Laborführung

Arbeits- und Gesundheitsschutz im Dentallabor - Teil 7

Methylmethacrylat, Quarz, Cobalt: Schutz vor den Gefahren für Zahntechniker

10.10.2016
aktualisiert am: 14.10.2016

Die drei oben genannten Stoffe finden sich in jedem Dentallabor. Wir arbeiten täglich damit. Wissen Sie auch, was diese Stoffe im und am Körper bewirken können? Antworten auf diese Frage gibt ZTM Werner Hebendanz im folgenden Beitrag und zeigt auf, wie Sie sich als Zahntechniker schützen können.

1. MMA

Methylmethacrylat (MMA) mit der chemischen Formel C5H8O2 ist der wesentliche Bestandteil der Kunststoffflüssigkeit. Es riecht unangenehm stechend – das bekommt man immer wieder von Besuchern im Dentallabor bestätigt –, ist farblos und seine Dämpfe sind schwerer als Luft. Des Weiteren ist es leicht entzündlich und kann sogar unter gewissen Bedingungen eine explosionsfähige Atmosphäre bilden.

MMA ist gekennzeichnet mit den GHS-Symbolen GHS 02 Flamme und GHS 07 Ausrufezeichen, ergänzt mit dem Signalwort „Gefahr“. Weiterhin sind die Gefahrenhinweise H315 und H317 im Sicherheitsdatenblatt vermerkt (H315: Verursacht Hautreizungen./H317: Kann allergische Hautreaktionen verursachen.). In der TRGS 900 (Technische Regel für Gefahrstoffe) ist MMA mit einem „Y“ gekennzeichnet, das bedeutet: Bei Einhaltung des Arbeitsplatzgrenzwertes besteht kein Risiko der Fruchtschädigung (ungeborenes Kind im Mutterleib). Zudem ist der Stoff mit dem Kennzeichen „S“ versehen. Diese Stoffe sind gemäß EG-Richtlinie als sensibilisierend eingestuft. Die Einhaltung des Luftgrenzwertes gibt keine Sicherheit gegen das Auftreten allergischer Reaktionen.

MMA ist also ein Stoff, der jede Menge Gefährdungen ins Dentallabor bringt:

  • Reizung von Haut und Atemwegen
  • Schleimhautreizungen, Husten und Atemnot
  • Sensibilisierung durch Hautkontakt möglich
  • Sensibilisierung durch Schleifstäube aus polymerisiertem Acrylat möglich
  • Entstehung von allergischen Kontaktekzemen

Diesen Gefährdungen ist auf zwei verschiedenen Wegen mit Schutzmaßnahmen zu begegnen. Zuerst betrachte ich eine mögliche Sensibilisierung. Oberstes Ziel ist das kontaktfreie Arbeiten mit dem angerührten Material. Zum Auftragen und Verteilen der Masse geeignete Instrumente verwenden! Nicht mit dem Finger – oder noch schlimmer: vorher ins Monomer – eintauchen und dann glätten! Sollte es in Ausnahmefällen notwendig sein, doch mit dem Finger etwas zu arbeiten, müssen Handschuhe benutzt werden. Geeignete Handschuhe für diese Tätigkeit sind aus Nitrilkautschuk. Eine Auswahl geprüfter Handschuhe ist unter unter www.basisbgetem.de zu finden – dies ist ein Portal, welches von der BG ETEM betrieben wird. Auf dieser Seite können Sie entsprechend den einzelnen Arbeitsschritten geeignete Schutzhandschuhe finden.

Wichtig: Der Schutzhandschuh aus Nitrilkautschuk ist ein Einweghandschuh! Das MMA ist so aggressiv, dass der Handschuh nach dem ersten Kontakt nur ca. 2,5 Minuten noch seine Aufgabe erfüllt! Nach dieser sogenannten Durchbruchszeit des Handschuhs ist dieser zwar für unser Auge unbeschädigt, ist aber chemisch so zerstört, dass er das MMA problemlos auf die Haut durchlässt. Das müssen die Mitarbeiter, die damit arbeiten, wissen! Sonst wiegt man sich in Sicherheit, badet die Finger noch im Monomer, weil man denkt, ich bin ja geschützt. Aus diesem Grund ist das kontaktfreie Arbeiten dem Tragen der Handschuhe vorzuziehen.

Bei der Polymerisation verbinden sich Monomer und Polymer zu langen Kohlenstoffketten. Damit der Restmonomergehalt möglichst gering ist, also nicht gebundenes Monomer, muss das Verhältnis Monomer zu Polymer nach Verarbeitungsanleitung beim Anmischen genau eingehalten werden. Wird zu viel Flüssigkeit verwendet (damit es nicht so schnell hart wird), befindet sich das nicht gebundene Monomer im Werkstück und gefährdet den Zahntechniker beim weiteren Ausarbeiten und dann nach der Fertigstellung eventuell auch den Patienten.

Der zweite Komplex, der bei der Verarbeitung von MMA betrachtet werden muss, ist der Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) von 210 mg/m3 in der Luft. Die TRGS 900 legt darüber hinaus eine Spitzenbegrenzung mit dem Überschreitungsfaktor 2 (I) fest. Dies bedeutet, dass die Konzentration dieses Stoffes in der Luft am Arbeitsplatz im Mittel über den Zeitraum von 15 Minuten nicht höher sein darf als das Zweifache des AGWs, maximal vier Mal pro Schicht mit Abstand von einer Stunde.

Achtung: Arbeitet eine werdende Mutter mit diesem Stoff, darf der AGW nicht überschritten werden, da sonst eine Fruchtschädigung nicht ausgeschlossen werden kann. Das zieht eine besondere Verantwortung für den Arbeitgeber für diese besonders schutzbedürftigen Mitarbeiterinnen nach sich.

Um die Exposition in der Luft so gering wie möglich zu halten, sind folgende Schutzmaßnahmen umzusetzen:

  • Verarbeitungsreste mit zur Polymerisation geben, Behältnisse verschließen
  • Arbeitsplatzabsaugung benutzen (Fortluft oder geeigneter Filter – z. B. Aktivkohleeinsatz in vorhandener Absaugung)
  • Raumlüftung
  • Betriebsanweisung und Unterweisung
  • Bei Bedarf: arbeitsmedizinische Vorsorge Haut

Die BG ETEM hat seit 1990 über 100 Messungen in über 50 Betrieben bei der Verarbeitung von MMA durchgeführt (Abb. 1). Der Maximalwert lag in der Spitze bei 95 mg/m3, der Arbeitsplatzgrenzwert wurde also immer eingehalten! Es ist jedoch zu erkennen, dass eine entsprechende Absaugung die Belastung deutlich verringert.

  • Abb. 1: Messungen der Luftbelastung bei der Verarbeitung von MMA. © BG ETEM, Expositionsbeschreibung Verarbeitung Methylmethacrylat haltiger Kunststoffmassen im Dentallabor, 10.03.2015
  • Abb. 2: Schädigung der Haut: Allergie infolge MMA-Einwirkung. © casi/Fotolia.de
  • Abb. 1: Messungen der Luftbelastung bei der Verarbeitung von MMA. © BG ETEM, Expositionsbeschreibung Verarbeitung Methylmethacrylat haltiger Kunststoffmassen im Dentallabor, 10.03.2015
  • Abb. 2: Schädigung der Haut: Allergie infolge MMA-Einwirkung. © casi/Fotolia.de

Fazit zum MMA

Der Arbeitsplatzgrenzwert ist bei guter Lüftung und entsprechender Absaugtechnik gut in den Griff zu bekommen. Die dermale Exposition, also der Kontakt mit der Haut, ist wegen der hautreizenden Wirkung und vor allem der Gefahr der Sensibilisierung und Allergieentstehung unbedingt zu vermeiden. Es besteht eine hohe dermale Gefährdung, die sich leider auch an den Zahlen der Berufserkrankungen, die von der BG ETEM anerkannt werden, ablesen lässt. Wer als Zahntechniker an dieser Allergie leidet, muss in den meisten Fällen den Beruf verlassen (Abb. 2).

2. Quarz

Quarz ist ein weiterer Stoff, der im Arbeitsleben des Zahntechnikers Gefahren mit sich bringt. Quarz und Cristobalit sind wesentlicher Bestandteil von Einbettmassen. Die Gefährdung geht jedoch nicht von der ausgehärteten Einbettmasse aus, sondern vom Staub. Quarzstäube sind als krebserzeugend Kategorie 1 eingestuft. Das bedeutet, dass diese Wirkung auch beim Menschen nachgewiesen ist. Die Staubexposition besteht z. B. beim

  • Umfüllen von Gebinden,
  • Anrühren der Massen,
  • Ausbetten und Strahlen.

Umfüllen von Gebinden: Darauf sollte möglichst verzichtet werden. Besser ist es, Portionspackungen zu verwenden (ist auch besser für die Einbettmasse – sie entmischt sich nicht bei der Lagerung). Mindestens zwei Hersteller bieten eine Einbettmasse an, die staubreduziert ist. Dies merkt man schon, wenn man das Pulver in den Becher gibt. Es entsteht wesentlich weniger Staub.

Anrühren: Als Schutzmaßnahme ist eine Partikelschutzmaske FFP2 beim Anrühren zu tragen. Um weniger Staub entstehen zu lassen, hilft es auch, die Masse nur kurz durchzuspateln und dann gleich ins Vakuumanrührgerät zu stellen.

Ausbetten: Dabei beginnt der Staub wieder seine Wirkung zu entfalten. Hier hat sich als Sicherheitsmaßnahme bewährt, die Muffel nach dem Auskühlen gut zu wässern. Ein Staub kann so erst gar nicht entstehen.

  • Abb. 3: Undichte Stulpen erhöhen das Staubrisiko in der Raumluft. © Werner Hebendanz

  • Abb. 3: Undichte Stulpen erhöhen das Staubrisiko in der Raumluft. © Werner Hebendanz
Strahlen: Beim nächsten Arbeitsschritt ist die Aufmerksamkeit auf das Strahlgerät zu richten. Ist es wirksam abgedichtet, sind die Eingriffstulpen dicht (Abb. 3)? Denn nur dann bin ich beim Abstrahlen sicher, dass keine Stäube nach außen treten. Zu beachten ist, dass sich bei Umlaufstrahlern, wie sie häufig für das Ausbetten von Modellgussarbeiten verwendet werden, mit der Zeit Quarz anreichert. Das heißt, die Quarzstäube werden immer wieder umgewälzt.

Besondere Maßnahmen sind auch bei der Reinigung der Strahlgeräte notwendig. Es ist auf eine sachgerechte und staubarme Entsorgung der Filter zu achten. Hier ist auch das Tragen der Partikelschutzmaske FFP2 notwendig. Denn gerade bei diesem Arbeitsprozess ist mit einer erhöhten Exposition an Staub zu rechnen.

Welche Folgen kann das Einatmen von Quarzstaub haben?

  • Atemnot, Husten, Auswurf, eventuell Brustschmerz
  • Veränderungen im Lungengewebe
  • Staublungenerkrankung (Silikose)
  • Bei Vorliegen einer Silikose in Einzelfällen Entstehung von Lungenkrebs möglich

Fazit Quarz

Quarzstäube sind gefährlich. Die Maßnahmen zum Schutz sind ohne großen Aufwand umzusetzen, man muss sie nur kennen. Bitte sorgen Sie als Meister dafür, dass Ihre Mitarbeiter davon in einer Unterweisung Kenntnis bekommen, und kontrollieren Sie die Umsetzung stichprobenartig.

3. Cobalt

Cobalt ist Bestandteil der NEM-Legierung, die schon seit vielen Jahren im Bereich der Modellgussprothesen verarbeitet wird. In den vergangenen Jahren wurden die Edelmetalle im Bereich der Kronen- und Brückentechnik vielfach aus Kostengründen mit NEM-Legierungen ersetzt. Die Verwendung von cobalthaltigen Legierungen hat damit zugenommen.

Cobalt als Metall ist als krebserzeugend Kategorie 2 eingestuft. Das bedeutet, dass der Stoff als krebserzeugend für den Menschen angesehen werden sollte, da hinreichend Anhaltspunkte, die vor allem aus Tierversuchen resultieren, für die begründete Annahme bestehen. Auch wenn der Nachweis für den Kausalzusammenhang der Exposition eines Menschen gegenüber dem Stoff und der Entstehung von Krebs noch nicht erbracht ist (im Gegensatz zu „krebserzeugend Kategorie 1“), so sind dennoch im Labor Schutzmaßnahmen für die Mitarbeiter zu treffen. Als Laborleiter sollte man sich die Frage stellen: Wo besteht im System Potenzial zur Minimierung der Cobalt-Konzentration? Zudem kann gesagt werden, dass der politische Wille besteht, die Grenzwerte für krebserregende Stoffe in nächster Zeit deutlich zu senken, also zu verschärfen.

Messungen haben ergeben, dass an einem NEM-Arbeitsplatz pro Jahr ein Kilogramm NEM-Staub anfällt. Das entscheidende Element ist hier die Arbeitsplatzabsaugung. Die BG ETEM hat zusammen mit den Herstellern von Absauganlagen nach dem Prüfgrundsatz GS-IFA-M 20 eine Expositionsbeschreibung erarbeitet, in der

  • die strömungstechnische Optimierung der Erfassungseinrichtungen,
  • die Festlegung des Abscheidegrades auf die Staubklasse M und
  • die Optimierung der Gerätetechnik

beschrieben sind. Durch die Optimierung der Erfassungseinrichtung ist es gelungen, mehr Staub zu erfassen als mit herkömmlichen Anlagen.

  • Abb. 4: DGUV Test-Zeichen „staubtechnisch geprüft“. © Werner Hebendanz

  • Abb. 4: DGUV Test-Zeichen „staubtechnisch geprüft“. © Werner Hebendanz
Die geprüften Anlagen sind an einem speziellen DGUV-Zeichen zu erkennen (Abb. 4). Die Geräte sind in der Expositionsbeschreibung aufgelistet, die Sie auf der Website der BG ETEM über diesen Weg finden: www.bgetem.de > Arbeitssicherheit/Gesundheitsschutz > Themen von A-Z > Brancheninformationen > Feinmechanik > Dentaltechnik > Expositionsbeschreibungen.

Fazit Cobalt

Bei Neuanschaffung von Absauganlagen sollte man auf dieses Zeichen achten, um eine staubtechnisch geprüfte Anlage zu kaufen – und damit ein Gerät, das dem Stand der Technik entspricht und einen bestmöglichen Schutz für die Mitarbeiter bietet.

Den letzte Beitrag dieser Serie zum Thema "Strom und Gas - die unterschätzten Gefahren" finden Sie unten verlinkt.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: ZTM Werner Hebendanz

Bilder soweit nicht anders deklariert: ZTM Werner Hebendanz



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