Festsitzende Implantatprothetik


Implantatgetragene Prothesen – mit festem Halt in die Zukunft

08.09.2016
aktualisiert am: 23.09.2016

Zahnlosigkeit ist hierzulande vor allem mit Blick auf demografische Trends ein großes Problem: Zum einen sind gerade ältere und betagte Patienten betroffen, zum anderen „altert“ die deutsche Bevölkerung demografisch betrachtet überproportional schnell. Es scheint daher absehbar, dass der Therapiebedarf in dieser Patientengruppe steigen wird. Eine ideale Synthese hinsichtlich Aufwand, Kosten und Nutzen bieten herausnehmbare, implantatgestützte Versorgungen, bei denen das weit verbreitete Verankerungssystem LOCATOR zur Anwendung kommt. Im folgenden Beitrag steht mit dem LOCATOR R-Tx die nächste Generation des Systems auf dem Prüfstand und wird unter Einbeziehung eines Patientenfalls einer näheren Betrachtung unterzogen.

Ein Mensch büßt ohne seine Zähne ein hohes Maß an Lebensqualität ein, wie schon Haraldson 1979 erkennen ließ: „Edentulous persons are very handicapped in masticatory function and even clinically satisfactory complete dentures are poor substitutes for natural teeth.“* In den meisten Fällen wird eine ausreichende Kaufunktion zwar rein subjektiv erlebt, im Vergleich zu bezahnten Personen ist die maximale Kaukraft jedoch um das Fünf- bis Sechsfache verringert. Schon frühzeitig wurden Wege gesucht, um die natürlichen Zähne bei einem Verlust bestmöglich zu ersetzen. Dies geschah mit begrenztem Erfolg, denn die dynamische Funktion des Kauapparats kann bei aller ärztlichen Kunst immer nur teilweise oder gar unzureichend durch starre, unbewegliche Strukturen kompensiert werden. Die Fortschritte der Zahnmedizin sowie der Patientenwunsch, „verlorene“ Zähne mit herausnehmbaren, implantatfixierten Prothesen zu ersetzen, führte letztlich auch zur Ausweitung des implantologischen Therapiespektrums.

Zahnlosigkeit: Senioren im Fokus

Um bei kompletter Zahnlosigkeit insbesondere die Funktionalität, aber auch die Ästhetik wiederherzustellen, bieten sich mehrere Behandlungsoptionen an. Die Totalprothese stellt hier die sicher bewährteste, jedoch auch erfahrungsgemäß nicht immer „beste“ Therapieform dar – die Datenlage zur Langzeitstabilisation von Knochen weist klar auf die Vorteile einer implantatprothetischen Versorgung hin. Da ältere Patienten mehr als alle anderen Praxisbesucher von Zahnlosigkeit betroffen sind, erfordert eine implantologische Behandlung hier aus mehreren Gründen eine erhöhte Aufmerksamkeit: Eine Implantatversorgung bzw. der damit verbundene chirurgische Eingriff stellt gerade bei älteren, multimorbiden Patienten eine besondere Herausforderung dar. Die prothetische Rehabilitation wird darüber hinaus unabhängig vom therapeutisch betriebenen Aufwand von weiteren Faktoren bestimmt, zu denen die Gesamtstruktur des Kausystems, die Anatomie, die funktionellen Aspekte, der allgemein-medizinische Zustand sowie technische Lösungsansätze und letztlich auch die finanziellen Möglichkeiten der Patienten gehören.

Eine attraktive Therapieoption zur implantatgetragenen Verankerung von Vollprothesen bietet vor dem Hintergrund der genannten Aspekte das bewährte Verankerungssystem LOCATOR – zu dem sich nun der Nachfolger LOCATOR R-Tx (beide Fa. ZEST Anchors, Kalifornien [USA]) gesellt. Das System wird in unserer Praxis vorzugsweise im zahnlosen Unterkiefer – eher selten im zahnlosen Oberkiefer – eingesetzt. Der Grund hierfür basiert auf der Tatsache, dass im Unterkiefer vornehmlich eine „parallele“ Ausrichtung der Implantate machbar ist. Im Oberkiefer (ohne Augmentation) ist in atrophierten Bereichen immer eine ausgeprägte Angulation des Implantats notwendig. Bei dem Locator R-Tx ist jetzt ein größerer Angulationswinkelausgleich möglich; dies wird dann auch im Oberkiefer eine vereinfachte Locatoren- Anwendung ermöglichen. Die ersten Erfahrungen mit dem neuen System kann ich als durchweg positiv beschreiben: Dazu gehören die komfortable Anwendung und einfache Handhabung auch für Patienten (und evtl. das Pflegepersonal). Anwenderfreundlich ist auch die All-In-One-Verpackung, die das Abutment und die für die Verarbeitung notwendigen Komponenten beinhaltet. Aufgrund der präfabrizierten Attachments gestalten sich auch die zahntechnischen Arbeitsschritte optimal. Dies ist wichtig, denn nur eine perfekte Zusammenarbeit mit allen beteiligten Partnern (z. B. Zahntechniker, Chirurgen, Mitarbeiter) führt zum gewünschten Behandlungserfolg. Neben der Versorgung mit LOCATOR R-Tx stehen mit Teleskopen, Stegen sowie anderen Attachments (z. B. Kugelkopf-Attachment) weitere herausnehmbare prothetische Versorgungsalternativen zur Verfügung. Für das LOCATOR-System entscheiden wir uns vorwiegend dann, wenn Patienten über begrenzte finanzielle Möglichkeiten verfügen, sowie bei älteren, manuell eingeschränkten Patienten.

Klinische Erfahrungen mit dem neuen LOCATOR R-Tx

  • Abb. 1a-d: Der Vergleich zeigt die gestiegene retentive Höhe des neuen LOCATOR R-Tx (pinkfarben). Bildnachweis für alle: © Kirsch/Ackermann/Neuendorff

  • Abb. 1a-d: Der Vergleich zeigt die gestiegene retentive Höhe des neuen LOCATOR R-Tx (pinkfarben). Bildnachweis für alle: © Kirsch/Ackermann/Neuendorff
Meine bisherigen Erfahrungen mit dem LOCATOR kann ich als äußerst positiv beschreiben: Er wird von mir wie auch von vielen Kollegen als sicheres, einfach zu handhabendes und als ein in der Langzeitbeobachtung sehr gutes Attachmentsystem angesehen. Es war daher interessant, wie sich die neue, laut dem Hersteller in vielen Bereichen optimierte Generation LOCATOR R-Tx in der Praxis behaupten wird. Der erste bis dato bearbeitete Patientenfall wird nachfolgend kurz erläutert. Grundsätzlich müssen zu Beginn der Behandlung Risikoanalyse, Individualbefund, klinischer Befund sowie PA- und ein Röntgenbefund vorliegen. Alle individuellen Besonderheiten des Patienten – Gesicht, Lippen, Zahnfleisch, Zähne – sollten zudem auf klinischem Bildmaterial eindeutig zu erkennen sein. Eine offene Patientenkommunikation ist insbesondere in den ersten Gesprächen elementar, denn die Ist- und die Wunschsituation müssen abgeglichen und die Umsetzung möglichst realistisch eingeschätzt werden; es sollte nicht zu viel versprochen werden. Die Verwendung des neuen LOCATOR R-Tx machte sich in mehreren Punkten positiv bemerkbar: So ist die retentive Höhe gestiegen und es ist anzunehmen, dass dies den Halt des herausnehmbaren Zahnersatzes verbessern wird (Abb. 1a-d). Auch werden hierdurch keine Platzprobleme zu erwarten sein, da meist eine horizontal-vertikale Atrophie (unterschiedlichen Ausmaßes) vorliegt, was gerade in „platzkritischen“ Fällen den Locator als Attachment der ersten Wahl erscheinen lässt.

Fallbeispiel

Wie die Falldokumentation zeigt, lag bei der über 70-jährigen, total zahnlosen Patientin eine mittelschwere Alveolaratrophie vor (Abb. 2a-c). Die beim aktuellen System verwendeten Materialvarianten werden auch bei Implantatzubehörteilen eingesetzt und zeigen dort eine sehr gute Festigkeit sowie Biokompatibilität. Die überarbeitete Farbgebung in anodisiertem Pink (Abb. 3a-c) mag ein marginaler Unterschied sein, bietet dem Patientenauge jedoch „einen Tick mehr Ästhetik“ und kann in bestimmten Bereichen der Prothese einen Vorteil bieten (z. B. an besonders dünnen Stellen). Die Modifikation des Schwenkbereiches wiederum sollte es einfacher machen, auch bei größerer Divergenz der Implantate einen sicheren Halt zu erzeugen. Der Zahnersatz lässt sich so sicherer einfügen und die retentiven Kräfte sind entschieden besser. Für den Moment kann ich sagen, dass die Retention des LOCATOR R-Tx exzellent ist (Abb. 4a-d u. 5a-c). Aus klinischer Sicht hat sich die Hygienefähigkeit verbessert im Hinblick auf den supramukosalen Anteil des Locators, da dieser deutlich „höher“ aus dem Schleimhautniveau herausragt und somit diverse Putzhilfen besser eingesetzt werden können (Abb. 6a u. b). Was die Zusammenarbeit mit dem Patienten sowie dem Zahntechniker angeht, so muss beim neuen LOCATOR R-Tx weder aus klinischer noch aus labortechnischer Sicht umgedacht werden: Die Kooperation mit dem Dentallabor gestaltet sich wie auch beim Vorgänger als unproblematisch, da die gewohnten Anwendungsvorgaben bestehen bleiben.

  • Abb. 2a-c: Ausgangssituation.
  • Abb. 3a-c: LOCATOR R-Tx im Mundraum mit charakteristischer Farbgebung.
  • Abb. 2a-c: Ausgangssituation.
  • Abb. 3a-c: LOCATOR R-Tx im Mundraum mit charakteristischer Farbgebung.

  • Abb. 4a-d: Fertige Prothese am Modell.
  • Abb. 5a-c: Die Endsituation.
  • Abb. 4a-d: Fertige Prothese am Modell.
  • Abb. 5a-c: Die Endsituation.

  • Abb. 6a u. b: Pflege und Reinigung.
  • Abb. 6a u. b: Pflege und Reinigung.

Fazit

So sicher wie CAD/CAM-gefertigter Zahnersatz in naher Zukunft „in aller Munde“ sein wird, so wird das LOCATOR- System auch mit der nächsten Generation LOCATOR R-Tx seinen Stellenwert bei zahnlosen Patienten behalten oder gar steigern. Insgesamt sehe ich in diesem Verankerungssystem eine perfekte Synthese hinsichtlich Aufwand, Kosten und Nutzen. Was vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung hierzulande weiterhin dafür spricht: Bei Zahnlosigkeit wird auch bei Patienten im höheren und betagten Alter in zunehmendem Maße eine implantatprothetische Lösung infrage kommen. Möglicherweise können unter Einbeziehung von LOCATOREN auch hybridprothetische Lösungen im teilbezahnten Kiefer eine interessante Langzeitlösung darstellen.

* Zahnlose Personen würden hinsichtlich ihrer Kaufunktion stark eingeschränkt und selbst klinisch zufriedenstellende Totalprothesen seien kein vollwertiger Ersatz für natürliche Zähne. (Quelle engl. Zitat: Haraldson T, Karlsson U, Carlsson GE. Bite force and oral function in complete denture wearers. J Oral Rehabil. 1979 Jan;6(1):41-8)

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Karl-Ludwig Ackermann

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Karl-Ludwig Ackermann


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