Werkstoffe

Eine Kasuistik

Zungenbrennen oder: Wie oft noch gleiche Fehler wiederholen?

Da der bisherige Behandler dem hier vorgestellten Patienten nicht weiterhelfen konnte, wandte sich dieser an Zahnarzt Lutz Höhne, den 1. Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Umwelt-ZahnMedizin. Hier schildert Lutz Höhne den Fall. Die behandelnden Ärzte hatten über lange Zeit symptombezogen behandelt, da sie die Ursache der Erkrankungen im oralen Bereich nicht erkannt hatten.

Die Vorgeschichte: Der Patient R.B. (privat versichert) benötigt einen neuen Zahnersatz im Oberkiefer. Da er mit einem Zahntechnikermeister mit eigenem Labor befreundet ist, überzeugt er den langjährig behandelnden Zahnarzt, die neue Arbeit bei diesem fertigen zu lassen. Nach Anfertigung des Zahnersatzes entwickeln sich Mund- und Zungenbrennen und der Patient fühlt sich elend. Wenn möglich, wird der herausnehmbare Zahnersatz nicht getragen.

In den Abbildungen 1–5, ca. sechs Monate nach Eingliederung des Oberkiefer-Zahnersatzes aufgenommen, sieht man die vier neuen Primärteleskope mit der dazugehörigen Prothese – die restlichen Zähne waren vorher bereits versorgt. Insgesamt – um es vorsichtig auszudrücken – stufe ich selbst den gefertigten Zahnersatz als etwas problematische Konstruktion ein, insbesondere, da die Modellgussplatte eine für die Zunge sehr unbequeme Form ergab. Wir wissen allerdings nicht, warum die Entscheidung fiel, die Zähne in der geschehenen Weise mit Zungenbrennen oder: Wie oft noch gleiche Fehler wiederholen? Eine Kasuistik wenig Aufwand zu ersetzen. Der Zahntechnikermeister hatte, da es sich um einen „Neukunden“ handelte, nicht gewagt, diese Konstruktion oder die Materialauswahl zu hinterfragen. Wegen des Mund- und Zungenbrennens fordert der Patient Abhilfe vom Zahnarzt, der sich bei diesen Symptomen überfordert sieht. Er überweist den Patienten zu einem Hautarzt/Allergologen, der einen Epikutantest (ECT) mit den üblicherweise verwendeten dentalen Testreihen durchführt – ohne ein positives Ergebnis. Da Zahnarzt und Allergologe nicht weiterhelfen können, geht der Patient selbst auf die Suche und stellt sich in unserer Praxis vor.

  • Abb. 1 u. 2: Die angefertigte Oberkieferprothese.
  • Abb. 3: Die Mundsituation nach Ausgliederung der Prothese.
  • Abb. 1 u. 2: Die angefertigte Oberkieferprothese.
  • Abb. 3: Die Mundsituation nach Ausgliederung der Prothese.

  • Abb. 4: Der Unterkiefer.
  • Abb. 5: OK-Frontalansicht ohne herausnehmbaren Zahnersatz.
  • Abb. 4: Der Unterkiefer.
  • Abb. 5: OK-Frontalansicht ohne herausnehmbaren Zahnersatz.

Wir sind auf die zahnärztliche Behandlung von Patienten mit chronischen Erkrankungen spezialisiert, das Thema Mund- und Zungenbrennen wird relativ häufig als Problem angegeben. Üblicherweise wird eine solche Symptomatik, gerade in universitären Kreisen und damit auch in der Literatur, durchweg als idiopathisch bezeichnet, das heißt: Die Erforschung der Ursache war bisher erfolglos. Daraus wird, so auch in diesem Fall, schnell eine „psychosomatische“ Erkrankung.

Befunderhebung

  • Abb. 6 u. 7: Vom Patienten ausgefüllte Anamnesebögen (Beschwerden sind gelb unterlegt).

  • Abb. 6 u. 7: Vom Patienten ausgefüllte Anamnesebögen (Beschwerden sind gelb unterlegt).
    © Höhne
Unsere Vorgehensweise bei allen Patienten mit chronischen Erkrankungen beruht grundsätzlich auf einem ausführlichen Studium der Krankenakten des Patienten – also aller (zahn-) medizinischen Befunde und Diagnosen der Patienten der vergangenen Jahre. Weiterhin wird eine ausführliche Anamnese durchgeführt, die eine volle Stunde in Anspruch nimmt. Der Patient wird zudem gebeten, unser umweltzahnmedizinisches Behandlungsprotokoll mit allen Beschwerden auszufüllen (Abb. 6 u. 7).

Fast immer scheitern wir an der Frage nach den verwendeten, im Mund vorhandenen Werkstoffen. Konformitätserklärungen liegen meist nicht vor, sind unvollständig bzw. fehlerhaft ausgefüllt, bei zahnärztlichen Werkstoffen (Zementen, Kunststoffen, Wurzelfüllmaterialien …) ist es noch dramatischer. In diesem Fall, das will ich betonen, haben wir allerdings die Konformitätserklärung des eingegliederten Zahnersatzes bekommen, welche bemerkenswert exakt war (Abb. 8).

  • Abb. 8: Die Konformitätserklärung des Zahntechnikers unterstützt die Suche.
  • Abb. 9: Fragebogen des Allergologen.
  • Abb. 8: Die Konformitätserklärung des Zahntechnikers unterstützt die Suche.
  • Abb. 9: Fragebogen des Allergologen.

Den ersten Hinweis auf ein greifbares Problem erhielten wir durch den Fragebogen des Allergologen (Abb. 9): Hier hatte der Patient handschriftlich „Reaktion auf Heftpflaster“ angegeben. Diese Angabe ist für eine (zahn-)ärztliche Anamnese extrem wichtig: Braunes Pflaster enthält Kolophonium und unterschiedliche Methacrylate, beim hyposensiblen Pflaster verzichtet man auf Kolophonium. Beides sind auch Werkstoffe, die in umfangreichem Maß in der Zahnheilkunde Verwendung finden. Hier ist es also sinnvoll, möglichen allergischen Reaktionen auf Kunststoffe und Wurzelfüllmaterialien nachzugehen. Weiterhin gab der Patient in der Anamnese Metallgeschmack an. Er habe schon länger eine entzündete Speiseröhre und benötige Säureblocker für den Magen (Protonenpumpenhemmer – PPI).

Nach längerem Tragen der Prothese entzündete sich die Zungenspitze mit klassischer Rötung. Die Prothese bestand im palatinalen Bereich der Frontzähne aus Kunststoff und einer Goldlegierung, welche per Laserschweißung mit dem Kobalt- Chrom-Gerüst verbunden war.

Darüber hinaus hat der Patient Titan im rechten Bein. Außerdem hatte er einen Unfall mit HWS-Trauma, und er benötigt Medikamente wegen seines Bluthochdruckes.

Weitere gesundheitliche Probleme lassen sich dem Fragebogen entnehmen (vgl. Abb. 6 u. 7). Das Thema Müdigkeit und Erschöpfung bei gleichzeitiger Schlaflosigkeit ist ein Phänomen, das wir bei sehr vielen unserer Patienten wiederfinden. Auch hier ist es leider üblich, psychische Probleme als bequeme Diagnose zu nutzen.

Unsere vorläufige Arbeitshypothese lautete: Verdacht auf Metall- und/oder Kunststoffsensibilisierung, erhöhte Freisetzung von Metallen, evtl. von Kunststoffbestandteilen aus dem Zahnersatz mit der Folge von systemischen Entzündungssymptomen.

Die Verifizierung erfolgt über labordiagnostische Maßnahmen, für die Blut bzw. Speichel in ein medizinisches Labor gesendet werden muss*. Zur Untersuchung auf eine allergische Sensibilisierung auf Metalle und Kunststoffe (Abb. 10–12) dient uns der Lymphozytentransformationstest (LTT – Typ IV). Mit dem Basophilen-Degranulationstest (BDT) wird zudem eine Typ-I-Sensibilisierung auf Kunststoffe untersucht. Zusätzlich erfolgt eine quantitative Untersuchung des Speichels auf freigesetzte Metalle und Kunststoffe.

  • Abb. 10: Lymphozytentransformationstest (LTT) zum Nachweis der Sensibilisierung auf Kunststoffe.
  • Abb. 11: LTT zum Nachweis der Sensibilisierung auf Metalle.
  • Abb. 10: Lymphozytentransformationstest (LTT) zum Nachweis der Sensibilisierung auf Kunststoffe.
  • Abb. 11: LTT zum Nachweis der Sensibilisierung auf Metalle.

  • Abb. 12: Multielementanalyse des Speichels.
  • Abb. 12: Multielementanalyse des Speichels.

Als Ergebnis wurde festgehalten: Der Patient hat eine allergische Sensibilisierung vom Typ IV auf Platin und Zinn. Platin ist in der OK-Konstruktion enthalten. Zinn findet sich nicht im neuen Zahnersatz. Es kann aber im vorhandenen Zahnersatz oder in Zementen enthalten sein (siehe weiter unten).


Hinweis
Zinn ist auch in vielen Zahnpflegeprodukten als Zinnfluorid enthalten. Es hat hier eine antibakterielle Funktion. Über den Sinn dieser Maßnahme kann man sehr wohl geteilter Meinung sein. Dieser Patient verträgt jedenfalls solche Produkte definitiv nicht!


Im Speichel des Patienten zeigt sich der Platingehalt (nur) geringgradig erhöht. Um dem Patienten zu helfen, müssen aber alle platinhaltigen Legierungen entfernt werden, denn eine „geringgradige“ Erhöhung bedeutet schon eine hohe Anzahl an reaktionsfähigen Ionen. Deshalb ist bei Vorliegen einer Allergie das Vorhandensein von Platin-Ionen im Mund auch in geringen Mengen problematisch [1]. Zum Vergleich: Wir alle kennen das Phänomen „Heuschnupfen“: Die allergische Reaktion setzt hier schon auf Nanogramm von Pollen ein.

TEG-DMA (Triethylenglykoldimethacrylat) wurde weiterhin als individuell relevantes Allergen enttarnt. Es ist in fast allen zahnärztlichen und zahntechnischen Kunststoffen auf Methacrylat- Basis enthalten, definitiv auch im neu hergestellten OK-Zahnersatz (siehe in der Konformitätserklärung).

Gleichzeitig finden wir im Speichel eine erhöhte Konzentration von Methacrylaten (1,9 μg/l – Referenzwert 1,0 μg/l). Offensichtlich war die Polymerisation nicht vollständig. Die erhöhte Freisetzung von Acrylatmonomeren wird bisher zu selten in die Diagnostik einbezogen.

Unsere Diagnose:

  • Sensibilisierungen auf verschiedene oral verwendete Werkstoffe
  • ungenügende Polymerisation der Kunststoffe
  • fehlende Anamnese und Diagnostik im Vorfeld
  • keine durchdachte auf den Patienten abgestimmte Therapieplanung.

Aus meiner Sicht ist es unerlässlich, das Dentallabor in die Planung einzubeziehen.

Unser Fazit aus den Tests und Bemerkungen zur Neuversorgung

  • Abb. 13: Die Neuversorgung mit Vollkeramikkronen im Unterkiefer.

  • Abb. 13: Die Neuversorgung mit Vollkeramikkronen im Unterkiefer.
    © Höhne
Alle Metalle und Kunststoffe sollen aus dem oralen System entfernt und durch TEG-DMA-, zinn- und platinfreie Werkstoffe ersetzt werden. Da sich der behandelnde Zahnarzt nicht in der Lage sah, die notwendigen Maßnahmen in absehbarer Zeit umzusetzen, entschied sich der Patient für eine weitere Behandlung in unserer Praxis. Die Beschwerden waren zu stark, er wollte nicht länger warten.

Die Neuversorgung wurde mit dem Labor Becker & Wiedemann in Kirchheim/Weinstraße gemeinsam geplant und durchgeführt. Das Labor arbeitet nach umweltzahntechnischen Standards auf hohem Niveau. Die zahnärztliche Behandlung wurde von Theresa Jader, Dirmstein (inzwischen meine Praxisnachfolgerin), durchgeführt.

Therapieplanung

Folgendes wurde beschlossen:

• im Unterkiefer Entfernung der Kronen und (Aufbau-) Füllungen

• Anfertigung von Vollkeramikkronen (Abb. 13)

• im Oberkiefer Austausch aller Kronen und Aufbaufüllungen, Herstellung einer teleskopgestützten Prothese aus einer CoCr-Legierung.

Die Alternative einer metallfreien teleskopierenden Versorgung wurde vom Patienten abgelehnt. Auf Chrom und Kobalt hatte sich bei der Testung keine Sensibilisierung gezeigt (vgl. Abb. 11 u. 12).

Nach einigen Auseinandersetzungen mit der Versicherung des Patienten und einem Sachverständigen, der im Bereich der Allergologie und Immunologie wenig versiert war, wurde die Kostenübernahme für die Neuversorgung des OK und UK letztendlich befürwortet. Die anfänglichen Diskussionen waren verständlich, war doch der Oberkiefer-Zahnersatz erst sechs Monate alt. Im Unterkiefer befanden sich unter den Kronen TEG-DMA-haltige Kunststoffe und Durelon-Zement. Diese Werkstoffe wurden sehr aufwendig entfernt (Lupenbrille, Schwarzlicht). Durelon enthält Zinn, deswegen ist auch die gründliche Zemententfernung sehr wichtig. Zahnärztlich wurden neu folgende Materialien verwendet, nach vorheriger präventiver Testung (LTT, BDT):

  • ELS-Komposit (Saremco): Dies ist ein TEG-DMA- und HEMA-freier Füllungskunststoff.
  • Ketac CEM (3M) zur Befestigung.

  • Abb. 14: Röntgenbild.

  • Abb. 14: Röntgenbild.
    © Höhne
Die OK-Versorgung gestaltete sich schwieriger: Die Zähne 14, 16 und 24 waren stark gelockert, verursachten Schmerzen und waren nicht erhaltungsfähig, infolgedessen wurden sie entfernt, ebenso ein Wurzelrest 15. Leider mussten im Laufe der nächsten sechs Monate außerdem die Zähne 12 und 13 extrahiert werden, da sie ebenfalls schon zu stark vorgeschädigt und nicht erhaltungswürdig waren (Abb. 14).

Darüber hinaus wurde die Entfernung der Tätowierung (Zinn!) regio 11, 21 vereinbart.

Nach Entfernung der Kronen fanden sich bereits stark beschliffene Zähne (Abb. 15 u. 16). Sie wurden nach Rücksprache mit dem Patienten erhalten und in die Neuversorgung einbezogen (Abb. 17). Die Konformitätserklärung zeigt die verwendeten Werkstoffe (Abb. 18a u. b).

  • Abb. 15: Das natürliche Restgebiss...
  • Abb. 16: ... nach Abnahme der Kronen.
  • Abb. 15: Das natürliche Restgebiss...
  • Abb. 16: ... nach Abnahme der Kronen.

  • Abb. 17: Einbeziehung der verbliebenen Oberkieferzähne in die Neuversorgung: Blick auf die CoCr-Primärteleskope.
  • Abb. 18a u. b: Die aktuell verwendeten zahntechnischen Materialien und Produkte.
  • Abb. 17: Einbeziehung der verbliebenen Oberkieferzähne in die Neuversorgung: Blick auf die CoCr-Primärteleskope.
  • Abb. 18a u. b: Die aktuell verwendeten zahntechnischen Materialien und Produkte.

  • Abb. 18 b: (siehe 18a)
  • Abb. 18 b: (siehe 18a)

Neue Befindlichkeit des Patienten

Der Patient kommt mit dem neuen Zahnersatz sehr gut zurecht. (Abb. 19). Kurze Zeit nach Entfernung der OK-Konstruktion verschwindet das Zungenbrennen vollständig. Der Patient fühlt sich auch subjektiv deutlich besser (Abb. 20a u. b).

  • Abb. 19: Neuversorgung des OK, gaumenfrei.
  • Abb. 20a u. b: Die Stärke der Symptome ist abgemildert.
  • Abb. 19: Neuversorgung des OK, gaumenfrei.
  • Abb. 20a u. b: Die Stärke der Symptome ist abgemildert.

Die Protokollierung des Zustandes zeigt erstaunliche „Nebeneffekte“. Die vorher subjektiv empfundenen Herzrhythmusstörungen verschwinden, Müdigkeit, Schlafprobleme verbessern sich. Der Patient braucht keine Protonenpumpenhemmer mehr, Magenschmerzen und Speiseröhrenentzündung sind nicht mehr vorhanden.

Zusammenfassung und Fazit

Der Patient hatte eine zahnärztlich verordnete Versorgung im Unterkiefer, auf die er allergisch reagierte. Dabei zeigte er keine oralen Symptome. Die körperlichen Beschwerden wurden jahrelang von seinen Ärzten als eigenständige Erkrankungen therapiert, da der Zusammenhang zum Zahnersatz nicht erkannt wurde. Mit dem Einsetzen des unverträglichen Zahnersatzes im Oberkiefer kam es „glücklicherweise“ zu einer schlagartigen Verschlimmerung, die den Weg zu einer ursachenbezogenen Diagnostik ebnete.

Müdigkeit und Erschöpfung

Der Patient war müde und erschöpft – dies waren Folgen der über Jahre anhaltenden Entzündungsprozesse: Der Körper musste ständig, d. h. ohne Erholungspause, einen erheblichen Energieaufwand leisten, um die körperlichen Folgen der allergischen Reaktionen zu kompensieren. Viele sogenannte „Burnouts“ sind lediglich Folge nicht erkannter Entzündungsreaktionen. Die von unseren Patienten über viele Jahre verfassten Protokolle bestätigen diese inzwischen auch wissenschaftlich beschriebene Auffassung [2].

Verdauung

Die Verdauung beginnt im Mund. Allergene Substanzen wirken an allen Schleimhäuten. Aber:


Hinweis
Das orale Schleimhautsystem weist eine extrem hohe Toleranz auf, was dazu führt, dass lokale Symptome oft fehlen und deswegen unverträglicher Zahnersatz als Ursache häufig nur sehr spät oder gar nicht entdeckt wird. Orale Schmerzen, Zungenbzw. Mundbrennen treten erst im fortgeschrittenen Stadium auf.


Der Patient hatte wegen seiner Magenschmerzen im Vorfeld regelmäßig Protonenpumpenhemmer (PPI) nehmen müssen. PPI, z. B. Omeprazol, sind die am häufigsten verschriebenen Medikamente in Deutschland. Leider wird ein ärztliches Konsil von Hausärzten, Gastroenterologen oder auch HNO-Ärzten mit Zahnärzten zu oft bei Problemen des Verdauungstraktes vergessen. Dauerhafte PPI-Einnahmen können zu einigen Nebenwirkungen führen, z .B. Vitamin-B12-Mangel mit der möglichen Folge einer Depression (vgl. Abb. 20a u. b).

PPI benötigt der Patient seit der oralen Sanierung nicht mehr.

Kritische Beleuchtung

Wir erleben immer wieder, dass zahnärztliche Versorgungen in der oben beschriebenen Form ablaufen. Es werden immer wieder Veränderungen im oralen System vorgenommen, ohne dass die verwendeten Werkstoffe ordentlich dokumentiert sind. Es wird neuer Zahnersatz ohne Rücksichtnahme auf bereits vorhandene Konstruktionen hergestellt: Bei verschiedenen Legierungen im Mund sehen wir oft erhöhte Korrosionsraten: Speichel ist aggressiver als Meerwasser!


Was der Speichel leistet

Der erste Schritt der Verdauung findet im Mund statt, der Speichel ist entsprechend wirkungsvoll bzw. aggressiv. Zunächst bewirken hohe Kaukräfte das Zerkleinern der Nahrung, beim „Einspeicheln“ des Bolus werden Zucker, Fette und Eiweiße direkt mit Enzymen in Verbindung gebracht. Dies ist für die Vorverdauung extrem wichtig. Im Speichel liegen Peptide, Enzyme, Chlor-Ionen, Metall-Ionen und Oxidationsmittel vor, der pH-Wert liegt zwischen 2 und 11. Der chemische Vorgang bedeutet gleichzeitig auch eine gewaltige Belastung für Fremdwerkstoffe, die diesem gesamten Milieu 24 h/Tag ausgesetzt sind. Zusätzlich wirken sehr große Temperaturdifferenzen – das lässt alle Materialien rapide altern, bzw. degradieren [3a,b,c].


Auch die hier beschriebene OK-Konstruktion mit gelaserten Verbindungen zwischen CoCr- und Goldlegierung ist sehr kritisch zu betrachten – diese Laserverbindung stufen wir als nicht besser ein als eine Lotverbindung und wir lehnen sie grundsätzlich ab. Denn an den geschweißten Verbindungen können nicht homogene, zweiphasige Legierungen entstehen, die wenig korrosionsfest sind. Laserverbindungen machen daher aus unserer Sicht und Erfahrung heraus nur zwischen gleichen metallischen Werkstoffen Sinn. Grundsätzlich sollte bei Verwendung von Metallen im oralen System nur eine einzige korrosions- und abrasionsfeste Legierung eingesetzt werden.

Konzepte z. B. mit der Kombination von Titan, Galvanogold und CoCr, evtl. noch mit Einsatz von Loten, sind mit dem Wissen über Korrosionsvorgänge im oralen System nicht vereinbar [4], auch wenn sie aus mechanischer Sicht vielleicht sinnvoll erscheinen. Hier gibt es in der Praxis – aber auch in der Lehre – noch sehr großen Nachholbedarf an Wissenschaft.

Anamnese

Die Planung des unverträglichen Zahnersatzes erfolgte neben den mangelnden Kenntnissen über vorhandene Werkstoffe außerdem auch ohne weitere Anamnese. Angesichts der deutlichen Zunahme an chronischen Erkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten ist das ein nicht mehr zu akzeptierendes Versäumnis.

Auch wenn in der Gebührenordnung die Anamneseerhebung nicht als eigene Gebührenposition enthalten ist, darf man keinesfalls darauf verzichten. Zu allen Zeiten wurde an den Anfang jeder Behandlung die Anamnese gesetzt und ärztlich/ zahnärztliches Handeln sollte sich nicht nur an der Gebührenordnung orientieren. Aber eine umfangreiche Befragung des Patienten ist mühsam und zeitraubend – hier sind ein neues Zahnheilkundegesetz und eine zeitgemäße Gebührenordnung dringend nötig. Wir behandeln Menschen – nicht nur Zähne …

Laboruntersuchungen

Die Untersuchungen erfolgten über Laboruntersuchungen – LTT: für die Typ-IV-Allergie, BDT: für die Typ-I-Allergie. Ein Epikutantest (ECT), wie er bei dem hier vorgestellten Patienten vom Allergologen durchgeführt wurde, ist in der Regel wenig zielführend, da er uns nur die dermale Sensibilisierung zeigen kann. Im oralen System haben wir es fast durchweg mit systemischen Sensibilisierungen zu tun. Systemische Sensibilisierungen lassen sich nur mit o. g. Laboruntersuchungen sicher feststellen.

Der ECT ist auch deswegen abzulehnen, da immer auch die Gefahr einer Sensibilisierung durch den Test selbst besteht. Gerade bei Patienten mit Verlust der Immuntoleranz ist die mit dem ECT verbundene „Provokation“ des Patienten problematisch [5].


Hinweis
Auch wenn von Krankenversicherungen und Gutachtern immer wieder der ECT gefordert wird – so entspricht das nicht mehr dem Stand des Wissens.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat vor über 10 Jahren bereits eindeutig Stellung bezogen [6]. Die Stellungnahme der Kontaktallergiegruppe der Deutschen Gesellschaft für Allergologie allerdings stammt aus dem Jahr 1998 und ist nicht mehr aktuell.


Das „Versagen“ des ECT bei unserem Patienten ist für uns keine Überraschung: Das ist unser Alltag. So fordert übrigens auch das RKI, dass bei negativem ECT nachträglich ein LTT durchzuführen ist, was aber selten gemacht wird. Gerade bei Vorliegen von Verdachtsmomenten ist es unethisch, diese Untersuchung zu unterlassen.

Es wird höchste Zeit, dass auch in Zahnarztpraxen Laboruntersuchungen (Blut, Speichel) genauso selbstverständlich angewendet werden wie in einer Arztpraxis. Auch hier besteht gerade auch in der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) Nachholbedarf: Es fehlt seit Jahren jede Art von aktueller wissenschaftlicher Empfehlung.

Nachwort

Die Versicherung des Patienten hat die Rechnungen fast vollständig erstattet. Auch ohne die Versicherung hätte der Patient seine Rechnung beglichen: Für ihn hat ein neues Leben begonnen. Der vorbehandelnde Zahnarzt wie auch der Zahntechnikermeister hatten sich nicht vorausschauend verhalten: Der zahnärztliche Kollege verlor einen langjährigen (privat versicherten) Patienten und der Zahntechnikermeister hat trotz seines höflichen Verhaltens und seiner Zurückhaltung keinen neuen Kunden gewonnen.

Alle Beteiligten haben „Lehrgeld“ zahlen müssen: Gesellschaftlich gesehen ist diese Form einer unreflektierten zahnärztlichen Versorgung viel zu teuer. Ein Großteil unserer chronisch kranken Menschen wird leider nur symptombezogen behandelt.

Angesichts von jetzt schon 25 % chronischen Erkrankungen bei unseren Jugendlichen und Kindern [7] stellt sich die Frage, wie lange wir uns noch eine zahnärztliche Versorgung nach dem Prinzip „trial and error“ leisten wollen. 

*Lesetipp: Dr. Volker von Baehr und Dr. Katrin Huesker, Institut für Medizinische Diagnostik Berlin: Nachweis von Zahnersatzmaterial -Unverträglichkeiten. Möglichkeiten der Labordiagnostik und Konsequenzen für die Zahntechnik. ZAHNTECHNIK MAGAZIN 2018;22(7, Okt):469–475.  


Weitere Informationen:

Die DEGUZ bietet Curricula für Zahnärzte und Zahntechniker, um oben gezeigtes Wissen zu erlangen. Ebenso gibt es weitergehende Kurse für das gesamte Team: Zahnärzte, die Praxismannschaft und Zahntechniker, da nur das gemeinsame Vorgehen Erfolg versprechend sein kann. Die Ausbildungen sind wissenschaftlich untermauert mit sehr konkretem Praxisbezug.

Das nächste Curriculum „Umwelt-ZahnTechnik“ findet am 10.–11.01.2020 in Merklingen statt (Block I). Siehe auch unter www.deguz.de/fachkreise/veranstaltungen.html

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Zahnarzt Lutz Höhne


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