Funktion

Eierschalen-Provisorien – eine Alternative zur effektiven Vorbehandlung

Die sieben Wege zur Okklusion - Weg 4b

08.09.2014


Im vorangegangenen Teil 4a unserer Artikelserie im Juli-/August-Heft des Internationalen Zahntechnik Magazins hat der Autor die Vorbehandlung des Patienten mit einer Point-Schiene beschrieben. Im folgenden Beitrag wird das Eierschalen- Provisorium als perfekte und kostengünstige Alternative in der Vorbehandlung des Patienten vorgestellt.

Laborgefertigte Provisorien sind selten und auch in diesem Jahr werden es nur wenige bleiben, obwohl in der konventionellen Kronen-Brücken-Prothetik fast immer funktionelle/biologische – und sehr häufig auch ästhetische – Vorbehandlungen indiziert sind. Mitunter die größte Hürde für eine bessere Verbreitung stellen der labortechnische Aufwand und die damit verbundenen relativen Kosten für die Zahnärzte dar. Nicht nur vielen Patienten, sondern auch bereits vielen Behandlern sind klassische Labor-Provisorien einfach zu teuer.

Hier stellt das sogenannte Eierschalen-Provisorium die perfekte Alternative dar. Ob analog oder digital gefertigt: es bietet eine kostengünstige Langzeitversorgung während der Vorbehandlungsphase. Alle entscheidenden klinischen Parameter (funktionell, biologisch und ästhetisch) können Sie vorab gemeinsam mit Ihrem Zahnarzt erarbeiten und optimieren. So sichern Sie sich gleich mehrfach ab und schließen böse Überraschungen aus, wenn Ihre Kunden die definitive, vollkeramische Versorgung eingliedern. Das Eierschalenprovisorium macht Ihr Laborteam therapiesicher und verschont Sie vor ungewollten Wiederholungen.

Die Vorbereitung

Ihr Zahnarzt nimmt zwei Situationsabformungen beider Zahnbögen mit Alginat (Löffel-Setting nach Troost, hier: BluePrint X-creme, Dentsply DeTrey, Konstanz). Mit einem Gesichtsbogen und einem Zentrikregistrat können Sie die Situation in den Artikulator arbiträr montieren. Jetzt können Sie im Dentallabor alle von Ihrem Zahnarzt gewünschten Korrekturen vorab durchführen. Ob diagnostisches Einschleifen, Wax-up oder auch Set-up: Die Patienten profitieren davon, dass im zukünftigen Laborprovisorium die wesentlichen Korrekturen der Zahnbögen schon berücksichtigt sind. Im gezeigten Fall (Abb. 1) wurde die Okklusion einerseits eingeschliffen und an anderen Stellen auch aufgewachst. Die wichtigste Korrektur betraf hier die beiden oberen Einser, die per Setup im Planungsmodell neu aufgestellt und somit axial korrigiert werden konnten.

  • Abb. 1: Angst-Patient 12 Jahre ohne Therapie.
  • Abb. 2: Gipspräparation vorab (0,3 Millimeter tief).
  • Abb. 1: Angst-Patient 12 Jahre ohne Therapie.
  • Abb. 2: Gipspräparation vorab (0,3 Millimeter tief).

Die Herstellung im Dentallabor

Die klassische analoge Vorgehensweise startet nun mit der Erstellung einer Folie (hier: Scheu- Dental, Iserlohn), die sich nicht mit Kunststoff verbindet. Durch den Einsatz einer zwei Millimeter dicken Folie erübrigt sich eine zusätzliche Verstärkung mit Gips oder Silikon. Mit einem 0,3 Millimeter tiefen Rillenbohrer markieren Sie nun alle Zahnflächen. Sie präparieren sodann alle Gipszähne leicht supragingival mit möglichst minimaler Tiefe (Abb. 2). Somit ist sichergestellt, dass Ihr Behandler später – nach der eigentlichen Präparation im Patientenmund – garantiert alle Flächen mehr reduziert hat.

Ein langwieriges Aufpassen des Laborprovisoriums entfällt so für ihn am Behandlungsstuhl. Abschließend dünnen Sie die Innenseiten des Kunststoff- Rohlings maximal aus: so dünn wie eine „Eierschale“. Sie setzen den Rohling in die Folie zurück, die wiederum in den Bereichen der Präparationsgrenzen den Gingivasaum circa fünf Millimeter überdeckt.

Die Erst-Unterfütterung in der Praxis

Erst jetzt – ausgestattet mit dem in der Folie zurückgesetzten Eierschalen-Rohling – führt Ihr Zahnarzt die Aufbaufüllungen und Präparationen (Abb. 3) sowie nötige Extraktionen durch (hier: „All-in-One“-Set nach Troost, NTI-Kahla). Er überprüft nun den schaukel- und spannungsfreien Sitz Ihrer Laborfolie inklusive des darin sitzenden Eierschalen-Rohlings. Für die Unterfütterung des Rohlings aktiviert er dessen Innenseiten mit Monomer. Während seine Assistenz alle präparierten Zähne mit Vaseline-Öl isoliert, unterfüttert Ihr Zahnarzt das Provisorium mit Kaltpolymerisat. Zur Überprüfung der Polymerisationsphasen hat er sich einen Überschuss des Kunststoffs außerhalb der platzierten Folie in das Vestibulum des Patienten gelegt. Deutlich vor der endgültigen Aushärtung – in der zähplastischen Phase – hebt er sicherheitshalber vorsichtig die Folie mitsamt dem unterfütterten Rohling von den Zähnen ein paar Millimeter ab. Somit schließt Ihr Behandler aus, etwaige Unterschnitte übersehen zu haben, und erspart sich nach dem Aushärten langwieriges Zurückschleifen im Patientenmund.

  • Abb. 3: Provisorische Präparation vor Unterfütterung.
  • Abb. 4: Individualisierung des Eierschalen-Rohlings.
  • Abb. 3: Provisorische Präparation vor Unterfütterung.
  • Abb. 4: Individualisierung des Eierschalen-Rohlings.

Anschließend arbeitet seine Stuhlassistenz die Unterfütterung aus, indem sie die Überschüsse entfernt, die Konturen glättet und vor allem alle Halsbereiche hochglanzpoliert. Wir empfehlen hier – entsprechend Ihrem professionellen Vorgehen als Zahntechniker – den Einsatz von flexiblen Kunststoff- und Textilscheiben. Optional können Sie als Partnerlabor eine Individualisierung mit Kunststoff- Malfarben durchführen (Abb. 4).

Die Zweit-Unterfütterung in der Praxis

Um nun die optimale Passung an den Provisorien-Rändern zu erreichen, unterfüttert Ihr Zahnarzt in einem zweiten Arbeitsgang lediglich diese Randbereiche. Dazu benötigt er jetzt keine Folie mehr. Wiederum arbeitet die Stuhlassistenz die Randbereiche aus und poliert diese auf Hochglanz. Je besser und gewissenhafter das Praxis-Team hier vorgeht, desto weniger Plaque-Ansammlungen werden in der Tragezeit tatsächlich entstehen. Ihre Kunden werden verblüfft sein, um wie viel besser den Patienten – gegenüber den klassischen direkten Provisorien – die Reinigung sämtlicher Gingiva- Regionen gelingt.

Das digitale Eierschalen-Provisorium

Mit der Option, den Rohling heute auch digital in Ihrem CAD/CAM-Workflow herzustellen, ergeben sich gleich mehrere Zusatznutzen, aber auch eine Besonderheit. Die heutigen CAD/CAM-Materialien sind hochentwickelt und den klassischen Provisorien- Kunststoffen in fast allen Parametern weit voraus. Vor allem ist deren klinische Belastbarkeit deutlich verbessert worden und kommt uns gerade deshalb für monatelang getragene Provisorien entgegen. Ideal dafür sind die neuen zirkoniumdioxid-verstärkten Komposite (hier: Tizian mit dialog Occlusal, Schütz Dental, Rosbach).

Selbst wenn es zu einer Fraktur während der Tragezeit kommen sollte: Die Daten für das CAD/CAMProvisorium sind digital gespeichert und Sie können umgehend eine neue Kopie auf Knopfdruck erstellen. Das Ausschleifen der Innenseiten des Rohlings erübrigt sich nun digital: Als Zahntechniker geben Sie lediglich die Stärken des CAD/CAM-Rohlings in der Software vor.

Die einzige Besonderheit bei derart gefertigten Eierschalen-Provisorien sind die Basalbereiche der Brückenglieder (Pontics). Wenn Ihr Zahnarzt die Zähne erst nach der Herstellung entfernt (extrahiert), bleibt es ihm nicht erspart, die basalen Bereiche aller Brückenglieder individuell im Patientenmund anzupassen. Deshalb sollten Sie als Partnerlabor diese Brückenglieder per CAD bewusst etwas zu lang gestalten. Damit stellen Sie sicher, dass Ihre Kunden diese klinisch im Mund stets nur einkürzen müssen, da das Verlängern mit Komposit am Behandlungsstuhl deutlich zeitaufwendiger ist.

Das Eingliedern

Ihr Zahnarzt überprüft die Okklusion statisch und dynamisch. Dabei sind gerade bei umfangreichen Provisorien etwaige Korrekturen nicht immer zu vermeiden. Im Gegenteil: Wie bei einer definitiven Versorgung strebt Ihr Behandler auch bei dieser Therapievariante eine gleichmäßige Belastung aller beteiligten Zähne an. Sollte Ihr Kunde eine zu große Diskrepanz feststellen, ist er besser beraten, noch einmal im Mund zu registrieren und das UK-Modell zu remontieren. Ihr gemeinsames Ziel ist es, mit Shimstock-Folie die angestrebte Okklusion zu erreichen: Beim Schließen und Schlucken (physiologische Zentrik) halten alle Seitenzähne die Folie. Gleichzeitig sind die Frontzähne entweder frei (Folie lässt sich herausziehen, während der Patient schließt) oder sie verfügen über einen geringen „Fühlkontakt“ (nach Slavicek). Sobald der Patient exzentrische Bewegungen durchführt (Protrusion, Retrusion und Seitwärtsbewegungen), werden alle Seitenzahnkontakte unmittelbar und sofort freigegeben.

Die Überprüfung erfolgt folgendermaßen: Der Patient beißt zu, während die Stuhlassistenz mit einer geraden Arterienklemme die Shimstock-Folie zwischen den zweiten Molaren positioniert hat. Nun spannt sie die Folie mit einem deutlichen Zug nach bukkal. In dem Moment, in dem der Patient nun eine Seitwärtsbewegung langsam startet, wird die Folie bereits initial (im ersten Zehntel Millimeter) freigegeben. Diese Überprüfung wiederholt die Helferin Ihres Zahnarztes bei jedem weiteren Seitenzahnpaar. Abschließend überprüft Ihr Kunde die Okklusionskontakte, während der Patient frei sitzt (ohne dass sein Kopf angelehnt ist) und ein letztes Mal im freien, aufrechten Stand.

  • Abb. 5a: Klinisch unterfütterte Eierschalenprovisorien.
  • Abb. 5b: Laborprovisorien in situ. Bildnachweis: Zahntechnik Birgit Troost
  • Abb. 5a: Klinisch unterfütterte Eierschalenprovisorien.
  • Abb. 5b: Laborprovisorien in situ. Bildnachweis: Zahntechnik Birgit Troost

Mit den Eierschalenprovisorien – ob analog oder digital hergestellt – ermöglichen Sie als Partnerlabor deutlich mehr Patienten als bisher die kompromisslose, schnelle und günstige Versorgung während deren Vorbehandlung (Abb. 5a und b). Klinische Parameter wie Bisslage und -höhe, Phonetik, Zahnachsen und -proportionen bis hin zur Zahnfarbe und -textur können Sie nun in Ruhe und vor allem gemeinsam mit Ihrem Zahnarzt erarbeiten und so oft optimieren, bis Sie gemeinsam am Ziel sind. Böse Überraschungen beim Eingliedern Ihrer definitiven Restauration (falscher Biss, falsche Farbe et cetera) können Sie so sicher für Ihre Zahnarztkunden ausschließen. Ein echter Gewinn für alle Beteiligten in Praxis und Labor. Informieren Sie deshalb aktiv Ihren Zahnarzt über diese neuen Möglichkeiten der Eierschalen-Provisorien.

Die Fortsetzung der Artikelserie über die sieben Wege zur Okklusion folgt.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Piet Troost

Bilder soweit nicht anders deklariert: Piet Troost



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