Laborführung

Die Ausbildung in Spanien – Formación profesional de Prótesis dental

Teil 4 - Spanien: Wie man außerhalb Deutschlands zum Zahntechniker wird

26.06.2018

Wer vom Auswandern träumt ... vielleicht als Zahntechniker auf Mallorca arbeiten?
Wer vom Auswandern träumt ... vielleicht als Zahntechniker auf Mallorca arbeiten?

Im Rahmen unserer kleinen Serie über die Zahntechniker-Ausbildung in unseren Nachbarländern führte uns die Reise bereits nach England, Österreich und in die Schweiz. Heute steht nun Wissenswertes rund um die zahntechnische Ausbildung in Spanien im Fokus.

Costa Brava, Pyrenäen, Baskenland, Kanaren und Barcelona…, so abwechslungsreich wie die Landschaften sind auch die kulturellen Gegebenheiten und die sprachliche Vielfalt des bei Deutschen nach wie vor so beliebten Urlaubslandes. Doch neben all den offenkundigen Werten berichten die Schlagzeilen über die iberische Halbinsel nicht nur über positive Sachverhalte: Die Hindernisse bei der Regierungsbildung im vergangenen Jahr, katalanische Separationsbewegungen sowie die seit 2008 herrschende Wirtschaftskrise, die – wie auch in Deutschland spürbar wurde – nicht wenige Arbeitnehmer zum Auswandern, gern auch in unsere Regionen, getrieben hat. Und tatsächlich sind in einigen zahntechnischen Laboren spanische Jungtechniker erschienen. Welche Voraussetzungen jedoch bringt ein solcher Arbeitnehmer mit bzw. welche Ausbildung hat er in seinem Herkunftsland durchlaufen?

Bildungssystem in Spanien

Grundsätzlich besteht in Spanien eine allgemeine 10-jährige Schulpflicht, die sich in „Educación Primaria“ (6 Jahre) sowie „Educación Secundaria Obligatoria (ESO)“ (4 Jahre) unterteilt. Der erfolgreiche Abschluss dieser Sekundarstufe, welche spanische Schüler meistens mit 16 Jahren beenden, dient gleichzeitig als Grundlage für den Zugang zu den Berufs- und Oberschulen. Nach Abschluss der ESO und damit der allgemeinen Schulpflicht bieten sich 2 Möglichkeiten. Entweder man besucht die 2-jährige Oberstufe, die zum „Bachillerato“ (vergleichbar mit dem deutschen Abitur) und damit zur Hochschulreife führt. Im Unterschied zu Deutschland ist für den Erhalt des „Bachillerato“ keine gesonderte Abschlussprüfung nötig; es gilt die Benotung des letzten Zeugnisses. Alternativ wählt man den „Ciclo Formativo“, den Berufsbildungszweig, der sich wiederum in „Grado Medio“ und „Grado Superior“ unterteilt. Bei erfolgreichem Abschluss erreicht man den Titel „Técnico“ oder „Técnico Auxiliar“, auf dem man weiter aufbauen kann, um dann den Titel „Técnico Superior“ zu erzielen. Dieser wiederum bietet die Möglichkeit zu einem Studium im gleichen Fachgebiet. In Spanien sind 30% der Studienplätze für berufsbildende Zweige reserviert.

„Verschulte“ Berufsausbildung (fast) ohne praktischen Bezug

Die Installation des dualen Ausbildungssystems, so wie wir es in Deutschland kennen und voraussetzen, steckt in Spanien noch in den Kinderschuhen und stand bis dato kaum im Focus von Politik und Berufsbildung. Zusätzlich erschwert wird die Einführung der dualen Ausbildung dadurch, dass es in Spanien weder eine vergleichbare Art von Berufsbildungsgesetz gibt noch die Zusammenarbeit auf oberster politischer Ebene zwischen Arbeitsministerium und Bildungssektor gut verzahnt ist. Die spanische Berufsausbildung ist beinahe komplett verschult, d.h. der Großteil der Ausbildung findet theoretisch in der Berufsschule oder in Ausbildungszentren statt. In der Konsequenz fehlt aufgrund dieses Systems fast vollständig der praktische Bezug, was besonders bei den Handwerksberufen negative Folgen hat und dem Niveau handwerklichen Könnens erschwerte Chancen der Entwicklung lässt. Langsam wird, auch durch die Mitarbeit von Institutionen wie der „Cámara de Comercio Alemana para España“, der Deutschen Handelskammer in Spanien und einigen anderen Stiftungen, Vereinen und Kooperationen, gemeinsam mit einheimischen Firmen, die diesem Weg offen gegenüberstehen, der Gedanke des dualen Ausbildungssystem implementiert und andeutungsweise umgesetzt. Nicht zuletzt gegen den Widerstand der in der Gesellschaft verankerten Gewohnheiten und Bräuche. Denn aufgrund historischer Entwicklungen ist der hohe Stellenwert einer Berufsausbildung bislang noch nicht in den Köpfen der Spanier fixiert.

Universitäre Ausbildung wird bis dato bevorzugt

Ein Kammersystem (Handwerkskammern) wie in anderen europäischen Ländern gibt es in Spanien nicht. Regionale Handwerkervereinigungen übernehmen hier die Vertretung der Interessen der einzelnen Gewerke; für die Zahntechniker gibt es über unterschiedliche Internetseiten Angebote und Hilfe hinsichtlich Versicherungen verschiedenster Art, Job- und Materialbörsen, Kursangebote, Messetermine usw. Seitens der Unternehmen gibt es bisher noch kaum Initiativen Nachwuchs zu fördern, geschweige denn einen Auszubildenden mit einer Ausbildungsvergütung zu motivieren, fachlich zu entwickeln und an seinen Betrieb zu binden. Aber auch Familien und Heranwachsende sehen in einer Berufsausbildung bislang noch keine Alternative zum Studium. Dass dieser Weg für viele Jugendliche Grundlage für eine positive berufliche Entwicklung und den Ein- und Aufstieg im Arbeitsmarkt darstellen kann, wird nicht erkannt. Eine universitäre Ausbildung – sprich Studium – wird weiterhin bevorzugt. Wer nach der Schule den Sprung ins Studium nicht schafft, wird versuchen, direkt eine Arbeitsstelle zu finden, um möglichst schnell Geld zu verdienen. Der Mangel an einer fundierten praktischen Ausbildung führt nicht zuletzt zum Mangel an Fachkräften, was sich wiederum negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung und Qualität der Leistungen auswirkt.

Was heißt das nun konkret für die Zahntechniker-Ausbildung?

Das spanische Ministerium für Bildung, Kultur und Sport legt auf nationaler Ebene die Mindeststandards und Rahmencurricula (real decreto) für die Berufsbildung fest. Diese Inhalte unterliegen tatsächlich nur einem sehr allgemeinen Rahmen. Die weitere Ausgestaltung der Curricula sowie die Umsetzung der Berufsbildung obliegen den comunidades autónomas, den einzelnen Bundesländern, bzw. sogar den einzelnen Berufsschulen und Ausbildungszentren, was ein buntes Sammelsurium an unterschiedlichen Auslegungen und Ausbildungen zur Folge hat.

Zahntechniker (Técnico Superior en Prótesis Dental) kann in Spanien derjenige sein, der eine höhere Berufsausbildung (Grado Superior) absolviert hat. Auch in diesem Berufszweig erfolgt die Ausbildung schulisch, d.h. über Kurse bzw. Ausbildungsgänge, die in unterschiedlichen Ausbildungszentren, -einrichtungen, Universitäten, als Direktausbildung oder Fernstudium in den verschiedenen spanischen Provinzen zu unterschiedlichen Bedingungen im Rahmen der staatlich vorgegebenen Mindeststandards angeboten werden. Lernort ist die Berufsschule, die bestenfalls Werkstätten und Ateliers für die praktischen Unterweisungen bietet.

Die Ausbildungsdauer beträgt ca. 2 Jahre. Verpflichtend ist ein abschließendes Praktikum (Dauer ca. 200 Stunden) in sogenannten Arbeitszentren. Schüler, die den schulischen Teil beendet haben, werden im Anschluss von den meisten Ausbildungszentren in Praktika vermittelt. Die Kosten der Ausbildung (Berufsschule) müssen vom Auszubildenden getragen werden. Im Rahmen des Praktikums können jedoch durchaus Ausbildungsvergütungen an den Auszubildenden gezahlt werden. Als Zugangsvoraussetzung für die Ausbildung zum Zahntechniker ist es nicht ausreichend, die 10. Klasse absolviert zu haben. So muss der angehende Auszubildende entweder das „Bachillerato“ (die nach Absolvierung der 2-jährigen Oberstufe erworbenen Hochschulreife) vorweisen, bereits im Besitz eines Titels „Técnico Superior“ oder eines Universitätskurses sein, den universitären Orientierungskurs bestanden haben oder eine Zugangsprüfung für die höhere Berufsausbildung bestanden haben. Gelegentlich wird ein Mindestalter von 20 Jahren oder 19 Jahren zzgl. Basis-Berufsausbildung (Grado Medio) vorausgesetzt.

Ausbildungsinhalte, Weiterbildungs- und Berufschancen

Folgende Inhalte werden im Rahmen der Ausbildung vermittelt, was dem allgemeinen, vom Ministerium herausgegebenen Rahmenplan entspricht:

  • Organisation, Verwaltung und Management eines Dentallabors
  • Produktdefinition, Organisieren, Programmieren und Kontrollieren der Herstellung von Zahnersatz
  • Gestaltung von Prothesen und kieferorthopädischen Geräten
  • Herstellen, Modifizieren und Reparieren von herausnehmbaren Prothesen aus Kunststoff, von Teilprothesen aus Metall, von festsitzendem Zahnersatz, von kieferorthopädischen Geräten sowie von kombiniertem und implantatgetragenem Zahnersatz

Am Ende des Kurses stehen Prüfungen an (pruebas libres), die jährlich vom Bildungsministerium in den autonomen spanischen Regionen einberufen werden. Mit dem Abschluss als Zahntechniker (Técnico Superior) wird zugleich die Hochschulzugangsberechtigung erworben.

Nach der Ausbildung besteht außerdem die Möglichkeit, weiterführende Studien zur beruflichen Spezialisierung zu unternehmen. Der „Protésico dental” kann nach Abschluss der Lehre als Zahntechniker, Techniker für festsitzenden Zahnersatz, Techniker für herausnehmbaren Zahnersatz bzw. Techniker für Kieferorthopädie, wie in Deutschland auch, als Angestellter in zahntechnischen Laboren, Kliniken oder Dental-Depots arbeiten sowie, entsprechend der Gesetzgebung, sein eigenes Dentallabor gründen.

Annett Zosel-Seeger

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