Veranstaltungen

Nachbericht

19. Prothetik Symposium Berlin: Know-how und Fertigungstechniken erfolgreich kombinieren

Die Referenten aus Universitäten, Laboren und Zahnarztpraxen boten einen gelungenen Mix aus fachlichen Informationen, Studienergebnissen und Patientenfällen. Bildquelle für alle Bilder: © Merz Dental
Die Referenten aus Universitäten, Laboren und Zahnarztpraxen boten einen gelungenen Mix aus fachlichen Informationen, Studienergebnissen und Patientenfällen. Bildquelle für alle Bilder: © Merz Dental

Zum Jahresanfang wird hier eine Veranstaltung reflektiert, deren Besuch viele Zahnärzte und Zahntechniker jährlich fest einplanen: das Prothetik Symposium in Berlin. Und so kamen am 28. November des vergangenen Jahres nahezu 500 Zahnärzte und Zahntechniker in das Hotel Pullman Berlin Schweizerhof, um an der 19. Auflage dieser Veranstaltung teilzunehmen. Sie interessierten sich für Vorträge, die unter dem Thema standen: „Können müssen wir selbst, egal ob analog oder digital“.

  • Abb. 1: Friedhelm Klingenburg (Geschäftsführer Merz Dental, rechts) und Christian Haase (Geschäftsführer Quintessenz-Verlag).

  • Abb. 1: Friedhelm Klingenburg (Geschäftsführer Merz Dental, rechts) und Christian Haase (Geschäftsführer Quintessenz-Verlag).
Berlin ist immer eine Reise wert – für das dentale Fachpublikum besonders dann, wenn Merz Dental (Lütjenburg) und Quintessenz Verlag (Berlin) zum Prothetik Symposium in das Hotel Pullman Berlin Schweizerhof einladen. Dort hießen die Geschäftsführer Friedhelm Klingenburg (Merz Dental) und Christian W. Haase (Quintessenz-Verlag) die Teilnehmer zu den Vorträgen „Können müssen wir selbst, egal ob analog oder digital“ herzlich willkommen (Abb. 1).

In Privatdozent Dr. Jan-Frederik Güth und ZT Josef Schweiger (beide Universität München) hatten die Veranstalter ein fachlich brillantes Moderatorenpaar gewonnen, das die Teilnehmer gefällig locker durch das Programm navigierte (Abb. 2). Beide Herren wechselten sich in der Themeneinführung ab, entlockten den Rednern ergänzende Informationen und initiierten und moderierten damit auch die Vortragsdiskussionen.

  • Abb. 2: Das Moderatorenduo PD Dr. Jan-Frederik Güth und ZT Josef Schweiger

  • Abb. 2: Das Moderatorenduo PD Dr. Jan-Frederik Güth und ZT Josef Schweiger
„Abnehmbarer Zahnersatz – überhaupt noch aktuell?“, diese Frage stellte in dem nachfolgenden Vortrag Prof. Dr. Nicola Zitzmann (Universität Basel). In ihren Antworten ging sie dazu auf Aspekte zum Immediate-/Interimsersatz, zu Modellgussprothesen, zu Overdentures beziehungsweise Hybridprothesen sowie Totalprothesen ein und gab viele alltagsrelevante Information dazu. So sei zu berücksichtigen, dass bei bei provisorischen Versorgungen die „okklusale Abstützung sicher [zu] stellen“ ist, wie mit Auflagen bei Klammerkreuzen. Bei Modellgussprothesen sei die „Modellvermessung durch Zahntechniker“ wichtig. In ihrer Prothesengestaltung müssten sie insbesondere die „reziproke Wirkung“ bei der Klammergestaltung berücksichtigen. Bei Overdentures/Hybridprothesen sei die „Auswahl der Retentionselemente entsprechend [der] Zahnhartsubstanz“ nach „diagnostischer Zahnaufstellung und Prognose“ durchzuführen. „Direkte Elemente“ wären hierzu empfehlenswert. Und bei Totalprothesen käme es nach ihrer Meinung auf „Haltefaktoren, Radierungen [und die] Randgestaltung“ an. Die Ausführungen von Prof. Dr. Nicola Zitz-mann mündeten in dem Ergebnis: „Abnehmbarer Zahnersatz – immer noch aktuell!“

Was eine innovative Methode der Prothesenfertigung für Patient, Praxis und Labor zu leisten vermag, wurde im nächsten Vortrag beschrieben. Mit dem programmatischen Titel „Ein neuer Weg in der Totalprothetik. Einfach – Sicher – Effizient“, stellten dazu Dr. Dr. Olaf Klewer (Aachen) und ZTM Frank Poerschke (Bad Ems) das Baltic Denture (BD) System (Merz Dental) vor. Im Kern besteht das System aus fräsbaren Kunststoffscheiben – sogenannte „Loads“ – in die Ober- und Unterkiefer-Zahnaufstellungen okkludierend integriert sind. Diese BD-Loads gibt es in drei Kiefer-„weiten“ und mit unterschiedlichen Zahngrößen. Der dreischrittige Fertigungsprozess gliedert sich in: Funktionsabformung und Übertragung (Praxis), Scannen der Abformung, Designen der Prothesen, Fräsen der gingivazugewandten sowie oralen Prothesenareale (Labor) sowie Eingliederung (Praxis). Damit sind bereits auch die Vorteile für die Patienten und Praxen (nur zwei Behandlungstermine) sowie die Labore (digitales Designen und Fertigen einer weiteren Restaurationsform) evident. Dass durch den Entfall von Fertigungsschritten auch Fertigungskomponenten eingespart werden – wie individueller Abformlöffel, Wachsaufstellung und -einprobe – macht das Baltic Denture System insbesondere für die Labore auch ökonomisch interessant.

Privatdozent Dr. Jan-Frederik Güth (Universität München) widmete sich anschließend dem Thema „Digitaler Workflow und Hochleistungspolymere – die ideale Kombination oder Spielerei?“ Er begann seinen Vortrag zunächst mit einer Definition der „High Performance Polymers“ (HPP). Danach sind dies „zahnfarbene Werkstoffe, aus organischen Makromolekülen, die unter industriellen Bedingungen auspolymerisiert sind, subtraktiv mittels CAD/CAM-Technik bearbeitet werden und für den klinischen Einsatz geeignet sind“. Diese Werkstoffe teilte er ein in: „PMMA-basierte Kunststoffe, Komposite, Resin- Nano-Keramiken ([wie] Lava Ultimate), kunststoffinfiltrierte Keramiken ([wie] Vita Enamic), PAEK/PEEK/ PEKK sowie Polycarbonat“. Aufgrund von Untersuchungsergebnissen verschiedener Kunststoffwerkstoffe in Bezug auf ihre Haltbarkeit in Verbindung mit der Antagonisten-Schmelzabrasion sieht er ein „riesiges Potenzial“ für deren Einsatz. Es müsste jedoch „jedes Material […] bzgl. seiner biomechanischen Eigenschaften/Indikation einzeln bewertet werden“. Güth spricht den HPP-Werkstoffen „hervorragende CAD/CAM Eigenschaften“ zu und sieht sie „für festsitzenden und herausnehmbaren Zahnersatz“ als geeignet an. Mittels „digitalem Workflow und HPP“ ließen sich „neue Therapiekonzepte“ entwickeln.

Die Fertigung von (Klammer-) Modellgussbasen aus Nichtedelmetall-Dentallegierungen ist mit großem zahntechnischen Aufwand verbunden. Herstellung des Meistermodells, dessen Vorbereitung, Duplizierung und Härtung, das Modellieren der Basis, Einbetten, Wachsausbrennen, Gießen, Ausbetten, Abstrahlen, Ausarbeiten, Polieren … – dies alles ist zeitaufwendig und kostenintensiv. Und so war es nur folgerichtig, dass auch Dr. Dipl.-Ing. Christin Arnold (Universität Halle-Wittenberg) zu Beginn ihres Vortrages „CAD/CAM auch bei Klammerprothesen? Betrachtung verschiedener Fertigungstechnologien“ auf diese Parameter einging. Dass sich mit der digitalen Fertigung dieser Zahn-Technik Zeit und Kosten reduzieren lassen, wird zwischenzeitlich tagtäglich bewiesen. Wie steht es aber im Vergleich der digitalen mit der analogen Passungsqualität von Modellguss- Klammerprothesen? Dies wurde von ihr in einer In-vitro-Studie quantifiziert. Hierzu verglich Arnold frästechnisch und „selective laser melting/sintering (SLM/SLS)“ bzw. „selective deposition modelling (SDM)“ CoCrMo-Legierung, Titan und Polyetheretherketon (PEEK) gefertigte Objekte. Diese wurden auf mechanische Dauerfestigkeit, Retentionskraft / Elastizitätsmodul und Passgenauigkeit untersucht. Danach erzielten „Prothesengerüste aus CAD/CAM-Frästechnikherstellung […] signifikant kleinere Spalten als die klassischen MOGUS (106 +/- 60 ?m)“ und führten „CAD/CAM-Drucktechniken […] im Vergleich zur konventionellen MOGU zu signifikanten Passungsverschlechterungen -> klinisch insuffizient!!!!“. Arnold rät deshalb zurzeit von der Anwendung digital-additiver Verfahren für die Fertigung von Klammermodellgussprothesen noch ab.

Viele Digitalkameras eignen sich für die dentale (Patienten-) Fotografie. Durch unterschiedliche Objektive sowie Lateral- oder Ringblitzlichter lassen sich zumeist die gewünschten Ansichten auf die Speicherkarten übertragen. Vielleicht aber auch nicht – sei es, weil die Kamera doch nicht so gut geeignet ist, das Kamerazubehör noch nicht ausreichend umfangreich ist oder Einstellungen falsch gewählt wurden. Hinzu mag auch das Gewicht der gesamten Ausrüstung kommen, das deren länger dauernde – gegebenenfalls einhändige – Anwendung (oder deren Transport) limitiert. Dies waren einige der Argumente, mit denen ZTM Bernhard Egger (Füssen) in seinem Vortrag „Dentalfotografie – immer scharf, jederzeit für jeden Zahn“ Blick und Interesse seiner Zuhörer auf eine neuartige kleine Digitalkamera (Eye Special C-II, Shofu, Ratingen) lenkte.

  • Abb. 3: ZTM Uwe Bußmeier (links) und Dr. Jürgen Langenhan.

  • Abb. 3: ZTM Uwe Bußmeier (links) und Dr. Jürgen Langenhan.
Als „der besondere Vortrag“ dieses Prothetik-Symposiums dürfen sicherlich die Ausführungen von ZTM Uwe Bußmeier (Greven) und Dr. Jürgen Langenhan (Idstein) zum Thema „Wenn die Schienentherapie der Schlafapnoe auf Prothetik trifft ...!“ bezeichnet werden werden (Abb. 3). Besonders deshalb, weil diese Thematik und die damit verbundenen Therapiemaßnahmen nicht für jeden Zahnarzt und Zahntechniker alltäglich sein dürften. Bußmeier und Langenhan stellten mit einem Video zunächst Abläufe des Schnarchens dar, aus denen sich eine obstruktive Schlafapnoe (OSA) entwickeln kann. Wie diesen „Atemaussetzern“ durch intraorale Protrusionsschienen begegnet werden kann, war dann der weitere, umfassende Inhalt ihres Vortrages.

So ging es um die funktionellen Aspekte bei Protrusionsschienen („somnologischer Schieneneffekt, zahntechnische Schienenfunktion, Compliance“), wozu auch die Darstellung deren retrograder und prognather Krafteinwirkung gehörte. Ebenso wurden dentale und dento-alveoläre Nebenwirkungen abgebildet, wie die „Protektion gefährdeter Strukturen“. Zu letzterem wurden Schienen über Totalprothesen als ein „no go“ bezeichnet, zu der eine „aufwendige implantologische Vorbehandlung mit hinreichender Implantatzahl oder Ventilationstherapie!“ angezeigt ist. Im weiteren Verlauf ihres Vortrages führten beide aus, dass „dentale Nebenwirkungen regelmäßig vermeidbar“ und die „Protektion gefährdeter Strukturen regelmäßig realisierbar“ ist. Dies sei „ausschließlich durch ein Optimum bei Schienenauswahl und Schienengestaltung“ möglich. Konkret führten sie hierzu an: „Vermeidung übermäßiger Hebelkräfte (moderate Vertikale und Protrusion)“, „gleichmäßige Verteilung unvermeidlicher Kräfte auf Zähne und Kieferkamm“, „optimale Kommunikation zwischen Zahnarzt und Zahntechniker“, „perfekte Dentaltechnik im Detail.“ Eine optimale Schienenauswahl sei „individuell angepasst, funktionabel, compliance-orientiert, präventionsorientiert.“ Mit Beispielen zur Schienenfertigung, der Präsentation von Kasuistiken sowie validierten Daten zu AGZSH-Schienen (Arbeitsgruppe Zahnärztliche Schlafmedizin Hessen) endete dieser hochinteressante Vortrag.

Die volle Konzentration der Teilnehmer war dann auch noch einmal bei den letzten beiden Vorträgen des Tages gefordert. Zunächst ging es um „Die Vorteile der individuellen Patientenebene! Erfahrungsberichte eines PlaneFinder-Labors“ – vorgestellt von ZTM Thomas Walther (Bad Lauchstädt). Im nachfolgenden Vortrag vermittelte ZTM Christian Wagner (Chemnitz) aus seiner Sicht zum Thema: „28 Zähne und doch kein Biss! Reproduzierbare digitale Kieferrelationsbestimmung in der Totalprothetik – ein überzeugendes Gesamtkonzept“. Walther und Wagner ging es darum, durch ein strukturiertes Vorgehen prothetische Restaurationen so zu gestalten, dass sie der patientenindividuellen Kieferrelation bestmöglich entsprechen und zu einer großen Zufriedenheit von Patienten und Behandler führen. So generiert Walther diesbezüglich Vorteile aus der fallweisen Kombination von „Jaw Motion Analyser (JMA+, Zebris, Vertrieb Schütz-Dental, Rosbach), der Cranial-System- Prothetik (nach ZTM Helmut Storck, Ludwigshafen) sowie dem PlaneSystem (nach ZTM Udo Plaster, Nürnberg). Für den Restaurationserfolg ist für ihn die „Übertragung patientenindividueller Parameter vom Zahnarzt an den Zahntechniker“ unerlässlich. Dazu gehören für Walther die „Fotografische Übersicht für Gesichtsanalyse – mimische Bilddokumentation“, die „Reproduzierbare Lage des Oberkiefers bzw. der patientenindividuellen rechts- und linksseitigen Okklusionsebenen (PlaneFinder)“ sowie die „Neuromuskuläre Erfassung der Unterkieferposition (JMA+).

Wagner machte zu Beginn seines Vortrages deutlich, welche Nachteile aus einer falschen Kieferrelationsbestimmung resultieren können. Seine Schlussfolgerung war daraus, dass „[…] die eindeutige zentrische Lagebestimmung der beiden Kondylen für die restaurative Zahnheilkunde so entscheidend wichtig [ist]“. Seine Überlegungen zu diesem Thema führten ihn zur Entwicklung des Centric Guides, einem „[…] Stützstift Registriersystem, das vertikale UKBewegungen digital aufzeichnen kann“ (theratecc, Chemnitz). Mit diesem System sei in fünf Arbeitsschritten (funktionelle Erstabformung, Bissnahme/ Ebenenbestimmung und Festlegung der vertikalen Dimension, Funktionsabformung und Centric Guide Analyse sowie Gesichtsbogenregistrierung, Einprobe und Ebenenkontrolle, Fertigstellung) Totalprothetik in korrekter Bisslage herstellbar, so Wagner.*

  • Abb. 4: Blick in das Auditorium.

  • Abb. 4: Blick in das Auditorium.
Die Veranstaltung hatte noch zwei weitere interessante Vorträge im Programm, die hier nur noch mit Referent und Vortragsthema erwähnt werden können. Zum einen Rechtsanwalt Dr. Karl-Heinz Schnieder (Münster) mit seinen Ausführungen „Antikorruptionsgesetz in Praxis und Labor, Schluss mit der beschränkten Haftung in Sachen guter Taten.“ Sowie ZTM Bernhard Egger (Füssen) der unter der Überschrift „Dentalfotografie, immer scharf, jederzeit für jeden Zahn“ eine neuartige kleine Digitalkamera (Eye Special C-II, Shofu, Ratingen) und ihr Leistungsspektrum vorstellte.

Mit ihrer Take home Message „Wir sollten nicht versuchen analoge Verfahren digital zu kopieren, sondern den Mehrwert zu nutzen, den uns digitale Technologien bieten!“ verabschiedeten sich die Moderatoren von dem Auditorium und leiteten zu Friedhelm Klingenburg über. Der Merz Dental Geschäftsführer dankte allen am 19. Prothetik Symposium beteiligten und lud die Teilnehmer (Abb. 4) zur zwanzigsten Veranstaltung am 26. November 2016 nach Berlin ein. Mit einem Get together fand die äußerst gelungene Veranstaltung ihren gesellschaftlichen Abschluss.

Jürgen Pohling, Hamburg

*Einen Fachbeitrag von ZTM Wagner zum Thema Centric Guide System finden unter der Rubrik Technik.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Jürgen Pohling

Bilder soweit nicht anders deklariert: Jürgen Pohling


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