Kombinationsprothetik

Ohne Patientenkontakt im Ausland schiefgegangen

Prothetischer Totalschaden

18.10.2017

Für die hier vorgestellte Patientin waren Teleskopprothesen ohne ihr Wissen im Ausland angefertigt worden. Der Zahnersatz passte von Anfang an nicht und wurde immer wieder erfolglos nachgebessert. So wurden z. B. noch zusätzlich zwei Zähne extrahiert, um die Prothesen dadurch „passend“ zu machen. Weil die Patientin nach und nach jedes Vertrauen zum Behandler verlor und dem ewigen Verschlimmbessern ein Ende bereiten wollte, zahlte sie die Rechnung (!) und brach die Behandlung ab.

Zitat aus dem Gutachten

Der am 11.03.2013 eingegliederte Zahnersatz ist nicht mehr funktionstüchtig. Der Versuch der Nachbesserung … war nicht erfolgreich. Die Prothesen im OK und UK liegen auf den Sätteln hohl. Die Sekundärkronen der Teleskope wurden so weit gekürzt, dass keine Friktion mehr vorhanden ist.

Die Patientin hat ein Spannungsgefühl, besonders im Oberkiefer, an der Gaumenplatte, dadurch hat sie massive Adaptionsprobleme bezüglich des herausnehmbaren Ersatzes …

Des Weiteren gibt sie an, dass sie das Spannungsgefühl, welches die Teleskope verursachen, schlecht adaptieren kann. Vielleicht sollte die Art der Konstruktion bei Neuplanung nochmal überdacht werden.

 Aber die Qual setzte sich fort. Nach zwei Jahren empfand die Patientin die Situation als so unerträglich, dass sie schließlich den Mut fasste, sich auf Empfehlung wieder in eine Zahnarztpraxis zu begeben. Daraufhin wurde das hier in Auszügen wiedergegebene Gutachten initiiert. Die Ausgangssituation ließ erkennen, dass die Feststellungen des Gutachters eher als schmeichelhaft zu bezeichnen waren. Der darin sachlich analysierte „prothetische Totalschaden“ beschreibt – naturgemäß – nicht den Leidensweg, den die Patientin über Jahre hinweg durchlebt hat.

Die Insuffizienz im Detail

Auf den ersten Blick fiel die verzerrte Mundhaltung der Patientin auf (Abb. 1). Die nähere Betrachtung des vollkommen insuffizienten Zahnersatzes lässt erahnen, was die Patientin durchlebt hat. Die Außenteleskope wurden freigeschliffen, der Bereich der Frontzähne „schwebt“ über dem Kieferkamm (Abb. 2). Da die Friktion nicht gegeben war, hatte die Patientin die Angewohnheit entwickelt, die Prothesen mit der Zunge zu stützen (Abb. 3). Sattelauflagen und Okklusion waren sowohl rechts als auch links nicht vorhanden, sodass auch die Kaufunktion stark eingeschränkt war (Abb. 4 u. 5).

  • Abb. 1: Noch ahnt man nichts Böses.
  • Abb. 2: Ansicht der insuffizienten Prothetik.
  • Abb. 1: Noch ahnt man nichts Böses.
  • Abb. 2: Ansicht der insuffizienten Prothetik.

  • Abb. 3: Bei Mundöffnung „Zungenartistik“, damit die Prothesen nicht herausfallen.
  • Abb. 4: Sattelauflage und Okklusion rechts nicht vorhanden ...
  • Abb. 3: Bei Mundöffnung „Zungenartistik“, damit die Prothesen nicht herausfallen.
  • Abb. 4: Sattelauflage und Okklusion rechts nicht vorhanden ...

  • Abb. 5: ... ebenso wenig links.
  • Abb. 5: ... ebenso wenig links.

Nach Ausgliederung der Arbeit wurde deutlich, dass die Basalflächen der Sättel bis zur Unkenntlichkeit zurückgeschliffen worden waren (Abb. 6 u. 7). Außerdem waren die UK-Außenteleskope zur Erzwingung einer „spannungsfreien Eingliederung“ gekürzt worden (Abb. 8).

  • Abb. 6: Die ausgegliederte Arbeit zeigt die bis zur Unkenntlichkeit zurückgeschliffenen Basalflächen der Sättel.
  • Abb. 7: Basalansicht der alten UK-Prothese.
  • Abb. 6: Die ausgegliederte Arbeit zeigt die bis zur Unkenntlichkeit zurückgeschliffenen Basalflächen der Sättel.
  • Abb. 7: Basalansicht der alten UK-Prothese.

  • Abb. 8: Gekürzte Außenteleskope der alten Prothese zur „Erzwingung der spannungsfreien Eingliederung“.
  • Abb. 8: Gekürzte Außenteleskope der alten Prothese zur „Erzwingung der spannungsfreien Eingliederung“.

Die Rehabilitation

Für eine prothetische Rehabilitation wurden der Patientin sehr behutsam zunächst alle erforderlichen Behandlungsschritte erklärt, vor allem auch hinsichtlich der ästhetischen Korrekturen und statischen Besonderheiten, um ihr Vertrauen wiederherzustellen. Der zeitliche Ablauf wurde großzügig bemessen, um bei der Patientin jedes Gefühl der Bevormundung zu vermeiden. Stets musste für sie darüber hinaus die Möglichkeit bestehen, Fragen zu stellen und auch psychische Empfindungen zum Ausdruck zu bringen.

Es ist in diesem Zusammenhang fachlich sicher nicht notwendig, auf die Herstellung von teleskopgestützten Prothesen näher einzugehen. In unserem Labor wurde eine technisch und ästhetisch einwandfreie Lösung gefunden und erarbeitet (Abb. 9-13).

  • Abb. 9a: Neue OK-Innenteleskope mit Prothese.
  • Abb. 9b: Neue UK-Teleskope mit Cover-Denture-Prothese.
  • Abb. 9a: Neue OK-Innenteleskope mit Prothese.
  • Abb. 9b: Neue UK-Teleskope mit Cover-Denture-Prothese.

  • Abb. 10: Ansicht der neuen OK-Front auf dem Modell.
  • Abb. 11: Die neuen Innenteleskope in situ.
  • Abb. 10: Ansicht der neuen OK-Front auf dem Modell.
  • Abb. 11: Die neuen Innenteleskope in situ.

  • Abb. 12: Die neue UK- und OK-Versorgung in situ.
  • Abb. 13a: Die Prothesen in Funktion, Ansicht in Protrusion.
  • Abb. 12: Die neue UK- und OK-Versorgung in situ.
  • Abb. 13a: Die Prothesen in Funktion, Ansicht in Protrusion.

  • Abb. 13b: Eckzahnführung links.
  • Abb. 13c: Eckzahnführung rechts.
  • Abb. 13b: Eckzahnführung links.
  • Abb. 13c: Eckzahnführung rechts.

  • Abb. 14: Ein neues Lächeln entsteht.
  • Abb. 14: Ein neues Lächeln entsteht.

Das Resultat

Am Ende der Behandlung waren alle Wünsche erfüllt (Abb. 14): Die Patientin zeigte sich glücklich und konnte wieder kauen und lächeln. Auch das Vertrauen in eine die Lebensqualität verbessernde und erhaltende Zahnmedizin und Zahntechnik wurde ihr zurückgegeben. Dies war nur möglich, weil alle Akteure einander zuhörten und sich gegenseitig in jeden neuen Behandlungsschritt „mitnahmen“.

„Ein spektakulär ganz normaler Fall“ konnte erfolgreich abgeschlossen werden und beweist mehr als deutlich, wie wichtig die auf Vertrauen und Kompetenz gegründete Systempartnerschaft zwischen Zahnarzt und Labor für die Patienten ist und auch zukünftig sein wird. 

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: ZTM Ute Thomas

Bilder soweit nicht anders deklariert: ZTM Ute Thomas


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