Kronen/Brücken


Vollkeramik: Risikomanagement und Tipps aus Gutachtersicht


White Dentistry oder auch Cosmetic Dentistry genannt wird heute mit exzellenter dentaler Ästhetik verbunden. Dabei steht Vollkeramik im Mittelpunkt: Das sind Veneers, Inlays und Vollkeramikkronen, ergänzt durch keramische Innenteleskope und die vollkeramische Implantatprothetik. Auch bei Bruxismus und craniomandibulärer Dysfunktion (CMD) möchte man gerne Vollkeramik-Rekonstruktionen heranziehen. Der vorliegende Beitrag zeigt den korrekten Weg zur dauerhaften Versorgung ohne Frakturen, ohne Chipping.

Die besten Beispiele dafür, welch hervorragende ästhetische Ergebnisse mit Vollkeramik erzielt werden, liefern Veneers. Insgesamt wird der „White Dentistry“ eine ausgezeichnete Langlebigkeit attestiert. Eine hervorragende Biokompatibilität und das Nichtauftreten von allergischen Reaktionen sind die besten Argumente dafür. Bei allem ist die adhäsive Befestigung gegenüber dem „klassischen“ Zementieren überlegen. Vollkeramische Verfahren werden auch gerne zur Wiederherstellung der Okklusion nach Funktionstherapie eingesetzt. Allerdings: Als Nachteile werden neben der höheren Mikrohärte, die zu Abrasionen am Antagonisten führen kann, der größere Platzbedarf bei korrekter Wandstärke der Gerüste sowie die Kontraindikation bei Bruxismus genannt. Chipping-Probleme und Bulk-Fractures sind die häufigsten Komplikationen [1]. Hier gibt es verschiedene Ursachen – und vermeidbare Fehler.

Problemmanagement

Zahnärztliche Fehler können bei der Präparation oder beim Zementieren auftreten. Bei der Präparation kann es zu Unterschreitungen der Mindeststärke und keiner „kantenfreien“ Präparation kommen. Beim Zementieren können die Verwendung eines nicht geeigneten Zementes (allergische Reaktionen auf den Befestigungszement, Sensibilitätssensationen) oder ein „Zuviel an Zement“ zu Irritationen führen. Der Zahntechnik könnten Fehler in der Herstellung, wie zum Beispiel Unterschreiten von Mindeststärken, unterlaufen. Es werden jedoch heute Gerüstmodifikationen kreiert, die das Chippingrisiko minimieren, – und: die verwendeten Keramiken verändern sich unter Belastung nicht mehr. Einigkeit herrscht dahingehend, dass eine Rekonstruktion bei craniomandibulärer Dysfunktion das größte Problem darstellt. Dem kann durch eine eingehende Funktionsanalyse in der hier geschilderten Weise entgegengewirkt werden.

Grenzbewegung des Unterkiefers

  • Abb. 1: Grenzbewegungsdiagramme des Unterkiefers in sagittaler (a), frontaler (b), horizontaler (c) und räumlicher (d) Darstellung. Bildquelle: Hugger, Abb. 3.7 in: Hugger A, Türp JC, Kerschbaum T. Orale Physiologie, Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, 2006 [3].

  • Abb. 1: Grenzbewegungsdiagramme des Unterkiefers in sagittaler (a), frontaler (b), horizontaler (c) und räumlicher (d) Darstellung. Bildquelle: Hugger, Abb. 3.7 in: Hugger A, Türp JC, Kerschbaum T. Orale Physiologie, Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, 2006 [3].
Unterkieferbewegungen sind maximale Kieferöffnung, Kieferschluss, Rechts-/Linkslaterotrusion und Protrusion. Posselt hat die Grenzbewegungen des Unterkiefers anhand des unteren Inzisalpunktes aufgezeichnet, um die maximale Bewegungskapazität des Unterkiefers zu charakterisieren [3]. Die Grenzbewegung des Unterkiefers ist reproduzierbar in craniomandibulärer Funktion und instabil bei CMD. Sie beurteilt die maximale Bewegungskapazität. Es gibt Bewegungsstereotype für Öffnen, Schließen, Laterotrusion und Protrusion (Abb. 1).

Ein Bewegungsmuster oder Bewegungsstereotyp (dynamisch-motorischer Stereotyp) ist ein einfacher oder komplizierter Bewegungsablauf, der automatisch während der Bewegung ohne bewusste Kontrolle abläuft und ein immer gleiches Muster zeigt. Alltagsbewegungen sind aus solchen Stereotypen zusammengesetzt. Sie werden in der Reihenfolge und Stärke der Muskelaktivierung durch Lernen und Wiederholen im Zentralnervensystem als Schablone abgelegt. Die Fähigkeit des Zentralnervensystems (ZNS), diese Abläufe durch innere und äußere Einflüsse zu verändern, bezeichnet man als Plastizität. Die unvorstellbar große Fähigkeit des ZNS immer neue Bewegungsabläufe auszuarbeiten verändert die Koordination der Muskeln. Ein Bewegungsablauf lässt sich für einen idealen Verlauf beschreiben. Pathologische Bewegungsabläufe kann man dadurch erkennen, weil sie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zu klinischen Beschwerden führen. Dazwischen liegt ein Übergangsbereich, in dem zunehmende Abweichungen vom Ideal mit einer unökonomischen Form der Bewegung einhergehen. Kiefergelenkstörungen gehen mit einer lokalen Hyperaktivität des Musculus masseter und M. temporalis einher, was zu einer reziproken Inhibition in der suprahyoidalen Muskulatur und zu Muskelspasmen im M. pterygoideus lateralis führt [4].

Beim Schließen werden der Temporalis, der Masseter und der pterygoideus medialis synchron aktiviert. Aktiv ist auch der obere Kopf des Pterygoideus lateralis – er hat eine „Zügelfunktion“ und stabilisiert den Kondylus und den Diskus gegen das Tuberculum articulare. Das bedeutet, dass der obere Kopf den Unterkiefer „führt“; wenn der untere Kopf des Pterygoideus lateralis hypoton ist. Dann ist auch der obere Kopf hypoton und die Kieferschließbewegung erfolgt nicht gerade, sondern abweichend. Weitere Konsequenzen sind, dass der Unterkiefer bei der Aufzeichnung von Grenzbewegungen diese nicht reproduzieren kann und der Unterkiefer an unterschiedlichen Positionen verschiedene habituelle Okklusionen einnimmt.

Indikationen zur Funktionsdiagnostik

Die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und –therapie (DGFDT) sagt, dass eine Klinische Funktionsanalyse bei Verdacht auf CMD und vor rekonstruktiven Maßnahmen zur Aufdeckung gegebenenfalls latent vorhandener funktioneller Probleme und zur Behandlungsplanung indiziert ist. Dasselbe gilt auch zur funktionellen Nachuntersuchung des craniomandibulären Systems als Verlaufskontrolle nach der Initialtherapie, nach dem Einsetzen der Langzeitprovisorien und vor der Anfertigung der definitiven Rekonstruktion sowie nach dem Einsetzen des definitiven Zahnersatzes [2].

CMD-Check

  • Abb. 2: M. pterygoideus lateralis rechts ist hypoton, die Kieferöffnung weicht nach rechts ab, die rechte Kondyle hat einen kürzeren Bewegungsweg als die linke Kondyle. Abb. 2 bis 10 und 12 bis 17: Dr. Andrea Diehl, Berlin

  • Abb. 2: M. pterygoideus lateralis rechts ist hypoton, die Kieferöffnung weicht nach rechts ab, die rechte Kondyle hat einen kürzeren Bewegungsweg als die linke Kondyle. Abb. 2 bis 10 und 12 bis 17: Dr. Andrea Diehl, Berlin
Als sehr hilfreich hat sich der „CMD-Check nach Ahlers und Jakstat“ erwiesen [2a]. Zum Beispiel zeigt eine asymmetrische Mundöffnung bereits eine Dyskoordination der Mundöffner an. Bei der Öffnungsbewegung macht der untere Kopf des M. pterygoideus lateralis eine protrusive und öffnende Bewegung, während die suprahyoidalen Muskeln eine retrusive und öffnende Bewegung durchführen [3]. In Abb. 2 ist die abweichende Mundöffnung und der kürzere Bewegungsweg des rechten Kiefergelenkes deutlich zu sehen.

Eingeschränkte Mundöffnung

Eine eingeschränkte Mundöffnung kann mit einer Schwäche der kieferöffnenden Muskeln verbunden sein oder auch auf Diskusverlagerungen zurückgehen.

- Bei der Öffnungsbewegung macht der untere Kopf des M. pterygoideus lateralis eine protrusive und öffnende Bewegung, während die suprahyoidalen Muskeln eine retrusive und öffnende Bewegung durchführen [3]. Die Elevatoren sind beim Öffnen nicht aktiv.

- Es gibt verschiedene dysfunktionale Kieferöffnungen. In Abb. 3 ist eine Mundöffnung dargestellt, die nur durch die suprahyoidalen Muskeln erfolgt. Der Unterkiefer wird retrusiv geöffnet, während in Abb. 4 die Mundöffnung nur durch die Pterygoidei laterales, also protrusiv, erfolgt. In Abb. 5 sieht man eine Kieferöffnung, bei der das rechte Kiefergelenk protrusiv und das linke Kiefergelenk retrusiv öffnet.

  • Abb. 3: Eingeschränkte Mundöffnung; die suprahyoidalen.Muskeln öffnen den Unterkiefer mit einer retrusiven Öffnungsbewegung, die Mm. Pterygoidei laterales caput inf. sind hypoton.
  • Abb. 4: Eingeschränkte Mundöffnung; die Mm. Pterygoidei laterales öffnen den Unterkiefer mit einer protrusiven Öffnungsbewegung, die suprahyoidale Muskulatur ist beidseitig hypoton.
  • Abb. 3: Eingeschränkte Mundöffnung; die suprahyoidalen.Muskeln öffnen den Unterkiefer mit einer retrusiven Öffnungsbewegung, die Mm. Pterygoidei laterales caput inf. sind hypoton.
  • Abb. 4: Eingeschränkte Mundöffnung; die Mm. Pterygoidei laterales öffnen den Unterkiefer mit einer protrusiven Öffnungsbewegung, die suprahyoidale Muskulatur ist beidseitig hypoton.

  • Abb. 5: Rechtes Kiefergelenk öffnet protrusiv, linkes Kiefergelenk öffnet retrusiv.
  • Abb. 5: Rechtes Kiefergelenk öffnet protrusiv, linkes Kiefergelenk öffnet retrusiv.

Gelenkgeräusche

Gelenkgeräusche können durch Ligamente und Kapselbänder oder durch Diskusverlagerungen verursacht sein. Bei allen diesen genannten Symptomen ist die schmerzhafte Muskelpalpation hochwahrscheinlich. Hinzu kommen bei Koordinationsstörungen der Kiefermuskeln „okklusale Geräusche“ – damit sind Gleitbewegungen der Unterkieferzähne an den Oberkieferzähnen gemeint, wenn die habituelle und die zentrische Okklusion different sind oder der Unterkiefer aufgrund von Koordinationsirritationen verschiedene habituelle Okklusionen einnehmen kann. Auch eine traumatische Exzentrik, das heißt, es zeigen sich Hyperbalancekontakte, sind Hinweise auf eine craniomandibuläre Dysfunktion. Nur wenn keines dieser Symptome vorhanden ist, kann von einer craniomandibulären Funktion gesprochen werden.

Koordinationsstörungen der Unterkieferbewegungsstereotype

Das nachfolgende Beispiel (Abb. 6 bis 8) zeigt, dass der Patient eine gerade Mundöffnung aufweist und die Unterkieferbewegung nicht eingeschränkt ist. Deutlich kann man sehen, dass die Bewegung „Posselt frontal“ und „Posselt sagittal“ unkoordiniert ist und der Patient jeweils in einer anderen Unterkieferposition schließt. Der Patient hatte eine craniomandibuläre Dysfunktion mit der Diagnose „myofazialer Schmerz“; er hatte schon Schienentherapie und Physiotherapie erhalten, die nicht zur Linderung der Schmerzen geführt haben; die Schienentherapie hatte die Beschwerden verschlimmert. Dies war die falsche Therapie – bei einer Koordinationsstörung muss die Koordination und die Bewegungsstereotype wieder rehabilitiert werden.

  • Abb. 6a: Koordinationsstörungen der Bewegungsstereotype.
  • Abb. 6b: Koordinationsstörungen der Bewegungsstereotype.
  • Abb. 6a: Koordinationsstörungen der Bewegungsstereotype.
  • Abb. 6b: Koordinationsstörungen der Bewegungsstereotype.

  • Abb. 7a und b: Beispiel für isometrische Übungen zur Kräftigung der lateralen Pterygoidei. Mit Druck gegen die rechte/linke Hand in maximale Mundöffnung gehen und auf demselben Weg wieder zurück in Rechts-/Linkslaterotrusion. Das Dargesellte ist ein Patientenfall. Die Übungen müssen individuell auf die jeweils vorliegende Problematik und die Situation des Patienten abgestimmt werden.
  • Abb. 8: Koordinationsstörungen der Bewegungsstereotype.
  • Abb. 7a und b: Beispiel für isometrische Übungen zur Kräftigung der lateralen Pterygoidei. Mit Druck gegen die rechte/linke Hand in maximale Mundöffnung gehen und auf demselben Weg wieder zurück in Rechts-/Linkslaterotrusion. Das Dargesellte ist ein Patientenfall. Die Übungen müssen individuell auf die jeweils vorliegende Problematik und die Situation des Patienten abgestimmt werden.
  • Abb. 8: Koordinationsstörungen der Bewegungsstereotype.

Abb. 9a bis c zeigt denselben Patienten nach dem Koordinationstraining. Deutlich zu erkennen ist der definierte Kieferschluss – der Patient kommt in eine stabile habituelle Okklusion zurück. Therapieziel war hier die Koordination der Bewegung; die Bewegungsausmaße Kieferöffnung, Rechts-/Links-Laterotrusion, Protrusion waren nicht eingeschränkt.

  • Abb. 9a: Die Aufzeichnungen nach dem Koordinationstraining.
  • Abb. 9b: Die Aufzeichnungen nach dem Koordinationstraining.
  • Abb. 9a: Die Aufzeichnungen nach dem Koordinationstraining.
  • Abb. 9b: Die Aufzeichnungen nach dem Koordinationstraining.

  • Abb. 9c: Die Aufzeichnungen nach dem Koordinationstraining.
  • Abb. 9c: Die Aufzeichnungen nach dem Koordinationstraining.

Muskelphysiologie

Die Ruheschwebelage des Unterkiefers ist definiert als Abstand zwischen Ober- und Unterkiefer, durchschnittlich beträgt dieser zwei bis vier Millimeter. In dieser Stellung zeigt die Muskulatur die geringste Aktivität und der Unterkiefer hängt „schwebend“ in seiner muskulären und ligamentären Aufhängung. In der Ruheschwebelage haben alle Kaumuskeln ihre Ruhelänge. In der Ruhelänge kann die Muskelfaser ihr isometrisches Maximum entfalten. Wird ein Muskel verkürzt, verliert er an Kraft. Bei einer Vordehnung von zwanzig Prozent kann der Muskel noch mehr Kraft entfalten [4].

  • Abb. 10: Muskelfasern im Kieferöffner und -schließer. Bildquelle: Korfage JA, Koolstra JH, Langenbach GE, van Eijden TM. Fiber-type composition of the human jaw muscles. Part 1: Origin and functional significance of fibre-type diversity. J Dent Res 2005;84(9):774-783. Part 2: Role of hybrid fibres and factors responsible for interindividual variation. J Dent Res 2005;84(9):784-793.

  • Abb. 10: Muskelfasern im Kieferöffner und -schließer. Bildquelle: Korfage JA, Koolstra JH, Langenbach GE, van Eijden TM. Fiber-type composition of the human jaw muscles. Part 1: Origin and functional significance of fibre-type diversity. J Dent Res 2005;84(9):774-783. Part 2: Role of hybrid fibres and factors responsible for interindividual variation. J Dent Res 2005;84(9):784-793.
Beim Kieferschluss aus der Ruheschwebelage wird der Pterygoideus lateralis vorgedehnt, um seine Kraft gegenüber der Öffnung aus der Ruheschwebelage zu steigern, und durch die Verkürzung kommt es zur Abnahme der Muskelkraft der Kieferschließer. Das Zentrale Nervensystem bekommt Inputs von der Gelenkkapsel und aus der bilaminären Zone, aus den Propriozeptoren der Muskulatur und von den Mechanorezeptoren der Zähne. Die Informationen werden von den Muskeln beantwortet.

Muskeln können auch eingeteilt werden nach Muskelfasertypen. Bei der Einteilung nach Enzymaktivität werden Typ-I-Fasern von Typ-II-Fasern unterschieden. Typ-I-Fasern sind langsame oxidative Fasern, während Typ-II-Fasern schnelle oxidative/ glykolytische Fasern sind, die nochmal unterteilt werden in Typ-II-A-Fasern und Typ-II-X-Fasern. Typ- I-Fasern sind tonisch und zur Verkürzung neigende Fasern, während Typ-II-Fasern phasische zur Ermüdung/ Schwäche neigende Fasern sind. Des Weiteren gibt es Hybridfasern: ein Intermediärtyp, der aus beiden Fasertypen besteht. Diese Hybridfasern [6,7] haben die Eigenschaft, sich strukturell auf lokal variierende Beanspruchungen einzustellen (Abb. 10).

Es konnte gezeigt werden, dass der Anteil an Typ-IFasern bei den Kieferschließern und den Kieferöffnern gleich ist; der Anteil an Hybridfasern ist jedoch bei den Kieferschließern rund viermal so hoch wie bei den Kieferöffnern, das heißt, dass die Kieferschließer viel variabler sind und sich strukturellen Veränderungen besser anpassen können. Die Kieferöffner haben einen sehr hohen Anteil an phasischen Muskelfasern und neigen bei Nichtbeanspruchung zur Ermüdung. Unter Stress nimmt die Muskelaktivität der Kieferschließer zu, während die der Kieferöffner abnimmt. Konsequenz ist, dass der untere Kopf des M. pterygoideus lateralis abschwächt, die Kondyle so nicht mehr nach ventral stabilisieren kann und die „Zügelfunktion“ des oberen Kopfes des M. pterygoideus lateralis nachlässt. So entsteht eine muskuläre Dysbalance, was Dysfunktion bedeutet. In der Konsequenz werden die Kondylen bei beidseitiger Abschwächung des lateralen Pterygoideus nach dorso-kranial – entsprechend dem Zug der Kieferschließer – gezogen, bei einseitiger Abschwächung des lateralen Pterygoideus nach dorso-cranio-lateral auf der funktionsgestörten Seite [8].

Diskussion der Schienentherapie

Die Schiene beeinflusst die neuromuskulären Inputs und in der Folge verändern sich die Kieferbewegungen. Eine Schiene kann nur als „Reflexschiene “/“Relaxationsschiene“ wirken, wenn die kieferöffnenden Muskeln, also die Mm. Pterygoidei laterales in Funktion sind und die Schienenhöhe geringer ist als die Ruheschwebelage: damit die Kieferöffner „auf Vorspannung“ kommen, um bei Kontakt auf der Schiene zu öffnen. Das funktioniert immer, wenn der Patient eine durch Abrasionen verringerte vertikale Dimension hat und die Schiene die „alte“ vertikale Dimension wiederherstellt. Bei verringerter vertikaler Dimension sind die Mm. Pterygoidei laterales aktiv und bewegen den Unterkiefer protrusiv und lateral, während die Kieferschließer aufgrund ihrer verkürzten Ruhelänge Kraft verlieren. Daher kommt es zum frontalen Bruxismus.

Eine Schienentherapie bei nicht reduzierter vertikaler Dimension kann zur Kräftigung der Kieferschließer und zur Abschwächung der Kieferöffner führen, wenn sich der Patient darauf „festbeißt“, weil er nicht aus der Ruheschwebelage schließt und somit die Kieferöffner auf Vorspannung bringt, sondern die Kieferschließer bei ihrer Ruhelänge fixiert, das heißt bei ihrem Kraftmaximum. Das bedeutet, dass die Kieferöffnung sich wahrscheinlich verringern wird, weil die kieferöffnenden Muskeln nicht „trainiert“ werden, aber die Kieferschließer auf der Schiene ein isometrisches Krafttraining absolvieren.

Die Umsetzung der Schienenposition in eine definitive Versorgung nach adäquater Einstellung der Vertikaldimension und der Okklusionsebene in Zentrikrelation ist sicher unproblematisch. Eine Schiene zum Schutz der Rekonstruktion ist bestimmt hilfreich, sollte jedoch auch niedriger als die Ruheschwebelage sein, damit der Reflexmechanismus „Kieferöffnung“ funktioniert.

Thielemann’sches Diagonalgesetz

Die größten Probleme bereitet eine prothetische Rekonstruktion, wenn ein einseitiges Kompressionsgelenk vorliegt. Das führt zum Verlust der Eckzahnspitze auf der betroffenen Seite (Abb. 11) und Abrasion des palatinalen Höckers des kontralateralen Siebeners (Abb. 12) – bekannt als Thielemann’sches Diagonalgesetz. Auf der Kompressionsseite kommt es zu einer verringerten vertikalen Dimension, zur Abrasion des Eckzahnes und gegebenenfalls des 32/42, die Mittellinie wandert zu dieser Seite. Auf der anderen Seite wird das Kiefergelenk extendiert (Distraktionsgelenk).

  • Abb. 11: Situation im einseitigen Kompressionsgelenk mit Verlust der Eckzahnspitze …
  • Abb. 12: … und Abrasion des palatinalen Höckers des kontralateralen Siebeners.
  • Abb. 11: Situation im einseitigen Kompressionsgelenk mit Verlust der Eckzahnspitze …
  • Abb. 12: … und Abrasion des palatinalen Höckers des kontralateralen Siebeners.

  • Abb. 13: Blick auf die Kompressionsseite. Kondyle in dorsokraniallateraler Position, komprimierter retrodiskaler Raum (schlechter metabolischer Status), verringerte Vertikaldimension, Abrasionen, keilförmige Defekte.
  • Abb. 14: Blick auf die Distraktionsseite. Kondyle in ventrokaudalmedialer Position, offener retrodiskaler Raum (schlechter metabolischer Status).
  • Abb. 13: Blick auf die Kompressionsseite. Kondyle in dorsokraniallateraler Position, komprimierter retrodiskaler Raum (schlechter metabolischer Status), verringerte Vertikaldimension, Abrasionen, keilförmige Defekte.
  • Abb. 14: Blick auf die Distraktionsseite. Kondyle in ventrokaudalmedialer Position, offener retrodiskaler Raum (schlechter metabolischer Status).

  • Abb. 15: Die Therapie beim Patientenfall mit Kompressionsgelenk sollte die Erhöhung der vertikalen Dimension auf der Kompressionsseite beinhalten.
  • Abb. 15: Die Therapie beim Patientenfall mit Kompressionsgelenk sollte die Erhöhung der vertikalen Dimension auf der Kompressionsseite beinhalten.

Eine Schienentherapie, die beide Seiten vertikal hebt, löst das Problem nicht (Abb. 13 und 14). Voraussetzung dafür, dass sich die Kondyle auf der Kompressionsseite ventral stabilisiert, ist, dass der M. pterygoideus lateralis in Funktion ist. Der untere Kopf zieht die Kondyle bei der Öffnung nach ventral und der obere Kopf „zügelt“ die Schließbewegung und hält die Kondyle ventral.

Die Therapie:

  • Osteopathische Techniken zur Reposition des Sphenoids und der Kondylen, um die Ruhelängen der Mm. Pterygoidei laterales zu regenerieren
  • Wiederherstellung der Funktion des M. pterygoideus lateralis auf der Kompressionsseite durch ein Lateralisfunktionstraining
  • Optimierung des metabolischen Status in beiden Kiefergelenken
  • Erhöhung der vertikalen Dimension auf der Kompressionsseite, gegebenenfalls Einschleifen von zahnärztlichen Rekonstruktionen auf der Distraktionsseite (Abb. 15).

Patientenbeispiel für ein Kompressionsgelenk

  • Abb. 16: Messung zur Befunderhebung und nach der Stabilisierung durch gezielte Muskelübungen.

  • Abb. 16: Messung zur Befunderhebung und nach der Stabilisierung durch gezielte Muskelübungen.
Der Patient hatte ein Kompressionsgelenk links und einen hypotonen Lateralis links. Nach Einstellung des Kiefergelenke und Erhöhung der vertikalen Dimension links bekam der Patient „Hausaufgaben“ und sollte täglich Übungen zur Stabilisierung der Muskulatur durchführen. Nach zwei Wochen wurde erneut eine Vermessung durchgeführt und es kann gezeigt werden, dass das linke Kiefergelenk „normal“ öffnet (Abb. 16). Die craniomandibuläre Dysfunktion war aufgehoben und die definitive prothetische Rekonstruktion konnte realisiert werden.

Schlussbemerkungen aus meiner gutachterlichen Tätigkeit heraus

Gerade bei Vollkeramik, die doch so zahlreiche Vorteile bietet, rächt es sich schnell, wenn die „Spielregeln“ nicht eingehalten werden. In meiner gutachterlichen Tätigkeit erlebe ich oft, dass die Klinische Funktionsanalyse nicht korrekt durchgeführt wird. Die häufigste Diagnose: die „Myoarthropathie“, woraufhin eine Schiene eingegliedert wird. Nicht selten erlebe ich, dass dieses Vorgehen am Tag der Präparation abgerechnet wird. Oftmals wird mir ein Ausdruck einer elektronischen Vermessung vorgelegt (dabei kommt es vor, dass diese von einem Zahntechniklabor durchgeführt wird). Jede elektronische Vermessung muss im Zusammenhang mit einer Klinischen Funktionsanalyse erfolgen, weil sie eine weiterführende Diagnostik darstellt, deren Indikation sich erst aus der Klinischen Funktionsanalyse ergeben kann. Dann wird nach einem gewissen Zeitraum, in dem meistens Physiotherapie stattfindet, weiterbehandelt, das heißt: Es werden entweder Langzeitprovisorien oder definitive Restaurationen angefertigt.

Korrekt ist, dass vor jeder weiteren Maßnahme eine erneute Klinische Funktionsanalyse durchgeführt werden muss, um zu überprüfen, ob die eingeleiteten Maßnahmen erfolgreich waren.

Gerade bei Vollkeramik ist festzuhalten: Die beste Strategie zur Vermeidung von Frakturen und Chipping liegt in der Rekonstruktion in craniomandibulärer Funktion.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Andrea Diehl

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Andrea Diehl



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