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Die Umweltzahnmedizin im Fokus

Teil 1: Versorgung einer chronisch Kranken im Kontext ihrer persönlichen Gesundheitssituation

Ziel einer zufriedenstellenden Versorgung sollten nicht nur die Wiederherstellung einer verlorengegangenen Kaufunktion, die Findung einer patientengerechten Bisslage und eine ästhetische Rehabilitation sein. Eine hohe Priorität sollte auch die Auswahl der zu inkorporierenden Materialien nach der individuellen Toleranz des Patienten erhalten. Dabei muss die persönliche Gesundheitssituation berücksichtigt und in die zahnmedizinische und zahntechnische Versorgung einbezogen werden. Im ersten Teil des Beitrags erfahren Sie hierzu Grundsätzliches von Zahnärztin Dr. Carmen Kannengießer und ZTM Petra Junk.

Wird in Fachbeiträgen über gelungene zahnmedizinische und zahntechnische Versorgungen berichtet, so liegt der Fokus meistens auf der Funktionalität und Ästhetik oder auch auf den mannigfaltigen Möglichkeiten der digitalen Umsetzungsverfahren, wobei sich das Interesse auf das fachliche Können von Zahnmedizin und Zahntechnik richtet. Doch genauso muss danach gefragt werden, ob für den zu versorgenden Patienten die hochwertige und unter Berücksichtigung aller modernen Fertigungstechniken verarbeitete Materialkomposition überhaupt verträglich ist. Im Folgenden soll der Faktor Verträglichkeit weit in den Vordergrund rücken, in Teil 2 wird ein Patientenfall aus diesem Blickwinkel heraus aufgezogen.

Die Rolle des Zahnarztes in der Umweltzahnmedizin

„Zahnmedizin ist Medizin“ [1]. Diese Aussage traf schon Prof. Dr. Georg Meyer, der ehemalige Präsident der DGZMK. Er proklamiert nun bereits seit 20 Jahren, dass Zahnmedizin Medizin, also Heilkunde, ist. Weiterhin vertritt er die Meinung, dass die Krankheiten der Mundhöhle in ihren Wechselwirkungen mit anderen Funktionen des Körpers sowohl während des Studiums als auch danach, im Berufsleben, nicht ihrer Bedeutung gemäß beachtet werden.

Verschiedene Forschungsergebnisse der letzten Jahre zeigen, dass Zusammenhänge zwischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfällen und entzündlichen Parodontalerkrankungen bestehen [2]. Auch Kopf-, Gesichtsschmerzen und sogar orthopädische Probleme können einen großen Anteil zahnmedizinischer Kausalität haben. Die Bedeutung der Definition des stomatognathen Systems für den Gesamtorganismus zeigt dem Arzt und Zahnarzt, aber auch dem Zahntechniker, in welch sensiblem System er arbeitet bzw. in das er durch sein Tun eingreift. Unter dem stomatognathen System ist nämlich die Gesamtheit aller Strukturen im Kopf-Mund-/Kiefer- und Halsbereich mit ihren weitgehenden Interaktionen und wechselseitigen Abhängigkeiten zu verstehen. Hierzu gehören einerseits die Schädelknochen, die Mandibula, das Hyoid, die Clavicula und das Sternum, andererseits die Muskeln und Kapsel-/Bandstrukturen samt ihren Mechanorezeptoren und schließlich die Gesamtheit der Strukturen und Funktionen des Lymph-, Blut- und Nervensystems sowie das bindegewebige Grundsystem nach Pischinger [2].

Auch der bekannte Anatom Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Gert-Horst Schumacher [3] konstatierte schon in den achtziger Jahren, dass das stomatognathe System regional nicht genau abgrenzbar ist. Es führt übergreifende Funktionen aus. Der Arzt und Lehrberechtigte der Applied Kinesiology Wolfgang Gerz [2] sagt dazu, dass sich Störungen aus dem Bereich der Mundhöhle und des Kiefergelenkes (TMJ) vielfältiger und nachhaltiger auswirken als Probleme in praktisch allen anderen Fachgebieten mit Ausnahme der Psychosomatik. Deshalb ist Gerz der Meinung, dass 60–80% aller chronisch Kranken die Einbeziehung eines Zahnarztes benötigen.

Für den Zahnarzt und jeden seiner Patienten bedeutet das subsummiert unter anderem, dass

  • die Prophylaxe an erster Stelle stehen sollte,
  • entzündliche Zustände wie Pulpitis, Parodontitis und deren Folgezustände vermieden werden sollten,
  • Herdsanierungen durchgeführt werden, ohne der Exodontie zu verfallen,
  • unnötige Röntgenuntersuchungen vermieden werden bzw. dass möglichst strahlenarm gearbeitet werden sollte,
  • Belastungen durch unverträgliche Substanzen und Materialien zu vermeiden sind.

Letztgenanntes schließt den Kreis zu den Zahntechnikern, die hierbei eine ungemein wichtige Rolle spielen! Ihre Zuarbeit hinsichtlich der Auswahl der für den Patienten verträglichen Materialien, deren sorgfältige Verarbeitung und die exakte Anpassung der Zahnersatzarbeiten an die Körperstatik des Patienten sind von entscheidender Bedeutung. Das heißt ganz konkret, dass die neu inkorporierten Materialien eine Verbesserung chronischer Beschwerden bringen können. Sie können aber bei nicht sachgerechter Ausführung dem Patienten einen weiteren Schaden zufügen. Das zu wissen und sich ständig vor Augen zu führen, ist die vordringlichste Aufgabe für den Zahnarzt und den Zahntechniker.

Erst die Umweltzahnmedizin beschäftigt sich mit dieser Thematik intensiv (Abb. 1 und 2). Sie erfordert ein umfangreiches Wissen von beiden Berufsgruppen zum Thema und natürlich auch die Bereitschaft, danach zu arbeiten. Denn diese Betrachtungs- und Arbeitsweise ist aufwendiger als die herkömmliche. Aber wer sich ihrer annimmt, wird sehr dankbare Patienten als Lohn haben. Das ist den Aufwand wert.

  • Abb. 1: Toxische Metalle im Blut.
  • Abb. 2: Nachweis antigenspezifischer T-Lymphozyten, in diesem Fall am Beispiel von Kunststoffen.
  • Abb. 1: Toxische Metalle im Blut.
  • Abb. 2: Nachweis antigenspezifischer T-Lymphozyten, in diesem Fall am Beispiel von Kunststoffen.

Beeinträchtigungen von Patienten

Nur in den seltensten Fällen hat der Zahnarzt einen rundum gesunden, zahnärztlich bisher unversorgten Patienten auf dem Behandlungsstuhl. Der größte Anteil aller Patienten einer Zahnarztpraxis hat bereits eine zahnmedizinische Behandlung erfahren und trägt unter Umständen vom Techniker gefertigten Zahnersatz. Schon unseren Kindern und Jugendlichen, den Prothetik-Patienten der Zukunft, versiegeln wir mit Kompositen die naturgegebenen Fissuren oder lassen sie mit Kunststoffplatten, Metallbrackets und nickelhaltigen Drähten kieferorthopädisch behandeln.

Mit zunehmendem Alter der Patienten sieht sich auch die Zahnarztpraxis chronischen Erkrankungen gegenüber – das sind etwa Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, Rheuma und rheumatoide Arthritis, Allergien und diverse Unverträglichkeiten. Dauermedikationen wie mit Zytostatika, Bluthochdruckmitteln, Psychopharmaka oder Kortison sowie eingreifende Behandlungen wie die Dialyse und Strahlentherapie haben darüber hinaus auch einen Einfluss auf die orale Gesundheitssituation. All dies ist bei einer individuellen und risikominimierenden zahnärztlichen Behandlungsplanung zu berücksichtigen. Daneben und insbesondere bedürfen Patienten mit Endoprothesen, Aorten-Stents oder Stents der koronalen Herzkranzgefäße aus Titan oder anderen Metallen besonderer Aufmerksamkeit und einer detaillierten Anamnese auch durch den Zahnarzt.

Oft gehen die genannten Erkrankungen mit einer stillen chronischen Entzündung, der „silent inflammation“, einher [4]. Das Immunsystem ist bei diesen Patienten empfindlich gestört, im schlimmsten Fall droht es völlig zu entgleisen. Inkorporierte Dentalmaterialien können hierbei sowohl Auslöser als auch Triggerfaktor sein und durch ihre ständige Anwesenheit diese Entzündungen begünstigen, nähren oder zum Überschießen bringen – nicht zuletzt wird hierauf in Fortbildungen der Deutschen Gesellschaft für Umwelt- Zahnmedizin (DEGUZ) verwiesen, vornehmlich durch den Referenten Dr. Volker von Baehr vom IMD – Institut für Medizinische Diagnostik Berlin-Potsdam (Beispiel seiner Arbeit: [5]). Eine Störung im Immunsystem hat häufig auch den Verlust von Toleranz zur Folge. Das kann heißen, dass in der Zahnmedizin sonst altbewährte, aber auch völlig neu konzipierte Materialien dann nicht (mehr) vertragen werden oder zu unerwünschten Nebenerscheinungen führen. Diese Patienten entwickeln eine ganz eigene Suszeptibilität, was bedeutet, dass ihre Fähigkeit begrenzt ist, Stoffe zu tolerieren, die auf ihren Organismus einwirken. Nicht selten führt das auch zu einer psychischen Belastung, die sich bis auf das Familienleben und den Berufsalltag ausdehnen kann.

Darüber hinaus ist die moderne Gesellschaft von Stoffen und Partikeln umgeben, die früher in dem Maße kaum oder gar nicht bekannt waren – wie Autoabgase, Feinstaub, Dioxin und Fipronil in Eiern, Creutzfeldt-Jakob-Erreger im Rindfleisch, gentechnisch veränderte Produkte und anderes mehr. Die Bestandteile dieses Mixes lassen sich im Einzelnen und in der Summe hinsichtlich kurz- und langfristiger gesundheitlicher Auswirkungen nicht gut einschätzen. Angesichts dieser gegebenen Umwelt scheint es angeraten, auch Zahnersatzmaterialien im Biotop Mundhöhle und deren Wechselwirkungen mit großem Ernst zu betrachten. Patienten mit werkstofflichen Intoleranzen und labilem Gemütszustand haben unter Umständen einen langen Leidensweg bis hin zur Neurologie und Psychiatrie, wenn die dentale Ursache nicht erkannt und nicht beseitigt wird. Sind aber Dentalmaterialien als unpassend identifiziert, kann trotzdem die Lösungsfindung erschwert sein: Wenn mögliche Alternativmaterialien entweder nicht kassenkonform, weil nicht evidenzbasiert, sind oder wenn sie andere vielleicht toxische Bestandteile enthalten, deren Auswirkungen auf den Organismus noch nicht ausreichend geklärt sind.

Die Rolle des Zahntechnikers

Neben den werkstofflichen und materialtechnischen Komponenten seitens der Hersteller müssen auch der Umgang und die Verarbeitung der Dentalmaterialien seitens der Zahntechniker genauer betrachtet werden. Hier gelten klare Vorgaben, um eine vorhersagbare, reproduzierbare und schwankungsfreie Ergebnisqualität sicherzustellen. Dazu gehören auch Abweichungen im sonst liebgewonnenen Verfahrensprozess, die dem Zahntechniker geläufig sein sollten. Ein Material kann letztendlich nur so gut und verträglich sein, wie es die durchlaufene Verarbeitung zulässt.

Sehr häufig erfährt ein Material in der zahntechnischen Verarbeitung eine chemische Umsetzung oder wechselt innerhalb seiner Aggregatzustände. Es muss immer die korrekte Vorgehensweise gewählt werden, und es ist auch zu berücksichtigen, dass zusammen eingesetzte Materialien unter Umständen Wechselwirkungen unterliegen. Auch dies erfordert angepasste Vorgehensweisen. Eine nicht fach- und sachgerechte Verarbeitung verändert werkstoffliche Eigenschaften und führt zu Qualitätseinbußen und birgt das Risiko von Unverträglichkeiten, Allergien und anderen Reaktionen.

  • Abb. 3: Metallfreier Zahnersatz am Beispiel der im nächsten Teil vorgestellten Patientin.

  • Abb. 3: Metallfreier Zahnersatz am Beispiel der im nächsten Teil vorgestellten Patientin.
    © Petra Junk
Leider verzeihen aber viele Materialien großzügig eine Abweichung von den herstellerbezogenen Vorgaben und funktionieren trotzdem – doch das Immunsystem chronisch kranker Patienten toleriert es nicht, wenn sich innerhalb eines Werkstoffes aufgrund falscher Verarbeitung chemische Produkte bilden, die sich auslösen und dann unverträglich sind. Der Zahntechniker trägt hier eine besondere Verantwortung, denn sein Werkstück im Ganzen wird später dauerhaft in das Biotop Mundhöhle eingebracht und soll dort unter starker Belastung für einen sehr langen Zeitraum verweilen. Wie ein patientenindividueller Zahnersatz für einen chronisch kranken Patienten hergestellt wird und was dabei zu beachten ist (Abb. 3), ist in der Fortsetzung dieses Beitrags in der Juniausgabe 2018 des Zahntechnik Magazins zu lesen.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Carmen Kannengießer - ZTM Petra Junk



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