Ästhetik


Die dentale Persönlichkeit

02.10.2023

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Zahnersatz: Analog? Digital? Egal! Die Arbeit muss da ansetzen, wo alles beginnt – beim Original, der „dentalen Persönlichkeit“, so die Arbeitsphilosophie des Zahntechnikermeisters und Referenten Otto Prandtner. Faszinierend, findet Fachautor Nico Heinrich und nimmt uns mit auf die ästhetische Reise.

Legitime Frage zu Beginn: Was bitte ist eine dentale Persönlichkeit? Es ist eine Typanalyse, bei der die dentale Identität erkannt und bewahrt wird, damit ein authentischer Zahnersatz entsteht statt eines uninteressanten Einerleis. Was das genau bedeutet, welche Philosophie konkret hinter der „dentalen Persönlichkeit“ steckt und weshalb dabei der Verbund von Kreativität und Strukturen so wichtig für Zahntechniker/-innen ist, werde ich auf Basis der vielen Vorträge von Otto Prandtner, denen ich bereits beiwohnen durfte, darzulegen versuchen.

Schönheit, so ein Leitsatz desselben, ist eine Kombination aus Form, Farbe, Textur und Phantasie. Bei unserer zahntechnischen Arbeit besteht ein essenzieller Wert darin, dass wir die Emotionen unserer Patienten und Patientinnen ein- und zuordnen können, um ein ganzheitliches Bild zu sehen und zu verstehen. Das geht nicht, ohne eine persönliche Ebene zu schaffen.

Dieser Mindset ist bei Otto Prandtner so ausgeprägt, dass es ihm selbst bei groß angelegten Vorträgen gelingt, eine solche persönliche Ebene in der Interaktion mit seiner Zuhörerschaft zu etablieren. Auf eben dieser besonderen Art gründen sowohl die Besonderheit in seiner Arbeit mit Patientinnen und Patienten als auch der Erfolg seiner detaillierten individuellen Gesichtsanalyse.

Grundsätzlich denken viele Menschen in zu geometrischen Linien, wodurch ein verallgemeinerndes „Smile Design“ entsteht. Werden Gesichtshälften schlichtweg gespiegelt, kreiert man in der Regel ein Schablonenlächeln.

Der individuelle Charme soll aber keinesfalls verloren gehen. Daher achtet Otto Prandtner in seiner Gesichtsanalyse ganz speziell auf Asymmetrie, individuelles Lippenbild, breitere und schmälere sowie längere und kürzere Gesichtshälfte. Entsprechend passt er die Zahnstellung an. So entsteht ein wirklich natürliches Lächeln.

Geschmack und Ästhetik sind eben keine objektiven Kriterien. Man darf sich hierbei nicht auf überhöhte Ideale und Medienbilder verlassen – es geht darum, herauszufinden, was zu einem Gesicht und zu einem Charakter passt. 

Trotzdem ist bei dieser Herangehensweise eine gründliche Planung Voraussetzung für die Kreativität. Gerne zitiert Otto Prandtner in diesem Zusammenhang Peter Dawson, der einst sagte „Wer nicht richtig plant, plant den Misserfolg.“ Denn klare Strukturen befördern die kreative Leistung.

Erst wenn die Grundlagen stimmen, kann die Detailarbeit folgen und es entstehen wirklich individuelle Ergebnisse. Diese fast technokratisch anmutende Herangehensweise lernte Otto Prandtner insbesondere in seiner Zusammenarbeit mit der von Dr. Carl Rieder gegründeten Praxis in Newport Beach (Kalifornien) zu schätzen.

Dr. Carl Rieder publizierte bereits 1998 das vielzitierte Backward Planning. Grundlegend war dabei folgender Ablauf: 

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    © Heinrich

Was aber, wenn das Backward Planning nicht typbezogen ausgearbeitet ist? Wenn am Ende der Behandlung weitere Ideen da sind, um den Patiententypus noch besser einzufangen? Mit einer Typ-Gesichtsanalyse gleich zu Beginn der Behandlung konnte Otto Prandtner dieses Problem lösen.

Sie ergänzt obigen Ablauf um einen emotionalen Aspekt. Dabei lässt er sich von großen künstlerischen und philosophischen Persönlichkeiten und Philosophien inspirieren. Besonders prägend sind dabei Platos (427–347 v. Chr.) „Analogy of the Divided Line“, Aristoteles’ (384–332 v. Chr.) „Red Line“ und Leonardo da Vincis (1452–1519) „Type & Energy Analysis“.

Der genannte emotionale Aspekt bedeutet auch, dass der Schaffende – also der bzw. die Zahntechniker/-in – Freude an der Patientenanalyse hat. Dieser Umstand findet sich in dem gerne von Prandtner zitierten Grundsatz – „Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen und der Umwelt ist eine Todsünde im Design.“ – des bekannten Industriedesigners Dieter Rams wieder. Bei der konkreten Patientenanalyse unterscheidet Otto Prandtner nach 4 Persönlichkeitstypen.

Unter anderem kommt dabei das „Four Organs of Communication“-Modell von Randy Olson zum Einsatz. Unterschieden wird nach Symmetry/Kopfmensch, Asymmetry/Herzmensch, Fantasy Balance/Bauchmensch und Character/Mutmensch, deren Eigenschaften und Charakteristika im Folgenden näher betrachtet werden. Die Ergebnisse der Analyse wiederum bilden die Grundlage zur Ermittlung der „dentalen Persönlichkeit“, die später das „Design“ des individuellen Zahnersatzes mitbestimmt. 

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    © Heinrich

Symmetry/Kopfmensch

Der Kopfmensch ist ein Logiker und Analyst, will unbedingt Recht haben, er denkt bevor er spricht, strebt Perfektion an. „Wer seine Zähne seinem Selbstbild anpassen will, täuscht sich oft: In Wirklichkeit will er seine Zähne und sich selbst der vermeintlichen Erwartung anderer Menschen anpassen.

Der Kopfmensch macht sich selbst Druck von innen, ergibt sich tatsächlich jedoch nur dem Druck von außen. Die Aufgabe der Zahntechnik ist es, diese Patienten und Patientinnen vom Zwangsideal zu lösen und Richtung Bauch, Herz und Mut zu öffnen“, so Otto Prandtner.

Asymmetry/Herzmensch

Der Herzmensch ist spontan und handelt intuitiv, ist tief verbunden mit seinen Gefühlen, will helfen und gemocht werden. Charakteristisch ist zudem seine schiefe Kopfhaltung. Entgegen früheren verallgemeinernden Annahmen sind es übrigens nicht unbedingt immer die symmetrischen Gesichter, die wir als besonders schön empfinden, sondern oft gerade die asymmetrischen, spannenden.

So auch Prandtner: „Ein asymmetrisches Gesicht wird in der Regel als schön empfunden. Eine asymmetrische Zahnstellung empfinden die meisten bei sich selbst jedoch als unschön. Die Aufgabe der Zahntechnik ist es, den Patienten zu verstehen, ihm aber auch eine Idee von dentaler Harmonie zu vermitteln: Deine Zahnstellung ist in Ordnung, sie ist Teil deiner dentalen Persönlichkeit.“

Fantasy Balance/Bauchmensch 

Der Bauchmensch zeichnet sich durch seinen Humor und seinen Instinkt aus, lacht gerne, selbst in schwierigen Situationen, hat eine sehr gute Wahrnehmung und ein hohes Maß an positiver Energie. „Wer seinem Bauchgefühl vertraut, sollte sich von seiner Zahnstellung nicht verrückt machen lassen.

Dennoch trifft man gelegentlich auf Bauchmenschen, die sich beim Thema Zähne von anderen Meinungen und medialen Klischees verunsichern lassen. Die Aufgabe der Zahntechnik ist es, die innere Harmonie des Bauchmenschen aufzugreifen, ihn zu bestärken und die vorhandene Ausstrahlung, wenn überhaupt, nur sehr behutsam zu korrigieren.“

Character/Mutmensch

Der Mutmensch zeichnet sich durch Risikofreudigkeit und Leidenschaft aus, möchte helfen und stellt sich beruflich wie privat gerne Herausforderungen. Generell hat er eine starke Präsenz. „Trauen Sie sich etwas zu? Sind Sie bereit, sich auf Abenteuer einzulassen?

Finden Sie Entspannung da, wo anderen eher die Kraft ausgeht? Der mutige Patiententyp weiß, dass er mit seinem entschlossenen Auftreten durchaus auch mal aneckt. Die Aufgabe der Zahntechnik ist es in diesem Fall, Patientinnen und Patienten in Ihrer Haltung zu bestärken – und ihnen auf keinen Fall die Ecken und Kanten zu nehmen.“

7 Schritte zur „dentalen Persönlichkeit“ 

Die praktische Herangehensweise zur Ermittlung der jeweiligen dentalen Persönlichkeit lässt sich grob in 7 Schritte gliedern. 

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    © Otto Prandtner/Prof. Edelhoff

  1. Patientengespräch mit Typanalyse: Hierbei steht nicht nur die medizinische Anamnese im Fokus, sondern auch die persönlichen Vorlieben und Erwartungen des Individuums. Mithilfe der Typanalyse wird versucht, eine grundsätzliche Idee vom ästhetischen Empfinden des Patienten bzw. der Patientin zu erlangen und ein tieferes Verständnis für deren Wünsche und Bedürfnisse zu entwickeln.
  2. Diagnostic Wax-up: Nachdem eine Vorstellung besteht, was der Patient oder die Patientin sich wünscht, beginnen wir mit dem Diagnostic Waxup. Dieses Modell aus Wachs ermöglicht es uns, den Patientinnen und Patienten die geplante Behandlung visuell darzustellen und entsprechend anzupassen. Dabei berücksichtigen wir die Erkenntnisse aus der Typanalyse, um ein weiterführendes Behandlungskonzept zu erstellen.
  3. „Try-in and Error“: Bevor wir mit der endgültigen Behandlung beginnen, wird das Diagnostic Waxup im Mund des Patienten oder der Patientin auf eine erste „Probefahrt“ geschickt. Es handelt sich hierbei um eine Phase des Versuchs und der Fehlerkorrektur. Bei dieser Gelegenheit können Probleme erkannt und das individuelle Patientenkonzept weiterentwickelt werden, um eine optimale Passform und Zufriedenheit zu gewährleisten.
  4. Typ Modifikation mit Energieanalyse: Auf Grundlage der während des Try-in gewonnenen Erkenntnisse wird eine Energieanalyse durchgeführt. Diese ermöglicht es uns, Feinabstimmungen und Modifikationen an unserem Behandlungsansatz vorzunehmen, um eine optimale Harmonie zwischen den Zähnen und der gesamten Gesichtsästhetik zu erreichen.
  5. „Try-in and Error“ … repeat: Dieser Prozess des „Try-in and Error“ wird so lange wiederholt, bis wir eine Lösung gefunden haben, mit der sowohl Zahnarzt/-ärztin als auch Patient/-in vollständig zufrieden sind. Die iterative Herangehensweise stellt sicher, dass das endgültige Resultat den Wünschen und Bedürfnissen der Patientin oder des Patienten entspricht.
  6. Entscheidung zum Präparationsdesign und Materialselektion: Sobald das ideale Design festgelegt ist, entscheiden wir uns für ein Präparationsdesign und wählen das geeignete Material für die definitive Versorgung aus.
  7. Zahnpräparation nach Wax-up-Vorlage und Provisorium: Basierend auf der Wax-up-Vorlage, die als Präparationsvorlage dient, wird schließlich der Zahn präpariert. Anschließend wird ein Provisorium angefertigt, das dem Patienten bzw. der Patientin Komfort bietet und die Ästhetik erhält, während der definitive Zahnersatz hergestellt wird.

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    © Otto Prandtner

Durch den speziellen Fokus auf das Individuum bringt Otto Prandtner (Bild Seite 199) die wirkungsvollsten Werkzeuge – Emotionen und Einfühlungsvermögen – in die Zahnmedizin. Er nutzt visuelle Kommunikation als narratives Werkzeug. Denn indem er Patientinnen und Patienten tatsächlich zeigt, wie die jeweilige zahntechnische Arbeit an ihnen wirkt und wie diese ihre Ausstrahlung beeinflusst bzw. unterstreichen kann, transportiert er auch eine Geschichte – z.B. jene eines mutigen Menschen, eines Träumers, eines knallharten Analysten etc.

Damit schafft er eine Realität, die ein besseres Verständnis und Lernen von bestehenden und neuen evidenzbasierten Therapiekonzepten ermöglicht. Denn wenn die Menschen sehen können, was er sagt, dann werden sie es auch verstehen.

Fazit

Otto Prandtner nutzt visuelles Denken und kluges Design, um Ideen und Arbeitsabläufe klar und kraftvoll zu konzeptualisieren. Aber am wichtigsten sind die Empathie, die Individualität, die Kreativität und ein guter Geschmack. All das ist nicht durch eine Maschine zu ersetzen.

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    © Otto Prandtner
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    © Heinrich

Intensivseminar 1+2 Dentale Persönlichkeit erkennen und bewahren

27. und 28. Oktober 2023 Bayerischer Yachtclub Starnberg Infos und Anmeldung unter: www.dentale-persoenlichkeit.de

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Nico Heinrich


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