Interview


Gold oder nicht Gold – ist das eine Frage?

18.11.2022

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Heiko Grusche ist Zahnarzt und langjähriger Vertriebsleiter bei der Firma C.HAFNER. Ein Glücksfall für den „Familienbetrieb“ und seine Kunden, denn er betrachtet die Produkte nicht einzig aus Marketingperspektive, sondern auch aus klinisch-wissenschaftlicher Sicht. Allerdings geht der Goldverbrauch seit Jahrzehnten stetig zurück, viele – auch große Firmen – haben sich aus dem Geschäft zurückgezogen. Da stellen sich einige Fragen! 10 davon stellt ZTM Chefredakteur Prof. Dr. Peter Pospiech.

Herr Grusche, C.HAFNER ist noch einer der großen Legierungshersteller im deutschsprachigen Raum. Spielt das dentale Geschäft überhaupt noch eine tragende Rolle?

  • Heiko Grusche, Vertriebsleiter Dental,
C.HAFNER.

  • Heiko Grusche, Vertriebsleiter Dental, C.HAFNER.
    © C.HAFNER
C.HAFNER steht für Edelmetall in allen Technologiebereichen, also auch im Dentalbereich. Gemeinsam mit unserer Tochterfirma Deutsche Aurumed sind wir mittlerweile Marktführer in Deutschland.

Für das Gesamtunternehmen liefert das Dentalgeschäft einen sehr wichtigen Beitrag zum Unternehmenserfolg, der sich mit knapp 1/3 der Wertschöpfung darstellt. Strategisch betrachtet gehen wir davon aus, dass das letzte Gramm Edelmetall für dentale Anwendungen bei C.HAFNER gekauft wird – „last man standing“ also.

Vor 20 bis 30 Jahren gab es über 100 verschiedene hochgoldhaltige Legierungen im Markt. Wie ist die Lage heute allgemein und speziell bei der Firma Hafner und welche Legierungen sind die derzeitigen Renner?

Die Anzahl der Legierungen ist nicht merklich geschrumpft. Es sind auch noch zahlreiche Anbieter auf dem Markt, die fast allesamt nur Händler mit den immer gleichen Produkten unter anderem Namen sind. Tatsächlich werden eigentlich nur sehr wenige Legierungen benötigt, um alle Indikationsstellungen abzudecken.

Die Vielfalt ist dem Marketing geschuldet – welches in wenigen Prozenten mehr von diesem oder jenem Bestandteil dem Kunden riesige Vorteile verkauft. Ein Stichwort hierzu sind die unsäglichen „Biolegierungen“ – weil palladiumfrei. Das wurde bei C.HAFNER früher auch nicht viel anders gehandhabt.

Wir nehmen nun aber zum Jahresende 6 Legierungen aus dem Programm. Es gibt genügend Alternativen im eigenen Portfolio. Renner im eigenen Spektrum sind die Orplid Keramik 3, ein Klassiker für Aufbrennkeramik, die Orplid H – ebenfalls ein Klassiker für Teleskope – und die reduzierte Legierung CeHa LIGHT Plus als kostengünstigere Wahl. Sie eignet sich gleichermaßen zum keramischen Verblenden als auch als Fräslegierung.

Dazu gleich die Anschlussfrage: Werden noch Legierungen für die Keramikverblendung verkauft? Macht das denn aus Ihrer Sicht Sinn oder werden „nur“ die Kundenwünsche befriedigt?

Keramisch verblendete Edelmetall-Gerüste spielen nach wie vor eine Rolle. Es gibt Fans dieser klassischen bewährten Technik. Die Stärken liegen sicher in der Langlebigkeit, der Verträglichkeit sowie der vergleichsweise großen Fehlertoleranz bei der Anfertigung. Bei entsprechendem Können ist auch die Ästhetik gut.

Klar sind das am Ende Kundenwünsche – die Spezies der zahnärztlichen Kolleginnen und Kollegen, die mit Edelmetall arbeiten, ist vom Aussterben bedroht. Wer kommt denn als Student heute noch mit dem Werkstoff in Berührung?

Wer dann noch das „Pech“ hat, seine Assistenzzeit in einer „metallfreien“ Praxis zu absolvieren, ist dadurch natürlich geprägt. Manch ein Patient legt wohl auch Wert auf Gold, wenn er damit bereits gute Erfahrungen hatte.

Nur dass ich es richtig verstehe: Die Vielfalt an Legierungen ist doch noch relativ hoch. Was unterscheidet jetzt klinisch zum Beispiel die beiden Legierungen Orplid EH und Biorplid G1, die beide palladiumfrei sind und einen ähnlich hohen Goldanteil haben?

In der Tat ähneln sich die beiden Legierungen doch sehr. Selbst im Korrosionstest schneiden beide gleich gut ab. Bei dem von Ihnen gewählten Beispiel gibt es aber einen Unterschied in der Indikationsstellung – mit der Orplid EH könnte man auch einen Klammermodellguss herstellen. Unterschiede in der Klinik sehe ich nicht.

Einige Anwender bevorzugen für die Frästechnik im Teleskopbereich extraharte Legierungen, andere eher nicht. Da sind wir wieder beim Kundenwunsch. Solange sich dieser wirtschaftlich erfüllen lässt, ist das für uns in Ordnung.

C.HAFNER leistet sich noch eine eigene Forschungsabteilung, wie ich mich selbst überzeugen konnte. Wohin gehen derzeit die aktuellen Forschungsanstrengungen bei dentalen Legierungen?

Bei den Edelmetall-Dentallegierungen gibt es von der Komposition her kaum noch Entwicklungspotenzial – ein Blick ins Dental Vademekum genügt. Alle möglichen Kombinationen und Zusammensetzungen finden sich dort wieder. Der Stein der Weisen wäre eine billige, gelbe, stabile, einfach verarbeitbare und mit hochschmelzender Keramik verblendbare Legierung.

Leider kann dieser Wunsch nicht erfüllt werden. Die Gesetze von Physik und Chemie gelten weiterhin. Die Entwicklungstätigkeit bei C.HAFNER konzentriert sich daher eher auf technologische Ansätze für verbesserte Prozesse bei der Legierungsherstellung bzw. die Anfertigung von Halbfertigteilen mit digitalen Technologien.

Der individuelle Goldguss ist mit Problemen behaftet, was das poren- und lunkerfreie Gefüge angeht. Da Sie ja auch weiterhin Legierungsplättchen für den Guss verkaufen, stellt sich die Frage, wo sie noch Vorteile im individuellen Dentalguss sehen.

Obwohl C.HAFNER mit Fräsen in Edelmetall seit über 10 Jahren eine digitale Lösung anbietet, werden ¾ der Legierungsmenge immer noch als Gusswürfel verkauft. Solange in den zahntechnischen Laboren Gießgeräte stehen und Zahntechniker verfügbar sind, die den Guss beherrschen, wird das auch so bleiben. Das zahntechnische Labor stellt ja keine Untersuchungen zur Porendichte an.

  • Durch digitale Verfahren ergeben sich Synergien, die den Werkstoff Gold attraktiver als je zuvor machen. Der neueste Coup von C.HAFNER: AllinONE für die Edelmetall-
Teleskoptechnik. Damit erfolgen die Konstruktion sowie die Fertigung der Primär- und Sekundärteile jeweils zeitgleich in einem Arbeitsgang.

  • Durch digitale Verfahren ergeben sich Synergien, die den Werkstoff Gold attraktiver als je zuvor machen. Der neueste Coup von C.HAFNER: AllinONE für die Edelmetall- Teleskoptechnik. Damit erfolgen die Konstruktion sowie die Fertigung der Primär- und Sekundärteile jeweils zeitgleich in einem Arbeitsgang.
    © C.HAFNER
Da zeigt sich wieder die hohe Fehlertoleranz der Edelmetalle. Ein gewisser Anteil der im Labor gegossenen Objekte ist bezüglich der Gussqualität sicher mängelbehaftet, was aber von außen selten sichtbar ist und in der Folge kaum Probleme verursacht. Oft steht auch das Zeitargument im Raum – auf ein gefrästes Teil aus unserer Fertigung muss man eben einen Tag oder länger warten können.

Zudem spielen die besonderen Anforderungen bei teleskopierendem Zahnersatz eine Rolle. Es ist eine große Herausforderung, Teleskope frästechnisch mit der gewünschten Friktion herzustellen, vor allem wenn die Primärteile zum Einpassen im Fräszentrum nicht vorliegen. Das ist sicher ein Grund, warum der Guss immer noch beliebt ist – mit allen seinen Unzulänglichkeiten.

C.HAFNER bietet ein „Total-Quality-System“ an, das den Einmalverguss von Legierungen zum Inhalt hat. Dient es zur Umsatzsteigerung oder hat es tatsächliche Vorteile für die zahntechnischen und zahnärztlichen Kunden und die Patienten?

Beides! Durch ein solches Angebot kann man qualitätsbewusste Kunden gewinnen. Andererseits gibt es handfeste Vorteile.

Man kann Legierungen mehrmals vergießen, besser werden sie aber dadurch nicht. Vor allem können sich Verunreinigungen verschleppen oder niedrigschmelzende Nichtedelmetall-Bestandteile wie z.B. Zink verflüchtigen sich.

Man ändert also die ursprüngliche Zusammensetzung der Legierung, ggf. mit Folgen für die Korrosionsfestigkeit. Im Sinne einer im Medizinprodukterecht geforderten Chargenrückverfolgbarkeit ist der Mehrfachverguss ebenfalls nicht – also eigentlich obsolet.

Neben dem Goldguss bieten Sie auch weiterhin das Galvanoforming an, bei dem Hafner ja auch tatsächlich Pionierleistungen erbracht hat. Traditionell gab es Helioform als Systemnamen. Aber Sie bieten auch eine andere Linie an – warum?

2019 ergab sich für C.HAFNER als Spezialist, der das Galvano-Geschäft versteht, die Möglichkeit zur Übernahme der AGC-Produktlinie von der Firma Ivoclar, die sie seinerzeit durch die Integration von Wieland Dental und Technik erworben hatte. Diese Chance haben wir wahrgenommen und können nun die ehemaligen Ivoclar- und Wieland-Kunden weiter mit AGC-Produkten und gutem Service versorgen.

Gleichzeit haben wir nun zwei Angebote für unterschiedliche Zielgruppen. Helioform war und ist ein System für „Vielgalvanisierer“, das AGC spricht diejenigen Anwender an, die ein geringeres Aufkommen an Galvanoteilen haben. Und für noch weniger Aufkommen gibt es noch unsere Lohnfertigung.

Herr Grusche, Sie bieten auch einen digitalen Workflow an. Wie offen ist Ihr System? Welche Daten können verarbeitet werden, welche nicht?

Unser Workflow ist offen für alle Anwender, die uns STL-Daten zusenden können. Das sind mittlerweile eigentlich alle CAD-Systeme auf dem Markt. Für die gängigen exocad und 3Shape stellen wir Materialparameter bereit.

Nun die persönliche Frage an Sie: Würden Sie sich selbst auch noch eine „monolithische“ Goldkrone einsetzen lassen?

Im Seitenzahnbereich habe ich damit gar kein Problem – sie dürfte aber auch keramisch verblendet sein, wenn es die Situation erlaubt. Ich sehe auch für ein Goldinlay einen Anwendungsbereich.

Mich überzeugt vor allem die Langlebigkeit solcher Arbeiten. Tragezeiten von weit über 25 Jahren sind möglich und wir wissen, wie antagonistenfreundlich Edelmetall ist.

Lieber Herr Grusche, ganz herzlichen Dank für das Gespräch und die Gelegenheit, einmal bei Ihnen im Werk hinter die Kulissen schauen zu dürfen.


Quelle:
Heiko Grusche
Vertriebsleiter Dental
C. HAFNER GmbH + Co. KG
www.c-hafner.de


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