Laborführung

Den eigenen Markt mit der Aligner-Therapie weiterentwickeln

Zeit für andere Wege

Analyse der Zahnsituation für die Aligner-Therapie.
Analyse der Zahnsituation für die Aligner-Therapie.

Wo liegen noch ungehobene Schätze, die sich für das Labor nutzen lassen? ZTM Michael Anger ist dieser Frage nachgegangen. Er hat sich die Gipsmodelle in seinem Betrieb angeschaut und dabei ein hohes Potenzial für einfache Stellungskorrekturen im Zahnbogen festgestellt. Wie er hierfür ein neues Geschäftsfeld etabliert, stellt er den Lesern wie folgt vor.

Jeder Zahntechniker kennt es! Man bekommt einen Arbeitsauftrag ins Labor – gleich ob für eine einfache Krone, eine Prothese oder Implantatversorgung, gießt die Modelle aus … und wundert sich spätestens beim Entformen, wer sich was dabei gedacht hat. Dann schnell nochmals den Auftragszettel checken: Sind da noch weitere Restaurierungen geplant? Werden die anderen Zähne möglicherweise in weiteren Schritten behandelt und man soll das berücksichtigen?

Hmmm – da steht nichts, also lieber vorsichtig in der Praxis nachfragen …. Wir geben eventuell den kleinen Hinweis, dass es Schwierigkeiten mit der Okklusion geben könnte oder dass der Wunsch des Patienten nach geraden Zähnen, wie auf dem Auftragszettel vermerkt, bei der Restbezahnung ohne weitere Maßnahmen schwierig werden könnte (Abb. 1).

  • Abb. 1: Modell für eine einzelne Seitenzahnkrone mit stark verschachtelter Front.
  • Abb. 1: Modell für eine einzelne Seitenzahnkrone mit stark verschachtelter Front.
    © Anger

Fast jeder, so scheint mir, hat solche Fälle nahezu täglich auf dem Tisch. Wir sind nun nicht dazu da, den Zahnarzt als unseren Kunden zu kritisieren, und das darf auch kein Ansatz für eine vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit sein, aber ein Gespräch sollte man dann dennoch – oder gerade dann – suchen, wenn man eine Lösung anzubieten hätte.

Hier setzt mein folgend vorgestellter Gedanke an. Zunächst kann aber ein Anruf beim Zahnarztkunden klären: Vielleicht wurde das Problem der Zahnschachtelstellung übersehen oder der Patient war nicht bereit, sich für eine neu einzustellende Funktion gesunde Zähne präparieren zu lassen? Alles verständlich! Aber für einfache Fälle gibt es eine Lösung, bei der wir als Zahntechniker tätig werden können.

Das Thema KFO einbringen

Für viele Zahnärzte und noch mehr Zahntechniker ist der Bereich der KFO, der oft Abhilfe schaffen könnte, so weit in den Hintergrund getreten, dass er kaum noch in mögliche Behandlungskonzepte einbezogen wird. Schließlich gibt es sowohl im Zahnarzt- als auch Laborbereich KFO-Spezialisten, die sich mit diesem Thema beschäftigen, und wir denken, es ist nicht unsere „Baustelle“? Die KFO ist tatsächlich ein sehr individuelles und abgetrenntes Gebiet.

Es gibt Fälle, an die ich mich als Allgemeintechniker nicht heranwagen würde und bei denen ich auch mit dem Zahnarzt konform gehe, der sagt, es solle ein Spezialist hinzugezogen werden. Aber es gibt eben auch die anderen Fälle: unkomplizierte Stellungskorrekturen im Frontzahnbereich, die relativ einfach zu lösen wären, wenn man nur wüsste wie …

Eine praktikable Lösung

Seit Langem haben sich immer mehr große Firmen auf die Aligner-Therapie, also KFO-Therapie mit Schienen, spezialisiert. Lange war dies aber streng lizensiert und patentrechtlich geschützt. Doch seit einiger Zeit kann auch diese Disziplin von jedem geschulten Dentallabor in der digitalen Inhouse-Fertigung angeboten und ein solcher Fall gelöst werden.

Vielleicht ist gerade jetzt eine gute Zeit dafür, sich in dieses Thema einzuarbeiten …? Da das entsprechende Modul derzeit in meiner Lieblingssoftware noch nicht zur Verfügung steht, habe ich mich entschlossen, mich dem simplydent®-Laborverbund anzuschließen. Dieser wurde für die digital unterstützte Korrektur mit Schienen ins Leben gerufen und ist eine Marke der Firma Denseo.

Die hierbei verwendete KFO-Software ist OnyxCeph 3TM, welche von vielen Kieferorthopäden und zahntechnischen Spezialisten bereits seit Jahren verwendet wird und daher gut anwendbar, erprobt und praktikabel ist. Mit simplydent habe ich ein komplettes Paket inklusive Materialien, Marketing, Verpackungen usw. gefunden und fühle mich hier gut aufgehoben.

Natürlich gehören, wie bei jeder Technik oder Software, die man erlernen möchte, eine vernünftige Einweisung sowie entsprechende Weiterbildungen mit dazu. Hier habe ich nach einer 6-stündigen Grundschulung dann begonnen, meine ersten Fälle zu planen. Darüber hinaus kann der Kontakt mit Kollegen, die sich ebenfalls mit diesem Thema beschäftigen und vielleicht schon ihre eigenen Erfahrungen gemacht haben, nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Wie geht man dies jetzt konkret an?

Der Zahnarzt als unser Kunde weiß vielleicht noch gar nicht, dass wir ihm dies auch anbieten können? Der Patient hat möglicherweise noch nie darüber nachgedacht, dass seine Zahnstellung relativ unkompliziert korrigiert werden könnte, und wenn doch, wusste er nicht wo und wie?

Also gehe ich einmal durch mein Labor, schaue in jede Schale und begutachte jedes Modell nochmals aus diesem Blickwinkel heraus. Auch meine Mitarbeiter habe ich gebeten, sich alle Arbeiten, die sie auf den Platz bekommen, unter diesem Gesichtspunkt anzuschauen und sie mir vorzustellen.

Dies können Gegenbisse laufender Arbeiten sein, Modelle für Schienen oder das Frontzahngebiet des Kiefers, in dem ich gerade eine Seitenzahnkrone anfertige, und anderes mehr. Es sind so unfassbar viele Fälle, habe ich festgestellt, in denen ich zumindest eine kleine Frontzahnkorrektur anbieten könnte (Abb. 2 u. 3).

  • Abb. 2: Oberkiefer mit lückigem Frontzahnbestand.
  • Abb. 3: Oberkiefer mit lückigen und gedrehten Frontzähnen.
  • Abb. 2: Oberkiefer mit lückigem Frontzahnbestand.
    © Anger
  • Abb. 3: Oberkiefer mit lückigen und gedrehten Frontzähnen.
    © Anger

Und genau das mache ich jetzt! Die von mir ausgewählten Gipsmodelle werden nebenher in der freien Zeit gescannt, denn da es hierfür keinen Auftrag gibt, besteht kein Zeitdruck. Hierfür kann jeder normale Laborscanner zur Anwendung kommen.

In Zukunft gehe ich davon aus, dass solche Daten wohl nur noch aus Mundscans generiert werden, um dem Patienten das Prozedere so angenehm wie möglich zu machen. Nachdem die Modelle digitalisiert sind, werden sie in der Software in verschiedenen Arbeitsschritten digital behandelt und alle Zähne einzeln identifiziert (Abb. 4). Das funktioniert recht gut mit einem Klick, und im Ergebnis sind die Zähne alle einzeln bewegbar.

  • Abb. 4: Vorbereitete und digital gesockelte Modelle mit einzeln definierten Zähnen zur freigestellten Bewegung.
  • Abb. 4: Vorbereitete und digital gesockelte Modelle mit einzeln definierten Zähnen zur freigestellten Bewegung.
    © Anger

Der Anwender stellt jetzt alle Zähne so in Reihe, dass das gewünschte Bild entsteht. Die Software unterteilt die Gesamtbewegung der Zähne automatisch in einzelne Bewegungsschritte („Steps“). Dabei folgt die Orientierung vorher bestimmten Grenzwerten, und es kommt zur Einteilung der einzelnen Bewegungsschritte in unterschiedliche Stadien (Abb. 5). Die so entstandenen einzelnen Zwischenschritte werden als STL-Daten für die entsprechenden Zwischenmodelle ausgegeben.

  • Abb. 5: Zahnumstellung mit Berücksichtigung der okklusalen und approximalen Kontakte.
  • Abb. 5: Zahnumstellung mit Berücksichtigung der okklusalen und approximalen Kontakte.
    © Anger

Fast jedes Labor hat mittlerweile entweder einen eigenen 3D-Drucker oder Zugang zu Kollegen und Fräszentren, die den Druck als Dienstleistung anbieten. Zunächst wird nur das Modell des gewünschten Endergebnisses gedruckt: Dieses wird mit in die Praxis genommen, um zunächst dem Behandler und dann auch dem Patienten einen ersten Eindruck von der möglichen Endsituation vermitteln zu können (Abb. 6).

  • Abb. 6: Gedruckter Zahnkranz mit der beabsichtigten Endsituation.
  • Abb. 6: Gedruckter Zahnkranz mit der beabsichtigten Endsituation.
    © Anger

In der Anfangsphase – wir können sie auch Werbephase nennen – stellen wir dem Zahnarzt diese Technik durch zwei Modelle vor und präsentieren damit den Ursprungszustand und daneben das mögliche Endergebnis. Das zeigt dieser dann seinerseits seinem Patienten.

Der Patient sollte das Modell auch mit nach Hause nehmen, um alles – auch die zu erwartenden Kosten für diese Zahnstellungsveränderung – mit seiner Familie oder Freunden besprechen zu können. Am Ende sollte sich der Patient sicher sein, ob und dass ihm diese Verbesserung der Ästhetik, aber idealerweise auch der Funktion, die entstehenden Kosten wert ist (Abb. 7 u. 8).

  • Abb. 7: Gegenüberstellung der Ursprungssituation (oben) und der Endsituation (unten).
  • Abb. 8: Vergleich der Situation vor und nach dem Tragen der zweiten von vier Schienen.
  • Abb. 7: Gegenüberstellung der Ursprungssituation (oben) und der Endsituation (unten).
    © Anger
  • Abb. 8: Vergleich der Situation vor und nach dem Tragen der zweiten von vier Schienen.
    © Anger

Die Kalkulation als wichtiger Schritt

Bei der hier gezeigten Patientin wurde eine Therapie mit insgesamt vier Schienen im Oberkiefer begonnen, um die Lücken in der Front zu schließen. Die hierbei entstehenden vergrößerten Abstände zwischen den Eckzähnen und ersten Prämolaren werden im Anschluss zur Stabilisierung der Situation und aus kosmetischen Gründen mit distalen Veneers auf den Eckzähnen versorgt (vgl. Abb. 5).

In der weiteren Zusammenarbeit bieten wir eine komplette Kalkulation für diese Technik wie folgt an:

  1. Befundung und Vorstellung des Endergebnisses zu einem festen Preis.
  2. Ggf. Veränderung und Finalisierung des Endergebnisses zu einem festen Preis.
  3. Je benötigtem Zwischenschritt ein fester Preis für je ein gedrucktes Modell und eine Schiene.

Da wir nur eine Schiene je Zwischenschritt benötigen, gibt es weniger Verwirrung für den Patienten, wann welche Schiene anzuwenden ist, und dies ist auch von den Herstellungskosten leicht zu kalkulieren. Wenn dann die Behebung der Zahnfehlstellung auf diese Weise beschlossene Sache ist und angegangen wird, kann während der Durchführung ein engmaschiges Recall beim Zahnarzt sicherstellen, dass der Patient die Schienen richtig anwendet. Der Zahnarzt begleitet überwachend auch die Wechsel der einzelnen Schienenschritte.

Die neue Leistung anbieten

Für uns als Fachleute ist das Verfahren der Schienentherapie mit Alignern nichts Neues, aber viele Patienten haben dies auch heute noch nie gehört oder es für sich nicht in Erwägung gezogen. Vielleicht wusste man auch nicht, wo man eine solche Behandlung bekommen kann oder ob sie für einen selbst überhaupt infrage kommt und was sie kostet.

Anbieten heißt das Zauberwort! Wir sollten bequem und einfach beim Zahnarzt unseres Vertrauens beginnen. So lässt sich ein konkreter Bedarf wecken und ein „neuer“ Markt erschließen. Ist der Patient einverstanden, ergibt sich eine Win-win-win-Situation für Patient, Zahnarzt und Labor!

Für uns Labore liegt ein Vorteil auf der Hand: Während die großen Anbieter oft wochenlang für einen ersten Vorschlag benötigen und in Zeiten von Corona-Grenzschließungen unter Umständen sogar fast komplett handlungsunfähig werden, können wir als das Labor vor Ort quasi über Nacht mit entsprechenden individuellen Lösungen glänzen. Wir als Labor sind immer schon der Partner unserer Zahnärzte gewesen und möchten diese Partnerschaft auch in diesem Bereich ausweiten und ausbauen.

Das neue Geschäftsfeld zum Erfolg führen

Für ein erstes Hineinschnuppern in diese neuen Techniken empfehle ich ebenso wie bei sonstigen Techniken zunächst einmal, mit Kollegen zusammenzuarbeiten, die ohnehin mein Vertrauen genießen. Dies kann das Labor oder Fräszentrum sein, dem ich auch vorher schon meine Gerüstherstellung anvertraut habe. Für Kleinstbetriebe oder Ein-Mann-Labore mag es sich ebenso wie bei der Anschaffung eines Scanners oder einer eigenen Fräsmaschine für sinnvoller erweisen, sich mit Partnern oder Dienstleistern zusammenzutun, um die Kosten zu minimieren und Know-how einzukaufen.

Das habe ich selbst auch so gehalten und dabei gute Erfahrungen gemacht: Meine ersten Empress-Pressungen habe ich vor vielen Jahren von Kollegen realisieren lassen, bevor ich meinen Markt entwickelt und in eine eigene Anlage investiert habe. Auch bei der Galvano-Technik oder meinen ersten Zirkoniumdioxidgerüsten habe ich mich so an das neue Thema herangetastet und meine ersten Schritte begleitet getan. Das empfiehlt sich nun auch bei der Aufnahme der Aligner-Technik in das eigene Laborprogramm.

Wir als Labor können viel mehr tun, als nur auf Aufträge zu warten und diese zu erfüllen! Wir können mit aktivem Marketing zusammen mit unserem Zahnarzt für und über ihn Bedürfnisse der Patienten wecken und erfüllen und somit einen Mehrwert für alle beteiligten Parteien erbringen.

Es gibt für alles eine Zeit – verschlafen wir sie nicht!

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: ZTM Michael Anger


Passt immer wieder!
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Splint Memory zeichnet sich durch eine hohe thermoplastische Flexibilität aus, durch die eine höchstpräzise Anpassung an die Zahnsituation und entsprechend ein außergewöhnlicher, spannungsfreier Tragekomfort für den Patienten erzielt werden kann.