Funktion

Digi-Check – wie und warum Kiefergelenke elektronisch vermessen?

Die sieben Wege zur Okklusion - Weg 3

05.06.2014


Im ersten Teil dieser Artikelserie in Heft 4/2014 des Internationalen Zahntechnik Magazins hat der Autor Piet Troost den Mini-Check zur Erkennung von Funktionsstörungen beschrieben. In unserer letzten Ausgabe (Heft 5/2014) hat er einen Weg aufgezeigt, wie Sie die festgestellten Störungen mithilfe des sogenannten Arti-Checks verifizieren und exakt messen können. Im vorliegenden dritten Teil steht die elektronische Kiefergelenksvermessung im Fokus.

Seit Bennett und Gysi – im Jahre 1910 – und den amerikanischen Gnathologen Stuart, Stallard und McCollum in Los Angeles um 1924 sind wir wissenschaftlich darum bemüht, die Statik und Dynamik des Unterkiefers zu messen und deren Bedeutung zu verstehen. Zahnarzt und Zahntechniker profitieren von diesen Detaildaten dann, wenn es um passgenauen Zahnersatz in einem individuell programmierten Artikulator geht. Vor allem aber kann der Funktionsdiagnostiker den funktionellen Gelenkraum erstmals exakt genug beurteilen und deshalb für die geplante Therapie mit berücksichtigen. So entstehen völlig neue Ansätze in der modernen restaurativen Zahnheilkunde. Besonders vielversprechend ist hier die Funktionsprophylaxe bei beginnenden Funktionsstörungen, etwa wenn es um Jugendliche nach der KFO-Behandlung et cetera geht.

Die elektronische Messung der Statik und Dynamik des Unterkiefers ist das fehlende Glied zwischen 3D-Diagnostik per DVT und der digitalen CAD/CAM-Zahntechnik. Erst mit ihr schließt sich der Kreis des heute so häufig bemühten Begriffs des digitalen Workflows endgültig. Praxis und Labor sehen diesbezüglich neuen Lösungsmöglichkeiten entgegen: auch und gerade bei komplexen Therapien.

Heutige Gerätegeneration vereinfacht die Anwendung im Alltag

Gleichzeitig müssen wir objektiv feststellen, dass individuell programmierte Artikulatoren im Alltag von Praxis und Labor auch hundert Jahre nach Gysi lediglich eine exotische Minderheit darstellen: und dies national wie international und trotz jahrzehntelanger Fortbildungen in Gnathologie und Funktion. Warum beginnt sich die elektronische Registrierung erst jetzt durchzusetzen? Neben der Konzentration der zahntechnischen Ausbildung auf andere Problemkreise – wie zum Beispiel den Ansatz und Ursprung des M. sternocleidomastoideus – haben auch die komplizierte und zeitaufwendige Anwendung der früheren Systeme (allen voran: der Stuart Pantograph) das größte Hindernis dargestellt (Abb. 1a). Mit den heutigen Gerätegenerationen (hier: Freecorder BlueFox, orangedental, Biberach; zebris, Deutschlandvertrieb: Schütz Dental, Rosbach) sind diese Hürden endgültig genommen und der täglichen Anwendung in Praxis und Labor steht nun nichts mehr im Wege (Abb. 1b).

  • Abb. 1a: Früher: Schreibbogen mit Etikett.
  • Abb. 1b: Heute: Freecorder und zebris.
  • Abb. 1a: Früher: Schreibbogen mit Etikett.
  • Abb. 1b: Heute: Freecorder und zebris.

Die Programmierung des Artikulators

Zwar wurden für die Einstellung der horizontalen Kondylenbahnneigung (HKN) bisher Protrusionsregistrate eingesetzt. Wir bevorzugen allerdings die Registrierung der gesamten Protrusionsbahn. Mit ihr lässt sich zusätzlich der okklusionsnahe Bereich beurteilen. Wie steil oder flach ist die Gelenkbahn im ersten halben Millimeter der Bewegung? Diese Information ist für Sie als Zahntechniker und Ihren Kunden viel wichtiger, wenn es um die sofortige Disklusion aller Seitenzahnkontakte geht. Je steiler, desto besser die Disklusion. So kann es sein, dass Ihr Patient zwar eine gut ausgeprägte HKN aufweist (zum Beispiel 42 Grad zur Achs-Orbital-Ebene). Klinisch aber hat er eine sogenannte Diskushypermobilität [1]. Das bedeutet, dass Ihr Patient initial – also zu Beginn der Protrusivbewegung – seinen Unterkiefer mit einem extrem flachen Winkel (hier: 0 oder gar -3 Grad HKN) nach vorne bewegt. Was bedeutet dies für Ihre geplante Vollkeramikversorgung? Ihr Zahnarzt hat sich in diesem Fall auf viel mehr exzentrische Okklusionsstörungen beim Eingliedern einzustellen: Langwieriges Einschleifen oder gar Chipping sind vorprogrammiert.

Eine schnelle Möglichkeit der Artikulator-Programmierung besteht in der Anwendung von periokklusalen Registrierlöffeln nach Dr. Dr. Klett, Würzburg (Abb. 2a und b). Diese bedecken die UK-Front und schließen somit zahngeführte Bewegungen aus. Die Technik reicht für diese Disziplin vollkommen aus und man kann mit Registriersilikon aus der Kartusche den Registrierbogen selbstständig und einfach anbringen.

  • Abb. 2a: Periokklusaler Löffel ...
  • Abb. 2b: ... für die Artikulatorprogrammierung.
  • Abb. 2a: Periokklusaler Löffel ...
  • Abb. 2b: ... für die Artikulatorprogrammierung.

Der funktionelle Gelenkraum

Eine individuelle Artikulator-Programmierung können Sie prinzipiell mit allen Registriersystemen auf dem Markt bewerkstelligen (auch mit den intraoralen digitalen Stützstiften). Wenn es aber darüber hinaus um die Diagnostik des funktionellen Gelenkraumes geht, empfehlen wir dringend die Anwendung der extraoralen und berührungsfreien Systeme (hier: Freecorder BlueFox und zebris). Mit diesen Systemen kann man nicht nur hochpräzise mögliche Fehlpositionen der Kiefergelenke erfassen. Man erkennt auch die dreidimensionalen Gelenkräume während der okklusionsnahen Bewegungen der Patienten. Mit Zusatzgeräten (hier: CAR für Freecorder, Abb. 3a) lassen sich Repositionierungen des Unterkiefers für die systematische Funktionstherapie (per Schienen und Langzeitprovisorien) dreidimensional in einer Präzision durchführen, von denen ein Charles E. Stuart nicht zu träumen wagte.

  • Abb. 3a: Repositionierung mit CAR-Gerät für Freecorder.
  • Abb. 3b: Computerdarstellung zebris.
  • Abb. 3a: Repositionierung mit CAR-Gerät für Freecorder.
  • Abb. 3b: Computerdarstellung zebris.

Die Messung

Die Durchführung der elektronischen Messung geschieht nach einem strengen Protokoll. Sämtliche Bewegungsbahnen werden immer zweimal registriert. Der Patient wird dazu angeleitet, die Bewegungen in der richtigen Geschwindigkeit und im Messbereich des Systems durchzuführen. Per Fußtaster sind nötige Wiederholungen einfach und schnell erledigt. Ebenso einfach, und mit jeweils einer Kontrollmessung, werden die verschiedenen UK-Positionen (HIKP, erster Frühkontakt, DRP, physiologische Zentrik et cetera) erfasst. Die Software wertet unmittelbar die dreidimensionalen Positionsunterschiede aus (Abb. 3b). So können Sie deutlich genauer arbeiten als mit unseren bisherigen mechanischen Aufzeichnungen auf Registrieretiketten.

Gerade die kleinen Positionsabweichungen der Kondylen konnte der klassische Gerber-Test (mit Zinnfolie) nicht erfassen. Mit der elektronischen Registrierung ist es nun erstmals möglich, auch die leichten Kompressions- und Distraktionsgelenke zu erkennen und zu beurteilen. Was für ein Gewinn für die Diagnostik und Therapieplanung! Mit dem Digi-Check schließen Sie böse Überraschungen bei zukünftigen Restaurationen sicher aus, die Sie alle kennen: Zum Beispiel, wenn nach Entfernung einer Seitenzahnbrücke plötzlich der präparierte Stumpf mit dem Antagonisten Kontakt hat, obwohl sich noch eben diese zwei Millimeter dicke Brücke dazwischen befand. Der Grund dafür liegt in einem übersehenen Distraktionsgelenk. Ebenso unerfreulich und oft mit viel Nacharbeit verbunden ist ein übersehenes Kompressionsgelenk: Wenn sich beim Eingliedern Ihrer Teleskoparbeiten plötzlich im Seitenzahnbereich eine Non-Okklusion zeigt und die Frontzähne zu hart in Kontakt stehen. Und das, obwohl Sie in Ihrem Dentallabor akribisch vorgegangen sind.

Diese typischen Phänomene lassen sich per Digi-Check einfach und schnell erkennen. Sie können gemeinsam mit Ihrem Zahnarzt schon in der Vorbehandlung und Therapieplanung Entscheidungen treffen und diverse Therapiewege ausschließen (Bisserhöhung ja oder nein?). Heute können Funktionsdiagnostiker klinisch (Mini-Check; [2]) und nun zusätzlich elektronisch (Digi-Check; [3]) die Diskushypermobilität und kleinste Distraktionen und Kompressionen im Gelenkraum erkennen. Oft genug können Sie rechtzeitig funktionstherapeutisch eingreifen. Und Sie können die sonst drohende Etablierung einer partiellen oder totalen Diskusverlagerung tatsächlich frühzeitig verhindern. Ob Sie dazu nun individuell programmierte Schienen herstellen oder Ihr Zahnarzt das natürliche Gebiss selektiv einschleift: Beides gehört zur Königsdisziplin in der Okklusaltherapie und setzt intensives Training in Hands-On-Kursen voraus. Siehe hierzu: www.pointuniversity.de

Fazit

Mit dem Erwerb eines elektronischen Registriersystems ist es also nicht getan. Auch reicht es nicht aus, detaillierte Kurvendiskussionen am Computer zu zelebrieren. Die elektronische Messung des Unterkiefers ist immer nur die Ergänzung zur klinischen Untersuchung (hier: Mini-Check). Allerdings auch die mit Abstand wertvollste. Mit unseren Patienten sprechen wir vom „EKG des Kiefergelenks“. Wir Zahntechniker und Zahnärzte können aus den Messkurven enorm viel herauslesen.

Der Digi-Check erlaubt es uns heute, den funktionellen Gelenkraum mikroskopisch genau zu untersuchen [4]. So verstehen auch Ihre Patienten sofort den Mehrwert, wenn es um die Langlebigkeit ihres Kauorgans geht. Und Ihr Dentallabor punktet mit einer neuen Kernkompetenz. Mit Ihnen als Funktionspartner profitieren Ihre Zahnärzte von Ihrem neuen Service. Und nicht zuletzt nutzen Sie mit dem Digi-Check die große Chance, als Zahntechniker mehr und mehr in die Therapieplanung Ihres Zahnarztes mit eingebunden zu werden. Sie starten einen neuen intensiven Labor- Praxis-Dialog mit Ihren Kunden ganz im Sinne unseres Point-Konzepts: Für die beste Zahntechnik. Für unsere Patienten.

Fortsetzung folgt. Im nächsten Teil dieser Artikelserie über die sieben Wege zur Okklusion steht die funktionelle Vorbehandlung des Patienten im Mittelpunkt, die zum Ziel hat, festgestellte Funktionsstörungen zu minimieren oder zu eliminieren. 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Piet Troost

Bilder soweit nicht anders deklariert: Piet Troost



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