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Das historische Kalenderblatt

Der „Zahndoctor“

06.09.2016
aktualisiert am: 12.10.2016

Zu Recht feiern wir heute die Errungenschaften des Hofzahnarztes Philipp Pfaff (1713-1766), dessen Todestag sich jetzt zum 250. Mal jährt. Es läuft einem ein Schauer über den Rücken, wenn man die dentalen Gepflogenheiten der damaligen Zeit wie auf dieser Postkarte zu Gesicht bekommt. Im Dentalhistorischen Museum im sächsischen Colditz sind die überkommenen barbarischen Methoden dem Aufbruch in die Moderne anschaulich gegenübergestellt.

  • Zu Philipp Pfaffs Lebzeiten waren Zahnarztpraxen noch selten. Im Allgemeinen ging es in den Städten und Dörfern wie hier abgebildet zu. Zahnbrecher traten auf der Bühne im Freien auf und lieferten mit dem Patienten als Statisten und dem gezogenen Zahn als Requisite ein Spektakel der besonderen Art.

  • Zu Philipp Pfaffs Lebzeiten waren Zahnarztpraxen noch selten. Im Allgemeinen ging es in den Städten und Dörfern wie hier abgebildet zu. Zahnbrecher traten auf der Bühne im Freien auf und lieferten mit dem Patienten als Statisten und dem gezogenen Zahn als Requisite ein Spektakel der besonderen Art.
Die zahnmedizinische Situation in der Zeit von Philipp Pfaff um 1750 war bestimmt von Zahnreißern, Quacksalbern, Barbieren, fachfremden Handwerkern. Nur, wenn man Glück hatte, sehr begütert war und sich am richtigen Ort, etwa Berlin, befand, begegnete man einem ausgebildeten Chirurgen wie Philipp Pfaff und seinem Vater. Das medizinische Fachwissen hatte sich seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. (Hippokrates) kaum fortbewegt und war noch immer geprägt von der „Vier-Säfte-Lehre“ (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim als Lebensträger im Körper). Immerhin: Es war eine Systematik und von dort ausgehend entwickelte sich ein Bewusstsein für die wissenschaftliche Medizin.

Erst drei Jahre lag die Gründung der Charité als Pesthaus zurück, als Pfaff geboren wurde, ab 1727 erfolgte der Ausbau zum Lazarett mit Ausbildungsstätte. Aber von einer systematischen Zahnheilkunde war bis dahin nichts zu erahnen gewesen. Dieser Verdienst fällt erst Pierre Fauchard (1728: „Le chirurgien dentiste“) und dann Philipp Pfaff zu (1756: „Abhandlung von den Zähnen des menschlichen Körpers und deren Krankheiten“). Die Leistungen der beiden Werke sind nicht hoch genug anzuerkennen.

Es dauerte aber noch bis etwa um 1850, bis die Zahnheilkunde einen ersten Schub auf breiter Basis erfahren sollte. Der „Zahndoctor“ von 1750 auf der abgebildeten Postkarte, 9 x 14,5 cm, ist das beste Beispiel dafür, wie Zahnbehandlungen noch zu Philipp Pfaffs Ära in den meisten Regionen Europas und Amerikas funktionierten. Sie waren ein willkommenes schauerliches Schauspiel auf den Jahrmärkten und den Dorfplätzen. Meist endete es mit einer Extraktion, dem blutigen Höhepunkt der Darbietung. Leider muss man trotzdem sagen: Bei den damaligen Umständen und verordneten Mitteln war das Zahnausreißen sicher der beste Weg.

Die kolorierte Zeichnung ist von dem Künstler P. A. Becker um 1900 in Berlin angefertigt worden. Sie wurde in den diesjährigen Kalender des Dentalhistorischen Museums aufgenommen. Zu ihrer Zeit diente die Postkarte in einer Serie weiterer abschreckender Bilder aus vergangenen Zeitabschnitten als Werbung für die damals moderne Zahnärztliche Klinik, Potsdamer Str. 5, am Potsdamer Platz, Tel. Amt Lützow 8524. Die Postkarten warben mit: Zahnziehen gratis, schmerzlos durch Kokain.

Im Vergleich zum Jahrmarktgebaren noch 150 Jahre zuvor bescherte die Betäubung mit Kokain auf den ersten Blick „traumhafte“ Zeiten. Aber aus heutiger Sicht steht dies wegen der Suchtgefahr zu bezweifeln. Erst 1905 kam der nicht euphorisierende Wirkstoff Procain (Handelsname: Novocain) als Medikament für die Lokalanästhesie in der Zahnheilkunde auf den Markt. 


Weitere Informationen:

Dentalhistorisches Museum
Verein zur Förderung und Pflege des Dentalhistorischen Museum e. V.
ZTM Andreas Haesler
Im Park 9b
04680 Colditz OT Zschadraß
E-Mail: dentalmuseum(at)gmx.de
www.dentalmuseum.eu