbedingungen im täglichen Arbeitsprozess auftreten. Praktisch ist das mit einer Begehung der Arbeitsbereiche zu erreichen. Hier beobachtet man die Mitarbeiter bei der Arbeit. Was machen sie? Welche Gefahren gehen von Stoffen aus, mit denen sie umgehen? Ist die Körperhaltung ergonomisch? Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die die Sicherheit bei der Arbeit beeinflussen. Eine Zusammenstellung der möglichen Gefährdungsfaktoren können Sie der Tabelle entnehmen. Wichtig dabei ist, dass nicht nur der „Normalzustand“ betrachtet wird, sondern beispielsweise auch die Arbeitsgänge bei der Reinigung von Geräten zu hinterfragen sind, aber auch deren Instandsetzung, soweit im Betrieb durchgeführt. Hier treten veränderte Konstellationen auf, die dann das Risiko eines Unfalls erhöhen.

Veranschaulichung durch ein Beispiel: Wir haben einen Mitarbeiter bei der Begehung beobachtet, der acht Arbeitsstunden am Tag damit beschäftigt ist, Kunststoffprothesen herzustellen. Dabei wird der Kunststoff mit Monomerflüssigkeit (Methylmethacrylat [MMA]) und Pulver angemischt und dann weiterverarbeitet. Dazu werden Instrumente, aber auch die ungeschützten Finger benutzt.

2. Die Beurteilung

Die aus der Analyse gewonnenen Erkenntnisse bilden die Grundlage für die Beurteilung. Hier lautet die erste Frage, ob es z. B. gesetzliche Grenzwerte gibt wie beim Lärm (das Thema Lärm wird in Teil 6 [September-Ausgabe] dieser Serie genauer behandelt). Dann kann sehr schnell entschieden werden, ob Handlungsbedarf besteht oder nicht. Gibt es diese Grenzwerte nicht, so muss man recherchieren, ob es in der Fachliteratur (DGUV-Informationen, Technische Regeln, DIN etc.) Aussagen zum jeweiligen Problem gibt. Wenn ja, werden diese zur Beurteilung des Handlungsbedarfs herangezogen. Sollte keines der genannten Verfahren ein Ergebnis liefern, muss der Arbeitgeber das Risiko selbst einschätzen. Dies geschieht anhand der Eintrittswahrscheinlichkeit und der zu erwartenden Schadensschwere. Am Ende dieses Schrittes steht eine der Aussagen: „Bei diesem Arbeitsgang besteht keine Gefahr“ oder „Hier gibt es Risiken für einen Unfall/eine Berufskrankheit, es besteht Handlungsbedarf“.

Zurück zu unserem Beispiel: Methylmethacrylat ist als Gefahrstoff eingestuft. Es ist leicht entzündbar und hat eine Reizwirkung auf die Haut. Zudem besteht die Möglichkeit der Sensibilisierung der Haut, was zu einer Allergie führen kann. Des Weiteren existiert ein Luftgrenzwert nach TRGS 900 von 210 mg/m3. Damit wird die maximale Konzentration dieses Stoffes in der Luft am Arbeitsplatz beschrieben. Zwei Bereiche sind zu beurteilen:

a) Wird der Grenzwert der inhalativen Exposition von Metylmethacrylat eingehalten? Dies ist in unserem Beispiel gegeben, wie eine Messung ergab. Es besteht kein Handlungsbedarf.

b) Die Möglichkeit der Sensibilisierung ist gegeben, da es zum Kontakt mit der Haut kommt. Hier besteht Handlungsbedarf.

3. Setzen von Zielen

In diesem Schritt wird das Ziel formuliert, welches bei der Maßnahme erreicht werden soll. Dies ist wichtig, damit man am Ende des Regelkreises feststellen kann, ob das Ziel auch wirklich erreicht wurde. Es kommt nicht selten heraus, dass am Ende etwas völlig anderes umgesetzt wurde, als man eigentlich wollte.

Für das Beispiel im Umgang mit MMA könnte das Ziel lauten: Die mögliche Sensibilisierung der Haut des Mitarbeiters durch Methylmethacrylat muss bis 01.07.2016 wirksam und dauerhaft unterbunden werden.

4. Entwickeln von Lösungsalternativen

Hier ist nun Raum für verschiedene Ansätze gegeben, wie das Problem gelöst werden kann. Der erste Gedanke ist meist, dem Mitarbeiter eine persönliche Schutzausrüstung (PSA) zu verordnen. Zu beachten ist aber das Arbeitsschutzgesetz, das in § 4 Absatz 5 vom Arbeitgeber verlangt: „Individuelle Schutzmaßnahmen sind nachrangig zu anderen Maßnahmen.“ Ich muss mir als Unternehmer also auch Gedanken machen, welche anderen Möglichkeiten es noch gibt, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Dies kann durch eine Substitution erfolgen, die Gefahr wird damit ausgeschaltet. Ist dies nicht möglich, kommt eine technische Maßnahme in Betracht. Darunter versteht man z. B. ein Schutzgitter. Ziel ist die Trennung von Gefahr und Mensch. Erst wenn das keine Ergebnisse bringt, ist die Möglichkeit einer PSA weiter zu verfolgen.

Beispiel: Substitution – es ist kein gleichwertiger ungefährlicher Ersatz für Methylmethacrylat möglich. Technische Lösung – Verarbeitung ausschließlich mit Instrumenten, also ohne Hautkontakt. PSA – geeignete Schutzhandschuhe.

5. Auswahl der Lösung

Jetzt werden die einzelnen Lösungsmöglichkeiten anhand unseres Ziels überprüft. Welche Lösung bringt das beste Ergebnis?

  • Abb. 2: Auf www.basis-bgetem.de den optimal schützenden Handschuh finden. Quelle: © BG ETEM

  • Abb. 2: Auf www.basis-bgetem.de den optimal schützenden Handschuh finden. Quelle: © BG ETEM
Beispiel: In unserem Fall gibt es zwei Lösungsmöglichkeiten. Den besten Schutz bietet die technische Lösung, da bei konsequenter Nutzung von Instrumenten der Hautkontakt zuverlässig vermieden werden kann. In Fällen, bei denen dies nicht sichergestellt werden kann, muss der Mitarbeiter mit Schutzhandschuhen arbeiten. Hier ist allerdings die Durchbruchszeit zu beachten. Dies bedeutet, dass der Handschuh nach dem ersten Kontakt mit dem Monomer innerhalb weniger Minuten nutzlos wird, da er zwar äußerlich unversehrt aussieht, aber die Struktur durch das Monomer so geschädigt wurde, dass dieses ungehindert auf die Haut durchdringen kann. So hat der Mitarbeiter nur einen scheinbaren Schutz. Es ist also darauf zu achten, dass die richtigen Schutzhandschuhe ausgesucht werden (die richtigen Schutzhandschuhe findet man z. B. auf www.basis-bgetem.de, Abb. 2).

6. Umsetzung der Lösung

In diesem Schritt ist der neue Umgang in Form einer Unterweisung mit dem Mitarbeiter zu besprechen.

Beispiel: Der Mitarbeiter muss die Hintergründe der Veränderung verstehen, damit die Maßnahme Erfolg hat.

7. Wirkungskontrolle

Nach einer kurzen Zeit sollte eine stichprobenartige Überprüfung stattfinden. Wirkt die Maßnahme? Erfüllt sie das unter 3. gesetzte Ziel? Sollte dies nicht der Fall sein, so ist der Regelkreis erneut zu durchlaufen.

Beispiel: Beobachtung des Mitarbeiters – arbeitet er ausschließlich mit Instrumenten oder nutzt er, wenn nicht anders möglich, die zur Verfügung gestellten Schutzhandschuhe?

Der Gesetzgeber verpflichtet den Unternehmer, dass nach ArbSchG 6 Absatz 1 das Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung, die von ihm festgelegten Maßnahmen des Arbeitsschutzes und das Ergebnis seiner Überprüfung zu dokumentieren sind. Die Form ist vom Gesetz nicht vorgegeben, aber die Gefährdungsbeurteilung muss jederzeit lesbar gemacht werden können.

Wo holt man sich Hilfe?

Dieses System ist für jede einzelne Gefährdung zu durchlaufen und bedeutet für den Unternehmer im Dentallabor, der ja als Meister häufig in der Produktion tätig ist, eine große Herausforderung, alles zeitlich zu stemmen. Hier bieten sich zwei Möglichkeiten an, um den Aufwand zu minimieren:

  1. Beauftragung einer Fachkraft für Arbeitssicherheit mit der Erstellung der Gefährdungsbeurteilung
  2. Teilnahme am Unternehmermodell der BG ETEM (siehe Teil 1 unter www.ztm-aktuell.de/arbeitsschutz). Dort werden Wissen und Hilfen vermittelt, um die Gefährdungsbeurteilung selbst zu erledigen.

Verantwortlich für die Gefährdungsbeurteilung bleibt in beiden Fällen der Unternehmer!

Fazit

Die Gefährdungsbeurteilung ist für jeden Betrieb ab einem Mitarbeiter verbindlich gesetzlich vorgeschrieben. Die Ersterstellung erfordert einigen Zeitaufwand. Wenn das System aber implementiert ist und auch im Betrieb gelebt wird, entfaltet es seinen Nutzen durch präventiv verhinderte Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten. Die jährliche Überprüfung wird deutlich weniger Zeit in Anspruch nehmen. 

Im dritten Teil seiner Artikelserie (Link siehe unten) beschäftigt sich ZTM Hebendanz mit dem Thema "Betriebsanweisungen und Unterweisungen: Anleitung der Mitarbeiter".

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: ZTM Werner Hebendanz

Bilder soweit nicht anders deklariert: ZTM Werner Hebendanz



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