Funktion


Endlich wieder kauen können


Indizes: Teleskop-Technik, Galvanoforming, Kiefergelenksdiagnostik,

DIR®-System

Ein falscher Biss kann fatale Folgen haben. Zähneknirschen, Gelenkprobleme,

Kopfschmerzen, Verspannungen und Schwindel sind nicht selten auf eine gestörte

Kaufunktion zurück zu führen. Allein in Deutschland leiden viele Menschen unter

den vielfältigen Folgen einer so genannten Craniomandibulären Dysfunktion (CMD). Im seinem Beitrag zeigt ZTM Bernd Dubielzyk, wie er mit Hilfe moderner Technik und einer neu angefertigten Teleskop-Prothese, die durch CMD hervorgerufenen Probleme eines Patienten beseitigen konnte.

Das menschliche Kau-System ist eines der kompliziertesten Körper-Systeme. Es ist über Muskeln und Nerven mit dem Stütz- und Bewegungsapparat wie der Wirbelsäule, dem Gehirn und Organen verknüpft. Sie alle beeinflussen sich gegenseitig. Dies führt dazu, dass bei einer gestörten Funktion des Kau-Apparates die Gesundheit und das Wohlbefinden eines Menschen ernstlich beeinträchtigt werden können. Bedauerlicherweise lösen ungenügend durchgeführte zahnärztliche oder kieferorthopädische Behandlungen solche Funktionsstörungen zum Teil erst aus, denn im zahnärztlichen Praxisalltag ist es mitunter enorm schwierig, die habituelle Relation objektiv umzusetzen. Viel zu oft wird die funktionelle Diagnostik auch noch allein auf Basis der der subjektiven Patienten-Befindlichkeit bewertet. Auch im nachfolgend beschriebenen Fall litt der Patient unter einer Beeinträchtigung, die durch einen falschen Biss verursacht worden war.

Hintergrund: Bei der vormaligen Behandlung war die ursprüngliche natürliche Position, in der Oberund Unterkiefer aufeinander trafen, unzureichend berücksichtigt worden. Nach der Versorgung mit seinen Prothesen litt der Patient unter starkem Knacken des Kiefergelenks und unter Schmerzen. Mehrere zahnärztliche Versuche, Abhilfe zu schaffen, haben jedoch keine Verbesserung der Situation herbeiführen können. Letztlich bestand kein Vertrauensverhältnis des Patienten mehr zum Zahnarzt, sodass sich der Patient mit seinem Zahnersatz in einer anderen Praxis vorstellte und um Hilfe bat. Der dortige Zahnarzt erkannte auf Anhieb, dass die vorhandenen OK- und UK-Prothesen im Hinblick auf das Kiefergelenk des Patienten nicht tragbar waren.

  • Abb. 1: Mit einem Wax-up kann man am einfachsten funktionelle Aspekte berücksichtigen.
  • Abb. 2: Die Primärkronen werden am leichtesten mit einem Wachs-Parallelfräser (H364RA.103.015) gestaltet.
  • Abb. 1: Mit einem Wax-up kann man am einfachsten funktionelle Aspekte berücksichtigen.
  • Abb. 2: Die Primärkronen werden am leichtesten mit einem Wachs-Parallelfräser (H364RA.103.015) gestaltet.

  • Abb. 3: Primärteile in 0° werden am besten mit kreuzverzahnten Parallelfräsern bearbeitet und mit dem H364R.103.023 von Komet/Gebr. Brasseler verfeinert...
  • Abb. 4: ... bevor sie bis zum Hochglanz poliert werden.
  • Abb. 3: Primärteile in 0° werden am besten mit kreuzverzahnten Parallelfräsern bearbeitet und mit dem H364R.103.023 von Komet/Gebr. Brasseler verfeinert...
  • Abb. 4: ... bevor sie bis zum Hochglanz poliert werden.

Einstiegsanalyse

Beim Schließen seines Mundes schob der Patient den Unterkiefer in eine unnatürliche Biss-Position. Diese Verschiebung veranlasste die Kau-Muskulatur zu ständigem Gegendruck, der wiederum die Prothese in unnatürlicher Weise belastete. Als Folge waren die Prothesenzähne extrem abradiert. Der OK-Zahnersatz musste darum komplett neu angefertigt werden. Nach der Abformung in der Praxis und der Analyse der Modelle ermittelte der Behandler zunächst die annähernd korrekte Bisslage. Anhand dieser Bisslage wurden die Modelle einartikuliert. Mit dieser Grundlage erarbeiteten wir im Labor ein Wax-up, das in der Hauptsache zunächst funktionelle Aspekte, wie die Okklusion im Verhältnis zu den Restzähnen und geplanten Teleskopen, berücksichtigte. Aber auch ästhetische Gesichtspunkte, wie die Zahnstellung und natürlich wirkende Zahnformen, kann man in einem solchen Waxup verhältnismäßig schnell überprüfen und zeitund kostensparend korrigieren (Abb. 1).

Gleitende Galvano-Passung

Das Wax-up verschlüsseln wir mit einem Wall aus Silikon. Vestibulär muss er gut abgestützt sein, damit man ihn exakt reponieren kann, denn mit seiner Hilfe können die Teleskopkronen präzise geplant und das Tertiärgerüst passgenau in den späteren Zahnbogen integriert werden. Die Primärkronen fertigen wir mit einem Wachs-Parallelfräser H364RA.103.015 von Komet (Abb. 2). Die gegossenen Primärteile aus Platin Lloyd 100 von BEGO fräsen wir üblicherweise mit kreuzverzahnten Hartmetall-Parallelfräsern für Goldlegierungen H364RXE.103.023 und verfeinern dann mit H364R.103.023 in 0° (Abb. 3). Danach polieren wir nacheinander mit 9440F.103.060, 9440M.103.060 bis zum Hochglanz-Polierer 9440C.103.060 (Abb. 4) und fertigen darüber Galvano-Kappen in einer Stärke von 200 ?m. Gute Erfahrungen haben wir dabei mit dem Galvanogerät Genius Perfekt von Trendgold Binder gemacht. Damit können wir in beliebiger Schichtstärke vergolden oder die Friktion älterer Sekundär-Teleskope wieder herstellen. Das Ergebnis mit der glatten, glänzenden Oberfläche zeigt die Abbildung 5. Die abgeschrägten Flächen schaffen Platz für die Verblendung. Über die Sekundärteile gestalteten wir unter Berücksichtigung des Silikonschlüssels eine bügelfreie Tertiärstruktur aus edelmetallfreiem Wirobond 280 (Abb. 6). Ziel hierbei: So grazil wie möglich, so stabil wie nötig!

  • Abb. 5: Die galvanisierten Sekundärteile weisen eine glatte, glänzende Oberfläche auf.
  • Abb. 6: So grazil wie möglich – die Tertiärstruktur aus Wirobond 280 ist bügelfrei.
  • Abb. 5: Die galvanisierten Sekundärteile weisen eine glatte, glänzende Oberfläche auf.
  • Abb. 6: So grazil wie möglich – die Tertiärstruktur aus Wirobond 280 ist bügelfrei.

  • Abb. 7: Eine Platte mit integriertem Mess-Stift wird mit Pattern-Resin-Käppchen auf den Zähnen fixiert.
  • Abb. 8: Der Stift schiebt über eine Sensor-Platte im Unterkiefer.
  • Abb. 7: Eine Platte mit integriertem Mess-Stift wird mit Pattern-Resin-Käppchen auf den Zähnen fixiert.
  • Abb. 8: Der Stift schiebt über eine Sensor-Platte im Unterkiefer.

  • Abb. 9: Der Sensor überträgt die ermittelten Daten des Pfeilregistrats auf ein Kunststoff-Plättchen.
  • Abb. 9: Der Sensor überträgt die ermittelten Daten des Pfeilregistrats auf ein Kunststoff-Plättchen.

Zuverlässige Zentrik

Da im beschriebenen Fall die Prothesenzähne unnatürlich und massiv abradiert waren, konnten wir nicht einfach die vorliegende Biss-Situation übernehmen. Stattdessen galt es, möglichst genau die Zentrik zu ermitteln, damit wir mithilfe dieser Position das unphysiologische Kau-Muster des Patienten wirksam korrigieren konnten. Als DIR®-System autorisiertes Fachlabor bieten wir geschulten Zahnärzten diese digitale Diagnosemethode an. Dabei handelt es sich um ein Mess-System, mit dem man die normale Physiologie des Kauorgans und der umgebenden Strukturen ermitteln und die Gestaltung des Zahnersatzes zielgerichtet beeinflussen kann.Dafür werden über die OK-Primärkronen zunächst Käppchen aus Pattern-Resin modelliert und im Mund anprobiert. Diese Käppchen werden daraufhin mit einer Platte verbunden, in die ein Mess-Stift integriert ist (Abb. 7). Dieser Stift trifft im UK auf eine Sensorplatte, die in eine Unterkiefer-Schablone eingelassen ist (Abb. 8). Da die Formteile für die Positionierung des Sensors im Unterkiefer und des Stützstiftes im Oberkiefer vorgefertigt sind, können sie in allen denkbaren Gebiss-Situationen eingesetzt werden. Der Sensor ist mit einem Notebook verbunden. Aus ihm übernimmt ein Hilfssystem die ermittelten Werte und macht sie zur Grundlage für die Fertigung einer Fixationshilfe für die sich anschließende Bisskorrektur am Patienten. Bei dieser direkten, internen Methode der Kieferfunktionsdiagnostik und Kiefergelenksfunktionsdiagnostik registriert der Sensor die Bewegungen des Patienten auf Zehntel genau und überträgt die rmittelten Daten dieses Pfeilregistrats auf einen Laptop und auf ein Kunststoff-Plättchen (Abb. 9).Mit dieser behandlerunabhängigen und reproduzierbaren Messmethode ist es möglich, die Ergebnisse der Diagnostik exakt zu bestimmen und die Soll-Position festzulegen. Anhand dieses Registrats werden die Kiefer dann im Munde mit einem Zentrikregistrat verschlüsselt und lagerichtig sowie gelenksbezogen einartikuliert (Abb. 10).

  • Abb. 10: Mithilfe des Registrats werden die Kiefer im Mund mit einem Zentrikregistrat verschlüsselt und lagerichtig gelenksbezogen einartikuliert.
  • Abb. 11: Die fünf Jahre alte Unterkiefer-Prothese.
  • Abb. 10: Mithilfe des Registrats werden die Kiefer im Mund mit einem Zentrikregistrat verschlüsselt und lagerichtig gelenksbezogen einartikuliert.
  • Abb. 11: Die fünf Jahre alte Unterkiefer-Prothese.

  • Abb. 12: Mit Dentin und blauer Schneidemasse wurden die alten Zähne in Form gebracht.
  • Abb. 13: Ziel ist mindestens ein Kontakt auf beiden OK-3ern und zwei Kontakte auf jedem Seitenzahn.
  • Abb. 12: Mit Dentin und blauer Schneidemasse wurden die alten Zähne in Form gebracht.
  • Abb. 13: Ziel ist mindestens ein Kontakt auf beiden OK-3ern und zwei Kontakte auf jedem Seitenzahn.

  • Abb. 14: Dasselbe Ziel galt für die UK-Prothese.
  • Abb. 14: Dasselbe Ziel galt für die UK-Prothese.

Schichtweiser Aufbau

Abbildung 11 zeigt die fünf Jahre alte Unterkiefer-Prothese (Abb. 11). Sie musste schichtweise um 1 bis 2 Millimeter aufgebaut werden, damit die Okklusionsebene an Höhe gewann. Mit Dentin und blauer Schneidemasse arbeiteten wir Mamelons ein, brachten die mesialen und distalen Randleisten zur Geltung und Form in die Zähne (Abb. 12).

Beim Verblenden der OK-Restauration orientierten wir uns am Silikonschlüssel, der die vorher festgelegte Form des Wax-up wieder gab. Wert legten wir zusätzlich auf mindestens einen Kontakt auf der beiden OK-3ern und mindestens zwei Kontakte auf jedem Seitenzahn (Abb. 13). Dasselbe gilt analog für die Unterkieferprothese (Abb. 14).

Die Metallflächen arbeiteten wir mit dem Universalpolierer 9575.900.220 von Komet/Gebr. Brasseler aus und polierten mit deren mittelfester Rosshaarbürste AR9463.104.190 und Paste auf Hochglanz (Abb. 15). Abbildung 16 zeigt die fertig ausgearbeiteten Kronen auf dem Modell (Abb. 16).

Die Inzisiven haben gleichmäßigen Kontakt. Gleichzeitig wandern die Seitenzähne bei der Protrusionsbewegung auseinander. Die Formgebung ist gelungen. Die Wünsche des Patienten wurden hinsichtlich Form und Größe umgesetzt. In der Ausgangssituation waren die Inzisalkanten abgekaut und durch die Politur der Füllungen war auch die Oberfläche der Zähne glatt poliert gewesen. Entsprechend wirkte die originale Front wenig lebendig. Beim neuen Ersatz fällt auf, dass die Oberflächenstruktur deutlich ausgeprägt gestaltet ist. Die approximalen Übergänge sind breit und mesial und distal annähernd gleich stark dimensioniert. Die typischen Zahnmerkmale sind berücksichtigt. Bei der Eckzahnführung stehen die Seitenzähne außer Kontakt (Abb. 17 und 18).

  • Abb. 15: Die Metallflächen wurden mit dem Universalpolierer 9575.900.220 und einer mittelfesten Rosshaarbürste auf Hochglanz poliert.
  • Abb. 16: Gleichmäßiger Kontakt – die fertig ausgearbeiteten Kronen auf dem Modell.
  • Abb. 15: Die Metallflächen wurden mit dem Universalpolierer 9575.900.220 und einer mittelfesten Rosshaarbürste auf Hochglanz poliert.
  • Abb. 16: Gleichmäßiger Kontakt – die fertig ausgearbeiteten Kronen auf dem Modell.

  • Abb. 17: Die approximalen Übergänge sind breit gestaltet und mesial und distal annähernd gleich stark.
  • Abb. 18: Bei der Eckzahnführung stehen die Seitenzähne außer Kontakt.
  • Abb. 17: Die approximalen Übergänge sind breit gestaltet und mesial und distal annähernd gleich stark.
  • Abb. 18: Bei der Eckzahnführung stehen die Seitenzähne außer Kontakt.

Fazit

Es wird vermutet, dass mehrere Millionen Menschen in Deutschland an Funktionsstörungen des Kausystems leiden. Dies verwundert nicht, denn selbst von Ärzten und Therapeuten wird die Ursache für die Craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD) – der falsche Biss – häufig übersehen.

Für die betroffenen Menschen ist dies oft mit jahrelangem Leiden verbunden, denn Versorgungen, die sich ausschließlich am subjektiven Empfinden des Patienten oder des Zahnarztes orientieren, stellen das Funktionsmuster des neuromuskulären Systems nicht ausreichend objektiv dar und können daher leicht zu einem Misserfolg führen.

Die zahnärztliche Diagnose mit dem DIR®-System führt zu transparenten und reproduzierbaren Ergebnissen und einer hohen therapeutischen Sicherheit. Mit seiner Unterstützung hergestellter Zahnersatz lindert die Probleme und verhilft zu einer optimalen und entspannten Biss-Situation.

Im vorgestellten Fall war die Veränderung der Bisslage der vorhandenen Prothesen notwendig, um eine optimale und entspannte Bisslage von Kiefer und Zähnen wieder herzustellen. Die dafür exakt ermittelte Bisslage bot die Grundlage für eine funktionsfähige und funktionelle Restauration.

Bei der Umsetzung der Arbeit war es durch die Vorwall-Technik verhältnismäßig einfach, das funktionelle Wax-up in Verblendungen zu überführen, die anhand des Silikonschlüssels jederzeit auf ihre Funktion hin überprüft werden konnten. Die Verblendungen stehen exakt dort, wo sie stehen sollen. Insofern kann man sich bei dieser Vorgehensweise ganz auf die Formgebung konzentrieren und die Wünsche des Patienten hinsichtlich Form, Größe und Farbe umsetzen (Abb. 19). Alle wichtigen Merkmale sind dabei berücksichtigt, sodass sich die Versorgung unauffällig integriert (Abb. 20 und Abb. 21).

  • Abb. 19: Wenn die Verblendungen richtig positioniert wurden, kann man sich ganz auf die Formgebung konzentrieren und die Wünsche des Patienten hinsichtlich Form, Größe und Farbe umsetzen.
  • Abb. 20: Die Versorgung integriert sich unauffällig.
  • Abb. 19: Wenn die Verblendungen richtig positioniert wurden, kann man sich ganz auf die Formgebung konzentrieren und die Wünsche des Patienten hinsichtlich Form, Größe und Farbe umsetzen.
  • Abb. 20: Die Versorgung integriert sich unauffällig.

  • Abb. 21: Die neue OK-Teleskop-Prothese sitzt sicher und stabil ...
  • Abb. 22: ... und auch die überarbeitete UK-Prothese wirkt ästhetisch.
  • Abb. 21: Die neue OK-Teleskop-Prothese sitzt sicher und stabil ...
  • Abb. 22: ... und auch die überarbeitete UK-Prothese wirkt ästhetisch.


Insgesamt bietet die neue OK-Teleskop-Prothese einen sehr guten Halt und Tragekomfort. Und auch die überarbeitete UK-Prothese wirkt wieder ästhetisch (Abb. 22). Durch die Verbesserung seiner Versorgung und dank der korrigierten Bisssituation zeigte sich der Patient nach der Eingliederung entsprechend zufrieden.

Mein Dank für die gelungene Zusammenarbeit bei der Lösung dieses Falles gilt Zahnarzt Dr. Matthias Gneuß, Oldenburg, und seinem Praxisteam.


VERWENDETE MATERIALIEN

Gegossene Primärteile:
Platin Lloyd 100, Bego (Bremen)
Galvanogerät:
Genius Perfekt
Trendgold Binder (Georgsmarienhütte)
Tertiärstruktur:
Wirobond 280, Bego (Bremen)
Craniomandibuläres Messsystem:
DIR®, Gesellschaft für Funktionsdiagnostik,
DIR® System mbH & Co.KG (Essen)
Fräser, Polierer:
Komet/Gebr. Brasseler (Lemgo)

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: ZTM Bernd Dubielzyk

Bilder soweit nicht anders deklariert: ZTM Bernd Dubielzyk


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