Funktion

Arti-Check – wie Zahnärzte und Zahntechniker gemeinsam die Behandlung planen

Die sieben Wege zur Okklusion - Weg 2

01.05.2014


Im ersten Teil dieser Artikelserie in Heft 4/2014 des Internationalen Zahntechnik Magazins hat der Autor Piet Troost einen Weg aufgezeigt, wie Ihr Zahnarztkunde mithilfe des sogenannten Mini-Checks zu Beginn einer jeden Behandlung einfach und schnell versteckte Funktionsstörungen entdecken kann. Im Folgenden beschreibt er den Arti-Check, mit dem Sie diese Symptome verifizieren und exakt messen können.

Nachdem die Durchführung des Mini-Checks erste Hinweise auf okklusale Störungen und mögliche Fehlstellungen des Kiefergelenks ergeben hat, können Sie im nächsten Schritt per Arti-Check erstmals Antworten auf therapeutische Fragen erhalten, bevor Sie überhaupt mit der Erstellung des Zahnersatzes beginnen: Sind die Kiefergelenke stabil positioniert oder muss vorbehandelt werden? Kann die Okklusion belassen werden oder nicht? Soll ich die Bisshöhe anheben? Und wenn ja, um wie viel? Ist genügend Frontzahnschutz vorhanden? Oder sind palatinale und/oder okklusale Veneers sinnvoll? Sollte mein Zahnarztkunde vorab die Frühkontakte klinisch einschleifen? Oder wird dadurch etwa die Frontzahnbeziehung sogar schlechter?

All diese Fragen kann Ihr Zahnarzt unmöglich am Behandlungsstuhl beantworten. Mit dem Artikulator planen Sie mit ihm erstmals die Therapie umfassend und nicht nur zahnbezogen. Das Interessante und Zielführende: Sie erarbeiten sich die Lösung für die Patienten gemeinsam mit Ihrem Kunden. Sie erkennen die individuelle Therapielösung, die am meisten Sinn macht, die das beste Preis-Leistungs- Verhältnis ermöglicht – und vor allem: die langlebigste für Ihren Patienten ist. Sie sind am Ziel: Therapiesicherheit in Praxis und Labor.

Vorbereitungen

Der Zusatzaufwand für den Arti-Check ist für einen Zahnarzt minimal. Seine Stuhlassistenz erstellt zwei Situationsabformungen (OK und UK jeweils mit Löffel-Setting nach Troost). Auch der Gesichtsbogen wird von der zahnmedizinischen Fachkraft angelegt (hier: 52 Sekunden, GOZ-Satz: 1,4). Diese bereitet auch die Wachsplatte für das Wachs-Registrat komplett selbstständig vor. Ihr Zahnarzt ist nur noch für 2 bis 3 Minuten involviert, wenn er das Registrat am Patienten fertigstellt. Mein Beispiel: vier Aluwachs-Stopps im 3er- und 6er-Bereich. Die Modellherstellung, Montage und Auswertung des Arti-Checks vollziehen sich sodann in Ihrem Dentallabor. Bevor nun die montierten Modelle analysiert und ausgewertet werden können, haben Sie sich vergewissert, dass der Frühkontakt im Artikulator mit dem Frühkontakt klinisch im Mund des Patienten kompatibel ist.

Erster Teil: die instrumentelle Funktionsanalyse

Die Kondylenpositionen

In den ersten Jahren hatten wir die Kondylenpositionen analog im Artikulator mit entsprechendem Zubehör ermittelt (CPM-Gerät AmannGirrbach, MPI-Gerät von SAM et cetera). Heute sind die digitalen Messgeräte (hier: Freecorder BlueFox, orangedental, Biberach, und zebris, Schütz Dental) so praktikabel geworden, dass wir die Gelenkräume ausschließlich elektronisch erfassen (siehe nächster Artikel, Weg 3: Digi-Check). Entscheidend ist bei beiden Techniken aber Ihre Feststellung, ob ein Distraktions- oder Kompressionsgelenk vorhanden ist. Denn dies hat zwingend eine funktionelle Vorbehandlung zur Folge. Wenn Sie also im dritten Teil dieses Artikels das Okklusions-Design in physiologischer Zentrik im Artikulator entwerfen, sind die Kondylenpositionen in dieser Planungsphase bereits stabilisiert und langlebig.

Die funktionelle Frontzahnbeziehung

Da im Unterkiefermodell alle Seitenzähne einzeln gesägt sind, können Sie nun tatsächlich in die Zukunft sehen: Sie entnehmen jetzt alle Seitenzähne und simulieren damit, bereits alle Zähne restauriert oder selektiv eingeschliffen zu haben. Durch Absenken des Artikulator-Oberteils erkennen Sie, wie sich die Frontzahnbeziehung nach dieser Maßnahme verändern würde. Hat sich diese verbessert oder nicht? Ist der vertikale Überbiss ausreichend (hier: vier bis fünf Millimeter)? Oder entsteht gar eine ungünstige asymmetrische Abstützung in der Front? All diese wertvollen Informationen fließen in Ihre Therapieplanung ein, bevor Ihr Zahnarzt klinisch im Mund aktiv wird. Sie können sodann mit subtraktiven und/oder additiven Maßnahmen im Artikulator die optimierte Okklusion entwerfen. Gemeinsam mit Ihrem Behandler können Sie nun den tatsächlichen Aufwand, diesen Entwurf im Patientenmund umzusetzen, in Ruhe beurteilen und darüber individuell entscheiden. Sie vermeiden mit diesem „Labor-Praxis-Dialog“ (Point-Konzept nach Troost) sicher eine mögliche Über- oder auch Unterversorgung Ihrer Patienten.

Die statische und dynamische Okklusionsanalyse

  • Abb. 1: Frühkontakt im Artikulator.

  • Abb. 1: Frühkontakt im Artikulator.
Nun werten Sie die statische und dynamische Okklusion an den Gipszähnen aus. Die Bisserhöhung, die durch die Frühkontakte entsteht, können Sie nun den einzelnen Seitenzahnpaaren zuordnen und am Inzisalstift exakt messen. Bei einer Erhöhung zum Beispiel um 1,4 Millimeter am Inzisalstift durch Zahn 46 müssten Sie ein Einschleifen um 0,7 Millimeter im Molarenbereich einplanen. Verteilt sich diese okklusale Reduktion nun zu neunzig Prozent auf die alte Amalgamfüllung an Zahn 16, können Sie die verbleibende Korrektur um 0,1 Millimeter am Schmelz von Zahn 46 klinisch sehr wohl durchführen. Sie erhalten so ein Einschleifprotokoll, dass konkret die am wenigsten invasive (minimalinvasive) Okklusionskorrektur ermöglicht. Per Okklusions- und Shimstock-Folie überprüfen Sie bei allen möglichen exzentrischen Bewegungen auch die dynamische Okklusion – ob sich alle Seitenzahnkontakte sofort durch Frontzahnkontakte im Artikulator entschlüsseln oder nicht (Abb. 1).

Zweiter Teil: das physiologische Zentrik-Design

Im Artikulator können Sie als Zahntechniker alle sinnvollen Okklusionskorrekturen vor der eigentlichen zahnärztlichen Behandlung durchführen und bewerten.

Das diagnostische Einschleifen – die subtraktive Okklusionskorrektur

Mögliche Frühkontakte werden mit dem diagnostischen Einschleifen eliminiert. Damit Sie einen Überblick über die Quantität und Qualität der Einschleifmaßnahmen erhalten, färben Sie das Planungsmodell auf allen Kauflächen und Inzisal- beziehungsweise Palatinalflächen mit einem Leuchtstift ein (Abb. 2). Die Korrekturen in Zentrik markieren Sie schwarz und die Lateralbewegungen grün beziehungsweise blau. So entsteht ein Einschleifprotokoll, das Ihr Zahnarzt in der Patientensitzung hinter Kopf zu seiner Kontrolle einsetzen kann.

  • Abb. 2: Das diagnostische Einschleifen …
  • Abb. 3: … hier kombiniert mit diagnostischem Wax-up in der Front.
  • Abb. 2: Das diagnostische Einschleifen …
  • Abb. 3: … hier kombiniert mit diagnostischem Wax-up in der Front.

Das diagnostische Wax-up – die additive Okklusionskorrektur

Bei fehlender Bisshöhe oder in kompletten Abrasionsgebissen ergänzen und optimieren Sie alle Kauflächen (Abb. 3). Hier entscheidet sich auch, ob eine gute Kauleistung mit einem prägnanten Höckerrelief überhaupt umsetzbar ist. Nicht selten erkennen Sie hier die Notwendigkeit eines palatinalen Veneers: Dieses gewährleistet die sofortige Entschlüsselung aller Seitenzähne auch mit Ihren neuen physiologisch gestalteten Kauflächen (Biomechanik nach H.M. Polz).

Das diagnostische Set-up

Falls Sie die Frontzahnbeziehung verbessern wollen, bietet sich an, eine Probeaufstellung der Gipszähne durchzuführen (Abb. 4). Mit diesem als Grundlage diskutieren Sie mit Ihrem Zahnarzt die mögliche Optimierung der Frontzahnbögen mittels Kieferorthopädie. Gegenüber einer invasiven Veneer-Präparation (von bis zu 12 Frontzähnen) können Sie per Arti-Check diese minimalinvasive Maßnahme zumindest in Erwägung ziehen und tatsächlich auch erwachsenen Patienten präsentieren (Abb. 5).

  • Abb. 4: Instrumentelle Untersuchung der Frontzahnbeziehung.
  • Abb. 5: Wax-up im Oberkiefer und Set-up im Unterkiefer: sehr geeignet für die Präsentation und Kommunikation.
  • Abb. 4: Instrumentelle Untersuchung der Frontzahnbeziehung.
  • Abb. 5: Wax-up im Oberkiefer und Set-up im Unterkiefer: sehr geeignet für die Präsentation und Kommunikation.

Genau diese extraorale Therapieplanung per Arti-Check ermöglicht es Ihnen – gemeinsam mit Ihren Zahnärzten – die beste und sinnvollste Therapie für Ihre Patienten zu erkennen. Erstmals können Sie sicher vorab urteilen, welche Okklusionskorrekturen bezogen auf den jeweiligen Patienten wenig Sinn machen oder gar kontraindiziert sind, zum Beispiel Einschleifmaßnahmen bei bereits fehlender Bisshöhe et cetera.

Dritter Teil: die extraorale Patientenberatung

Wir Zahntechniker und Zahnärzte sind stets bemüht, die neue Versorgung möglichst langlebig, unsichtbar und bezahlbar durchzuführen (Point- Konzept nach Troost). Mit dieser fundierten Zusatzdiagnostik im Artikulator haben Sie aber auch das ideale Beratungsinstrument zur Hand. Die Patienten können Ihren Überlegungen einer systematischen Therapie erstmals folgen und vor allem verstehen. Sie erkennen den Mehrwert und Ihre Bemühen um langlebige Restaurationen. Viele Laborleiter bestätigen uns, dass mit dem Arti-Check ihr Dialog mit den Zahnärzten an Qualität gewinnt. Die Behandler sind dankbar, von Ihnen bereits in der Therapieplanung professionell und umfassend unterstützt zu werden. Vor allem aber werden Sie und Ihre Zahnarztkunden belohnt mit immer mehr qualitätsbewussten Patienten, die Ihre vorgeschlagene hochwertige und systematische Mundtherapie wertschätzen. Ihre Patienten werden begeistert sein!

Fortsetzung folgt. Im nächsten Schritt beschreibt der Autor den dritten Weg zur Okklusion, den sogenannten Digi-Check, und geht der Frage nach, wie und warum Kiefergelenke elektronisch vermessen werden.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Piet Troost

Bilder soweit nicht anders deklariert: Piet Troost



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