Laborführung

Teil 7: Wie man außerhalb Deutschlands zum Zahntechniker wird

Die Niederlande und ihre Zahntechniker-Ausbildung

13.11.2018

Die Grachten (Kanäle) prägen mit rund 75 km Gesamtlänge das Bild der niederländischen Hauptstadt Amsterdam.
Die Grachten (Kanäle) prägen mit rund 75 km Gesamtlänge das Bild der niederländischen Hauptstadt Amsterdam.

An was denken Sie, wenn man Sie nach den Niederlanden fragt? An farbenfrohe Tulpenfelder und Windmühlen? Oder doch an den leckeren Edamer? An das wunderschöne Amsterdam und die charmant klingende Sprache? Unser Nachbarland bietet eine Menge an Kultur, kulinarischen Köstlichkeiten und sehenswerter Landschaft. Im Jahr 2015 wanderten etwa 4.000 Deutsche in die Niederlande aus – vor allem für junge Menschen ist dies eine attraktive Option, da die dortigen Bildungsmöglichkeiten von hoher Qualität zeugen sollen. Doch wie genau läuft es ab, wenn man in den Niederlanden Zahntechniker werden will?

Hierfür muss zuerst ein Blick auf das niederländische Bildungssystem geworfen werden, denn dieses unterscheidet sich in einigen Punkten vom deutschen. Die Schulpflicht beginnt dort mit dem fünften Lebensjahr und dauert bis zum 16.; jedoch ist es üblich, dass die Kinder bereits mit vier Jahren eingeschult werden.

Sie besuchen zuerst die sogenannte „Basisschool“. Anders als die deutsche Grundschule, die je nach Bundesland vier oder sechs Jahre andauert, umfasst die niederländische Basisschool acht Schuljahre. Am Ende der achten Klasse entscheiden die Ergebnisse des „cito-toets“ – der Abschlusstest der Basisschool – welche weiterführende Schule das Kind fortan besucht. Die Kinder sind zu dieser Zeit in der Regel etwa zwölf Jahre alt. Die weiterführenden Schultypen sind nicht 1:1 mit den deutschen vergleichbar, ähneln diesen aber in einigen Punkten.

Möchte ein niederländischer Schüler die allgemeine Hochschulreife erlangen, so besucht er sechs Jahre lang die „voorbereidend wetenschappelijk onderwijs“, kurz vwo. Die Fachhochschulreife hingegen ist an der „voorbereidend middelbaar beroepsonderwijs“, kurz vmbo, zu erreichen. Ab dem 16. Lebensjahr steht es den Schülern ebenso frei, sich für die „middelbaar beroepsonderwijs“, die Berufsausbildung, zu entscheiden.

Die „kompetenzorientierte Berufsausbildung“

Aktuell gibt es in den Niederlanden über 300 Ausbildungsgänge, etwa die Hälfte davon kann auf zwei verschiedenen Lehrwegen stattfinden – zum einen auf dem berufsausbildenden Weg, der einen Praxisanteil von ca. 20–60% hat und vorwiegend schulisch stattfindet, und zum anderen auf dem berufsbegleitenden Weg, der einen Praxisanteil von mindestens 60% aufweist. Seit 2005 gibt es in den Niederlanden die „kompetenzorientierte Berufsausbildung“. Kernstück dieses Ausbildungssystems sind seine verschiedenen Qualifikationsstufen, auf denen Ausbildungen abgeschlossen werden können:

  • Niveau 1: Assistentenausbildung zur Ausführung einfacher Arbeiten unter Aufsicht, Dauer 0,5–1 Jahr
  • Niveau 2: Basisberufsausbildung, eigenverantwortliches Arbeiten in einem eigenen Aufgabengebiet, Dauer 2–3 Jahre
  •  Niveau 3: berufliche Fachausbildung, selbstständige Ausführung von Tätigkeiten und die Arbeit anderer begleiten und kontrollieren, Dauer 2–4 Jahre
  • Niveau 4: Ausbildung für das mittlere Management, selbstständiges Ausführen von Tätigkeiten in einem breiten Einsatzgebiet, Übernahme von Verantwortung für einen organisatorischen Bereich und Delegation von Aufgaben, Dauer 3–4 Jahre
  • Niveau 4 mit Spezialistenausbildung: Zusatzqualifikation; Voraussetzung: Abschluss einer Ausbildung auf Niveau 3 oder 4; selbstständiges Ausführen von Tätigkeiten in einem speziellen Einsatzbereich, Übernahme von Verantwortung für einen organisatorischen Bereich und Delegation von Aufgaben, Dauer 1–2 Jahre

Die vierjährige Ausbildung zum „tandtechnicus“ – also zum Zahntechniker – ist in den Niederlanden auf Niveau 4, also auf dem höchsten, angesetzt. Aufgrund der berufsbegleitenden Form dieser Ausbildung arbeiten und lernen die Schüler an vier Tagen in der Woche in einem zahntechnischen Labor und einen Tag verbringen sie in der Berufsschule. Im Laufe der vier Jahre wird eine Spezialisierungsrichtung gewählt: Die Azubis können sich im Bereich der Vollprothesen oder Kronen und Brücken vertiefen. Je nach gewählter Spezialisierung steht es den Lehrlingen nach erfolgreichem Beenden der Ausbildung frei, sich in einer weiteren zweijährigen Spezialistenausbildung weiterbilden zu lassen. Hier gibt es zum einen die Möglichkeit, ein „klinisch prothesetechnicus“, also ein Zahnprothetiker, oder aber ein „klinisch tandtechnicus kroon- en brugwerk“, also ein Zahntechniker in der Kronen- und Brückentechnik, zu werden.

Zahnprothetiker dürfen am Patienten arbeiten

Fertig ausgebildete Zahnprothetiker genießen ein Privileg, von dem unsere deutschen Zahntechniker bisher nur träumen dürfen: Sie dürfen am und mit dem Patienten arbeiten. Unter Anweisungen des Zahnarztes darf der Zahnprothetiker dafür sorgen, dass Prothesen zum Teil oder vollständig am Patienten eingegliedert werden. Hierfür kommt der Patient persönlich im Labor vorbei. Auch Anpassungsarbeiten darf der Zahnprothetiker durchführen; die Endkontrolle übernimmt anschließend der zuständige Zahnarzt. Doch auch der Zahntechniker für Kronen- und Brückentechnik arbeitet in den Niederlanden nicht ausschließlich im „stillen Kämmerlein“ – er kann im Auftrag und unter Aufsicht des behandelnden Zahnarztes einige technische Aufgaben übernehmen. Beispielsweise kümmert er sich selbst um Fotografien des Gebisses des Patienten, scannt Gebissabdrücke, wählt gemeinsam am und mit dem Patienten Farben aus und stellt am Ende – wie es auch die deutschen Zahntechniker tun – kunstvollen Zahnersatz her.

Berufsverbände

Auch im Land der Tulpen engagiert sich vor allem ein Berufsverband für die Interessen des Zahntechnikerhandwerks: die bereits im Jahre 1931 gegründete „Vereniging van Laboratoriumhoudende Tandtechnici“, kurz VLHT. Die VLHT bietet ihren Mitgliedern Hilfe und Unterstützung in sämtlichen Fragen – von Ausbildungsangelegenheiten über Kostenrechnung bis hin zu Sicherheitsmanagement. Als Interessenvertreter für alle niederländischen Zahntechniker übernimmt der Verband Verhandlungen mit Ministerien, Krankenkassen, Gewerkschaften, im Bildungssektor und hinsichtlich Gesetzgebungen und Tarifverträgen. Neben der VLHT existieren noch weitere, kleinere Interessenverbände für Dentallabore.

Neben all den Unterschieden zwischen deutschen und niederländischen Zahntechnikern bleibt doch eines gemeinsam – in ihren Lehren werden sie zu wahren Künstlern, die vielen, vielen Menschen ein unbeschwertes Lächeln ermöglichen.

Das gilt es zu würdigen.

Nathalie Ottiger (MDZI)

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