Laborführung


„In der digitalisierten Welt müssen wir mehr Aufwand für Service einkalkulieren“

Hier reicht ein einziger Presskanal pro Restauration: zahlreiche Arbeiten (Celtra Press, Dentsply Sirona Prosthetics) frisch aus dem Muffelofen.
Hier reicht ein einziger Presskanal pro Restauration: zahlreiche Arbeiten (Celtra Press, Dentsply Sirona Prosthetics) frisch aus dem Muffelofen.

Digitale Technologien gelten in vielen Bereichen als „game changer“, sie verändern komplett die Spielregeln des Markts. Wie sich das einzelne Labor in der neuen Welt seine Stellung im Wettbewerb sichert, erläutert im Folgenden ZTM Markus Stork, Dental-Art-Specialists, Braunschweig.

Herr Stork, in der Zahnheilkunde jagt ein Umbruch den anderen. Welche Veränderung haben Sie als besonders einschneidend empfunden?

  • ZTM Markus Storck

  • ZTM Markus Storck
    © Stork
Den Einstieg in die Verarbeitung von Keramik als Gerüstwerkstoff. Das war in vielerlei Hinsicht ein großes Plus, ging aber auch zulasten der bis dato vorherrschenden Werkstoffe. Heute ist Keramik unser Tagesgeschäft, und die Arbeit am Monitor als eine Haupttätigkeit gehört dazu.

Ich erinnere mich noch, wie ich einst, als Teilnehmer einer großen Eventveranstaltung, die Präsentation der Zukunft miterlebt habe: Da stand sie – die erste CAM-Anlage, die Zirkoniumdioxid im Grünzustand verarbeiten konnte, eine Maschine namens „Cercon Brain“ zusammen mit dem Sinterofen „Cercon Heat“. Damals war ich schwer beeindruckt von der Inszenierung der Show. Danach gab es Buffet und die beiden Hauptdarsteller „Cercon Brain und Heat“ standen dort „zum Anfassen“. Meine Gedanken waren: DAS hätte ich auch gern, aber nur die ganz großen Big Player unserer Branche werden es sich leisten können. Schließlich wird Zirkoniumdioxid, das „weiße Gold“, nur eine Zusatzoption zu unserem Gold/Keramik-Tagesgeschäft werden. Ich denke, niemand – nicht mal die Industrie selbst – konnte an diesem Abend auch nur ahnen, dass dieses System und der neue Keramikwerkstoff den Beginn einer Revolution markierten, die unsere gesamte Branche für immer verändern würde. Und einige Jahre später stand dieses Equipment plötzlich doch in unserem Labor – als potenziell lukratives Zusatzgeschäft, Positionierungs- und Prestigetool im Wettbewerb. Wie wir heute alle wissen, zeigte sich schon bald, dass dieses Zusatzgeschäft rasend schnell zum Ersatzgeschäft wurde und mit dem scheidenden Hochgoldmarkt auch immer mehr Bunsenbrenner erloschen. Stattdessen entstehen immer mehr Monitorarbeitsplätze und prägen unser Tagesgeschäft.

Was bedeutet das für den Patienten? Wie können Sie heute seinen Bedürfnissen nach einer besseren, schnelleren und höherwertigen Versorgung entgegenkommen?

Für viele traditionelle zahntechnische Verfahren braucht man eine jahrelange Erfahrung. Erst dann kann man sie wirklich perfekt ausführen. Das ist nach meiner Erfahrung anders, wenn z.B. die präprothetische Planung inklusive eines Wax-ups am Bildschirm erarbeitet wird. Sicher, auch dafür braucht man qualifizierte Mitarbeiter, und man braucht auch mindestens einen erfahrenen Zahntechniker. Unter diesen personellen Voraussetzungen lässt sich die Arbeit aber heute flexibler auf mehrere Schultern verteilen. Damit können wir Aufträge oft schneller und mit höherer Erfolgssicherheit ausführen als vor zehn oder zwanzig Jahren.

Allerdings ist durch den Switch von der konventionellen zur digitalen Zahntechnik auch der Anspruch auf Kundenseite gewachsen. Wo wir früher eine Arbeit in mehreren Schritten und mit verschiedenen Anproben perfektioniert haben, soll sie heute auf Anhieb passen und eine Top-Ästhetik aufweisen.

Welcher aktuellen Innovation trauen Sie für die Zukunft zu, Sie beim Erfüllen dieser gestiegenen Ansprüche besonders spürbar zu unterstützen?

  • Monolithische Frontzahnkrone an 21 aus extra transluzentem Zirkoniumdioxid (Cercon xt, Dentsply Sirona Prosthetics) auf dem Modell.

  • Monolithische Frontzahnkrone an 21 aus extra transluzentem Zirkoniumdioxid (Cercon xt, Dentsply Sirona Prosthetics) auf dem Modell.
    © Stork
Ich traue der Print-Technologie noch viel zu. Allerdings arbeiten die verfügbaren 3D-Drucker bisher nicht schnell genug. Das birgt die ganz reale Gefahr, aus Zeitgründen nur halbe Modelle herzustellen bis zum Niveau des früheren Klipp-Klapp-Okkludators.

Bei allem Vortrieb in der Entwicklung neuer Fertigungsverfahren, ob subtraktiv oder generativ, darf niemand einen Rückschritt in unserem über Jahre erworbenen Wissen zu funktionsparametrischen Einflüssen in Kauf nehmen! Auch wirtschaftliche und anwendungstechnische Gesichtspunkte dürfen mit jeder neuen Verfahrenstechnik nicht aus den Augen gelassen werden. Die Margen werden immer enger gesteckt und bieten schon lange keinen Platz für Zeit- oder Arbeitskraft- Ressourcenverschwendung. Dies durch „Weglassen“ zu kompensieren, wäre selbstverständlich grundsätzlich der falsche Ansatz.

Damit zurück zum 3D-Printer: Ich weiß, dass Industriesysteme schon hundertmal schneller drucken. Zu den Anwendungsgebieten, die auch zahntechnische Labore über kurz oder lang erobern werden, zählen z.B. die Modellherstellung – einschließlich virtuellem Artikulator –, die Bissregistrierung und vor allen Dingen die Herstellung von herausnehmbarem Zahnersatz bis hin zur digitalen Totalprothese. In all diesen Bereichen arbeitet das Gros unserer Betriebe heute klassisch-handwerklich – noch.

Welche Entwicklungen halten Sie denn für aktuell schon greifbar, die ein Labor jetzt voranbringen?

Hier sehe ich vor allen Dingen Werkstoffinnovationen der jüngsten Zeit. Für mich steht dabei extra transluzentes Zirkoniumdioxid, voreingefärbt in allen VITA Classical-Farben, ganz oben und ebenso pressfähiges zirkoniumdioxidverstärktes Lithiumsilikat. Dieses setze ich für ästhetisch extrem anspruchsvolle Arbeiten ein. Hohe Transluzenz, Fluoreszenz und Opaleszenz, ein ausgeprägter Chamäleoneffekt und noch dazu eine höhere Festigkeit als bei vergleichbaren Werkstoffen – das hat bei unseren Kunden eine Begeisterungswelle ausgelöst. Das Material bringt von sich aus eine große Brillanz mit. Wir integrieren beim Design Mamelonstrukturen in das Gerüst und brauchen später nur noch den Schneidebereich zu ergänzen, was gegenüber einem aufwendiger verblendeten Käppchen die Festigkeitsreserven erhöht. Darüber hinaus habe ich auch hier die Erfahrung gemacht, dass schon junge Zahntechniker zu ästhetisch überzeugenden Ergebnissen kommen.

Ein pressfähiges Material – ist das „retro“?

  • Ästhetisch stark: Prämolarenkrone aus extra transluzentem Zirkoniumdioxid (Cercon xt) mit Malfarben charakterisiert.

  • Ästhetisch stark: Prämolarenkrone aus extra transluzentem Zirkoniumdioxid (Cercon xt) mit Malfarben charakterisiert.
    © Stork
Es kommt doch nicht darauf an, ob ich traditionell-handwerklich oder digital arbeite oder ob ich beides kombiniere, indem ich z.B. zunächst in Wachs fräse und anschließend konventionell weiterarbeite. Entscheidend ist das zahntechnische Ergebnis. Und vergessen wir nicht: Hier wird uns die Möglichkeit geboten, alle Zahntechniker – ob älterer oder jüngerer Generation – mitzunehmen.

Als technikaffiner Mensch machen mir digitale Verfahren ausgesprochen viel Spaß. Auch erweitere ich damit mein Werkstoffspektrum und arbeite deutlich effektiver. Darum halte ich mein Labor auf dem Stand der Technik, wobei ich speziell beim 3D-Druck noch zuwarte und auf die nächste Gerätegeneration setze.

Wo liegen womöglich Grenzen und Gefahren digitaler Verfahren?

In vielen Bereichen von Industrie und Handwerk müssen sich die Akteure die Frage stellen: Wie wenden wir einen reinen Preiswettbewerb ab, der sich nicht zuletzt durch Überkapazitäten an Fertigungsautomaten verschärfen kann?

Da sage ich: Mein Kunde muss wissen, warum er ausgerechnet mich beauftragt. Er muss spüren, dass er bei einer Brücke aus meinem Hause keinerlei Einschleifarbeiten mehr vorzunehmen braucht und dass Farbe und Gesamtästhetik einfach stimmen. Dazu fahre ich bei vielen Arbeiten zur Praxis, mache digitale Aufnahmen, spreche Form, Farbe und funktionelle Details im Vorfeld ab und fertige zum Beispiel gegebenenfalls Mock-ups an. In der digitalen Welt müssen wir mehr Service bieten, dafür auch einen höheren Aufwand einkalkulieren und an dieser Stelle erfahrene Mitarbeiter einsetzen. Denn sie sind in der Lage, Menschen mit ihren Bedürfnissen, Erwartungen und Ängsten zu verstehen und dies in jede zahntechnische Arbeit hineinzukommunizieren. So wird der betreffende Mitarbeiter zum Dreh- und Angelpunkt; er verbindet Patient, Praxis- und Labor-Team und sorgt damit letztlich für den Erfolg jeder Restauration.

In welchen Bereichen kann das einzelne Labor sich heute differenzieren? Bitte geben Sie uns doch ein Beispiel.

Eine Möglichkeit, sich unterscheidbar zu machen, sehe ich im Bereich der Total- und Teilprothetik. Gegenüber standardisierten Zahnbibliotheken können wir als Zahntechniker eigene Formen anlegen bis hin zu Ausführungen mit patientenindividueller Morphologie, gnathologisch abgestimmt auf das – meist höhere – Alter der Patienten.

Diese Überlegungen führen mich weiter zu den allgemeineren Fragestellungen: Wie funktioniert der Kauapparat? Warum stehen Störungen in diesem Bereich mit Migräne oder Rückenschmerzen in Zusammenhang? Die Zusammenarbeit mit Orthopäden und Experten aus anderen Fachrichtungen eröffnet uns die Möglichkeit einer ganzheitlichen Betrachtung des einzelnen Patienten. Standardantworten gibt es hier nicht.

Bei alldem habe ich mir zum Ziel gesetzt, eine qualitativ hochwertige Zahntechnik mit Unikaten für den einzelnen Patienten zu schaffen – und dies in der digitalisierten Welt von heute. Denn auch hier kommt individuellen Arbeiten die höchste Wertschätzung zu.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Christian Ehrensberger


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