Laborführung


Zukunft der Zahntechnik zwischen Digitalisierung und Demografie

04.11.2021

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Neben der zunehmenden Digitalisierung wird auch der demografische und gesellschaftliche Wandel Einfluss auf die Zukunft der Arbeit in der Dentalbranche nehmen. Der Umgang mit dieser Entwicklung bedarf eines Kulturwandels, der nicht zuletzt auf richtiger Führung und guter Ausbildung der Mitarbeiter basiert. Nachfolgend wird ein möglicher Weg aufgezeigt, wie die digitale und personelle Transformation des eigenen Unternehmens umgesetzt werden und zum Erfolg führen kann.

Die ganze Branche redet von der Digitalisierung1. Entweder darüber, dass man durch Automatisierung der Arbeitsprozesse den Fachkräftemangel besiegen könnte.

Oder es begegnen einem früher oder später „analoge Nostalgiker“, die mit schrillen Thesen von einer bevorstehenden Massenarbeitslosigkeit durch Maschinenfertigung Angst verbreiten wollen. Stellt man jedoch das Absolutum der beiden Extreme auf einen wissenschaftlichen Prüfstand, so kann man sehen, dass es keinen Grund zur Panik oder zum Ausruhen gibt.

Bestes Beispiel dafür ist der Research Report des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) von Dr. Melanie Arntz, Dr. Terry Gregory und Dr. Ulrich Zierahn: „Digitalisierung und die Zukunft der Arbeit: Makroökonomische Auswirkungen auf Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Löhne von morgen“. Dort heißt es gleich zu Beginn: „In der öffentlichen Debatte wird häufig die Befürchtung geäußert, dass zunehmend Arbeitsplätze durch den Einsatz von digitalen Technologien gefährdet sind. Ferner entstehen durch neue Technologien neue Märkte und Beschäftigungsmöglichkeiten.“

Zwei weitere entscheidende Faktoren müssen zur Vollständigkeit der „Zukunfts-Gleichung“ hinzugefügt werden. Zum einen wäre es die Demografie2, zum anderen der gesamtgesellschaftliche Wandel mit Blick auf die Lohnarbeit, kurz New Work3.

In dieser XYZ-Gleichung kommt es zu einem wenig überraschenden Ergebnis: Es wird sich alles ändern und diejenigen, die diese Transformation gestalten und aktiv für sich nutzen, werden die Gewinner sein – und zwar aufseiten der Arbeitgebenden sowie auch aufseiten der Arbeitnehmenden. Lassen Sie mich Ihnen in den nächsten 3 Absätzen einen kleinen Vorschlag zum Umgang mit dieser komplexen Gleichung machen.

Die Zukunft der Arbeit beginnt nicht in der eigenen Blase

Können wir uns eigentlich noch an die Kongresszeit vor der Corona-Krise erinnern? Ich kann es sehr gut, da ich selbst regelmäßig über 2 Jahre Gast bei sämtlichen Kongress-Formaten war. Im März stand die IDS auf dem Plan, gefolgt vom höchsten dentalen Gipfel Deutschlands und ähnlichen Event-Formaten, die sich im Frühjahr aneinanderreihten.

Durch die Sommerpause unterbrochen, jagte man ab September wieder Woche für Woche von einer Großveranstaltung zur nächsten. Die großen Bühnen wurden aufgrund eines fast seltsam anmutenden Starrummels mit den immer gleichen Referenten besetzt, die mit den immer wiederkehrenden Technik-Themen begeistern konnten. Was mir damals aber immer wieder auffiel, war der immer gleichbleibende Kreis an „Kongress-Touristen“, inklusive meiner eigenen Person.

Das Networking an den Abenden war stets unterhaltsam und die Szene feierte sich quasi selbst. Gespräche drehten sich sehr oft um Technik, ein klein wenig um Berufspolitik, aber zwischen den Zeilen auch sehr oft um das Thema Personal. Als ein bekannter Referent bei einer Veranstaltung in Nürtingen zu mir sagte, dass er mehr gute Leute brauche, und ich von ihm wissen wollte, was er denn dafür tue, war es sofort vorbei mit der Sicherheit und es wurde nachgefragt: „Wie meinst du das?“

Ab dem Zeitpunkt wurde mir klar, dass die Dentalbranche in einer luftdichten Blase lebte und nichts außerhalb des eigenen Kosmos einzudringen vermochte. Die großen Kongresse wurden über Jahrzehnte durch unzählige Produkt-Influencer der Industrie recht einseitig mit deren Themen besetzt.

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    © wsf-f, Fotolia

Einen Hype um personalwissenschaftliche Themen wie People Development, Employer Branding oder Recruiting gab es verständlicherweise nie. Jetzt aber – und nach der Krise stärker denn je – ist der Fachkräftemangel zurück, angeheizt durch eine Sinnhaftigkeits-Debatte der Angestellten um das eigene Leben und um die aktuelle Arbeitssituation. Aus diesem Grund sehe ich die Industrie als Verantwortungs- und Taktgeber für eine neue Fortbildungskultur.

Fortbildung muss neu gedacht und ein breiteres Angebot an Themen geschaffen werden. So könnten sich die Industriepartner und deren Kunden auf einer neuen Ebene treffen und produktübergreifend einen neuen Mehrwert für die gesamte Branche schaffen.

Die Zukunft der Arbeit funktioniert nur mit richtiger Führung

Jedes Unternehmen wird seinen eigenen Weg finden müssen und für sich selbst entscheiden, ob die Tür zur Zukunft aufgestoßen werden muss oder ob ein Spalt reichen wird. Wenn Führungskräfte ihr eigenes Selbstverständnis hinterfragen und mit den Gegebenheiten der Digitalisierung, der Demografie und des gesellschaftlichen Wandels abgleichen, dann wird sich nicht nur der Türspalt vergrößern, sondern auch die Geschwindigkeit des gedanklichen Wandels rapide erhöhen.

Besonders die Generation, die noch im 20. Jahrhundert beruflich sozialisiert worden ist, ist gefordert, sich neu zu orientieren, um das eigene „lebenslange Lernen“ mit den Themen Personal und Führung zu verbinden. Unternehmer alter Schule sollten ihre Verlustängste hinsichtlich Macht und Status überdenken und auf Vertrauen und Eigenverantwortung setzen.

Somit hat das Prinzip „Anweisung und Kontrolle“ ausgedient. Profil gewinnen hingegen Unternehmen und deren Führungskräfte, die in der Lage sind, sich selbst zurückzunehmen und somit den eigenen Mitarbeitenden die Möglichkeit geben, sich erfolgreich zu entwickeln.

Aus diesem Grund sollten die Führungskräfte der Zukunft eher die Position eines Coaches einnehmen, der es den Mitarbeitenden erlaubt, das eigene Potenzial zu erkunden. Mit dieser Herangehensweise können die Mitarbeitenden im Dentallabor der Zukunft ihren eigenen Beitrag zur Wertschöpfung leisten, diesen proaktiv beeinflussen und sich voll und ganz mit dem eigenen Unternehmen identifizieren.

Vieles hängt davon ab, welche Erfahrungen die Belegschaft bislang mit Veränderungen im eigenen Unternehmen gemacht hat und welches Zutrauen sie in einen neuen, digitaleren Kurs fassen kann. Die Menschen in der Dentalbranche können sich aus ihrer intrinsischen Motivation heraus oder weil sie verstehen, dass sie für ihren beruflichen Weg neue Kompetenzen erwerben müssen, von jeher entwickeln und schwierige Situationen meistern. Jetzt ist die Aufgabe von Führung, eine Kultur zu schaffen, in der Veränderung als Chance und nicht als Bedrohung wahrgenommen wird.

Dazu gehört auch, die Vorteile der Transformation für die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens und die beruflichen Chancen der Mitarbeitenden deutlich zu machen. Technologie ist schließlich kein Selbstzweck, sondern nur sinnvoll, wenn sie sich positiv auf alle Teile des Unternehmens auswirkt. Es ist die Aufgabe der Führungskräfte, das eigene Unternehmen in eine freiwillig lernende Organisation zu verwandeln.

Dabei muss die Führung mit einer unterschiedlich ausgeprägten Bereitschaft und Fähigkeit der Belegschaft zum digitalen Wandel umzugehen wissen. Zudem sollten Führungskräfte selbst als Vorbild vorangehen und den neuen Möglichkeiten offen und neugierig entgegentreten.

Unsere Branche hat bereits erkannt, dass der Zug zur digitalen Transformation nicht mehr zu stoppen ist. Aber wann steigt die Zahntechnik in den Zug ein, bei dem der Lokführer partizipierend gegenüber der Boardcrew Dampf macht, um die Zukunft der Arbeit voranzutreiben?

Die Zukunft der Arbeit beinhaltet gute Ausbildung 

In unserer Branche, die das wohl höchste Anforderungsprofil4 an die eigenen Arbeitskräfte hat, ist die größte Position der jährlichen Ausgabenbilanz nicht die Technik, sondern das Personal. Darum ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht der Mensch das wichtigste Investitionsfeld eines Dentallabors und nicht die Maschine. Dabei stehen die Ausbildungsbetriebe der Gegenwart vor neuen großen Herausforderungen: Die gesellschaftliche Ausgangssituation der Babyboomer zur Generation Z wurde durch zahlreiche Krisen und die Digitalisierung des Alltags so stark verändert, dass sich die Erwartungen der jungen Potenziale an das Leben und somit auch an die Arbeit ebenfalls einer Evolution unterzogen haben.

Zudem begrenzt die Demografie den Teil derer, die als zukünftige ArbeitnehmerInnen die „Herausforderung Digital“ und die klassischen Techniken zugleich stemmen könnten. Das beste Rezept, um mit dieser Evolution umzugehen und gegen den Personalmangel anzukämpfen, ist ein Kulturwandel in der Dentalbranche. Unternehmen, die auch noch in 10 Jahren mit Menschen arbeiten wollen, brauchen AusbilderInnen, die ein hohes Maß an pädagogischen und didaktischen Fähigkeiten aufweisen, um die Potenziale für 2025 generieren, motivieren und sichern zu können.

Im heutigen und zukünftigen Ausbildungsbetrieb braucht es keine harten Schleifer mehr, sondern wirkliche Führungskräfte, die aus der Perspektive der angestellten Potenziale heraus die Entwicklung eines und einer jeden ermöglichen. Durch ein hohes Maß an Engagement und auch durch Weiterbildungen der AusbilderInnen lassen sich bei den Auszubildenden von heute und morgen gute bis sehr gute Leistungen erzielen. Dabei steht nicht nur die Vermittlung der technischen Fähigkeiten an 1. Stelle, sondern auch die Sinnhaftigkeit des eigenen Schaffens.

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    © DOC RABE Media, Fotolia

Mit diesen 3 grundsätzlichen Punkten wünsche ich allen Betrieben in der Zahntechnik viel Erfolg bei der digitalen und personellen Transformation des eigenen Unternehmens und somit auch für das Ausbildungsjahr 2021. „Die Absicht muss sein, Arbeit so zu organisieren, dass sie nichts Gezwungenes ist, sondern man Arbeit tut, die man wirklich, wirklich will. Aus diesem Grund müssen wir Arbeitsplätze schaffen, die die Menschen stärken, anstatt sie zu schwächen!“ (Professor Frithjof Bergmann aus Neue Arbeit/Neue Kultur)


Weitere Informationen

1 Digitalisierung bedeutet nicht mehr, als dass bisher analog oder nur teilweise digital laufende Prozesse komplett in Netzwerke, in die Cloud, auf Computer und digitale Kommunikationssysteme verlagert werden. Das Unternehmen arbeitet digitaler, hat sich aber in seinem Kern und in den Geschäftsmodellen nicht wesentlich verändert. Hingegen zielt digitale Transformation weiter – nämlich auf ein grundlegend neues Verständnis des Unternehmens, der Kunden und der Märkte. Geschäftsmodelle für den digitalen Raum, ein digitales Mindset und digitale Arbeitsmethoden sowie eine positive Kultur der Veränderung sind Kennzeichen einer echten Transformation. Bettina Dornberg & Christoph Berdi (Identitätsstifter) für: „All for one Group im Kontext zum Wirtschaftsforum 2021“.

2 Die Demografie ist eine Wissenschaft, die sich mit der Bevölkerungsentwicklung beschäftigt. Dabei geht es um viele Zahlen: von Geburten- und Sterberaten bis zur Altersstruktur der Einwohner in Deutschland. Die Ein- und Auswanderung, also wie mobil die Menschen sind, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Für wirtschaftliche Zusammenhänge ist der demografische Wandel von besonderer Bedeutung. Hinter diesem Wandel stecken in Deutschland 2 wesentliche Entwicklungen: Zum einen schrumpft unsere Bevölkerung tendenziell und damit die Zahl der erwerbsfähigen Personen. Und zum anderen steigt der Altersdurchschnitt. Das stellt die Unternehmen vor 2 große Herausforderungen: sowohl für den Nachwuchs von Fachkräften zu sorgen als auch die Leistungsfähigkeit älterer Mitarbeiter zu fördern. Jens Südekum (Institute of Labor Economics Bonn) aus: „Digitalisierung und die Zukunft der Arbeit: Was ist am Arbeitsmarkt passiert und wie soll die Wirtschaftspolitik reagieren?“

3 Unsere aktuelle Lebenswelt ist geprägt durch Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. Zusammengefasst wird dies als VUKA bezeichnet. New Work und die veränderten Werte und Prioritäten, die damit einhergehen, werden durch verschiedene Treiber initiiert und vorangetrieben. Drei der wichtigsten Treiber sind die „Digitalisierung und die digitale Transformation“, der „demografische Wandel“ sowie die „Generationen und der damit einhergehende Wertewandel“. Vanessa Jobst-Jürgens (Unternehmensberaterin) aus: „New Work – Was relevante Arbeitnehmergruppen im Job wirklich wollen – eine empirische Betrachtung“.

4 „Zahntechnikerinnen und Zahntechniker sind Planungspartner, Netzwerker, CAD-Designer, CNC-Fachkräfte, Fotografen, Ästhetikanalysten, leidenschaftliche Kunsthandwerker und Ausbilder, die auf wissenschaftlicher Basis medizinisch und technologisch ausgebildet wurden und sich mit hoher Selbstdisziplin nach der Ausbildung und Meisterprüfung fort- und weiterbilden.“ German Bär (Vorstand der Zahntechnikerinnung Köln).

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Nico Heinrich


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