Laborführung

Teil 11 der Serie: Wie man außerhalb Deutschlands zum Zahntechniker wird

Der Ablauf der Zahntechniker-Ausbildung in Italien

31.10.2019

Blick auf das nächtliche Rom, die Hauptstadt Italiens.
Blick auf das nächtliche Rom, die Hauptstadt Italiens.

Wenn Sie an Italien denken – kommt Ihnen dann nicht auch sofort die deliziöse Küche in den Sinn? Pizza, Pasta, Gelato, Espresso und Cappuccino … alles weltweit berühmte und beliebte Köstlichkeiten! Oder denken Sie doch zuerst an den einzigartigen und beneidenswerten Lebensstil, la dolce vita? „Das süße Leben“, wie es die Italiener in ihrer Lebensfreude und Leichtigkeit nennen und somit der alltäglichen Hektik entgegenwirken. Vielleicht verbinden Sie mit Italien aber auch ein wunderschönes Urlaubsziel? Schließlich könnte ein Land kaum vielfältiger sein! In dem südeuropäischen Land findet man alles – die Dolomiten, die Toskana, Sizilien und Sardinien, den Vatikan oder die Modemetropole Mailand – für jeden Geschmack hat Italien das passende Angebot. Doch wie gestaltet sich das italienische Leben abseits vom Tourismus? Welche Bildung genießt das junge Volk und – was uns besonders interessiert – wie wird man in Italien eigentlich zum Zahntechniker?

Der Besuch des Kindergartens, der „Scuola dell’infanzia“, ist in Italien nicht obligatorisch – Eltern können, wenn sie wollen, dieses Angebot für ihre Kinder ab 2 ½ Jahren nutzen. Die Einschulung der italienischen „bambini“ erfolgt im Alter von sechs Jahren – dann startet für sie der Besuch der fünfjährigen Grundschule, der „Scuola primaria“. An die Scuola primaria knüpft die dreijährige Mittelschule, die „Scuola media“ oder auch „Scuola secondaria inferiore“, an. Diese gilt es, mit dem Abschlusszeugnis des Sekundarbereichs I zu beenden – dem „Diploma di licenza conclusiva del primo ciclo di istruzione“. Mit diesem sind die italienischen Schüler berechtigt, sämtliche Angebote des Sekundarbereichs II wahrzunehmen.

Berufs(aus)bildung staatlich oder regional

Hier gibt es eine große Besonderheit in Italien – denn das Berufsbildungssystem gliedert sich in staatlich und regional verwaltete Angebote. Die berufliche Ausbildung erkennt man meist an der Bezeichnung „istruzione“, während die regionale Berufs(aus)bildung „formazione professionale“ genannt wird. Das Ministerium für Bildung, Hochschule und Forschung ist hierbei die zentrale Entscheidungsinstanz für alle Fragen des italienischen Bildungswesens. Bei den staatlichen Angeboten handelt es sich zum einen um das klassische Gymnasium, das „licei“, an dessen Ende nach einem fünfjährigen Besuch die Hochschulzugangsberechtigung steht. Zusätzlich haben die Schüler die Möglichkeit, ein berufliches („istituti professionali“) oder ein technisches Institut („istituti tecnici“) zu besuchen. Hierbei erhalten sie neben der Hochschulzugangsberechtigung auch den berufsbildenden Abschluss „tecnico“ oder den technischen Abschluss „perito“. Die regionalen Angebote unterscheiden sich untereinander recht stark. Seit 2002 besteht jedoch eine Pflicht für alle Bildungsträger, sich nach national einheitlichen Kriterien akkreditieren zu lassen.

Für Jugendliche unter 18 Jahren gibt es in Italien viele verschiedene regionale berufsqualifizierende Bildungsgänge, die „instruzione e formazione professionale“ – diese werden mitunter auch von Schulen des nationalen Systems in Kooperation mit regionalen Partnern organisiert. Der Europäische Sozialfonds gibt hierfür oft finanzielle Unterstützung. Diese Bildungsgänge dauern in der Regel drei Jahre, dann erhalten die Schüler das Zeugnis der Berufsqualifikation – das „attestato di qualifica professionale-operatore“. Nach einem weiteren Jahr folgt das Diplom der Berufsqualifizierung, „diploma di qualifica professionale- tecnico“.

Verschiedene Wege zum Zahntechniker-Beruf

  • In der Region Bozen-Südtirol werden Zahntechniker nach deutschem Vorbild ausgebildet – im restlichen Italien läuft die Ausbildung anders ab.

  • In der Region Bozen-Südtirol werden Zahntechniker nach deutschem Vorbild ausgebildet – im restlichen Italien läuft die Ausbildung anders ab.
    © adege/Pixabay.com
Die Form der betrieblichen Lehre, wie wir sie hierzulande kennen, gibt es in Italien nicht. Es existiert jedoch ein Format, das „appredistato“ genannt wird und eine Art Arbeitsvertrag für Berufseinsteiger darstellt – 15- bis 25-jährige Jugendliche können also eine dreijährige „apprendistato diritto-dovere“ absolvieren, die letztendlich zu einem Zeugnis einer Berufsqualifikation, „attestato di qualifica professionale“, oder zu einer Teilnahmebescheinigung, „attestato di frequenza“, führen. Anschließend können die Schüler eine weitere ein- bis zweijährige Phase der höheren Berufsbildung/beruflichen Spezialisierung anhängen, an deren Ende eine Berufsbefähigungsprüfung und beim Bestehen dieser ein Berufsbefähigungsnachweis stehen.

Eine Ausnahme stellt die Region Bozen-Südtirol dar; hier gibt es ein etabliertes System der betrieblichen Erstausbildung nach deutschem Vorbild.

Im Rest Italiens sieht die Zahntechniker-Ausbildung – und vor allem ihre Rahmenbedingungen – jedoch ganz anders als hierzulande aus: Wenn ein italienischer Schüler Zahntechniker werden möchte, so findet die fünfjährige Ausbildung zum „odontotecnico“ an einem staatlichen beruflichen Institut statt, dem „istituto professionale“. Die Auszubildenden erhalten in den ersten beiden Lehrjahren vorwiegend Unterricht in allgemeinbildenden Fächern wie Italienisch, einer zweiten Fremdsprache, Wirtschaft und Recht, Geschichte, Sport, Biologie und Geografie. Ab dem dritten Lehrjahr überwiegen dann die fachspezifischen Fächer wie Physik, Chemie, Materialkunde, Gnatologie, Anatomie, Physiologie und Hygiene. Für etwa die Hälfte der berufsbezogenen Fächer ist eine praktische Unterrichtsform vorgesehen; dies wird beispielsweise in schuleigenen Werkstätten umgesetzt. Seit 2005 gibt es in Italien zudem ein Programm mit dem Namen „alternanza scuola lavoro“, zu Deutsch „Alternierung Schule-Arbeit“. In diesem Rahmen haben Schulen die Möglichkeit, praktische Projekte oder Praktika mit lokalen Betrieben zu organisieren. Außerdem haben die italienischen Schüler die Möglichkeit, sich im Rahmen des sogenannten Projektbereichs bis zu 10 % der Jahreswochenstunden eines Faches interdisziplinären Projekten zu widmen.

Am Ende der fünfjährigen Ausbildung steht ein doppelt qualifizierender Abschluss. Zum einen haben die Schüler eine berufliche Erstausbildung erlangt, zum anderen gleichzeitig die Hochschulzugangsberechtigung erworben. Hierfür nehmen die italienischen Azubis an der zentral organisierten Abiturprüfung teil. Der Abschlusstitel berechtigt dann zur Aufnahme eines Hochschulstudiums in allen Fachrichtungen – und der erworbene Berufstitel zur Aufnahme der selbstständigen Berufsausübung. Jedoch haben die italienischen Azubis auch die Möglichkeit, bereits nach drei Jahren ihre Ausbildung zu beenden – dann dürfen sie jedoch ausschließlich als Angestellte arbeiten.

15.000 Dentallabore für rund 57 Millionen Einwohner

Die Unterschiede zur deutschen Ausbildung und deren Auswirkungen sind unverkennbar: so gibt es in Italien etwa 15.000 Dentallabore für eine Bevölkerung von etwa 57 Millionen Menschen, während es in Deutschland rund 5.000 Labore für rund 80 Millionen Menschen gibt. Zudem übernehmen die staatlichen Kassen Italiens zahnärztliche Leistungen nur im absoluten Notfall. Prophylaxe wie hierzulande gibt es nicht, zahnmedizinische Angelegenheiten finden in der italienischen Öffentlichkeit kaum Beachtung – somit verkauft sich zahntechnische Qualität recht schwer; jedes Jahr müssen etliche Labore schließen.

Interessenvertretung der Zahntechniker

Auch in Italien gibt es Interessenverbände für Zahntechniker. Der größte Verband ist die sogenannte ANTLO – die „Associazione Nazionale Titolari di Laboratorio Odontotecnico“. Bereits 1983 wurde die freie, autonome und unabhängige Assoziation gegründet und ist heute in allen italienischen Regionen mit jeweiligen Delegationen vertreten. Die ANTLO bietet eine Vielzahl von Schulungs- und Informationsveranstaltungen, Kongresse, Seminare und Workshops an. Die Hauptziele des Verbandes sind das Schaffen optimaler Voraussetzungen zur Ausübung des Zahntechnikerberufes, Schutz und Verbesserung aktueller wirtschaftlicher und rechtlicher Bedingungen, die Aufwertung des Images und der Stellung des Berufes und die Förderung der Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeiter in zahntechnischen Laboren.

Mit dem Blick auf das schöne Italien haben wir einen weiteren interessanten Einblick in die Zahntechniker-Ausbildung in Europa bekommen. Trotz der zahlreichen Unterschiede zur deutschen Ausbildung haben die italienischen Zahntechniker eins gemein mit den deutschen: Auch sie dürfen nicht am Patienten arbeiten!

Nathalie Ottiger



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