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England und seine Zahntechniker-Ausbildung

Teil 1 - England: Wie man außerhalb Deutschlands zum Zahntechniker wird

14.02.2018

Blick auf London.
Blick auf London.

Lehre, Unterricht oder On-the-Job-Training: Welche Ausbildung muss man eigentlich außerhalb Deutschlands durchlaufen, um Zahntechniker zu werden? Unsere neue Reihe wirft einen Blick auf die Ausbildungswege in Europa. Los geht die Reise mit England und führt uns in den kommenden Ausgaben des Zahntechnik Magazins über Österreich und die Schweiz bis nach Spanien.

Sherlock Holmes, Baked Beans zum Frühstück, der Brexit und das royale Flair – unser Nachbarland auf der königlichen Insel hat seinen ganz eigenen Charme. Bekannt für seine Elite-Universitäten steht eines fest: England legt Wert auf eine akademische Bildung. Doch wie sieht es aus, wenn man in England Zahntechniker werden will?

Offen gesagt – auf den ersten Blick ganz schön ungewohnt. Denn die duale Ausbildung, wie sie hierzulande durchgeführt wird, gibt es im Vereinigten Königreich nicht. Betriebe bildeten bisher in der Regel nach Eigenbedarf aus, eine wie bei uns übliche Lehrlingsausbildung in handwerklichen Betrieben ist den meisten nicht bekannt. Das On-the-Job-Training, also das Anlernen am Arbeitsplatz in einer festen Anstellung, war bisher eine übliche Methode, ebenso die vollzeitschulische berufliche Ausbildung in einer Einrichtung der „Further Education Colleges“. Seit den 2000ern arbeitet die Regierung an einem eigenen Ausbildungssystem, das sich langsam etabliert. In England lebenden Jugendlichen ist es ab dem 16. Lebensjahr erlaubt, eine „apprenticeship“ (zu Deutsch: Lehre/Ausbildung) anzutreten. Hier wird wieder das Prinzip des On-the-Job-Trainings angewandt; der Auszubildende geht ein festes Arbeitsverhältnis ein, bezieht Gehalt und lernt von seinem Mentor direkt während des Arbeitens. Je nachdem, in welchem Sektor die englische Ausbildung absolviert wird, dauert sie ein bis fünf Jahre. Die Ausbildungen werden nach dem Grad ihrer Anforderungen und zu erlernenden Fähigkeiten in Levels eingeteilt. Diese können äquivalent zu anderen Bildungsgraden gesehen werden; so ist beispielsweise Level 2 einem sehr guten Realschulabschluss (in England „General Certificate of Secondary Education“, kurz GCSE) gleichzusetzen und Level 6 und 7 einem Bachelor- bzw. Masterabschluss gleichwertig.

Entscheidet man sich dazu, eine Apprenticeship zum „Dental Technician“, also zum Zahntechniker, anzutreten, so muss man sich auf 36 Monate „Lehre“ einstellen. Am Ende hat man mit dieser Ausbildung Level 5 erreicht, das dem „foundation degree“ gleichkommt, also einem höheren beruflichen Bildungsabschluss. Die Aufnahmebedingungen für Azubis entscheidet letztendlich das einzelne Unternehmen selbst, meistens wird aber das englische Abitur („A-levels“) oder eine vorherige (schulische) Ausbildung, Arbeitserfahrung etc., die mit dem Level 3 bewertet werden kann, verlangt.

Spezialisierung nach der Ausbildung

Zahntechniker in England lernen im Großen und Ganzen das Gleiche wie die deutschen. Auf der Insel ist es üblich, sich nach der Ausbildung in einer von vier Spezialisierungen zu vertiefen: Die Prothetik-Techniker fertigen Prothesen, die Erhaltungstechniker kümmern sich um die Herstellung von Kronen und Brücken, Zahnspangen kommen von den kieferorthopädischen Technikern. Außerdem gibt es noch Zahntechniker, die im Bereich der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie arbeiten und in Kliniken zusammen mit Ärzten den Mund- und Kieferbereich durch Unfälle und Krankheit geschädigter Patienten rekonstruieren. Direkt am Patienten zu arbeiten ist dem englischen Zahntechniker allerdings nicht gestattet.

Eine Fortbildung ermöglicht die Arbeit direkt am Patienten

Wer aber gern an und mit dem Patienten arbeiten will, hat in England die Chance, eine Fortbildung zum „Clinical Dental Technician“, kurz CDT, zu absolvieren. Diese findet meist an Universitäten oder in Zahnkliniken statt. Die University of Central Lancashire bietet beispielsweise einen Teilzeitkurs über zwei Jahre an. In sechs Trimestern lernen die Zahntechniker an zwei Tagen in der Woche die theoretische und praktische Arbeit am Patienten und vertiefen ihre Kenntnisse in der Fertigung von Vollprothesen. Die Gestaltung und Dauer dieser Fortbildung unterscheidet sich aber stark von Einrichtung zu Einrichtung.

Die Kurse sind alle vorbereitend; es muss am Ende die offizielle Prüfung am Royal College of Surgeons abgelegt und bestanden werden. Ist man dann CDT, arbeitet man häufig in Kliniken, die speziell auf dentale Belange ausgerichtet sind. Die Arbeit am und mit dem Patienten steht hier auf der Tagesordnung – dem CDT ist es erlaubt, die allgemeine Mundgesundheit des Patienten zu überprüfen, ihn zu beraten, Abdrücke zu nehmen und ihm die individuelle, selbst gefertigte Prothese einzusetzen. Als Patient kann man in England direkt zum CDT gehen, ein Umweg über den Zahnarzt ist nicht nötig.

Um im Vereinigten Königreich nach der Ausbildung zum Zahntechniker bzw. zum CDT als solcher arbeiten zu können, muss man sich beim „General Dental Council“ registrieren lassen. Der Nachweis verschiedenster Qualifikationen ist notwendig, um in das Register aufgenommen zu werden. Auch Zahnärzte, Zahnarzthelferinnen und Dentalhygienikerinnen müssen das Verfahren durchlaufen und sich registrieren lassen, um offiziell in ihrem Beruf arbeiten zu dürfen. Das Vereinigte Königreich will so qualifiziertes Personal im Bereich der Zahnmedizin und Zahntechnik garantieren.

Fazit

Die bei uns sehr erfolgreiche duale Ausbildung wird also in England nicht übernommen – stattdessen wird auf einen direkten Einstieg in den Beruf unter Anleitung eines Mentors und das Level-System gesetzt. Und was ist nun „besser“? Darüber kann wohl nur derjenige ein ehrliches Urteil fällen, der sowohl in Deutschland als auch in England eine Ausbildung absolviert hat. Es ist aber mit Sicherheit zu sagen, dass das duale System in Deutschland gut ausgebildete Fachkräfte hervorbringt und man daran festhalten sollte.

Nathalie Ottiger

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