Kronen/Brücken


Mein Zahnmedizinstudium als Zahntechnikermeisterin

.
.

Judith Kropfeld war 2019 im Zahntechnik Magazin auf ihre praktische Meisterprüfung eingegangen*, die als jahrgangsbeste Leistung ausgezeichnet wurde, darüber hinaus den zweiten Platz des Klaus Kanter-Förderpreises errang sowie den Peers-Förderpreis der Implantatprothetik zuerkannt bekam. Mit Abschluss der Prüfung war Judith Kropfeld jedoch nicht müde weiter zu lernen … lesen Sie selbst!

Mit dem Meister im Rücken stellte ich mir die große Frage: Was nun? Es stehen alle Wege und Möglichkeiten offen – wofür wirst du dich entscheiden? Anstellung als Meister – mit oder ohne Führungsaufgabe, gewerbliches Labor oder Praxislabor, Industriebranche, Dozententätigkeit, Selbstständigkeit, Studium …? Für mich persönlich kamen nur zwei Optionen infrage: Selbstständigkeit oder Studium ... Unabhängiges und eigenbestimmtes Arbeiten – das war es, was ich wirklich wollte!

Meine Vorstellung von Selbstständigkeit deckt sich allerdings nicht wirklich mit der alltäglichen Realität eines Laborinhabers. Zwar suggeriert alleine das Wort „Selbstständigkeit“ etwas anderes, aber seien wir einmal ehrlich: Man ist und bleibt als Zahntechniker nun mal zu einhundert Prozent von den Aufträgen, Wünschen und Vorstellungen seiner Kunden abhängig.

Die Entscheidung zum Studium

So entschloss ich mich nach vielen Gesprächen und Überlegungen zu meinem Weg, Zahnmedizin zu studieren, um später einmal selbst über meine Arbeit bestimmen zu dürfen. Dies sah ich darin erfüllt, Patienten selbst behandeln und prothetisch versorgen zu können und eine Fallplanung und Arbeitsabläufe  optimal aufeinander abstimmen zu können.

Mit etwas Glück bekam ich zum Wintersemester 2017 an meinem Wunschort Erlangen einen Studienplatz und konnte im Frühjahr 2020 die Physikumsprüfungen und somit den „vorklinischen Abschnitt“ des Studiums erfolgreich hinter mich bringen – was aufgrund der  besonderen Corona-Situation in den vergangenen Monaten vor der Prüfung bis zuletzt spannend blieb.

Neben allerhand sogenannten „Außerhaus-Fächern“, wie Physik, Chemie, Biologie und Anatomie – später dann Biochemie, Physiologie, Neuroanatomie und Histologie, hat man in den ersten fünf Semestern auch drei praktische Kurse an der Zahnklinik.

Von diesen Kursen und meinen persönlichen Erfahrungen, wie es einem Zahntechnikermeister im Zahnmedizinstudium ergeht, mit welchen Klischees man konfrontiert wird und welche Vorteile, aber auch Hürden das so mit sich bringt, möchte ich nun gerne berichten.

Erste Tage an der Universität

Es beginnt alles irgendwann mit dem „ersten Tag“ ... und glauben Sie mir: Nur weil man schon viele erste Tage hinter sich hat (neue Arbeitsstelle, Berufsschule, Meisterschule, …), ist man an diesem ersten Studientag nicht weniger, sondern mindestens genauso aufgeregt wie an allen anderen zuvor.

In den ersten Tagen drehen sich die Gespräche immer wieder um dieselben Themen, unter anderem um die Abitur-Durchschnittsnote. Mit meiner Antwort „2,4“ fiel ich unter all den „1,...“ auf und bald kam die Frage, wann ich denn mein Abitur gemacht hätte, schließlich würde man mit diesem Schnitt nicht gleich einen Studienplatz bekommen können. „2011“, lautete meine Antwort.

Spätestens nach dieser Aussage trafen mich ungläubige Blicke: „Moment mal, das war vor 6 Jahren und du willst jetzt noch einmal 6 Jahre studieren? Puh, ich weiß nicht, ob ich das gemacht hätte ...!“ Gut, mit einer solchen Jahreszahl waren zumindest der Wille und das Durchhaltevermögen aller derjenigen bewiesen, die sich auch „so spät“ noch zum Studium entscheiden und gegebenenfalls die Wartezeit zwischen Abitur und Studium sinnvoll genutzt haben.

Als Zahntechnikerin unter Studierenden

Schnell kommt dann die Frage: „Was hast du in der Zeit gemacht? Bist du Zahntechniker?“ „Ja genau, ich habe eine Ausbildung gemacht.“ Der Gedanke weiter zu fragen, was man wohl zwischen Ausbildungsende und Studienbeginn getan hatte, kam gar nicht erst auf.

Die wenigsten wissen überhaupt, wie lange die Zahntechniker-Ausbildung dauert, geschweige denn, was eigentlich ein Meister ist und wie man dahinkommt. Ich äußere keinerlei Vorwurf an dieser Stelle – ich hätte es nach meinem Abitur genauso wenig gewusst, hätte ich mich nicht für diesen Weg entschieden.

Auf diese Weise wussten also schon einige, dass man zu der Handvoll Zahntechniker im Semester gehört, an die man sich potenziell wenden könne, wenn man in den praktischen Kursen Hilfe benötigt. – Das mit dem Meister hätte ich niemals gewagt zu erwähnen. Schließlich wurde man schon vorher gewarnt, den  Ball schön flach zu halten und um keinen Preis aufzufallen: „Sag’ bloß keinem, dass du Zahntechniker bist! Sonst haben dich die Assistenzärzte, welche die Studenten in den praktischen Kursen betreuen und bewerten, sofort auf dem Kieker!“

Es wäre aber sehr naiv zu glauben, dass die Assistenzärzte nicht spätestens nach dem dritten praktischen Tag wissen, wer eine zahntechnische Vorbildung hat und wer von all diesen Dingen noch nie etwas gehört oder gesehen hat. Auf dem Kieker hatte mich von den Assistenten niemand – im Gegenteil! Wenn man höflich war, bekam man stets eine freundliche und hilfreiche Antwort auf seine Fragen und auch mal ein Lob, wenn man etwas sehr gut gemacht hatte.

Unter den Studenten musste man da schon eher aufpassen ... da standen viele Zahntechniker in der Missgunst weniger Neider. Es wurde sich lautstark beschwert, weshalb bei der Bewertung eigentlich kein Unterschied gemacht werden würde und „die Zahntechniker“ so ja einen unfairen Vorteil hätten. Die meisten waren jedoch sehr froh, in der Nähe eines Zahntechnikers zu sitzen, um dessen Hilfe dankbar in Anspruch nehmen zu können.

Technisch-propädeutischer Kurs

Der Technisch-propädeutische Kurs (TPK) ist als erster praktischer Kurs mit begleitender Vorlesung für viele gleichzeitig die erste kleine Hürde im Zahnmedizinstudium. Mit einem Zeitaufwand von 21 Wochenstunden und Kurszeiten zum Teil bis 19:00 Uhr bot er einen recht intensiven Einstieg, wenn man bedenkt, dass nebenbei auch Fächer wie Physik, Werkstoffkunde und Terminologie zu bewältigen waren. In diesem Kurs soll ein allgemeines Verständnis für Zahnanatomie, zahntechnische Arbeit und den Umgang mit verschiedenen Materialien erlangt werden.

Für die Zahntechniker unter uns nichts Neues und somit ein recht entspannter Start ins Studium. Für die Neulinge in der „Zahni-Welt“ – und gerade die frischen Abiturienten – allerdings gar nicht so einfach. Schließlich wird an der Universität doch ein gewisses Maß an „Selbst-Studium“ vorausgesetzt, es wird also nicht alles in der Vorlesung vorgebetet, sondern es bedarf auch einiges an Eigeninteresse, um nachvollziehen zu können, was man da eigentlich gerade tut. 

Unsere erste Aufgabe haben sicher schon einige unter uns im Rahmen eines Einstellungstests – allerdings mit Knete – absolvieren müssen: nämlich überdimensionierte Zähne aus rosa Plattenwachs nachbilden (Abb. 1a u. b). Welch eine Materialverschwendung denke ich mir ... „ein guter Einstieg, um die Zahnanatomie und den Umgang mit Bunsenbrenner und Instrumentarium näherzubringen“, sagt die Uni.

  • Abb. 1a: Übergroßer Wachszahn 46 mit Vorlage von bukkal.
  • Abb. 1b:Übergroßer Wachszahn 46 mit Vorlage von okklusal.
  • Abb. 1a: Übergroßer Wachszahn 46 mit Vorlage von bukkal.
  • Abb. 1b:Übergroßer Wachszahn 46 mit Vorlage von okklusal.

Parallel dazu sollten Zähne aus verschiedenen Ansichten gezeichnet werden (Abb. 2a–c). Hierzu gab es auch gleich das erste Testat, bei dem sich die meisten meiner Kommilitonen unheimlich schwertaten und somit ihren ersten Fehlversuch hatten.

  • Abb. 2a: Zahn 31 aus verschiedenen Ansichten gezeichnet.
  • Abb. 2b: Zahn 35 aus verschiedenen Ansichten gezeichnet.
  • Abb. 2a: Zahn 31 aus verschiedenen Ansichten gezeichnet.
  • Abb. 2b: Zahn 35 aus verschiedenen Ansichten gezeichnet.

  • Abb. 2c: Zahn 26 aus verschiedenen Ansichten gezeichnet.
  • Abb. 2c: Zahn 26 aus verschiedenen Ansichten gezeichnet.

Am Ende des Kurses mussten alle Testate bestanden sein und lediglich zwei durften wiederholt werden. So entstand bereits ab der zweiten Woche für viele ein sehr großer Druck – schließlich möchte man doch nicht gleich im ersten Semester „versagen“.

  • Abb. 3: Platten mit übergroßen Kauflächen; Modellation 26 und 35 mit zahnfarbenem Wachs.

  • Abb. 3: Platten mit übergroßen Kauflächen; Modellation 26 und 35 mit zahnfarbenem Wachs.
    © Kropfeld
Um die Zahnanatomie zu vertiefen und die Grundzüge einer Wachsmodellation zu erlernen, bekamen wir eine Platte mit übergroßen Zähnen aus dem 2. und 3. Quadranten und sollten die radierten Kauflächen von 26 und 35 aufwachsen (Abb. 3)
Die größte Herausforderung war hierbei für mich, dass wir jeden Höckerabhang und jede Leiste einzeln aufwachsen und vorzeigen mussten ... wann habe ich das letzte Mal einen Zahn so aufgewachst ... vermutlich nie?

Jedoch hatten die Assistenzärzte schnell bemerkt, dass ich weiß, wie das mit dem Modellieren funktioniert, hatten ein Nachsehen mit mir und ließen mich die Zähne komplett aufwachsen und am Ende vorzeigen.

Weiter ging es mit einer spannenden Aufgabe: Abformungen am Phantomkopf (Abb. 4a u. b). Wer hat nicht als Zahntechniker schon über schlechte Abformungen geschimpft und sich insgeheim gedacht, es besser zu können? Nun war die Zeit gekommen, es auszuprobieren – für mich auch das erste Mal und somit die erste kleine Herausforderung. Klar ist es am Phantomkopf noch einmal eine ganz andere Sache als am Patienten, doch klappt das Abformen hier nicht perfekt, so kann man es unter realen Bedingungen eigentlich direkt vergessen.

  • Abb. 4a: Unser erster Patient: der Phantomkopf (zum Nachstellen der Arbeiten ausgeliehen; auf dem Bild: frasaco; in der Zahnklinik: KaVo).
  • Abb. 4b: Vollbezahnte Kieferbasen mit Kunststoffzähnen.
  • Abb. 4a: Unser erster Patient: der Phantomkopf (zum Nachstellen der Arbeiten ausgeliehen; auf dem Bild: frasaco; in der Zahnklinik: KaVo).
  • Abb. 4b: Vollbezahnte Kieferbasen mit Kunststoffzähnen.

Durch viel Üben hatten die meisten irgendwann herausgefunden, wie eine nahezu einwandfreie Abformung funktioniert und das zugehörige Testat stellte dann kein großes Problem mehr dar. Mit den Abformungen sollten ein Sägeschnittmodell und ein Gegenkiefer zur Herstellung von festsitzendem Zahnersatz erstellt werden (Abb. 5a–d).

  • Abb. 5a: Oberkiefer mit supra- bzw. epigingivalen Hohlkehlpräparationen 15 und 16.
  • Abb. 5b: Korrekturabformung mit gut sichtbarer Präparationsgrenze
  • Abb. 5a: Oberkiefer mit supra- bzw. epigingivalen Hohlkehlpräparationen 15 und 16.
  • Abb. 5b: Korrekturabformung mit gut sichtbarer Präparationsgrenze

  • Abb. 5c: Sägeschnittmodell zur Herstellung der Kronen.
  • Abb. 5d: Segmente 15 und 16 vor dem Freilegen der gut sichtbaren Präparationsgrenze.
  • Abb. 5c: Sägeschnittmodell zur Herstellung der Kronen.
  • Abb. 5d: Segmente 15 und 16 vor dem Freilegen der gut sichtbaren Präparationsgrenze.


Im Übrigen herrscht bei der ersten Modellherstellung in der Berufsschule nicht annähernd solch ein großes Chaos wie an der Uni, wenn die Gips-Plätze von 80 Studenten gleichzeitig belegt werden ...

War diese Gipsschlacht endlich beendet, wurden auf die präparierten Stümpfe 15 und 16 zwei Kronen aus Wachs modelliert (Abb. 6a u. b) – wobei 15 zur vestibulären Verblendung reduziert worden war – und einzeln in Phantomgold gegossen.

  • Abb. 6a: Vollanatomische Modellation der Kronen 15 und 16.
  • Abb. 6b: 15 zur vestibulären Verblendung reduziert.
  • Abb. 6a: Vollanatomische Modellation der Kronen 15 und 16.
  • Abb. 6b: 15 zur vestibulären Verblendung reduziert.

Nach dem Aufpassen und Ausarbeiten wurden die beiden Kronen durch Löten approximal verblockt und der Prämolar letztendlich mit Komposit verblendet (Abb. 7a u. b).

  • Abb. 7a: Kronen in Phantomgold gegossen, durch Lötung verblockt und zur Verblendung vorbereitet (Rocatec-Verfahren).
  • Abb. 7b: Fertige Kronen auf dem Modell.
  • Abb. 7a: Kronen in Phantomgold gegossen, durch Lötung verblockt und zur Verblendung vorbereitet (Rocatec-Verfahren).
  • Abb. 7b: Fertige Kronen auf dem Modell.


Bei diesen Schritten sind meinen Kommilitonen so einige Kronenränder, Approximalund Okklusalkontakte und vor allem Nerven verloren gegangen. Und so waren alle erleichtert, als schließlich die Arbeiten am Phantomkopf einprobiert, angepasst und erfolgreich testiert wurden und mit der nächsten Aufgabe fortgefahren wurde (Abb. 8a u. b).
  • Abb. 8a: Einprobe der Kronen am Phantom von okklusal.
  • Abb. 8b: Einprobe der Kronen am Phantom von vestibulär.
  • Abb. 8a: Einprobe der Kronen am Phantom von okklusal.
  • Abb. 8b: Einprobe der Kronen am Phantom von vestibulär.

Um auch einen kleinen Einblick in die Kunststoffabteilung zu bekommen, fertigten wir eine Shore-Platte als Aufbissbehelf mit Heißpolymerisat an, welche – gerade noch auf Hochglanz poliert und vorgezeigt – gleich wieder zerbrochen wurde, um eine Bruchreparatur zu simulieren. Das war für viele ein trauriger Moment, als das soeben mühsam oder stolz vollendete Werk in drei Teile zerfiel ... doch dies war natürlich eine hervorragende Möglichkeit, um auch den Umgang mit Kaltpolymerisat zu erlernen.

Zu guter Letzt wurde noch eine Interimsprothese auf Wachsbasis mit zu ersetzenden Zähnen 12–15 und 24–26 aufgestellt und ausmodelliert (Abb. 9a u. b). Die Kunststoffzähne aus dem Phantomkopf (Philip KaVo) dienten hierbei als Ersatzzähne. Zum Klammernbiegen gab es auch ein „Drahtbiege-Testat“, bei dem eine bestimmte Form nachgebildet werden musste und das vollendete Werk auch noch plan auf dem Tisch aufliegen sollte.

  • Abb. 9a: Wachsaufstellung der Interimsprothese mit ersetzten Zähnen 12–15 und 24–26 in okklusaler Ansicht.
  • Abb. 9b: Wachsaufstellung der Interimsprothese mit ersetzten Zähnen 12–15 und 24–26 in vestibulärer Ansicht.
  • Abb. 9a: Wachsaufstellung der Interimsprothese mit ersetzten Zähnen 12–15 und 24–26 in okklusaler Ansicht.
  • Abb. 9b: Wachsaufstellung der Interimsprothese mit ersetzten Zähnen 12–15 und 24–26 in vestibulärer Ansicht.

Ich kann Ihnen sagen: Klammernbiegen ist auch unter Studenten höchst unbeliebt und treibt so manchen zur Verzweiflung. Mit dieser letzten Arbeit endete der TPK schließlich. Unser Semester durfte sich glücklich schätzen, dass alle bestanden hatten – es ist keine Seltenheit, dass dieser Kurs wiederholt werden muss. Dennoch hat sich die Größe des Kurses verringert, da einige feststellen mussten, dass ihnen das Handwerkliche (was meiner Meinung nach absolute Grundlage für den Zahnmediziner sein sollte) leider doch nicht so liegt.

Phantomkurs 1

Im sich anschließenden zweiten Semester gab es zu meinem Bedauern keinen praktischen Kurs, dafür aber den nicht weniger interessanten Anatomie-Demokurs. Dieser sollte auf den im dritten Semester bevorstehenden Präparations-Kurs vorbereiten, in welchem man die menschliche Anatomie anhand von Körperspendern bis ins kleinste Detail studieren darf. Zusammen mit dem ersten Phantomkurs war dieser wohl der spannendste Kurs der Vorklinik.

Im Phantomkurs 1 im dritten Semester lag das Hauptaugenmerk auf der zahnärztlichen Präparation für Kronen und Brücken und der Herstellung von Provisorien. Jeden Vormittag in insgesamt 15 Wochenstunden durften wir abwechselnd im vorklinischen Labor und in der Zahnklinik arbeiten. Wir begannen zuerst mit der korrekten Sitzposition und Haltung, um späteren körperlichen Schäden vorzubeugen und eine gute Sicht in den Patientenmund zu ermöglichen.

Als Patient diente wieder einmal der Phantomkopf Philip – glücklicherweise ist er ein äußerst geduldiger Patient mit einer sehr großen Kiefer- und Mundöffnung und absoluter Schmerzfreiheit. Schritt für Schritt wurden uns die Hohlkehl- und Tangentialpräparation mit verschiedenen Diamantschleifern gezeigt, welche wir dann wochenlang übten. Anfangs war es unvorstellbar, für eine Einzelzahnpräparation nicht zwei Stunden, sondern irgendwann einmal nur noch 20 Minuten zu benötigen, doch gegen Ende des Kurses kamen wir diesem Ziel schon deutlich näher als gedacht.

Die Ergebnisse umfassten die gesamte Spanne von Bilderbuch-Präparationen bis hin zu äußerst abenteuerlichen Varianten. Von enormem Vorteil war es hierbei natürlich, wenn man schon viele Präparationen gesehen hatte und genau weiß, wie diese für den späteren Zahnersatz optimal zu gestalten sind.

Ebenso wichtig ist neben einer guten Präparation selbstverständlich auch ein funktionsfähiges und ästhetisch ansprechendes Provisorium – so fertigten wir auch einige davon mithilfe einer Silikonabformung an. Das Material ist in diesen Silikonschlüssel einzufüllen und dieser wieder in den Mund einzubringen. Ist der liebevoll „Gummibärchen-Phase“ genannte Zeitraum erreicht, in welchem der Kunststoff tatsächlich so zäh wie die Bärchen ist, wird das Provisorium aus dem Mund herausgenommen.

Man beschneidet grob die untersichgehenden Bereiche und dann wird das Provisorium wieder eingesetzt, um es dort vollständig aushärten zu lassen. Anschließend wird das Provisorium ausgearbeitet, wobei man gegebenenfalls Blasen und fehlende Kontaktpunkte ausbessert und das Werk zu guter Letzt poliert (Abb. 10a–c).

  • Abb. 10a: Kunststoffprovisorien am Phantom von okklusal.
  • Abb. 10b: Einzelzahnprovisorium 21 von vestibulär.
  • Abb. 10a: Kunststoffprovisorien am Phantom von okklusal.
  • Abb. 10b: Einzelzahnprovisorium 21 von vestibulär.

  • Abb. 10c: Brückenprovisorium 14–16 von bukkal.
  • Abb. 10c: Brückenprovisorium 14–16 von bukkal.

Um mit dem endgültigen Zahnersatz die Kette der Arbeitsabläufe vervollständigen zu können, nahmen wir Abformungen mit verschiedenen Verfahren: Wir benutzten die zweiphasige, einzeitige Sandwich- oder Doppelmisch-Abformung und die zweiphasige, zweizeitige Korrekturabformung. Damit fertigten wir im zahntechnischen Labor der Vorklinik eine dreigliedrige Brücke 14–16 mit vestibulären Verblendungen an 14 und 15 und Tangential-Brückenglied an (Abb. 11a–f). Da die Arbeitsschritte noch aus dem TPK bekannt waren, war auch diese Aufgabe zu bewältigen und der Phantomkurs 1 damit geschafft.

  • Abb. 11a: Oberkiefer mit supra- bzw. epigingivalen Hohlkehlpräparationen 14 und 16 mit gemeinsamer Einschubrichtung.
  • Abb. 11b: Sägeschnittmodell zur Herstellung einer Brücke 14–16.
  • Abb. 11a: Oberkiefer mit supra- bzw. epigingivalen Hohlkehlpräparationen 14 und 16 mit gemeinsamer Einschubrichtung.
  • Abb. 11b: Sägeschnittmodell zur Herstellung einer Brücke 14–16.

  • Abb. 11c: Brücke 14–16 mit vestibulären Kunststoffverblendungen am Modell von okklusal.
  • Abb. 11d: Brücke 14–16 mit vestibulären Kunststoffverblendungen am Modell von vestibulär.
  • Abb. 11c: Brücke 14–16 mit vestibulären Kunststoffverblendungen am Modell von okklusal.
  • Abb. 11d: Brücke 14–16 mit vestibulären Kunststoffverblendungen am Modell von vestibulär.

  • Abb. 11e: Einprobe der Brücke am Phantom von okklusal.
  • Abb. 11f: Einprobe der Brücke am Phantom von vestibulär.
  • Abb. 11e: Einprobe der Brücke am Phantom von okklusal.
  • Abb. 11f: Einprobe der Brücke am Phantom von vestibulär.

Phantomkurs 2

Den dritten und letzten praktischen Kurs der Vorklinik – den Phantomkurs 2 – mussten wir in unseren Semesterferien zwischen demvierten und fünften Semester vier Wochen lang ganztags absolvieren. Hierbei hatten wir zum ersten Mal reale Patienten – unsere eigenen Kommilitonen.

Wir erstellten gegenseitig Anamnesen und Befunde, erteilten Mundhygiene-Instruktionen und untersuchten uns wechselseitig auf Kiefergelenksbeschwerden. Zur späteren Versorgung nahmen wir Alginat-, Doppelmisch- und Korrekturabformungen sowie Bissregistrate. Über die Zwischenschritte eines Stützstiftregistrats und das Anlegen eines Gesichtsbogens gelangten wir schließlich zur Herstellung einer okklusal adjustierten Tiefziehschiene mit Front-Eckzahn-Führung, welche wir auch jeweils eingliederten.

Es war nicht so, dass sie perfekt gepasst hätten, aber dennoch war es ein gutes Kurskonzept, um den ersten Umgang mit Patienten zu erlernen.

Erstes Staatsexamen – Physikum

Hatte man nun die praktischen Kurse mit deren Theorie und sämtliche „Außerhaus-Fächer“ erfolgreich bestanden, war man zum „Endgegner der Vorklinik“ – dem Physikum (1. Staatsexamen) zugelassen.

Es ist die unter Zahnmedizinstudenten am meisten gefürchtete Prüfung, bei welcher man alles Gelernte und bereits wieder Vergessene aus den vergangenen fünf Semestern wiedergeben können muss und dafür lediglich zwei Versuche hat. Bei Nichtbestehen wird man exmatrikuliert und darf auch an keiner anderen deutschen Universität mehr Zahnmedizin studieren. Auf gut Deutsch: Das war‘s dann mit der Zahnmedizin!

Das Physikum besteht zum einen aus mündlichen Prüfungen in den Bereichen Anatomie/Histologie, Physiologie, Biochemie und Zahnersatzkunde (Zahnmedizin/Zahntechnik/Werkstoffkunde), zum anderen aus einer praktischen Prüfung an der Zahnklinik. Innerhalb von sieben Tagen mussten Modelle hergestellt, Provisorien angefertigt, Kauflächen modelliert und Zähne präpariert werden.

Aufgrund von COVID-19 musste die praktische Prüfung am dritten Tag abgebrochen und um eine vorerst unbestimmte Zeit ausgesetzt werden, um schließlich nach sechs Wochen unter strengen Hygiene-Auflagen fortgeführt zu werden. Das kam für uns gerade noch rechtzeitig zum Sommersemester, damit wir in Regelstudienzeit weiter studieren konnten.

Rückblick/Fazit

So befinde ich mich derzeit im klinischen Abschnitt des Studiums, welcher eigentlich den großen Schwerpunkt in der praktischen zahnärztlichen Ausbildung bildet. Leider müssen die praktischen Kurse auf ein absolutes Minimum reduziert werden und fast alles findet über Online-Vorlesungen von zu Hause aus statt. Wir sind alle gespannt, wie es weitergeht und hoffen, dass bald ein gewisser Alltag zurückkehrt, in dem wir den Phantomkopf gegen Patienten tauschen dürfen, um weiterhin eine gute, realitätsnahe Ausbildung erhalten zu können.

Rückblickend betrachtet kann ich behaupten, dass die Zahnklinik Erlangen ihren Studenten einen prägnanten Einblick in die Zahntechnik gibt und mit groben Arbeitsabläufen vertraut macht, um eine spätere gute Zusammenarbeit mit dem zahntechnischen Labor zu ermöglichen. Ein Zahnmedizinstudium heißt keinesfalls, gleich die Zahntechnik-Gesellenprüfung in der Tasche zu haben – aber die zahntechnische Ausbildung ist eine unabdingbare Notwendigkeit für die spätere Arbeit am Patienten.

Letztendlich liegt es an jedem Einzelnen von uns – Zahntechniker wie Zahnmediziner – gegenseitiges Verständnis und Respekt aufzubringen, um sich auf Augenhöhe zu begegnen, um das gemeinsame Ziel zu erreichen: Menschen zu helfen und ein Lächeln in deren Gesicht zu zaubern.

Anmerkung:

Da uns die Kursarbeiten nicht wieder ausgehändigt wurden, habe ich sie zur Veranschaulichung des Beitrags nachgestellt. Die Kieferbasen wurden zur Fotodokumentation aus dem Phantomkopf herausgenommen, was im Kurs selbstverständlich verboten ist – schließlich kann man seinem Patienten auch nicht einfach die Kiefer mal eben herausnehmen (obwohl das wirklich praktisch wäre).

Da die Verzahnung zum Gegenkiefer am Phantomkopf zu wünschen übrig lässt, ist diese nicht in die Dokumentation einbezogen – man kann bereits auf den ersten Blick erahnen, dass man am Phantomkopf nicht gerade von einer perfekten Okklusion sprechen kann.

Leseempfehlung:

Der Eingangs erwähnte Artikel (*) Kropfeld J. Meisterlich gelöst! Zahntechnik Magazin 2019;23(01-Februar 2019):20–28. ist im Autorenprofil von Frau Judith Kropfeld jederzeit online aufrufbar.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: ZTM Judith Kropfeld


Kostenlose Live Veranstaltung – D:EX Dental Experience by Pluradent
Unbenannt

Bei der kostenlosen D:EX Dental Experience von Pluradent am 24. April 2021 ab 10 Uhr werden Produktneuheiten und Impulsvorträge präsentiert. Vorgestellt werden aktuelle Entwicklungen in den Bereichen digitale Transformation, Praxismanagement und Hygiene.

Besuchen Sie uns doch mal auf unserer Facebookseite! Wir freuen uns über jeden Like und sind gespannt auf Anregungen, Kommentare, Kritik und Ideen für neue Themen!

Hier geht's direkt zur Seite