Veranstaltungen

(Aus-) Gebildete Zahntechniker verstehen ihr Handwerk

Kennenlernen, Üben, Anwenden

Enrico Steger, der Südtiroler Zahntechniker sowie Gründer und Inhaber der Firma Zirkonzahn (Gais/Italien).
Enrico Steger, der Südtiroler Zahntechniker sowie Gründer und Inhaber der Firma Zirkonzahn (Gais/Italien).

Aktuell befassen sich viele Zahntechniker(meister)Innen mit der Nachwuchssituation, der Ausbildung sowie der Anerkenntnis der berufl ichen Leistungen dieser Branche. Personalmangel, Alltagsfrustrationen und fehlende auskömmliche Perspektiven sind Motor dieser Diskussionen und Gespräche – mit dem Ziel, die bestehende Situation zum Positiven zu verändern. Auf seine ganz eigene Art passt auch der diesjährige „Heldentag“ mit seinem Motto „Die Zirkonzahn Schule“ zu diesen Aktivitäten – veranstaltet am 15. Oktober im Kosmos, Berlin und von 500 Teilnehmern besucht.

Zahntechniker sind Handwerker, sind „Helden“. Sie haben Kenntnisse in der Anatomie von Schädel und Kiefer, besitzen Wissen über Werkstoffe, Werkstoffkombinationen und deren Verarbeitung, können analoge sowie digital-gestützte Design- und Herstellungsoptionen verknüpfen sowie Verbindungstechniken durchführen. Darüber hinaus setzen sie ihr Form- und Farbempfinden bei der Fertigung der prothetischen Rehabilitationen ein. Und, dies nicht zuletzt, ist es ihre soziale Kompetenz, die sie befähigt, mit den Patienten und Zahnärzten über deren Wünsche zu sprechen – oder diese diskussionslos anzunehmen – und umzusetzen. Etwas vergessen? Ganz bestimmt!

Aufgrund dieser umfangreichen Kenntnisse hat Enrico Steger, der Südtiroler Zahntechniker sowie Gründer und Inhaber der Firma Zirkonzahn (Gais/Italien), seiner Berufsgruppe den „Heldentag“ gewidmet, der bereits zum sechsten Mal durchgeführt wird. An diesem Tag bittet er (zahntechnische) Könner auf die Bühne, damit diese aus ihrem Alltag berichten und dadurch eine Multiplikation von fachlichem Wissen sowie technischen Möglichkeiten stattfindet. In diesem Jahr fand der besagte Tag am 15. Oktober im Kosmos statt – einem ehemaligen Kino im ehemaligen Berliner Osten. Und wie vor einer Blockbuster-Filmpremiere bildete sich auch hier bereits weit vor Veranstaltungsbeginn eine Menschenschlange, die im sehr herbstlich-kühlen Berliner Wind auf schnellen Einlass wartete. Diese in Summe 500 Teilnehmer waren an den Themen zur zahntechnischen (Aus-) Bildung interessiert, über die hier unter dem Leitgedanken „Die Zirkonzahn Schule“ referiert wurde.

Begrüßt wurden die Teilnehmer in dem ausverkauften Haus natürlich von Enrico Steger selbst, der hierbei wie auch in der „Heldentag“-Moderation seine zum (Nach-) Denken anregenden Worte mit launigen Bemerkungen verknüpfte. Seine darin eingebundenen Anekdoten trugen dabei zur Verständlichkeit seiner Botschaften bei, die so zusammengefasst werden können: Lebenslanges Lernen ist wichtig, um Erfolg und Freude am und im Leben zu haben. Aus diesem Grund würde er auch in „Die Zirkonzahn Schule investieren“ – weil es ihm sehr gefällt, wie sich junge Menschen für ihre zahntechnische Profession interessieren und engagieren sowie ihre persönliche Entwicklung miterleben zu können. Dass (fachliche) Bildung eine Herzenssache von Steger ist, mag man auch daran erkennen, dass er diesem Thema eine 70-seitige Angebotsbroschüre gewidmet hat: „Die Zirkonzahn Schule – Aus Ehre zum Handwerk“.

Dass zu dieser Bildung heute insbesondere auch die Auseinandersetzung mit digitalen Design- und Fertigungskomponenten gehört, machte Steger im Laufe der Veranstaltung ebenso deutlich wie auch der erste Referent des Tages ZTM Wilfried Tratter – Softwarespezialist und eine der „Zirkonzahn-Triebfedern“. So berichtete Tratter anhand einiger Beispiele über aktuelle sowie in der Entwicklung stehende Features der Zirkonzahn-Designsoftware. Tratter sieht in ihr „einen Laborraum“, in dem alle Informationen zusammenlaufen und in dem nach Analyse und Fallplanung designed und gefertigt wird. Natürlich würde dazu heute auch die mimische Simulation aus Gesichtsscan (wie mit FaceHunter) sowie die Bestimmung der Kieferrelation (wie mit PlaneFinder) gehören.

  • Die Referenten des „Heldentag“ 2016.

  • Die Referenten des „Heldentag“ 2016.
Bei diesem Vortrag sowie bei den späteren zweigeteilten Anwendungspräsentationen durch ZT Hendrik Harms, ZTM Marco Heidel, ZT Michael Oberhammer und ZT Federico Presicci wurde augenfällig, wie logisch die zahntechnischen Arbeitsschritte in die Zirkonzahn Software (-Entwicklung) übertragen wurden. Beispielhaft seien hierfür die Tools für implantatgetragene Kombinationsarbeiten genannt: Durch sie lassen sich diese Rehabilitationen „top down“ oder „backward“ über Set-up, Prothesenbasis, Teleskopverbindung sowie Fertigstellung zueinander fügen. Aus Zeitgründen konnten die vier Absolventen der Education- Programme der Zirkonzahn Schule – wie in Military oder Ranger School – den Umfang der Möglichkeiten nur ausschnittsweise zeigen. Doch machten ihre Präsentationen auch das deutlich, was Steger co-moderierend mehrfach betonte: dass man nicht nur wissen muss, wie es geht, sondern es auch können muss. Und dieses Können sei nur durch wiederholtes und intensives Üben erlernbar.

Konzepte für Vorhersagbarkeit

Dr. Alexander Vuck, Oberarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik des Universitätsklinikums Düsseldorf, gab in seinem Vortrag „Implantatprothetik heute, Update Wissenschaft“ einen aktuellen Überblick über den (digitalen) Workflow in der Praxis sowie zwischen Praxis und Labor. Vuck sprach am Beispiel eines Patientenfalls – pars pro toto – über Erwartungshaltungen der Patienten und Vorhersagbarkeiten der Restaurationsergebnisse. Für ihn haben dazu die Behandlungs- und Fertigungskonzepte höchste Priorität, mit denen diese Vorhersagbarkeit erzielbar ist. Neben dem Sammeln von Befund- und Diagnosedaten sowie deren Analyse („wohin geht die Reise“) nutzt der Referent dazu analoge sowie digitale Tools, die miteinander verbunden werden können – wie beispielsweise ein Daten-Match von analoger PlaneFinder- Ebenenerfassung mit dreidimensionaler Facescan-Abbildung. Im späteren Verlauf des Arbeitens gehört für ihn auch die Bohrschablonen-geführte Implantation zur Zielerreichung der vorhersagbaren Ergebnisse. Zu diesem strukturierten Vorgehen zählt für Vuck auch die Fertigung eines prothetischen Prototyps, an dem das funktionelle und ästhetische Ergebnis – auch vom Patienten – beurteilt werden kann. Der Prototyp sei für ihn der „Schlüssel zum Erfolg“. Im Weiteren ging Vuck auch auf vergleichende Informationen aus der Literatur zur Nutzung analoger und digitaler Verfahren und deren Ergebnisqualität sowie zu dem Werkstoff Zirkoniumdioxid ein.

Kommunikation gleichwertiger Partner

Ein weiterer Redner war Prof. em. Dr. Carlo Marinello, ehemaliger Professor der Klinik für präventive Zahnheilkunde, Parodontologie und Kariologie Zürich sowie des Instituts für rekonstruktive Zahnmedizin und temporomandibuläre Störungen an den Universitätskliniken für Zahnmedizin Basel. Marinello widmete einen großen Anteil seiner Redezeit dem Plädoyer für eine gemeinsame Kommunikation von Patient, Zahnarzt und Zahntechniker. Diese sei seiner heutigen Meinung nach unabdingbar notwendig, wenn zahnprothetische Rehabilitationen zur größten Zufriedenheit aller – vor allem der Patienten – ausgeführt werden sollen. Laut Marinello führe das Arbeiten in einem Team unweigerlich zu besseren Resultaten.

„Analog“ unterstützt „Digital“

Das Thema der Abschlussredner ZTM Rainer Janousch und ZTM Clemens Schwerin (beide München) war „Analog und Digital: Lernprozess und Ziele unseres Workflows ‚All-on-4’“. Beide Herren verknüpften darin ihre Erfahrungen aus den ihnen zur Verfügung stehenden Zahn- Techniken. Janousch, der analog geprägte Zahntechniker, animierte das überwiegend junge „Heldentag“-Publikum es ihm gleichzutun, indem er von seiner Freude am Lernen und Entdecken berichtete. Hieran hatten auch seine Begegnungen mit einigen „Großen“ der Branche, wie Michael Heinz Polz (?), Geller oder Stuck, erheblichen Anteil – was sich auch auf seine (berufliche) Entwicklung auswirkte. Aber auch von den Jüngeren schaut sich Janousch weiterhin Fachliches ab – wie beispielsweise die Überlegungen von Udo Plaster (Nürnberg) zur ganzheitlichen Funktionsanalyse und Ebenenbestimmung. Und nicht zuletzt lernt er auch von seinen jüngeren Laborpartnern und Mitarbeitern – genauso wie diese von ihm – wie beispielsweise von seinem Co-Referenten. Clemens Schwerin führte sein Auditorium durch drei Patientenfälle, in denen er auch analoge und digitale Schritte des Workflows miteinander verknüpfte. Seine sorgfältigen Fallplanungen und konzeptionellen Vorgehensweisen führen ihn vorhersagbar zum Ziel patientengerechter Rehabilitationen. Schwerin sprach sich in seinen Ausführungen unter anderem dafür aus, Gesichtscans zu fertigen, da diese die Rekonstruktionen sehr vorteilhaft unterstützen würden. Ebenso gehöre für ihn die Fertigung von „Prototypen“ dazu. So, um Arbeitsschritte des Workflows zu lernen, vor allem aber, um an ihnen das funktionell-ästhetische Endergebnis (weitgehend) vorwegzunehmen, einen Einfluss auf die Lautbildung zu erkennen sowie mit Patienten und Zahnärzten deren spezielle Wünsche zu besprechen. Auch Schwerin geht in seiner Arbeit sehr strukturiert vor, was seine Workflow-Beschreibung widerspiegelte. Zum Ende seiner Ausführungen stellte er einen neuen Hochleistungskunststoff (Multistratum Flexible, Zirkonzahn) für Langzeitprovisorien (Mundbeständigkeit von bis zu 10 Jahren) und die Herstellung von Prototypen vor.

Preis und Leistung

  • Rund 500 Teilnehmer besuchten den „Heldentag 2016“ in Berlin.

  • Rund 500 Teilnehmer besuchten den „Heldentag 2016“ in Berlin.
Für 25 Euro (zzgl. MwSt.) wurden den Teilnehmern auf dem „Heldentag 2016“ sehr informative Beiträge über das bereits Mögliche des digital-gestützten Designens und Fertigens zahnprothetischer Rehabilitationen geboten. Dass Anwendungsbreite und -tiefe speziell der hier thematisierten Zirkonzahn CAD/CAM-Software keine „Selbstgänger“ sind, sondern deren Kennen und Anwenden gelernt werden muss, machten die Vorträge sehr deutlich. Sie zeigten auch, dass die heutige Zahntechnik fallweise bereits ganz ohne Wachs, Bunsenbrenner und Modellierinstrumente auskommen kann. Und eines wurde ebenso deutlich: dass die digitalen Verfahrenstechniken den Zahntechnikern auch weiterhin gute berufliche Perspektiven bieten. Denn „das Wissen ist nicht in der Maus“ (Tratter) – sondern ist im Kopf und der Hand des gut (aus-) gebildeten Zahntechnikers.

Jürgen Pohling, Hamburg 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Jürgen Pohling

Bilder soweit nicht anders deklariert: Jürgen Pohling


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