Laborführung


Wenn der Schmerz im Rücken pocht – beruflich bedingte Haltungsschäden des Zahntechnikers

Abb. 1: Nachteile des Sitzens
Abb. 1: Nachteile des Sitzens

Der chronische Rückenschmerz ist eines der am häufigsten auftretenden, am wenigsten verstandenen, am vielfältigsten therapierten und am teuersten Krankheitsbilder moderner Industriegesellschaften. Allein in Deutschland werden rund 25 Milliarden Euro jährlich für die Behandlung von Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems (stat. Bundesamt 2002) ausgegeben. Zumeist sind die

Haltungsschäden beruflich bedingt und beruhen auf einem falschen Alltagsverhalten. Dieses verursacht eine chronische Überbelastung und führt zur Verspannung vor allem der Muskulatur und der Gelenke – besonders der kleinen Wirbelgelenke. Die Therapie richtet sich streng nach erhobenem Befund – der Aktualitätsdiagnose. Der Prävention kommt dabei eine große Bedeutung zu.

Funktionsstörungen im Bewegungssystem stehen an erster Stelle bei den Verursachern von Schmerzen; dies besonders beim Nacken-Schulter-Rückenschmerz. Diese Schmerzen, mit Ausstrahlung in die Arme und/oder Beine, finden sich auch häufig bei Mitarbeitern im zahntechnischen Bereich, deren stehenden und sitzende Haltung mit häufig gebeugtem Rücken und die Tätigkeit mit abgewinkelten Armen Muskelverspannungen im Schulter- und Nackenbereich begünstigt. Der Rükkenschmerz ist die gesunde Antwort mündiger Bürger auf die pathologische Leistungsgesellschaft. Rückenschmerz bedeutet keine nosologische Entität, sondern stellt ein Konglomerat unterschiedlicher Krankheitsbilder sowie Funktions- und Strukturbefunde dar. Beim Rückenschmerz bestimmen arthrogene und muskuläre Komponenten das Beschwerdebild.

Neuere Untersuchungen zeigen, daß Angst vor Schmerz und unser Verhalten unter Schmerz uns mehr beeinträchtigen, als der Schmerz selbst. Dadurch entsteht so genanntes Angstvermeidungsverhalten – wir schonen uns quasi krank. Effiziente Strategien der Rückenschmerztherapie müssen neben der sorgfältigen Diagnostik (Aktualitätsdiagnose, Kenntnis von Mechanismen der Schmerzentstehung und Chronifizierung) insbesondere auch moderne multimodale Therapiekonzepte beinhalten.

DIE URSACHEN

Die Ursachen vieler Rückenschmerzen sind nichts anderes als die Folgen falschen Alltagsverhaltens

  • Bewegungsmangel
  • zu langes oder falsches Sitzen, Liegen, Heben und Tragen, Gehen und Stehen
  • ergonomisch schlechte Arbeitsplätze

  • Abb. 2: Der richtige Umgang mit dem Bürostuhl

  • Abb. 2: Der richtige Umgang mit dem Bürostuhl


Zu fordern ist
  • Abb. 3: Der Brüggersitz

  • Abb. 3: Der Brüggersitz
eine interdisziplinäre Therapie, sonst droht die Gefahr eine Chronifizierung. Die Therapieschritte richten sich streng nach dem erhobenen Befund (Aktualitätsdiagnose) – medikamentöse Behandlung, Krankengymnastik, Elektrotherapie. Trotz aller empirischen Erkenntnisse fällt es offensichtlich außerordentlich schwer, im alltäglichen Krankheitsverständnis nicht nur physikalische und biologische Einflüsse, sondern auch Störungen des sozialen Umfeldes und des Erlebens als pathogene Wirkfaktoren zu integrieren. Doch es bestehen auch Möglichkeiten, Haltungsschäden und damit auch Rückenschmerzen von vorneherein zu vermeiden.

ZIELE

Therapieziele bei Rückenschmerzen

  • Schmerzlinderung
  • Funktionswiederherstellung oder Funktionsverbessung im Alltag und Beruf
  • Prävention einer Chronifizierung

Schaffung ergonomischer Arbeitsplätze

Für den Arbeitsplatz eines Zahntechnikers gilt, was auch auf den Arbeitsplatz einer Schreibkraft zutrifft: Die Arbeitsplatte sollte in Höhe des Oberschenkels sein, damit durch eine ständiges Anheben der Arme eine Überlastung der Schulter-Nakken-Muskulatur verhindert wird. Außerdem ist es wichtig, die Unterarme abzustützen, damit diese nicht in eine ermüdenden Beugung fallen (Abb. 2).

Selbstübungsprogramme

Für Selbstübungen eignen sich besonders der Brüggersitz (siehe Abb. 3) und der „Kurze Fuß nach Janda“ (Übungs-DVD und Script beim Autor erhältlich). Diese, rund eine Minute dauernden Übungen, sollten regelmäßig in den Arbeitsalltag eingebaut werden, frei nach dem Motto: lieber einen Brügger-Sitz üben, als eine Zigaretten rauchen. Auch für die einzelnen Muskulaturfunktionsstörungen gibt es gezielte Hausaufgabenprogramme. Diese müssen allerdings vom Therapeuten gezeigt und kontrolliert werden. Eine weitere Möglichkeit ist die Elektrotherapie mit TEN-Geräten. Bei den Selbstübungen spielt die exakte Anleitung durch den Therapeuten (Arzt / Krankengymnast) eine entscheidenden Rolle für den Erfolg der Therapie.

WICHTIGE REGELN

  • Keine Sitzhaltung ist so gut, daß man sie länger einnehmen sollte.
  • Sitzen Sie so wenig wie möglich am Tag, stehen Sie öfter auf und verschaffen sich Bewegung.
  • Wählen Sie eine aktive Sitzhaltung und führen Sie Bewegungspausen durch – die Bandscheibe lebt von der Bewegung.

  1. Die Beine sind geöffnet, das Becken kippt etwas nach vorne, das Kinn zieht Richtung Brustbein.
  2. Die Fingerspitzen ziehen Richtung Boden.Nacken strecken und zur Decke wachsen.
    7 Sekunden halten. 
    5 x wiederholen
  3. Nacken strecken und den Kopf langsam zur Mitte zurück. Locker lassen. Nacken wieder strecken, Kopf langsam nach links drehen – kurz halten, langsam wieder zur Mitte.
    3 x pro Seite
  4. Beide Hände an den Hinterkopf legen. Das Kinnzieht Richtung Brustbein und mit dem Kopf Druckgegen die Hände ausüben.
    7 Sekunden halten, locker lassen.
    5 x wiederholen
  5. Beide Hände schulterbreit auf den Schreibtisch legen, die Ellenbogen nach außen anwinkeln. Mit beiden Händen Druck auf den Schreibtisch ausüben und dabei nach oben wachsen.
    5 x wiederholen
Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. med. Wolfgang Bartel

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. med. Wolfgang Bartel