Funktion


Einen CMD-Fall zahntechnisch vorbildlich lösen


Hier berichten zwei Studierende des Studiengangs Dentaltechnologie der Hochschule Osnabrück, wie man im Kurs-Modul „Dentale Fertigung“ das hochaktuelle Thema craniomandibuläre Dysfunktion patientengerecht angeht.

CMD, die craniomandibuläre Dysfunktion, ist weit verbreitet. Ausführungen zu Symptomen und dem Ursachengefüge finden sich hier. Solche Patienten – und genauso andere – können auch einen Bruxismus ausbilden, z. B. durch seelischen Stress. Nicht selten führt das Knirschen, Pressen und Reiben zu einer Abrasion der Kauflächen, mild bis stark ausgeprägt. Durch den fortschreitenden Verlust an Bisshöhe kommt es schließlich zu einer Verlagerung des Kondylus und in Folge zu einer Quetschung des Discus articularis. Im schlimmsten Fall wird der Discus zerstört, woraufhin der Kondylus direkten Kontakt zur Fossa articularis hat.

Zur Abklärung der Position der Kiefergelenke und ihrer Bewegung können z. B. MRT-Aufnahmen (Magnetresonanztomogramme) und vor allem auch axiographische Methoden (elektronische Aufzeichnung der Gelenkbahn-Bewegung) verwendet werden. Sobald sich ein Patient mit Schmerzen – nicht nur im Kiefergelenk- und Nackenbereich – in einer Zahnarztpraxis vorstellt, ist eine sorgfältige Diagnostik angesagt. Danach geht es um die Beseitigung von Fehlstellungen und Fehlhaltungen. Oral gilt es, die Zentrik und eugnathe Lage des Kondylus (wieder)zufinden und die patientengerechte Bisshöhe einzustellen. Sollte jedoch der Discus articularis Schaden erlitten haben, ist dieser irreparabel und es sind weitere Maßnahmen zu ergreifen, bis hin zur Chirurgie. Insgesamt muss bei CMD ein Behandlerteam tätig werden, je nach Fall angefangen vom Hals-Nasen-Ohrenarzt über den Psychologen bis hin zum Physiotherapeuten und Zahntechniker.

Ein exemplarischer CMD-Fall – Beginn der zahnmedizinischen Behandlung

Steht die zahnmedizinische Behandlung an, wird in verschiedenen Schritten vorgegangen. Zunächst muss das Kiefergelenk entlastet und der Patient von seinen Schmerzen befreit werden. Hier hilft eine einfache tiefgezogene Schiene (Relaxationsschiene). Der zu therapierende Patient trägt eine solche Schiene ca. 2 Wochen, danach erfolgt eine Versorgung mit einer Schiene, die über adjustierte Kauflächen verfügt. Zur Findung und Herstellung der Zentrik kann man dafür ein Stützstiftregistrat hinzuziehen, welches Daten nach der konventionellen oder digitalen Methode erhebt (vgl. auch den Beitrag „Update zur Kieferrelationsbestimmung“ hier). Auf den entsprechenden Werten des Patienten basierend, wird die gewünschte Schiene mit adjustierten Flächen hergestellt, welche seine Zentrik vorläufig stützt. Die Schiene darf maximal über 8 Kontaktpunkte im Seitenzahnbereich verfügen, welche die bukkalen Höckerspitzen des Unterkiefers erfassen. In weiteren Sitzungen muss die endgültige Zentrik mittels mehrerer Stützstiftregistrate und Schienen gefunden sowie gesichert werden. Dieses Verfahren wird so lange durchgeführt, bis die betreffenden Patienten mehrere Male in Folge die eingestellte Position selbstständig finden. Dann ist die eugnathe Position des Kondylus erreicht.

Das Beispiel weiter verfolgend, schließt sich der Zentrik-Einstellung die Versorgung durch die so genannte Michigan-Schiene an. Diese verfügt über eine individuell eingearbeitete Eckzahnführung mit dem Ziel, den Patienten immer wieder in seine Zentrik zurückzuführen. Die Schiene ermöglicht dem Patienten eine geführte Lateralbewegung. Damit stellt man sicher, dass die Zentrik behalten wird und dass die Kiefergelenke in ihren Bewegungen geführt werden, wie sie sein sollen. Eine solche Schiene wird ca. 3 Wochen getragen, um die muskuläre Situation an die eugnathe Interkuspitation anzupassen. Danach erfolgt eine Erweiterung der Schiene, um eine Führung der Incisivi zu erreichen. Hierbei handelt es sich um eine Tanner-Schiene. Durch diesen Schritt wird der komplette Bewegungsablauf gesteuert. Es soll erreicht werden, dass sich die muskuläre Versorgung des Kiefergelenks in ihrer Ausprägung und die Unterkiefer-Bewegungen endgültig der Zentrik anpassen.

Der Weg bis zur semipermanenten Schiene

Nach dem Anlegen des Gesichtsbogens und einer Bissnahme werden neue Modelle erstellt (Abb. 1 u. 2) und die Kiefer schädelbezogen in einem Arcon-Gerät einartikuliert. Die axiographisch ermittelten Werte der Kiefergelenkstranslation übertrugen wir in den Artikulator. In unserem Beispielfall wurde in Einklang mit dem Konzept der biomechanischen Aufwachstechnik nach Michael Heinz Polz die eugnathe Situation der Kauflächen zueinander hergestellt. Diese Morphologie diente als Grundlage für die semipermanente Schiene. Unser Patient verfügte über drei abradierte Quadranten, die zueinander nach zahntechnischen Gesichtspunkten aufzuwachsen waren. Dazu wurden zunächst die Höckerverläufe angezeichnet (Abb. 3), um die neuen Kauflächen zu planen. Nach den Richtlinien des okklusalen Kompasses folgte das Aufwachsen auf dem Modell (Abb. 4-6) mit anschließender Überprüfung der Okklusion der Wachsmodellation (Abb. 7 u. 8).

  • Abb. 1: Die Modelle der Ausgangssituation.
  • Abb. 2: Verlorene Bisshöhehöck: Ansicht von lateral.
  • Abb. 1: Die Modelle der Ausgangssituation.
  • Abb. 2: Verlorene Bisshöhehöck: Ansicht von lateral.

  • Abb. 3: Lagebestimmung der Höckerspitzen.
  • Abb. 4: Beginn des Aufwachsens.
  • Abb. 3: Lagebestimmung der Höckerspitzen.
  • Abb. 4: Beginn des Aufwachsens.

  • Abb. 5: Zwischenergebnis der Modellation.
  • Abb. 6: Fertige Modellation.
  • Abb. 5: Zwischenergebnis der Modellation.
  • Abb. 6: Fertige Modellation.

  • Abb. 7: Überprüfung der neu eingestellten Okklusion.
  • Abb. 8: Darstellung der Kontaktpunkte.
  • Abb. 7: Überprüfung der neu eingestellten Okklusion.
  • Abb. 8: Darstellung der Kontaktpunkte.

Nach Vollendung wurde die Wachsmodellation mit einem Knetsilikon abgeformt (Abb. 9). Der Silikonschlüssel diente dazu, die semipermanente Schiene zu fertigen (Abb. 10 u. 11). Bei uns kam ein Kunststoff für Langzeitprovisorien zur Anwendung, da dieser besonders formstabil und abrasionsfest ist. Schließlich wurde noch ein Übertragungsschlüssel hergestellt (Abb. 12 u. 13), um eine fehlerfreie Verklebung im Mund des Patienten sicherzustellen.

  • Abb. 9: Abgeformte Kauflächen (mit Knetsilikon).
  • Abb. 10: Fertige semipermanente Oberkiefer-Schiene nach der Politur.
  • Abb. 9: Abgeformte Kauflächen (mit Knetsilikon).
  • Abb. 10: Fertige semipermanente Oberkiefer-Schiene nach der Politur.

  • Abb. 11: Fertige semipermanente Unterkiefer-Schiene nach der Politur.
  • Abb. 12: Übertragungsschiene aus lichthärtendem Kunststoff.
  • Abb. 11: Fertige semipermanente Unterkiefer-Schiene nach der Politur.
  • Abb. 12: Übertragungsschiene aus lichthärtendem Kunststoff.

  • Abb. 13: Ansicht von oral.
  • Abb. 13: Ansicht von oral.

Schlussbemerkung

Das geschilderte Prozedere bis zum Übertragungsschlüssel für die semipermanente Schienung war Bestandteil unseres Kurs-Moduls „Dentale Fertigung“, unter der Leitung von ZTM Andreas Hoffmann, auch Chefredakteur des internationalen Zahntechnik Magazins. Insgesamt absolvierten 21 Studenten dieses Semesters dass Modul mit einem Umfang von 150 Zeitstunden.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Silas Feddersen - Christian Könk

Bilder soweit nicht anders deklariert: Silas Feddersen , Christian Könk