Totalprothetik

CANDULOR KunstZahnWerk 2015: Jungtechniker präsentiert die Totalprothesen eines Patientenfalls in einem neuen Licht

Totalprothetik mit Leidenschaft

04.11.2015

Die fertige Arbeit.
Die fertige Arbeit.

Belohnt durch einen 4. Platz beim „CANDULOR KunstZahnWerk“ Wettbewerb 2015, überzeugte Roman Wolf, Nabburg, die Jury mit einer individuellen Lösung samt pfiffigen Einzelheiten wie der Stable-Base, einer lebendigen Zahnfleischgestaltung und Charakterisierung der Zähne. Im Folgenden zeigt der Jungtechniker auf, wie man die einzelnen Arbeitsschritte so gestaltet, dass die Ober- und Unterkiefer-Totalprothesen nicht nur funktionell, sondern auch ästhetisch begeistern.

Ein 82-jähriger Pensionär, der seinen Zahnarzt aufsucht, leidet, trotz mehrmaliger Neuanfertigungen, unter einer schlecht sitzenden Unterkieferprothese (Abb. 1). Der Patient ist seit 45 Jahren Prothesenträger und klagt von Anfang an über Probleme beim Sprechen und Kauen sowie über immer wiederkehrende Druckstellen im Unterkiefer. „Eine Zahnstellung wie in meiner Jugendzeit und ein natürliches Erscheinungsbild, das wäre toll!“, wünscht er sich.

Das Prothetikkonzept

Es wird eine Neuanfertigung sowohl der Unter- als auch Oberkieferprothese beschlossen, hierzu kommt das Konzept von Prof. Dr. Albert Gerber zur Anwendung. Maßgebend ist die von ihm entwickelte Condylar-Theorie, deren Merkmale die lingualisierte, bilateral balancierte Okklusion, die Zahn-zu-Zahn-Okklusion sowie die hierauf abgestimmten Mörser-Pistill-Seitenzähne (Abb. 2) sind.

  • Abb. 1: Der Patient mit seinen schlecht sitzenden alten Totalprothesen.
  • Abb. 2: Mörser-Pistill-Prinzip.
  • Abb. 1: Der Patient mit seinen schlecht sitzenden alten Totalprothesen.
  • Abb. 2: Mörser-Pistill-Prinzip.

Einartikulieren und Modellanalyse

Den grundlegenden ersten Schritt zur Herstellung funktioneller Prothesen macht das genaue dreidimensionale Zuordnen des Unterkiefers zum Schädel. Das Einartikulieren im Mittelwert (Abb. 3a-c) zeichnet sich durch eine relativ einfache, zugleich bewährte Vorgehensweise aus – diese wird für den vorgestellten Patientenfall gewählt. Als weiterer Arbeitsschritt zum Einstellen der Funktion folgt die Modellanalyse (Abb. 4a-c). Sie führt dazu, statisch vorteilhafte Belastungsbereiche beider Prothesenlager zu ermitteln und Zahnpositionen zu bestimmen. Das erarbeitete Funktionsmodell dient als Informationsquelle für die anatomischen Modellmitten, Mittellinien der Kieferkämme, Kieferkammverläufe, Eckzahnpunkte, gemeinsamen Aufstellbereiche und dorsalen Begrenzungen.

  • Abb. 3a-c: Einartikulieren im Mittelwert.
  • Abb. 4a-c: Die Modellanalyse.
  • Abb. 3a-c: Einartikulieren im Mittelwert.
  • Abb. 4a-c: Die Modellanalyse.

  • Abb. 5: Jugendbild.
  • Abb. 6a: Die Zahnauswahl.
  • Abb. 5: Jugendbild.
  • Abb. 6a: Die Zahnauswahl.

  • Abb. 6b: Nach der Individualisierung.
  • Abb. 6b: Nach der Individualisierung.

Die Zahnauswahl

Anhand einer Porträtaufnahme aus jungen Jahren (Abb. 5) wird die Zahnauswahl (Abb. 6a) getroffen. Das typgerechte Beschleifen und Charakterisieren der Zähne (Abb. 6b) erreicht ein natürliches, dezent lebendiges Erscheinungsbild.

Die Aufstellung

Nach sorgfältiger Vorbereitung beginnt die Aufstellung der Prothesenzähne. Zunächst werden die oberen vorderen Schneidezähne (Abb. 7a) in Position gebracht. Zur Orientierung dienen die Papilla incisiva sowie die Gaumenfalten als feste Bezugspunkte. Der labiale Lippenkontakt wird vom Gipswall übernommen. Die Position der oberen Eckzähne (Abb. 7b) ergibt sich aus dem Silikonschlüssel. In der Lateralansicht wird deutlich, dass die Eckzähne übereinander stehen. Dabei ist zu beachten, dass die Inzisalkante der unteren Eckzähne (Abb. 7c) in Richtung der Kieferkammmitte zeigt. Anschließend wird die Fontzahnaufstellung (Abb. 7d) komplettiert. Der Überbiss und die sagittale Stufe werden berücksichtigt.

Es folgt die Aufstellung der ersten oberen Prämolaren (Abb. 8a), zunächst provisorisch. Diese setzen die Länge und Position der Eckzähne fort. Nun werden die ersten unteren Prämolaren so platziert, dass der bukkale Höcker in die mesiale Kaumulde des Antagonisten trifft (vgl. Abb. 8a). Die Positionierung der ersten unteren Molaren (Abb. 8b) im Kauzentrum wird mithilfe des Laserpointers ermittelt. Abschließend wird die Seitenzahnaufstellung (Abb. 8c) komplettiert.

Muskelgriffige Gestaltung in Wachs

Nun muss der Prothesenkörper muskelgriffig ausmodelliert (Abb. 9a-c) werden. Das heißt, im Frontalbereich werden Lippenschilde für den Mundring-Muskel ausgearbeitet und im Seitenzahnbereich Bukkinatorauflagen geschaffen. Die muskelgriffige Gestaltung erreicht eine bessere Lagestabilität der Prothesen und Verringerung der Kammresorption im Vergleich zu einfacheren Modellationen.

  • Abb. 7a-d: Die Frontzahnaufstellung.
  • Abb. 8a: Die Aufstellung der oberen und unteren Prämolaren.
  • Abb. 7a-d: Die Frontzahnaufstellung.
  • Abb. 8a: Die Aufstellung der oberen und unteren Prämolaren.

  • Abb. 8b: Platzierung des ersten unteren Molaren mithilfe des Laserpointers.
  • Abb. 8c: Die komplettierte Zahnaufstellung.
  • Abb. 8b: Platzierung des ersten unteren Molaren mithilfe des Laserpointers.
  • Abb. 8c: Die komplettierte Zahnaufstellung.

  • Abb. 9a-c: Die muskelgriffige Gestaltung.
  • Abb. 10a-c: Herstellung der Stable-Base.
  • Abb. 9a-c: Die muskelgriffige Gestaltung.
  • Abb. 10a-c: Herstellung der Stable-Base.

Die Stable-Base

Mit der Stable-Base wird ein Prothesenhalt erzeugt, den man bei konventionellen Totalprothesen vergeblich sucht. Hierbei hält die Prothesenbasis allein durch Adhäsion: Das Prinzip ist vergleichbar mit zwei Glasplatten, die lediglich durch einen Flüssigkeitsfilm aneinander haften. Als erstes wird der Kieferkamm der zu versorgenden Arbeit galvanisiert (Abb. 10a). Anschließend erhält dieser eine Verstärkung durch eine Nichtedelmetalllegierung (Abb. 10b), da die Galvanobasis sonst zu unstabil wäre. Zugleich dient die Verstärkung als zusätzliches Gewicht, um einen besseren Halt der Prothese zu erzeugen. Zuletzt wird das Metallgerüst rosa opakert (Abb. 10c), nun ist es bereit zur Fertigstellung. Mit dieser Methode kann auch bei schlechten Kieferkammverhältnissen, wie in diesem Patientenfall vorgefunden, eine gut sitzende Prothese realisiert werden.

Die Fertigstellung

Um die Prothesenkörper so natürlich wie möglich zu gestalten, wird zum CANDULOR Aesthetic Color Set Easy gegriffen. Der eingefärbte Kunststoff 53/55/57 wird angemischt und mit einem Pinsel Schritt für Schritt in den Vestibulärbereich hineingeschichtet (Abb. 11a-c). Da bei der Fertigstellung eine hohe Präzision gefragt ist, kommt die bewährte Küvettentechnik (Abb. 11d) zum Zuge. Die Küvette wird mit Basismaterial gefüllt und mit 80 bar gepresst. Abschließend müssen die Prothesenkörper nach Herstellerangabe polymerisiert werden.

  • Abb. 11a-d: Die Fertigstellung.
  • Abb. 12: Einschleifen.
  • Abb. 11a-d: Die Fertigstellung.
  • Abb. 12: Einschleifen.

  • Abb. 13: Die Charakterisierungsfarben CANDULOR Stains for Resin Teeth für die Individualisierung der Arbeit.
  • Abb. 13: Die Charakterisierungsfarben CANDULOR Stains for Resin Teeth für die Individualisierung der Arbeit.

Vom Reokkludieren und Einschleifen bis zum Ausarbeiten, Charakterisieren und Polieren

Für die patientengerechte Funktion wird die zentrische Okklusion eingeschliffen. Dabei ist darauf zu achten, dass gleichmäßige Kontakte entstehen. Danach werden die Protrusion, Retrusion und die translatorische Lateralbewegung in Funktion eingeschliffen (Abb. 12). Da bei der Modellation in Wachs höchst präzise gearbeitet wurde, geht es jetzt nur noch darum, die Prothesen zu schmirgeln und die Gipsreste im untersichgehenden Bereich zu entfernen. Es folgt das dezente Charakterisieren (Abb. 13) der Prothesen. Schließlich wird die Arbeit auf Hochglanz gebracht, mit größtem Wert auf den Interdentalräumen. Diese werden optimal glatt und schrammfrei, wenn man sie mit einem Ziegenhaarbürstchen und der Paste CANDULOR KMG poliert.

Das Finale

Nach sorgfältiger Planung, höchstpräzisem Arbeiten und künstlerischem Gestalten ist das Werk bereit (Abb. 14a-c), das Labor zu verlassen. Die Vorteile eines doch so aufwendigen Vorgehens sind eindeutig: Die Druckstellen im Unterkiefer gehören der Vergangenheit an, die Passgenauigkeit und der Sitz lassen nichts zu wünschen übrig. Ästhetisch wirken die Prothesen sehr natürlich und werden nicht als solche wahrgenommen (Abb. 15a u. b).

  • Abb. 14a-c: Fertige Arbeit in Okklusion.
  • Abb. 15a: Die Situation vorher.
  • Abb. 14a-c: Fertige Arbeit in Okklusion.
  • Abb. 15a: Die Situation vorher.

  • Abb. 15b: Die Situation mit der neuen Versorgung.
  • Abb. 16a-c: Künstlerisch schön – die fertige Arbeit.
  • Abb. 15b: Die Situation mit der neuen Versorgung.
  • Abb. 16a-c: Künstlerisch schön – die fertige Arbeit.

Mein Fazit

Jede Arbeit sollte man zum Highlight machen, denn nur so geht der Ehrgeiz nicht verloren und man erfreut sich an jedem angefertigtem Zahnkunstwerk bzw. „KunstZahnWerk“ (Abb. 16a-c). Der Techniker empfindet Zufriedenheit gegenüber seiner Arbeit, wenn die Funktion und Ästhetik stimmen, ich nenne das „Spaßgenauigkeit“. Die Nachteile, wenn man sie denn so bezeichnen will, liegen im hohen Zeitaufwand verknüpft mit höheren Anfertigungskosten im Vergleich zum Arbeiten nach Standard. Ich sage aber: „Bei der Herstellung von Zahnersatz sollte nicht an jeder Ecke gespart werden. Schließlich kauft man sich ein Stück Lebensqualität bis ins hohe Alter. Eine minderwertige Qualität bezahlt man schlussendlich immer mit seiner Gesundheit, zusätzlichen Zahnarzt- oder Arztbesuchen und in der Summe mit höheren Kosten“.


Verwendete Materialien

Prothesenzähne: PhysioStar® und Condyloform®
NanoFilledComposite® von CANDULOR, Rielasingen-
Worblingen
Individuelle Einfärbung der Wachsgingiva:
CANDULOR Aesthetic Wax
Kunststoff: CANDULOR Aesthetic Color Set Easy
Lichthärtende Charakterisierungsfarben:
CANDULOR Stains for Resin Teeth
Hochglanzpoliermittel:
CANDULOR KMG
Galvanogold: Aurumed Galvanoforming
(Deutsche Aurumed Edelmetalle, Sinzing/Regensburg
Modellguss-Legierung: Wironit® (BEGO, Bremen)


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