Kronen/Brücken


Das Geheimnis der Ästhetik


Indizes: Natur, Gefühl, Beobachtung, Hingabe, Fotografie, Polarität,

Symmetrie, statische und dynamische Ästhetik

Ästhetik - wie nähert man sich am besten diesem, in unserer Zeit relativ stark strapazierten Begriff? Ästhetische Zahnheilkunde, ästhetisch optimierte Frontzahnrestauration, ästhetische Chirurgie, ästhetisch idealisierte Zahnstellungskorrektur - die Liste ist lang. Aber was ist denn eigentlich Ästhetik und wie kann man sie definieren?

Ist Ästhetik die Abwesenheit von Häßlichkeit? Nein, das kann nicht sein, denn die Abwesenheit von Häßlichkeit definiert den Begriff der Schönheit. Ist Ästhetik also Schönheit? Das wäre eine denkbare Definition, kann jedoch auch nicht stimmen, denn wir sprechen zum Beispiel von einem schönen und nicht von einem ästhetischen Musikstück. Auch ein Gedicht kann schön sein – den Begriff ästhetisch würden wir in diesem Zusammenhang jedoch nicht verwenden.
Bei dem Anblick der Natur oder eines schönen Menschen liegt uns das Wort hingegen sehr nahe. Auch bei der Beurteilung von Design oder Bauwerken sprechen wir von Ästhetik. Es handelt sich also hierbei um einen Bestandteil der Schönheit, der sich anscheinend nur auf der visuellen Ebene ausdrücken kann.
Ästhetik wird also visuell erfahren und kann als Teilaspekt der Schönheit zugeordnet werden. Von einer klaren Definition sind wir jedoch immer noch weit entfernt. Hinzu kommt noch der Effekt, daß man sagen könnte, Schönheit liegt im Auge des Betrachters oder wie der Volksmund sagt: „ die Geschmäcker sind verschieden“. Das hieße ganz klar, daß Ästhetik ein nicht zu definierender Begriff sei. Verlassen wir doch einmal diese statistische Betrachtungsweise und sagen: „Ästhetik ist ein Gefühl“ und kommen somit dem Geheimnis einen Schritt näher. Wir erfahren Ästhetik durch ein Gefühl, ausgelöst durch die Betrachtung beziehungsweise die Beobachtung eines Objektes der materiellen Ebene. Ich betrachte und fühle mich wohl. Es ist ein sehr zartes, feines Gefühl in mir, von dem eine große Faszination ausgeht. Ich erfahre einen Bereich, der sich außerhalb unserer Dimension befindet – unbeschreiblich schön und von unendlicher Weite.

Das Gefühl Ästhetik

Diesen Effekt kann man sehr schön aus der Sicht des Fotografen beschreiben. Da ist zunächst einmal der Tag, an dem man „nur“ fotografiert, man könnte auch sagen, der Tag der Jagd, denn ich jage einem Motiv bzw. einer fotografischen Idee hinterher (Abb. 1 und 2).

Nach erfolgreicher Jagd läßt man etwas Zeit verstreichen – eine Nacht oder ein paar Tage, um Abstand zu gewinnen und sich mental zu neutralisieren. Dann kommt die Zeit, in der man seine fotografische „Beute“ sichtet. Die Eindrücke einiger hundert Bilder passieren die Netzhaut und dann trifft es Dich wie ein Blitz – da ist es.

  • Abb. 1 und 2: Ein tolles Erlebnis für jeden Fotografen... eine fotografische Vision wird Wirklichkeit.

  • Abb. 1 und 2: Ein tolles Erlebnis für jeden Fotografen... eine fotografische Vision wird Wirklichkeit.
Deine fotografische Idee ist Wirklichkeit geworden. Es findet ein spontaner Vorgang statt: Man erfährt das Gefühl Ästhetik durch und durch – einen ganzen Tag Arbeit oder mehr und da ist „ es “, dieses eine Bild von dem man vielleicht schon Jahre geträumt hat.

Erfüllt von tiefer Ehrfurcht vor der Schönheit des Motivs und dem richtigen Zeitpunkt dieser 100stel Sekunde kommt dieses feine zarte Gefühl in Dir hoch - „das Gefühl Ästhetik “ Und Du stellst fest, daß es nicht außerhalb von Dir existiert, sondern aus Deinem tiefsten Inneren erstrahlt. Es bringt eine Saite unseres Selbst in uns zum Klingen und zwar eine sehr gut gestimmte.

Ästhetik ist in uns und durch die Betrachtung von etwas Schönem erleben wir unser innerstes Geheimnis (Abb. 3).
  • Abb. 3: Betrachten wir etwas Schönes, erleben wir unser innerstes Geheimnis – das Geheimnis der Ästhetik.

  • Abb. 3: Betrachten wir etwas Schönes, erleben wir unser innerstes Geheimnis – das Geheimnis der Ästhetik.
Dazu muß man natürlich kein Fotograf sein, man kann es immer und überall erleben, zum Beispiel in der Natur oder bei der Betrachtung einer Rose. Die Fotokunst ist jedoch ein gutes Beispiel, weil sie zwei Aspekte des Begriffs in sich vereint. Um diese zu verdeutlichen, müssen wir uns zunächst mit der Polarität der Ästhetik auseinander setzen:

Die Polarität der Ästhetik

Dazu ist es zunächst hilfreich, das Gesetz der Polarität zu beschreiben. Alles um uns herum hat zwei Pole: männlich – weiblich, heiß – kalt, hoch – tief, dick – dünn usw. Ohne Polarität wäre die Existenz der materiellen Welt nicht möglich. Diese Gesetzmäßigkeit gilt sowohl im Mikro- als auch im Makrokosmos, also im gesamten Universum. Die scheinbaren Gegensätze sind zwei Seiten ein und der - selben Medallie und bedingen sich gegenseitig, so wie etwa Reichtum nur durch die Gegenwart von Armut erfahren werden kann.

„Alles ist zweifach, alles hat zwei Pole, alles hat sein Paar von Gegensätzlichkeiten, gleich und ungleich ist dasselbe, Gegensätze sind identisch in der Natur, nur verschieden im Grad. Extreme berühren sich, alle Wahrheiten sind nur halbe Wahrheiten, alle Widersprüche können miteinander in Einklang gebracht werden.“
(Hermes Trismegistos zum Prinzip der Polarität)


Viele weise Menschen und Philosophen unserer Zeit sind sich darin einig, daß der Sinn des Menschenlebens in der Überwindung der Polarität besteht. Am Beispiel der Polarität „heiß und kalt“ kann man diesen Denkvorgang schön beschreiben (Abb. 4). Heiß und kalt gehört zum Bereich der Temperatur. In einer Skala von -273°C (kalt) und + 273°C (heiß) ist es für den Menschen angenehm, sich im Bereich von 16°C bis 23°C auf zuhalten. Somit entsteht ein weiterer Meßpunkt:
Die Mitte beziehungsweise der Begriff Wärme
Die Überwindung der Polarität findet also in einem dritten Schritt statt, welcher durch einen

  • Abb. 4: yin und yang – Sinnbild der Einheit der scheinbaren Gegensätze

  • Abb. 4: yin und yang – Sinnbild der Einheit der scheinbaren Gegensätze
Ausgleich der Kräfte herbeigeführt wird und in dem etwas Neues entsteht: Vater (m) + Mutter (w) = Kind (s). Der dritte Schritt überwindet die Polarität und es entsteht eine neue Schöpfung. Am Beispiel Musik bedeutet das: Durch den dritten Ton des Dreiklangs entsteht Dur oder Moll; durch ein Kind wird aus einem Paar eine Familie.
Die Polarität der Ästhetik ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Erst durch näheres Hinschauen und dem Studium des Phänomens wird es sichtbar. Seit der Gründung unseres Labors haben wir, Massimiliano Trombin, unser Mitarbeiterteam und ich uns die Frage gestellt: „ Woran liegt es, daß man künstliche Zähne immer am Modell beziehungsweise auf Fotos erkennt?“ Und hier half uns auch die Fotografie einmal mehr aus der Klemme. Beim Studium unserer Fotos natürlicher Zähne im Vergleich zu künstlichem Zahnersatz entdeckten wir die Polarität der Ästhetik. Wir erkannten, daß die gegensätzlichen Pole auf der einen Seite von der Ästhetik der Natur und auf der anderen Seite von der künstlichen, also von Menschenhand geschaffenen Ästhetik, gebildet werden – und diese sind wahrhaft von großer Gegensätzlichkeit gekennzeichnet: Die natürliche Ästhetik (Abb. 5) ist organisch geformt, nicht symmetrisch, seidig – weich, warm, fühlbar und von kosmischer Herkunft – zum Beispiel eine Rose.
  • Abb. 5: Polarität der Ästhetik.
  • Abb. 6: Der Verlauf von künstlicher ...
  • Abb. 5: Polarität der Ästhetik.
  • Abb. 6: Der Verlauf von künstlicher ...

  • ... bis hin zur natürlichen Ästhetik am Beispiel der Architektur.
  • ... bis hin zur natürlichen Ästhetik am Beispiel der Architektur.


Die künstliche Ästhetik hingegen ist symmetrisch geformt (Abb. 6), mathematisch, hochglänzend, hart, kalt, meßbar und von menschlicher Herkunft. Das Gefühl hängt vom Betrachter ab. So benötigen wir beispielsweise im Bereich der künstlichen Dinge wie Automobilen, Kühlschränken, Fernsehern eine Symmetrie und mathematische Formen. Im Bereich der natürlichen Dinge, wie zum Beispiel bei Rosen oder Bäumen benötigen wir organische Formen, seidige Oberflächen und keine Symmetrie, um uns in der Betrachtung wohl zu fühlen. Durch eine Mischung der gegenseitigen Pole, also symmetrische Formen und natürliche Strukturen entsteht etwas Neues. Der Betrachter erlebt eine neue Art ästhetischen Empfindens, das ein sehr schönes Gefühl beschreibt. Am Beispiel der Architektur sei hier die Epoche des Jugendstils bzw. des Artdeko erwähnt.
Auch die Fotokunst fällt in diesen Bereich, da das Foto als symmetrisches Objekt (Viereck) die natürliche Ästhetik des Motivs, zum Beispiel eines Portraits symbiotisch miteinander verbindet.
Das Foto überwindet die Polarität der Ästhetik und führt zu einer neuen Sichtweise. Je besser die Abstimmung und Kombination der beiden Extreme, desto höher ist das neu gewonnene ästhetische Erlebnis (Abb. 7).
Helmut Newtons fotografische Werke sind herausragende Beispiele für diesen symbiotischen Effekt, durch den eine neue Ebene der Betrachtung entsteht.
  • Abb. 7: Die Fotokunst überwindet die Polarität der Ästhetik und führt zu einer neuen Betrachtungsweise.
  • Abb. 8: Durch symmetrische Spiegelung der Gesichter am Computer verlieren diese ihre Ausstrahlung.
  • Abb. 7: Die Fotokunst überwindet die Polarität der Ästhetik und führt zu einer neuen Betrachtungsweise.
  • Abb. 8: Durch symmetrische Spiegelung der Gesichter am Computer verlieren diese ihre Ausstrahlung.

Das Geheimnis der Ästhetik

Dabei spielt die Schönheit der unsymmetrischen Symmetrie der Natur eine bedeutende Rolle. Betrachten wir einmal einen Baum. Pure Ästhetik und Funktion vereint zu einem, für jeden Menschen der Erde schön erscheinendes Outfit, ein Kunstwerk der Schöpfung, ein Fest für die Sinne. Ebenso wie eine Rose: Symbol für die Liebe in purer Schönheit; ebenso faszinierend wie vergänglich – High-end Ästhetik!

Menschen mit ebenmäßigen, symmetrischen Gesichtszügen und Formen seien schön, sagt man – aber leider nur schön. Faszination hält sich beim Anblick symmetrischer Gesichter eher in Grenzen. Aura und Ausstrahlung ergeben sich wohl eher aus gerade dieser symmetrischen Unsymmetrie der Gesichter des Menschen. Schau Dir einmal die vier Liverpooler Jugendlichen auf Abb. 8 an. Sind die vielleicht schön? Es sind die Beatles, jene jungen Musiker, die jeder für sich eine Ausstrahlung besitzen, die man schlichtweg als umwerfend bezeichnen kann. Manipuliert man die Beatles am Computer symmetrisch, strahlen sie nichts mehr aus. Sie sind eher gruselig anzuschauen, geradezu häßlich symmetrisch.

  • Abb. 9: Vorher: Der ästhetische Supergau durch symmetrische Zähne.
  • Abb. 10: Nachher: Die ästhetische Rekonstruktion nach der „majesthetischen“ Arbeitsweise.
  • Abb. 9: Vorher: Der ästhetische Supergau durch symmetrische Zähne.
  • Abb. 10: Nachher: Die ästhetische Rekonstruktion nach der „majesthetischen“ Arbeitsweise.

  • Abb. 11: Selbstbildnis symmetrisch und unsymmetrisch.
  • Abb. 11: Selbstbildnis symmetrisch und unsymmetrisch.

Und wie verhält sich das bei Zähnen?

Klarer Fall : Symmetrie hat, geht es um faszinierende Schönheit und Ausstrahlung, auch bei Zähnen nichts zu suchen (Abb. 9 und 10)! Doch wohin dann mit der Symmetrie? Am besten dorthin, woher sie kommt, also zurück in die Mathematik oder in den Bereich der von Menschenhand geschaffenen Dinge – denn haben wir es mit geraden Linien und Winkeln zu tun, erscheint uns jegliche Unsymmetrie auch gleich als unästhetisch.

Kannst Du Dir einen Bilderrahmen mit keinem einzigen rechten Winkel und unterschiedlich langen Seitenteilen vorstellen (Abb. 11)?„Wie häßlich“, sagen dann wohl eher die meisten. Aber ganz ohne Symmetrie geht es auch nicht. Und hierin liegt das Geheimnis: in der Feinheit der unsymmetrischen Symmetrie.

Die zu berechnenden Komponenten sollen in einem gewissen symmetrischen Rahmen zusammenfinden, müssen jedoch von beiden Seiten der Mitte betrachtet zusammen gehören. Am einfachsten läßt sich dieser Effekt am Entwurf eines Jugendstilthemas für die Supraporta eines Türdurchganges (Abb.12) erklären.

Geheimnis der Medianebene

Man fühlt sich bei der Beobachtung des Entwurfs Nr. 3 bei Abb. 12 einfach wohler, ist es nicht so? Ein Gefühl wunderbarer Ästhetik durchströmt einen beim Betrachten des dritten Entwurfs. Die Symmetrie entsteht an den Schnittpunkten der Mittellinie. Obwohl die links und rechts liegenden Formen unterschiedlich sind, betrachten wir sie wohlwollender als die fast spiegelbildlich gestalteten Nr. 1 und 2. Hiermit erlebst Du das Gefühl der unsymmetrischen Symmetrie. Der auslösende Grund für dieses Phänomen liegt wohl in der unterschiedlichen Funktion unserer beiden Gehirnhälften (Abb.13). Demnach ist es so, daß (bei den meisten Menschen) die linke Gehirnhälfte die Motorik und Logik steuert, wogegen die rechte Gehirnhälfte für den emotionalen und musischen Bereich verantwortlich ist. Somit sind wir über unsere Medianebene zweigeteilt. Wir sind also nicht nur optisch seitenverschieden ausgeprägt, sondern auch über unsere Gehirn bzw. Denkfunktionen. Hier gilt also auch für uns wieder ganz klar das oben beschriebene Gesetz der Polarität. Daher erscheinen uns Dinge ähnlicher und natürlicher, welche die oben erklärte unsymmetrische Symmetrie darstellen.

  • Abb. 12: Man fühlt sich einfach wohler mit Entwurf Nr. 3.
  • Abb. 13: Ego-Selbst-Skizze.
  • Abb. 12: Man fühlt sich einfach wohler mit Entwurf Nr. 3.
  • Abb. 13: Ego-Selbst-Skizze.

  • Abb. 14: Pol der Symmetrie in der menschlichen Ästhetik.
  • Abb. 14: Pol der Symmetrie in der menschlichen Ästhetik.


Reproduzieren wir nun mittels dieser (menschlichen) Spiegelsymmetrie natürliche Dinge, bewirkt diese Symmetrie geradezu einen ästhetischen Schock. Denken wir nur an perfekt gestylte Haarteile, künstliche Tannenbäume oder Rosen.Die gespiegelte Symmetrie entlarvt die Fälschung, für jeden sichtbar, als „Prothese“!
Anscheinend will uns die Natur mithilfe dieses Phänomens vor einer Täuschung bewahren. Von diesem Standpunkt aus betrachtet dürften gespiegelte, ideal gleiche 1er, 2er, 3er zum ästhetischen Supergau führen (Abb.15 bis 17). Und so ist es auch in den meisten Fällen! Deshalb sollten Parameter wie Bipupillarlinie – oder Medianebene keinerlei Relevanz für die Gestaltung ästhetisch wirkender Zähne haben – denn ...

Die Lippe

... ist es, zu der alles stimmig sein muß – zunächst einmal (Abb. 18 und 19). Und dann müssen wir uns unsere Zähne in Funktion anschauen. Aber nicht die überinterpretierte Funktion des Vorgangs der dem Abbeißen und der Zerkleinerung der Nahrung dient. Diese Voraussetzungen sollten „ Basic“ sein. Erst danach beginnt die eigentliche Kunst. Wir prägen eine Persönlichkeit mit Zähnen und haben damit eine sehr hohe Verantwortung über das ästhetische Wohlbefinden des Menschen, denn wer sich wohlfühlt ist gesund und wird nicht krank oder nur selten. Und wenn doch, dann hat er sich nicht wohl gefühlt.

  • Abb. 15, 16 und 17: Spiegelung einer Porträtstudie (rechts gespiegelt, normal und links gespiegelt).
  • Abb. 18: Das Lippenbild ist...
  • Abb. 15, 16 und 17: Spiegelung einer Porträtstudie (rechts gespiegelt, normal und links gespiegelt).
  • Abb. 18: Das Lippenbild ist...

  • Abb. 19: ...Parameter Nr. 1 der dentalen Rekonstruktion.
  • Abb. 20: Ein Baum ist natürlich unsymmetrisch.
  • Abb. 19: ...Parameter Nr. 1 der dentalen Rekonstruktion.
  • Abb. 20: Ein Baum ist natürlich unsymmetrisch.


Ästhetik ist mehr Funktion als viele denken, denn der Geist herrscht über den Körper und nicht umgekehrt. Eine große Fehlannahme der modernen Zahnheilkunde ist der Spruch : Ästhetik folgt Funktion. Wie sollte man das am Beispiel des Baumes oder der Rose erklären? Da erscheint es ja fast eher umgekehrt: Funktion folgt Ästhetik – aber dem ist auch nicht so (Abb. 20).

Funktion ist einfach, da meßtechnisch nachvollziehbar. Ästhetik hingegen nicht, da sie sich aus metaphysischen Zusammenhängen zusammensetzt, die nicht reproduzierbar sind und von jedem Menschen anders wahrgenommen werden.

Entscheidend ist hierbei das richtige Gefühl im richtigen Moment. Somit ist jede zahntechnische Restauration, die den Effekt faszinierender Ästhetik erreicht, ein Kunstwerk, eine gelungene Symbiose zwischen ästhetischer und technischer Funktion (Abb. 21 und 22).

Statische und dynamische Ästhetik

Für alle Beteiligten, die in das ästhetische Erscheinungsbild eines Menschen eingreifen, also Gesichtschirurgen, Zahnärzte, Maskenbildner usw. ist die Unterscheidung zwischen statischer und dynamischer Ästhetik sehr wichtig (Abb. 23). Im Bereich des menschlichen Gesichtes ist die statische Ästhetik die Abbildung unter weitgehendem Ausschluß einer mimischen Reaktion bei entspannter Muskulatur. Bei entspannter mimischer Muskulatur erscheint bei psychisch gesunden Menschen ein leichtes, angedeutetes Lächeln.

Diese „Statik“ ist jedoch nur fotografisch darstellbar und daher von eher geringer Bedeutung. Entscheidend für die „Erlebbarkeit“ des ganzen Menschen ist die dynamische Ästhetik, also redend, lachend, schmunzelnd, überlegend etc. (Abb. 24 bis 27).

Bedenke: Ästhetik ohne Ethik ist Kosmetik.
(Elco Hackmann)

  • Abb. 21: Vorher: Statischer Supergau.
  • Abb. 22: Nachher: Eine zahntechnische Rekonstruktion, die den Effekt natürlicher Ästhetik erzeugt, ist eine gelungene Symbiose.
  • Abb. 21: Vorher: Statischer Supergau.
  • Abb. 22: Nachher: Eine zahntechnische Rekonstruktion, die den Effekt natürlicher Ästhetik erzeugt, ist eine gelungene Symbiose.



In der Zahnheilkunde ist die statische Ästhetik das, was wir unter Ausschluß des Lippenbildes in Bezug von weißer zu roter Ästhetik – eben symmetrisch betrachtet – sehen und bewerten können (Abb. 28-31). Die modernen Fachbücher sind voll mit solchen Dokumentationen. Entscheidend für den ästhetischen Erfolg einer Arbeit im Gesamten betrachtet ist jedoch die dynamische Ästhetik, jenes Phänomen, welches unsere Arbeit erst auf die Probe bzw. den Prüfstand stellt. Es bedeutet die Bewertung der künstlichen Zähne unter Betrachtung des ganzen Menschen. Reden, lachen, kokettieren – unter Ausschluß der statischen Dimensionen (Abb. 32 bis 35). Das heißt mit entspannt „ arbeitender“ mimischer Muskulatur ohne Lippenschürzen und der Betrachtung einzelner Zähne:

  • Symmetrie = Statik
  • Statisch = stillstehend
  • Stillstand = Rückschritt/Tod

  • Abb. 23: Das statische Portrait.
  • Abb. 24 bis 27: Das dynamische Portrait.
  • Abb. 23: Das statische Portrait.
  • Abb. 24 bis 27: Das dynamische Portrait.


Die Natur aber fließt, ist ständig in Bewegung und in Veränderung (Abb. 36). So wie wir selbst als Bestandteil der Natur uns ständig verändern und morgen nicht mehr so sind wie heute oder wie wir uns heute erscheinen. Folgen wir der Natur, erfahren wir Erfolg. Symmetrie ist die Kunst der Dummen! Heute besser sein als gestern, aber schlechter als morgen, sollte unser aller Anliegen sein.

Epilog

In unserer schnellebigen, durch mediale Manipulation geprägten Welt haben wir viel von den faszinierenden Möglichkeiten des Menschenseins verloren. Wir haben das Hinschauen verlernt. Schau Dir kleine Kinder an. Sie besitzen noch die Fähigkeit, die Schönheit der Schöpfung anzuschauen, zu erleben und zu erfahren. Sie beschäftigen sich stundenlang mit einer Sache, sind neugierig und können noch staunen zum Beispiel beim Anblick eines Käfers oder einer Blume. Sie sind mit allem „eins“ – mit sich und der Welt. Die Schönheit der Dinge und das Gefühl, Ästhetik in unserem tiefen Inneren zu erleben, verschafft uns die Möglichkeit wieder Kind zu werden, zu uns zu finden und den innersten göttlichen Funken unseres Selbst neu zu entfachen. Ästhetik ist der visuelle Schlüssel dazu. Die Musik oder auch beispielsweise der Gesang einer Amsel sind die akustischen Zugangsmöglichkeiten zu unserem göttlichen Ursprung. Sowohl der Anblick einer Rose als auch das Hören von Mozarts Musik birgt das gleiche Potenzial.

  • Abb. 28 bis 31: Die statische Ästhetik der Zähne.
  • Abb. 32 bis 35: Die dynamische Ästhetik der Zähne.
  • Abb. 28 bis 31: Die statische Ästhetik der Zähne.
  • Abb. 32 bis 35: Die dynamische Ästhetik der Zähne.

  • Abb. 36: Alles im Fluß.
  • Abb. 36: Alles im Fluß.


Entscheidend ist jedoch, sich dem Gefühl ganz konzentriert und mit voller Aufmerksamkeit hinzugeben, sonst bleibt diese Türe verschlossen und man gibt sich der schnöden Äußerlichkeit einer medial überfrachteten Konsumwelt hin. Wann hast Du das letzte mal ganz bewußt und voller Aufmerksamkeit dem Gesang einer Amsel gelauscht oder den Anblick eines Baumes genossen? Geh auf die Jagd mit Deiner Kamera oder dem Handy. Entdecke die Schönheit der Dinge und erlebe ihre Ästhetik in Dir. Schieße ein paar Bilder, suche das schönste aus und genieße es. Dann gehst Du zurück ins Labor, voller Freude und machst die schönsten Zähne Deines Lebens!

  • Folgen wir der Natur erfahren wir Erfolg.
  • Heute besser sein als gestern aber schlechter als morgen sollte unser aller Anliegen sein.

Mit diesen provokanten aber denkwürdigen Anstößen wünsche ich Dir liebe(r) Leser/in eine schöne Zeit, alles Gute und viel Erfolg für die Zukunft.

Danksagung

Mein Dank gilt so vielen Menschen, daß eine Erwähnung jedes Einzelnen an dieser Stelle den Rahmen der Möglichkeiten sprengen würde. Danke Mick, für Deinen künstlerischen Beistand. Ein ganz außerordentlicher Dank geht an meinen wundervollen Geschäftspartner und Freund Massimiliano Trombin für zwölf Jahre außerordentlicher beruflicher Entwicklung und Erfüllung.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: ZTM Achim Ludwig

Bilder soweit nicht anders deklariert: ZTM Achim Ludwig


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