Interview


Vom Spagat zwischen Profit machen und ethisch arbeiten

10.05.2017

Blick in das Labor.
Blick in das Labor.


Im Herzen von Innsbruck (Österreich) befindet sich das Dentallabor „Inn-Keramik“. Dort arbeitet ein Team aus drei erfahrenen Zahntechnikern seit rund 12 Jahren erfolgreich zusammen: ZT Christoph Zobler, ZT Max Wörishofer und ZT Harald Gritsch. In unserem Interview berichtet ZT Christoph Zobler über Möglichkeiten und Grenzen digitaler Zahntechnik, Sicherheit bei den Herstellprozessen und die dentale Berufsethik.

Herr Zobler, wie digital arbeiten Sie bereits – und warum?

Digitale Technologien sind allgemein auf dem Vormarsch. Auch in der Zahntechnik führt kein Weg daran vorbei. Wir arbeiten deswegen längst auch mit digitalen Prozessen. Allerdings mit gewissen Einschränkungen.

Welche Einschränkungen sind das?

  • ZT Christoph Zobler.

  • ZT Christoph Zobler.
Digital ist zwar toll, keine Frage. Aber es funktioniert bis jetzt noch nicht in allen Bereichen – und auch nicht in allen Bereichen gleich gut. Manche Arbeitsschritte müssen beziehungsweise sollten wir deshalb auch weiterhin analog vollziehen. Ein paar Beispiele: Manche Kollegen arbeiten ja bereits komplett ohne Modelle. Wir noch nicht. Das ist eine bewusste Entscheidung. Weil wir höchsten Wert auf Präzision legen, stellen wir die Funktion weiterhin im Artikulator analog her. Und auch bei der Endkontrolle arbeiten wir nach wie vor analog auf dem Modell, weil das Digitale hier noch nicht so ausgefeilt ist. Da gehen wir auf Nummer sicher.

Bei Restaurationen, die aus dem Fräszentrum kommen, bearbeiten wir immer die Ränder unter dem Mikroskop händisch nach, damit die Randpassung ganz genau stimmt. Nur dann ist der Übergang zum Zahn wirklich von höchster Qualität. Wir veredeln sozusagen manuell nach, was digitale Technologien schon prima für uns vorbereitet haben. Denn gegenüber einem Fräszentrum, das gewisse Toleranzen einhalten muss, um ökonomisch effizient zu produzieren, reizen wir die Möglichkeiten voll aus. Das heißt: Wir gehen auf den gegebenen Fall mit individuell entwickelten Parametern und Frässtrategien speziell ein, um eine perfekte Passung zu erlangen. Zahntechnik ist und bleibt ein Kunsthandwerk.

Wie sehen Sie für die Zukunft das Verhältnis von digital und analog?

Der Clou liegt aus meiner Sicht darin, dass man die Möglichkeiten und Vorteile dieser beiden Arbeitsweisen klug miteinander kombiniert. Eine Hybridlösung, wenn man so will.

Wann und wo ist CAD/CAM die erste Wahl für Sie?

  • Seit 12 Jahren ein Team (v. l.): ZT Harald Gritsch, ZT Max Wörishofer und ZT Christoph Zobler

  • Seit 12 Jahren ein Team (v. l.): ZT Harald Gritsch, ZT Max Wörishofer und ZT Christoph Zobler
Zum Beispiel bei Arbeiten mit Zirkoniumdioxid. Dieses Material lässt sich nur mittels Frästechnologie bearbeiten. Das gilt auch für einige andere Materialien wie zum Beispiel IPS e.max-Lithium-Disilikat. Ebenso ist die Herstellung der Funktionsschienen aus der Telio CAD-Scheibe aus meiner Sicht eine sehr gute Möglichkeit, ein Produkt mit sehr hoher Qualitätsgüte zu erzeugen. Bei den Verblendmaterialien – zum Beispiel IPS Style, IPS e.max oder IPS d.SIGN – setzen wir weiterhin auf analoge Arbeitsweise. Zirkoniumdioxidgerüste verblenden wir mittels Überpresstechnik – Stichwort: IPS e.max ZirPress. Denn wir sind der Meinung, dass wir die funktionelle sequenzielle Wax-up-Arbeitstechnik so wirtschaftlicher umsetzen können. Aber da ist ja auch vollanatomisches Zirkoniumdioxid aus ästhetischen Gründen nicht so gefragt, weil wir nach wie vor höchste ästhetische Ansprüche stellen. Bei den vollanatomischen Zirkoniumdioxidarbeiten ist aus werkstoffkundlicher Überlegung die fehlende Fluoreszenz ein Problem. Nach meinem Wissensstand arbeitet die Industrie mit Hochdruck an einer Lösung. Und sie dürfte da in absehbarer Zeit entsprechende Produkte liefern.

Worauf achten Sie, damit Sie bei Ihren Materialien und Arbeitsprozessen möglichst viel Prozesssicherheit haben, damit am Ende alles passt?

Für mich ist immer wichtig, dass ich in einer Linie bleibe. Soll heißen: Ich halte mich an einen einzigen Hersteller, an die von ihm empfohlenen Materialien, Maschinen und darauf abgestimmten Arbeitsprozesse. Ich mische da nichts durcheinander. Auf diese Weise habe ich die Deckung des Herstellers, bin rechtlich abgesichert. Ich habe Sicherheit bei den Prozessen und bekomme am Ende eine gute Qualität heraus. Damit bin ich bislang am besten gefahren.

Stichwort „Ethik“: Ist es ein schwieriger Spagat zwischen Profit machen und ethisch arbeiten?

Ganz klar, Geld verdienen ist wichtig. Aber es sollte nicht alles sein. Wir Zahntechniker haben eine Berufsethik – oder sollten eine haben. Bisweilen vermisse ich das in unserer Branche. Da reden dann alle von Zeitersparnis und noch mehr Profit machen. Und sie vergessen, so scheint mir, dass wir doch immer noch an und für Menschen arbeiten. Das sollten wir immer im Auge behalten. Und nicht nur wir, sondern auch die Industrie. Im Zuge der Digitalisierung – sprich Auslagerung der Technologien – ergibt sich für den Zahntechniker die Chance, verstärkt am Patienten mit dem Zahnarzt zusammen Lösungen zu erarbeiten. Da kann sich für den Zahntechniker ein neues Geschäftsfeld ergeben, das natürlich kommuniziert werden muss. Der Berufsstand ist jetzt schon im Wandel, und er verändert sich immer weiter. Mein Bestreben ist es, das Qualitätsniveau – Beispiele: Randqualität, funktionelle Aspekte – im digitalen Wandel nicht aus den Augen zu verlieren und die Industrie dazu anzuhalten, nicht alles der Rationalisierung zu opfern. Wenn man längere Zeit mit diesen Themen zu tun hat, versteht man erst, wie sensibel das menschliche Kauorgan ist. Und wie zeitaufwendig es ist, sich jedem Patientenfall individuell zu widmen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Das wichtige Thema „Funktion“ scheint mir manchmal zu Unrecht vergessen zu werden. Es kommt nicht allein auf ästhetische Restaurationen an, sondern auch darauf, dass sie im Patientenmund gut funktionieren. Wenn das nicht gegeben ist, nützt doch die hübscheste Restauration nichts. Was uns vom Dentallabor „Inn-Keramik“ betrifft, legen wir stets ein besonderes Augenmerk auf die Passung unserer Arbeiten in die individuelle Okklusion der Patientinnen und Patienten. Das bedeutet: Die Arbeiten müssen immer individuell sein. Da ist keine Massenfertigung sinnvoll. Denn jeder Fall ist einzigartig, da jeder Mensch einzigartig ist. Daher können wir dentale Restaurationen nicht so herstellen, als wären es zum Beispiel Autos: am Fließband, sodass alle gleich sind.

Wichtig ist mir auch ein gutes, patientenorientiertes Zusammenspiel zwischen Zahntechniker und Zahnarzt. Nur gemeinsam werden wir in Zukunft die Herausforderungen meistern können. Dazu muss jede Seite ihren Beitrag leisten. Unser gemeinsames Know-how bleibt unverzichtbar. Denn schließlich stoßen auch die besten Computer an Grenzen. Lassen Sie uns daher als Partner unsere Erfahrungen nutzen, um beste Ergebnisse für die Patienten zu liefern!

Im zweiten Teil dieses Interviews in der Juniausgabe 2017 des Internationalen Zahntechnik Magazins berichtet ZT Christoph Zobler über seine Erfahrungen mit Zirkoniumdioxid, der Presstechnik und über den Sinn und Zweck von Wurzelstiftüberpressungen.

IPS e.max®, IPS Style® und IPS d.SIGN® sind eingetragene Warenzeichen der Ivoclar Vivadent AG. Die Verfügbarkeit bestimmter Produkte kann je nach Land variieren.

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