Funktion

Antworten auf wesentliche Fragen

Teil 1: Die perfekte Aufbissschiene


Der Autor diskutiert im ersten Teil des Gesamtbeitrags die Voraussetzungen für die effiziente Herstellung einer optimalen funktionstherapeutischen Aufbissschiene – von der Indikation und Kommunikation bis zur Materialauswahl.

Alle machen Schienen, dabei könnten die Vorstellungen und das Verständnis von einer „Schiene“, das Zahnärzte, Zahntechniker und andere in der Zahnheilkunde Tätige haben, unterschiedlicher nicht sein. So stellt sich zuerst die Frage, bei welchen Patienten eine Aufbissschiene indiziert ist und was die anzufertigende Schiene bewirken soll. Zur Beantwortung dieser Frage soll hier Dr. Diether Reusch, Westerburg, zitiert werden: „In Bezug auf Anfertigung (im Artikulator oder im Mund), Platzierung (im Ober- oder Unterkiefer), Gestaltung, Adjustierung, Tragezeiten und vieles mehr ist in der Literatur keine klare Linie erkennbar. Selbst über die Ätiologie der Funktionsstörung besteht keine Übereinstimmung. Der Muskelfunktion und ihrer Behandlung im Sinne einer Detonisierung, Entspannung und Koordinationsverbesserung wird jedoch eine immer größere Bedeutung beigemessen.“ [1]

Die „Schiene“ als funktionstherapeutisches Gerät

  • Abb. 1: Rot: die beiden protrusiven 1er- und die laterotrusiven Eckzahn-Führungen. Schwarz: die zentrischen Auftreffpunkte. Bildnachweis: Dr. Diether Reusch, Westerburg

  • Abb. 1: Rot: die beiden protrusiven 1er- und die laterotrusiven Eckzahn-Führungen. Schwarz: die zentrischen Auftreffpunkte. Bildnachweis: Dr. Diether Reusch, Westerburg
Unter den Patienten, denen eine „Schiene“ helfen soll, sind wesentlich diejenigen mit craniomandibulärer Dysfunktion (CMD) zu nennen, das heißt einer diagnostizierten Funktionsstörung des Kauorgans. Versteht man eine „Schiene“ somit als funktionstherapeutisches Gerät (FTG; Abb. 1) und nicht nur als einfaches Mittel zur Entkopplung der habituellen Interkuspidation, sollten Zahnarzt und Zahntechniker über einen vergleichbaren Wissensstand zu diesem Thema verfügen, um zielführend kommunizieren zu können. Auftragszettel, lediglich mit der Angabe „Schiene“ oder „Schiene, zwei Millimeter“, sind dabei wenig hilfreich. Soll die „Schiene“ im Ober- oder Unterkiefer gefertigt werden? Zwei Millimeter Sperrung – aber wo? Am Stützstift? – zumindest weniger erfahrene Zahntechniker verstehen das häufig so, im Bereich der Eckzähne? oder im Bereich der Molaren?

Des Weiteren stellen sich die Fragen: Welche vorbereitenden Maßnahmen am Patienten beziehungsweise im Labor sind richtig und sinnvoll? Zur Auswahl stehen hier unter anderem eine Kieferrelationsbestimmung oder eine schädelgerechte Montage des Oberkiefermodells im Artikulator.

Licht ins Dunkel können Teamfortbildungen für Zahnarzt und Zahntechniker bringen, wie sie beispielsweise Dr. Diether Reusch bei den Westerburger Kontakten, ZTM Andreas Hoffmann im DSZ Dentales Service Zentrum in Gieboldehausen oder Dr. Wolf-Dieter Seeher im Münchner Raum anbieten. Hilfreiche Informationen findet man weiterhin auf der Internet-Seite www.dgfdt.de, der Internetpräsenz der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie. Diese Fachgesellschaft beschäftigt sich wesentlich mit craniomandibulären Dysfunktionen, aber auch zum Beispiel mit Bruxismus.

Die Materialauswahl

Wenn feststeht, dass der Patient initial mithilfe einer Aufbissschiene funktionstherapeutisch behandelt werden soll, und Zahnarzt und Zahntechniker dieselbe Sprache sprechen, sind weiterhin die Anforderungen aller Beteiligten – Patient, Zahnarzt, Zahntechniker – an eine optimale Schiene zu definieren. Denn diese Anforderungen dienen wiederum als Beurteilungskriterien bei der Materialauswahl. Dabei ist für den Patienten wichtig, dass die Schiene:

  • kein Allergiepotenzial hat,
  • einen hohen Tragekomfort aufweist, weil sie passgenau und spannungsfrei sitzt,
  • aufgrund glatter Oberflächen leicht zu reinigen ist, sich nicht verfärbt und
  • ansprechend aussieht beziehungsweise möglichst unauffällig und geschmacksneutral ist.

Im Hinblick auf die Herstellung im zahntechnischen Labor sollte das Schienenmaterial:

  • eine effiziente und rationelle Schienenproduktion ermöglichen,
  • problemlos für jedes Funktionskonzept beziehungsweise funktionelle Gestaltung einsetzbar sein,
  • keine Reklamationen durch Brüche, Abplatzungen und mangelnde Passung verursachen,
  • kein Allergiepotential ausweisen und geruchsfrei sein.

Für den reibungslosen Ablauf in der Praxis und im Hinblick auf den Therapieerfolg ist von Bedeutung, dass die Schiene:

  • möglichst ohne Nacharbeit problemlos eingegliedert werden kann,
  • wenn nötig, schnell einzuschleifen und zu polieren ist,
  • den problemlosen Materialangetrag erlaubt,
  • bei Fehlbelastungen eher bricht als das Kiefergelenk negativ zu beeinflussen,
  • eventuell noch vorhandene Frühkontakte schnell abradiert.

Diese Anforderungen sind von dem verwendeten Schienenmaterial möglichst umfänglich zu erfüllen. Grundsätzlich stehen als Schienenmaterialien zur Auswahl:

  • Tiefziehfolien,
  • Heißpolymerisate,
  • Kaltpolymerisate,
  • lichthärtende Werkstoffe.

Eine nur mit Tiefziehfolie hergestellte Schiene kann sicher nicht als funktionstherapeutisches Gerät bezeichnet werden. Sie verfügt weder über eine Front-Eckzahn-Führung, noch ist sie okklusal adjustiert. Die Heiß- und Kaltpolymerisate, die als Prothesenbasismaterialien entwickelt wurden, werden den Anforderungen an eine effiziente Herstellung nicht wirklich gerecht, auch sind unter anderem die Passgenauigkeit (bedingt durch den vergleichsweise hohen Schrumpf dieser Materialien), das Allergiepotenzial für Techniker und Patienten sowie die Geruchs- und Geschmackswahrnehmung fragwürdig. So sind letztlich die lichthärtenden Werkstoffe derzeit das Material der Wahl für die funktionstherapeutische Aufbissschiene (Abb. 2), denn sie erfüllen weitestgehend die genannten Anforderungen.

  • Abb. 2: Funktionstherapeutisches Gerät nach Dr. Diether Reusch, Westerburg. Bildnachweis: Dr. Diether Reusch, Westerburg
  • Abb. 3: Wird die Oberfläche semi-transluzent gearbeitet, sind die Kontaktpunkte in situ besonders gut zu erkennen. Bildnachweis: ZTM Andreas Hoffmann, Gieboldehausen
  • Abb. 2: Funktionstherapeutisches Gerät nach Dr. Diether Reusch, Westerburg. Bildnachweis: Dr. Diether Reusch, Westerburg
  • Abb. 3: Wird die Oberfläche semi-transluzent gearbeitet, sind die Kontaktpunkte in situ besonders gut zu erkennen. Bildnachweis: ZTM Andreas Hoffmann, Gieboldehausen

Fortsetzung folgt. Im zweiten Teil rückt der Autor die Herstellung an einem konkreten Beispiel in den Mittelpunkt. 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: ZT Joachim Mosch

Bilder soweit nicht anders deklariert: ZT Joachim Mosch