Industrie-Report

Nachgedanken zur IDS 2019

Praxis und Labor – fest im digitalen Griff

Der digitale prothetische Workflow in Praxis und Labor wird – je nach Sichtweise – immer umfangreicher oder kompletter. Und nach der diesjährigen IDS in Köln lässt sich vorhersagen, dass diese Entwicklung bis zur nächsten IDS 2021 wiederum zu neuen oder erweiterten, „noch besseren“ Geräten und Werkstoffen führen wird. Somit stehen viele Zahnärzte und Zahntechniker, die ihren prothetischen Workflow digital-gestützt ausrichten wollen, vor der Frage: Jetzt kaufen oder (weiter) warten.

Lassen Besucher die vergangene IDS Revue passieren, so werden sich vor ihrem geistigen Auge prominent Geräte und Werkstoffe für den digitalen Workflow einstellen. Diese Bilder werden reichen von „vorher das zahnprothetische Ergebnis kennen“ für Patienten und Zahnärzte bis hin zu denen der zahntechnischen Fertigung, bei der nur noch die finale Feinbearbeitung die – im klassischen Sinn – Bezeichnung „Handwerk“ verdient.

Von der Diagnose …

Dies betrifft beispielsweise die Vorbereitung der Anfertigung komplexer prothetischer Rehabilitationen, in der den „Gesamtdaten“ der Patienten eine immer größere Bedeutung zukommt. So hat sich das schon seit vielen Jahren angewandte Backward Planning in Zahnmedizin und Zahntechnik als integraler (implantat-)prothetischer Fertigungsstandard etabliert, der sich dank digitaler Möglichkeiten zunehmend erweitert. Hierzu gehören optoelektronische Verfahren der Kieferrelationsbestimmung oder deren analog- digitale Alternativen ebenso wie für den Einsatz am Behandlungsstuhl entwickelte Kameras oder Apps für das Smartphone- beziehungsweise Tablet-gestützte Patientengespräch. Und die Kombination von Gesichtsscannern mit CT-/DVT-Daten erlaubt, das äußere Patientenbild mit den Kiefergelenkbewegungen zu kombinieren, um so eine funktionell und ästhetisch ganzheitliche Zahnprothetik zu designen und zu fertigen. Dieses „Mehr“ an Patientendaten aus der Diagnostik ist auch ein „Mehr“ für die Patienteninformation und -beratung, für ein Imaging der Prothetik sowie für deren Planung, Fertigung und Dokumentation. Ob und wie viel – auch verkaufsfördernder – Mehrwert für Praxis und Labor hieraus für die prothetische Ergebnisqualität und deren Patientenakzeptanz entsteht, muss jedoch der ganz persönlichen Beurteilung von Zahnarzt und Zahntechniker überlassen bleiben.

… zur Datenerfassung …

Diese individuelle Beurteilung betrifft auch die Nutzung der Intraoralscanner (IOS), die auf der IDS in großer Fülle präsentiert wurden. Was zeigte, dass diese Technik (nicht nur) von Unternehmen der nationalen wie internationalen Dentalindustrie als „die“ Zukunftstechnologie in den Praxen gesehen wird, für die sich beispielsweise die Mehrheit der 72.122 Zahnärzte [1] in Deutschland begeistern soll – abgesehen von den weltweit Tätigen. Vorhersehbar ist deshalb, dass auch diese Angebote weiter zunehmen werden. Die von den Anbietern behaupteten Vorteile der IOS sind universitär sowie andernorts mehrfach untersucht und beschrieben [2] worden – sie müssen nun mit den Features der Neuentwicklungen aktualisiert werden. Schon jetzt ist klar, dass die Marktdurchdringung der IOS den gesamten zahnprothetischen digitalen Workflow beeinflussen, auch verändern wird. So ist von ihr beispielsweise auch abhängig, wie schnell künftig vermehrt modellfrei oder printmodellgestützt gefertigt wird – und es kann schon heute die Entscheidung eines make or buy gedruckter Arbeitsunterlagen berühren. Dass dieses ein hochrelevantes Zahntechnikerthema ist, auch dies spiegelte die IDS 2019 wider.

… und Fertigung ...

  • Die digitale dentalprothetische Welt bewegt sich zunehmend zwischen Intraoralscanner ...

  • Die digitale dentalprothetische Welt bewegt sich zunehmend zwischen Intraoralscanner ...
    © Koelnmesse GmbH/IDS/Thomas Klerx
Was der IOS für die Praxen mag das Additive Manufacturing für die 8.143 Labore [2] in Deutschland sein – und alle weiteren in der Welt. Denn auch die 3D-Drucker waren in der Vielzahl ihrer Angebote kaum überschaubar, ein Vordringen zu ausgestellten Exemplaren aufgrund vieler Interessenten zeitweise nur schwer möglich. Doch auch hier ist „das Ende der Fahnenstange“ bezüglich der Entwicklungen und Angebote noch nicht erreicht. Denn das Vermarktungspotenzial der Drucker selbst – vor allem aber der indikationsbezogen unterschiedlichen Flüssigkeiten – wird noch bei so manchem (dental-)industriellen Anbieter Begehrlichkeiten wecken, an diesem Markt zu partizipieren. Auch deshalb, weil 3D-Drucker als Komponente der digitalen Prozesskette zunehmend unverzichtbar sein werden – schon jetzt haben sich innerhalb kurzer Zeit 3D-gedruckte Kunststoffobjekte, wie individuelle Abformlöffel, Bohrschablonen, Gießvorlagen, Modelle, Schienen sowie temporäre Kronen und Brücken, in vielen zahntechnischen Laboren einen festen Platz erobert. Zahnmedizinisch und zahntechnisch besonders spannend wird es mit dieser Technik spätestens dann, wenn sich der Druck von Keramiken sowie Kunststoffarbeiten für permanente Restaurationen weiterentwickelt. Einige so gefertigte Arbeiten waren auf der IDS bereits in äußerst annehmbarer Qualität zu sehen.

Skizziert lassen sich die IDS-Angebote für den zahnprothetischen Workflow in ganzheitlich, genau/präzise, schnell und wirtschaftlich zusammenfassen. Doch gerade Letzteres muss so nicht sein, da die Anschaffungen von Geräten oder Systemen einerseits erwirtschaftet werden müssen, andererseits partiell auch Kosten für Lizenzen, Peripheriegeräte/- werkstoffe oder Wartungen mit sich bringen können. Zu all dem ist es überlegenswert, mit welchen Werkzeugen und Werkstoffen die funktionellen sowie ästhetischen Anforderungen bestmöglich erreicht und Ausgaben limitiert werden können. Gegebenenfalls kann hierfür die patientenfallbezogene Wahl zwischen Inhouse- oder Outhouse-Fertigung oder kollegialer Gerätepartnerschaft der richtige Weg sein.

... systemisch denken!

  • ... und CAM-gefertigten Restaurationen – gleich ob geschliffen, gefräst oder additiv entstanden.

  • ... und CAM-gefertigten Restaurationen – gleich ob geschliffen, gefräst oder additiv entstanden.
    © Koelnmesse GmbH/IDS/Harald Fleissner
Die digitalen Design- und Fertigungsmöglichkeiten verbinden in besonderer Weise Indikation, Werkstoff- und Halbzeugwahl sowie Design, Fertigung und Insertion miteinander. Dies liegt auch an der Vielzahl unterschiedlicher Gerüstwerkstoffe, wie Edel- und Nichtedelmetall-Dentallegierungen, Titan, (Hochleistungs-)Keramiken und Kunststoffe, sowie deren Ver- bzw. Bearbeitung und Befestigungsoptionen. Dies macht es notwendig, von Behandlungsbeginn an den gesamten prothetischen Workflow zu sehen und in der interdisziplinären Patientenberatung zu besprechen und festzulegen. Hierbei kommt auf die Zahntechniker eine zusätzliche Aufgabe, möglicherweise sogar Herausforderung zu: die der Rolle des kompetenten „Werkstoffberaters“, des „zahntechnischen Guides“ durch den immer undurchdringbarer – besser wohl: unerklärbarer – werdenden (CAM-) Werkstoffdschungel. Durch seine Werkstoffdetailkenntnisse (nicht nur) der oben genannten Materialien und deren Untergruppen weiß er aufgrund seiner Ausbildung sowie erworbenen Werkstoffwissens für jeden Patiententyp und jede Indikation die richtige Empfehlung auszusprechen und fundiert zu erklären.

Schon heute entsteht durch die Kombination analoger und digitaler dentaler Verfahren sowie die Vielfalt der dentalen Werkstoffe Zahnprothetik auf höchstem funktionellem und ästhetischem Niveau – und das in jedem Arbeitsschritt des zahnärztlichen und zahntechnischen Workflows. Man darf gespannt sein, wohin das dentale „schneller, höher, weiter“ [4] bis zur IDS 2021 in Köln noch führt. 


Quellen/Verweise:

[1] Bundeszahnärztekammer, unter: www.bzaek.de/fileadmin/PDFs/df19/_Daten_Fakten_2019.pdf (abgerufen am 26.03.2019)
[2] Baresel I. Durchblick im Dschungel der Intraoralscanner. ZMK 2019; 35 (1–2): 006–013
[3] Verband Deutscher Zahntechniker Innungen, unter www.vdzi.net/statistik für 2017, (abgerufen am 26.03.2018)
[4] Olympische Devise (im deutschen Sprachgebrauch)

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Jürgen Pohling


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