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„Leidenschaft ist der Antrieb, Verbissenheit die Bremse“

Blick auf die Zeche Ewald in Herten.
Blick auf die Zeche Ewald in Herten.

Nach so langer Abstinenz war die Freude bei den Teilnehmern groß: Am 11. September hat die VITA Zahnfabrik mit einem durchdachten Hygienekonzept den Schritt zu einer der ersten dentalen Vor-Ort-Veranstaltungen nach Ausbruch der Corona-Pandemie gewagt und zu den VITA Dental Masters nach Herten eingeladen. In der Zeche Ewald, wo früher unzählige Bergleute das „schwarze Gold“ aus über 1.000 Metern Tiefe holten, trafen sich Zahntechniker und Zahnärzte aus ganz Deutschland zum interaktiven und endlich wieder persönlichen Dialog rund um „digitale und analoge Vollkeramik“.

Die Corona-Krise hat beim Megathema Digitalisierung für einen richtiggehenden Schub gesorgt – auch die Zahntechnik und die Zahnmedizin werden kontinuierlich digitaler. Doch der mitunter schnelle Fortschritt wirft im Dentallabor viele Fragen auf, darunter: Wann arbeite ich besser digital, wann analog? Oder ist eine Kombination der beiden Fertigungswege die beste Wahl?

Antworten aus der Praxis- und Laborperspektive sowie alle wissenschaftlichen, werkstofflichen und praktischen Fakten rund um die digitale und analoge Herstellung vollkeramischer Restaurationen boten renommierte Referenten aus der Branche. Moderiert wurde der Nachmittag von Dr. Michael Tholey (Abb. 1).

  • Abb. 1: Dr. Michael Tholey, Head of Technical Services der VITA Zahnfabrik.
  • Abb. 2: Prof. Dr. Florian Beuer im interaktiven Dialog über Vollkeramik.
  • Abb. 1: Dr. Michael Tholey, Head of Technical Services der VITA Zahnfabrik.
  • Abb. 2: Prof. Dr. Florian Beuer im interaktiven Dialog über Vollkeramik.

Zirkondioxid: 4 Generationen Weiterentwicklung

Den Auftakt zum Programm machte Univ.-Prof. Dr. Florian Beuer MME (Berlin, Abb. 2) mit dem klinisch-wissenschaftlichen Faktencheck der inzwischen 4 unterschiedlichen Generationen seines „Lieblingsmaterials“ Zirkondioxid, dem „Alleskönner“ für „inzwischen eigentlich jede Indikation“. Neben den zahnähnlichen optischen Eigenschaften und einer kontinuierlich verbesserten Transluzenz sieht er die Vorteile des Werkstoffs in seiner hervorragenden Biokompatibilität samt besonderer Gewebeverträglichkeit. Darüber hinaus böten dentale Zirkondioxidmaterialien aufgrund der Zugabe von Yttriumoxid eine besondere Stabilität und Risszähigkeit, gleichsam eines „Airbageffekts“ würden entstehende Risse „zusammengedrückt“ und „repariert“.

Abgeleitet aus dem aktuellen Stand der Wissenschaft gab Prof. Beuer den Teilnehmern außerdem wichtige Handlungsempfehlungen rund um Präparation, Okklusion sowie Befestigung monolithischer und keramisch verblendeter Zirkondioxidrestaurationen mit auf den Weg. Schichtstärken könnten durch die Festigkeit des Materials deutlich reduziert werden, was der Erhaltung der natürlichen Zahnsubstanz entgegenkomme; entscheidender Faktor bei einer verbundstarken adhäsiven Befestigung seien MDP-Monomere im Komposit oder Primer.

Auch betonte er die Wichtigkeit der Teamarbeit Zahnarzt-Zahntechniker und konstatierte den wachsenden Bedarf an zahntechnischer Kompetenz in der Praxis, vor allem hinsichtlich der sich ändernden zahnärztlichen Approbationsordnung, die markant weniger Lehre an zahntechnischem Wissen für angehende Zahnärzte vorsehe.

Transluzenz für jede Indikation
  • Abb. 3: Woher kommt eigentlich das dentale Zirkondioxid? Antworten gab ZT Benjamin Schick.

  • Abb. 3: Woher kommt eigentlich das dentale Zirkondioxid? Antworten gab ZT Benjamin Schick.
    © Wolf

Mit Zirkondioxid aus der materialwissenschaftlichen Perspektive beschäftigte sich ZT Benjamin Schick B. Sc. DTM (Mauerstetten) (Abb. 3). Der Grundstoff Zirkon ist mit 4,4 Milliarden Jahren eines der ältesten bekannten Minerale der Erde und gehört zu der Klasse der Silikate – seine natürliche Farbe variiert von farblos, goldgelb, rot bis braun, aber auch grün, blau oder schwarz. Zirkon kommt überall auf der Welt vor, die Hauptabbaugebiete liegen heute in Afrika und Asien.

Als Ausgangspunkt für die Herstellung von Zirkondioxid wird Zirkoniumsilicat (ZrSiO4) verwendet. Dieser „Silicatsand“ wird durch Wasch-, Reinigungs- und Kalzinierungsprozesse von Verunreinigungen befreit und in hochreines 99-prozentiges Zirkondioxidpulver überführt und schließlich – nach Beigabe weiterer Stoffe je nach Rezeptur des jeweiligen Herstellers – zu Rohlingen wie z. B. des Systems VITA YZ SOLUTIONS (VITA Zahnfabrik, Bad Säckingen) gepresst.

Diese transluzenten, hoch-, super- und extratransluzenten Ronden ermöglichen den Einsatz für jede festsitzende Indikation von der Einzelzahnkrone bis zur weitspannigen Brücke. Für eine exakte Farbreproduktion sorgen zudem auf die jeweilige Transluzenzstufe abgestimmte Komponenten wie z. B. die VITA YZ SHADE LIQUIDS.

Mit dem Fokus auf Transluzenz hat das Thema „Stumpffarbe“ an besonderer Relevanz gewonnen, betonte ZT Benjamin Schick und appellierte an die Zahnärzteschaft, dem Zahntechniker grundsätzlich diese zu übermitteln bzw. am besten auch Bilder der Ausgangssituation mitzusenden (heute in Zeiten von Smartphones doch so einfach!). Nur so könne ein optimales Endergebnis für den Patienten gelingen.

„Die Stumpffarbe hat einen großen Einfluss auf die Materialwahl“
  • Abb. 4: Welche Faktoren bei der Materialauswahl eine Rolle spielen, das zeigte ZT Ralf Busenbender.

  • Abb. 4: Welche Faktoren bei der Materialauswahl eine Rolle spielen, das zeigte ZT Ralf Busenbender.
    © Wolf

– stellte auch ZT Ralf Busenbender (Viernheim) fest (Abb. 4). Aus der Perspektive des Technikers im Dentallabor schilderte er seinen Weg durch den „Dschungel“ der unzähligen Materialien. Sein Fazit: „Wir können uns nicht auf die Digitalisierung verlassen, sondern wir müssen immer selber mitdenken und vor allem auch lernen, Entscheidungen zu treffen.“ Finanzielle Unterstützung für digitale Anschaffungen von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) biete aktuell bis Ende 2023 eine Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie unter dem Titel „Digital Jetzt“ (mehr Informationen finden Sie hier).

Motivation und Inspiration für den Beruf

Für ZTM Jürgen Freitag (Bad Homburg, Abb. 5) ist die „Motivation ein extern verursachtes Zwischenhoch, die Inspiration eine nachhaltige Glut, die einen vorwärts zieht“. Motivation bringen die Patientenfälle, als Quelle der Inspiration dienen ihm Werkstoffe und Materialien, aktuell vor allem die Presskeramik VITA AMBRIA, die, wie ZTM Freitag schwärmt, Restaurationen einen „warmleuchtenden Innenton“ verleihe – dazu zeigte er Beispiele anhand einiger mitgebrachter Fälle aus seinem Laboralltag. Das zirkondioxidverstärkte Lithiumdisilikat-Presskeramiksystem VITA AMBRIA wurde für die effiziente Herstellung von hochästhetischen grazilen Rekonstruktionen wie Veneers, Inlays/Onlays sowie Voll-/Teilkronen und dreigliedrigen Brücken bis zum 2. Prämolaren entwickelt.

In der anschließenden Hands-on-Demo in der Pause demonstrierte ZTM Freitag Interessierten Schritt für Schritt die Anwendung der universal für alle gängigen vollkeramischen Gerüstmaterialien einsetzbaren Verblendkeramik VITA LUMEX AC (Kurse der VITA Zahnfabrik mit ZTM Jürgen Freitag zu VITA AMBRIA und VITA LUMEX sind aktuell in Planung).

Seine „take home message“: Analoge und digitale Verfahren haben beide ihre Daseinsberechtigung, entscheidend sei es, die Fakten zu sammeln und dann fallabhängige Entscheidungen zu treffen. Und dabei niemals zu vergessen: „Leidenschaft ist der Antrieb, Verbissenheit die Bremse.“

  • Abb. 5: ZTM Jürgen Freitag in Aktion bei seinem Vortrag zum Thema „der richtige, indikationsbezogene Materialmix“.
  • Abb. 6: Einen Leitfaden für die „Sturmflut Digitalisierung“ lieferte Keynote-Speaker Peter Holzer.
  • Abb. 5: ZTM Jürgen Freitag in Aktion bei seinem Vortrag zum Thema „der richtige, indikationsbezogene Materialmix“.
  • Abb. 6: Einen Leitfaden für die „Sturmflut Digitalisierung“ lieferte Keynote-Speaker Peter Holzer.

„Gegenwart machen“

Und zum Schluss der Blick über den „dentalen Tellerrand“: Peter Holzer (Abb. 6), Coach für Unternehmer und Führungskräfte, skizzierte einen pragmatischen Leitfaden durch die „Sturmflut Digitalisierung“. Seine These: Ob Gesellschaft, Unternehmen oder Familie – jeder braucht (s)eine Antwort auf die Frage: Wo willst du hin? und damit einen Horizont, auf den er zuschreitet. Und diesen Weg sollte der Mensch aktiv gestalten – frei nach dem Motto: „Gegenwart machen: 1. Wahrnehmen, was ist, 2. Wahrmachen, was sein soll.“

Es gehe um die grundsätzliche Haltung – „Veränderung führt zu Problemen“ und diesen Problemen (in diesem Sinne auch der Digitalisierung) muss man sich stellen und den potenziellen Schmerz, der außerhalb der Komfortzone wartet, in Kauf nehmen – denn nur dann könnten gute Lösungen gefunden werden. Zukunftsfähig bleibe nur der, der sich immer wieder erfolgreich anpassen kann.

Ausklang in der „Untertagebar“

Eine hohe Informationsdichte und viel Gesprächsstoff bot dieser besondere Fortbildungsnachmittag für die Teilnehmer. Doch zunächst stand als weiteres Highlight eine Führung durch die historischen Anlagen mit den denkmalgeschützten Zechengebäuden und Schachtgerüsten auf dem Programm, mit Anekdoten und Geschichten aus längst vergangenen Zeiten des Bergbaus, bis schließlich bis in die Nacht hinein in der „Untertagebar“ das kollegiale Wiedersehen gefeiert und fachlich heiß diskutiert wurde. 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: M. A. Susanne Wolf



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