KFO


Kieferorthopädie: Digitale Fallplanung trifft praktische Anwendung im Labor

02.05.2016
aktualisiert am: 10.05.2016

In diesem Beitrag zeigt der Autor Yong-min Jo auf, wie man eine kieferorthopädische Fallplanung im digitalen Workflow realisieren kann und wie sich die Wertschöpfung im KFO-Praxislabor integrieren lässt.

Es verbreitet sich zusehends, dass kieferorthopädische Apparaturen innerhalb eines digitalen Workflows erstellt werden. Das betrifft z. B. Aligner- Schienen, Brackets Set-ups für bukkal und lingual, klassische Metallapparaturen und CAD/CAM-Retainer (zu Letzteren siehe den Beitrag von Jürg und Jonas Hostettler). Im Folgenden wird ein Aligner-Beispiel erläutert.

Patientenfall

Eine Patientin suchte unsere Praxis mit dem Wunsch auf, die „schiefen“ Zähne im Ober- und Unterkiefer korrigieren zu wollen. Nach der intraoralen Begutachtung und Abklärung, ob die Aligner-Therapie überhaupt die richtige Wahl für diese Situation ist, wurden diagnostische Unterlagen erstellt. Mit diesen können wir an eine Prognose der Aligner-Behandlung herangehen. In dieser erstellen wir eine digitale Ziel-Situation, die bei vorheriger Abstimmung per E-Mail auch als Modell gedruckt werden kann. Damit fällt die Patientenaufklärung leichter. Unsere Patientin hat auf diese Weise ein physisches Modell von ihren zukünftigen Zähnen in Händen und erhält eine klarere Vorstellung. Teil der Prognose sind auch die Einschätzung der benötigten Steps und die Beantwortung der Frage, ob eine Expansion oder Stripping die Wahl für die Generierung von Platz bei Engstandsituationen ist. Der Ablauf stellt sich wie folgt dar:

  1. Diagnose
    • Digitalisierung der Zahnsituation (Modelle erstellen, Modell-Scanner, Intraoralscanner)
    • Vorbereiten der Scan-Daten: Sockeln und Separieren der Zähne
    • Auswertung der Situation per Modellanalyse. Dabei Platzanalyse: Expansion oder Stripping? Attachements?
    • Planung der Korrektur, Erstellen der projektierten finalen Situation
    • Absprache mit Patientin über finale Situation/ Prognose Set-up
    • Aufklärung über den Einsatz einer Expansionsschraube
  2. Labor
    • Erstellen des Expansionsaligners mit Einbau der Schraube
  3. Therapie Phase 1: Expansion
    • Einsetzen der Apparatur
    • Kontrolle und Finalisierung der Expansion
  4. Zwischendiagnose und Planung der Phase 2-Therapie
    • Digitale Step-Planung
    • Druck Modelle, Tiefziehen, Aligner
  5. Phase 2-Therapie
  6. Ende Behandlung

Diagnose

Zur Diagnose wird die Zahnsituation digitalisiert. Mithilfe der Software (OnyxCeph3TM CA SMART 3D, Scheu Dental, Iserlohn) sockeln wir zuerst die digitalen Modelle (Abb. 1 u. 2). Als Ergebnis erhalten wir nun ein geschlossenes 3D-Modell, das wir für den nächsten Schritt verwenden können.

  • Abb. 1 u. 2: Sockeln.
  • Abb. 3 u. 4: Separieren.
  • Abb. 1 u. 2: Sockeln.
  • Abb. 3 u. 4: Separieren.

Es folgt das digitale Separieren (Abb. 3 u. 4), das heißt: Die Zähne werden virtuell segmentiert. Hierdurch erhalten wir nicht nur Einzelobjekte, die nun separat bewegt werden können, sondern wir sehen auch alle Begrenzungen und Referenzpunkte der Zähne, um Modellanalysen automatisiert zu erstellen.

Modellanalyse des Falls und Ergebnis für das weitere Vorgehen

Mithilfe der Analyse können wir erkennen, dass ein Engstand mit anteriorem Platzmangel vorliegt (Abb. 5a u. b). Den benötigten Platz können wir kieferorthopädisch mit Stripping oder Expansion oder deren Kombination erreichen. Dem Wunsch der Patientin entsprechend, auf eine approximale Schmelzreduktion (ASR) zu verzichten, greifen wir auf die Möglichkeit der Expansion zu (Abb. 6).

  • Abb. 5a: Modellanalyse per Software.
  • Abb. 5b: Eine wichtige Grundlage der Analyse bildet auch das Röntgenbild der Ist-Situation.
  • Abb. 5a: Modellanalyse per Software.
  • Abb. 5b: Eine wichtige Grundlage der Analyse bildet auch das Röntgenbild der Ist-Situation.

  • Abb. 6: Die Funktion der Expansionsschraube in der Aligner-Behandlung.
  • Abb. 6: Die Funktion der Expansionsschraube in der Aligner-Behandlung.

Vorbereitende Schritte für die Expansion

Um Raum zu gewinnen, verwenden wir die Vektor® 40 Schraube von Scheu Dental. Diese realisiert eine sagittale Expansion im anterioren Segment. Wichtig: Wir müssen immer auch den Oberkiefer berücksichtigen, wenn wir eine Dehnung im Unterkiefer planen. Mitunter muss der Oberkiefer auch geweitet und zur Kompensation die OK-Front rekliniert werden. Die Einarbeitung der Schraube kann im Eigenlabor erfolgen (Abb. 7). Dazu nehmen wir die Ausgangssituation und fixieren die Schraube auf dem Modell im anterioren Segment mit Wachs oder Kleber. Danach wird ein Zweikomponenten-Acrylkunststoff (Autopolymerisat) auf die Retentionen gegeben (Abb. 8) und es folgt der Tiefziehprozess (Abb. 9a) mittels BIOSTAR®-Gerät (Scheu Dental). Zum Herstellen des Aligners wird eine CA Folie 1.0 mm verwendet. Während des Tiefziehprozesses entsteht Wärme, die den Kunststoff innerhalb der Folie härtet und sich mit der Folie verbindet. Danach muss dieser Aligner nur noch an der Schraubennaht durchtrennt werden (Abb. 9b u. c).

  • Abb. 7: Schraube fixieren.
  • Abb. 8: Kunststoff auf Retention geben.
  • Abb. 7: Schraube fixieren.
  • Abb. 8: Kunststoff auf Retention geben.

  • Abb. 9a: Tiefziehen.
  • Abb. 9b: Trennen.
  • Abb. 9a: Tiefziehen.
  • Abb. 9b: Trennen.

  • Abb. 9c: Fertiger Expander.
  • Abb. 9c: Fertiger Expander.

Expansion und Neuausrichtung der Zähne

Die Patientin kann nun selbst mit der Expansion beginnen (Abb. 10). Sie stellt die Schraube immer weiter, idealerweise ein bis zwei Mal pro Woche. Dies ist Phase 1 der kieferorthopädischen Behandlung.

  • Abb. 10: Aligner mit Expansionsschraube in situ.
  • Abb. 11: Nach vierwöchiger Expansion: Abschluss von Phase 1.
  • Abb. 10: Aligner mit Expansionsschraube in situ.
  • Abb. 11: Nach vierwöchiger Expansion: Abschluss von Phase 1.

  • Abb. 12a-d: Jeweilige Zwischensituationen und digitale Planung für die Steps ohne Expansionsschraube (Phase 2).
  • Abb. 12a-d: Jeweilige Zwischensituationen und digitale Planung für die Steps ohne Expansionsschraube (Phase 2).

Nach vier Wochen Expansion haben wir genug Platz generiert (Abb. 11), um mit der eigentlichen Step-Planung für die Aligner zu beginnen (Abb. 12a-d). Dazu wird nach der Expansion neu abgeformt. Auf dieser Grundlage erfolgt jetzt die Realisierung der weiteren Steps mit Alignern ohne Verwendung der Expansionsschraube. Wir sind nun in Phase 2 der Therapie angelangt.

Alle Aligner werden zusammen produziert. Im OK werden drei Steps geplant, im UK vier Steps. Das Clear Aligner System nutzt bis zu 1 mm an Zahnbewegung pro Step, mehr als alle anderen Aligner-Systeme. Diese Bewegung wird durch die drei Folien CA-soft, CA-medium und CA-hart für den jeweiligen Step erreicht.

Fazit

Im dargestellten Fall wurden zunächst – unter Zuhilfenahme digitaler Daten – eine Analyse und dann eine Vorbehandlung mithilfe einer stellbaren Schraube durchgeführt, um die erforderliche Expansion zu erreichen. Dazu waren drei Steps im OK und vier Steps im UK nötig. Anschließend wurde das Finishing mit Lückenschluss durchgeführt, seinerseits innerhalb von drei Steps im OK und vier Steps im UK.

Die Methode der Kombination von KFO-Planungssoftware und Set-up aus einer Hand bringt Vorteile. Im Labor kann unkompliziert sowohl das Set-up in Eigenregie durchgeführt, als auch eine Schiene nach der der anderen tiefgezogen werden, ebenso arbeitet der Techniker zu Beginn die Expansionsschraube in den Aligner ein. Für die vorgestellte Patientin bedeutetet das Vorgehen eine kürzere Behandlungsdauer, auf eine approximale Schmelzreduktion konnte verzichtet werden.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Zahnarzt Yong-min Jo

Bilder soweit nicht anders deklariert: Zahnarzt Yong-min Jo