Laborführung

Arbeits- und Gesundheitsschutz im Dentallabor - Teil 4

Umgang mit gefährlichen Stoffen: Gefahrstoffe, Behälterkennzeichnung, GHS

03.05.2016
aktualisiert am: 03.06.2016

Gefahrstoffsymbole.
Gefahrstoffsymbole.

Im vierten Teil unserer Serie zum Arbeitsschutz im Dentallabor zeigt ZTM Werner Hebendanz auf, was beim Umgang mit gefährlichen Stoffen zu beachten ist – denn davon gibt es nicht wenige im zahntechnischen Betrieb.

Definition Gefahrstoffe

So ist zunächst zu klären, was ein Gefahrstoff überhaupt ist und wie er definiert wird. Auf diese Fragen gibt die Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) vom Juli 2013 eine genaue Antwort. Gemäß § 2 Abs. (1) GefStoffV zählen zu den Gefahrstoffen

  • gefährliche Stoffe und Zubereitungen (die z. B. entzündlich, giftig, gesundheitsschädlich, ätzend, reizend, sensibilisierend, krebserzeugend, fortpflanzungsgefährdend, erbgutverändernd oder umweltgefährlich sind),
  • Stoffe, Zubereitungen und Erzeugnisse, die explosionsfähig sind,
  • Stoffe, die bei der Bearbeitung gefährliche Stoffe entstehen lassen,
  • Stoffe, die aufgrund ihrer Eigenschaften und der Art und Weise, wie sie am Arbeitsplatz vorhanden sind oder verwendet werden, die Gesundheit und die Sicherheit der Beschäftigten gefährden können,
  • alle Stoffe, denen ein Arbeitsplatzgrenzwert (= maximale Konzentration eines Gefahrstoffes, die am Arbeitsplatz entstehen darf) zugewiesen worden ist.

Bestandsaufnahme im Gefahrstoffverzeichnis

  • Abb. 1: Notwendig in jedem Dentallabor: das Gefahrstoffverzeichnis. Bildquelle: © sifadent

  • Abb. 1: Notwendig in jedem Dentallabor: das Gefahrstoffverzeichnis. Bildquelle: © sifadent
Die erste Aufgabe im Zusammenhang mit Gefahrstoffen, die der Gesetzgeber dem Unternehmer auferlegt, ist, dass er sich einen Überblick über die Menge an verschiedenen Gefahrstoffen in seinem Betrieb verschafft. Wenn Sie jetzt durch Ihren Betrieb gehen und genau auf Produkte achten, die ein oranges oder auch ein rot-schwarzes Piktogramm tragen, werden Sie sicher einige Packungen finden. Darunter könnten sich Desinfektionsmittel, Kunststoffmonomer, Kalkex, Opaquerliquid und Säuren befinden – kurz: es kommt einiges zusammen. Aus der Praxis kann ich berichten, dass sich nach dieser ersten Bestandsaufnahme die Menge der Gefahrstoffe deutlich reduziert. Denn vor Aufnahme in die zu erstellende Liste sollten Sie prüfen, ob Sie wirklich jeden der „gefundenen“ Stoffe noch benötigen. Vergessen Sie auch nicht die vielen Proben und Testsets, die im Laufe der Jahre ins Labor kommen und in einer Ecke gelagert werden. Hinweis an dieser Stelle: Unbedingt ordnungsgemäß entsorgen! Wenn Sie alle in Ihrem Betrieb noch zu verwendenden Gefahrstoffe in die Gefahrstoffliste (siehe Abb. 1) eingetragen haben, kommt als nächste Aufgabe die sogenannte Substitutionsprüfung – die in der GefStoffV in § 6 Abs. (8) Satz 2 geregelt ist – zur Anwendung. Hier muss der Anwender des Gefahrstoffs überprüfen, ob es möglich ist, ungefährlichere Ersatzstoffe einzusetzen und damit die Verwendung des Gefahrstoffs zu vermeiden. Meist wird diese Prüfung nicht zu dem Erfolg der Substitution führen, aber es ist zu dokumentieren, dass diese Prüfung durchgeführt wurde (Spalte Ersetzbarkeit überprüft? ja/nein). Nächster Teilschritt ist die Beschaffung der aktuellen Sicherheitsdatenblätter für alle aufgelisteten Gefahrstoffe. Die Datenblätter werden zur Gefahrstoffliste hinzugefügt. Die nächste Spalte ist überschrieben mit „Menge des Gefahrstoffes (Durchschnittswerte)“. Hier ist anzugeben, welche Mengen am Arbeitsplatz verarbeitet werden und welche Mengen sich eventuell in einem Lager befinden. Die vorletzte Spalte wird mit den H- und P-Sätzen gefüllt, die die Gefährdung und Sicherheitsmaßnahmen beschreiben. Zu finden sind diese Angaben im jeweiligen Sicherheitsdatenblatt.

In die letzte Spalte sind noch, falls vorhanden, Grenzwerte einzutragen.

Nun ist das sogenannte Gefahrstoffkataster fertiggestellt. Es ist ein wichtiges Informationsmedium, wenn ein Unfall mit einem Gefahrstoff im Betrieb passiert ist und ein Mitarbeiter zum Arzt oder ins Krankenhaus muss. Der Arzt kann deutlich besser Diagnosen stellen, wenn er genau weiß, welcher Stoff zum Unfall geführt hat. Es macht einen großen Unterschied, ob der Arzt erfährt, dass es „eine Säure“ war oder ob konkret „Flusssäure“ benannt werden kann. Im akuten Fall des verunglückten Mitarbeiters würde man das Gefahrstoffkataster, das immer griffbereit z. B. im Büro aufbewahrt wird, öffnen und dem Verunfallten das betreffende Sicherheitsdatenblatt mitgeben. So kann der Arzt ohne Zeitverlust die richtigen notwendigen Schritte einleiten.

Es gibt noch einen weiteren Verwendungszweck: Im Falle eines Brandereignisses hilft diese Aufstellung der Feuerwehr schnell zu erkennen, wo eventuell größere Mengen an brennbaren Stoffen gelagert sind.

Ein weiteres Feld, das die Aufmerksamkeit des Unternehmers fordert, sind die Schutzmaßnahmen, die zu treffen sind, wenn der Mitarbeiter mit dem Gefahrstoff arbeiten muss. Die Substitutionsprüfung ist negativ verlaufen, so ist die nächste Ebene der Maßnahmenhierarchie eine technische Lösung. Eine Überlegung ist, ob der Arbeitsgang in einem geschlossenen Behältnis durchgeführt werden kann, sodass der Mitarbeiter keinen Kontakt zum Gefahrstoff bekommt. Ist auch das nicht möglich, folgt als nächste Betrachtungsebene die Möglichkeit, den Gefahrstoff abzusaugen und so sicher zu beseitigen. Erst als letzte Möglichkeit der Schutzmaßnahmen kommt die persönliche Schutzausrüstung (PSA) zur Auswahl.

Zu beachten ist bei einigen Gefahrstoffen, dass bei diesen eine Maßnahme nicht ausreicht, d. h. mehrere Ebenen miteinander kombiniert werden müssen, also z. B. eine Absaugung und PSA.

Die Gefährdungen sowie die getroffenen Schutzmaßnahmen werden in die Gefährdungsbeurteilung des Betriebes aufgenommen (siehe unter www.ztm-aktuell.de/arbeitsschutz2) und daraus wird eine Betriebsanweisung entwickelt, mit der dann der Mitarbeiter verbindlich unterwiesen wird (siehe unter www.ztm-aktuell.de/arbeitsschutz3). Die Betriebsanweisung wird in der GefStoffV unter § 14 Abs. (1) ausdrücklich mit dem Hinweis benannt, dass die Schriftform zu wählen ist und dass sie in verständlicher Sprache vorliegen muss. Nach der Unterweisung hat der Mitarbeiter dann auch die Verpflichtung, sich an die Anweisung zu halten, also auch die Tragepflicht der angeordneten PSA! Bei Nichtbeachtung können arbeitsrechtliche Folgen gegen den Mitarbeiter ausgesprochen werden.

Achtung: alte und neue Gefahrstoffsymbole

Falls Sie sich gewundert haben, dass Sie bei der Auflistung der Gefahrstoffe in Ihrem Labor verschiedenfarbige Piktogramme gefunden haben: Das liegt daran, dass wir in einer Zeit der Umstellung der Kennzeichnung leben. Schon 1992 wurde auf einer UN-Konferenz darüber nachgedacht, eine weltweite Harmonisierung der Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien herbeizuführen. Dieses Ziel führte zur Erarbeitung eines harmonisierten Einstufungs- und Kennzeichnungssystems. Im Jahr 2003 wurde das „Globally Harmonised System of Classification and Labelling of Chemicals“ (GHS) erstmals vorgelegt. Entstanden ist ein System, das weltweite Gültigkeit erlangen soll. Alle Gefahrstoffe auf der Welt sollen mit denselben Gefahrstoffsymbolen gekennzeichnet sein. In Europa wurde das GHS mit der CLP-Verordnung (Classification, Labelling and Packing), die am 20. Januar 2009 in Kraft getreten ist, rechtsverbindlich. Die Verordnung stellt in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union unmittelbar geltendes Recht dar. Eine Umsetzung durch nationale Rechtsvorschriften ist nicht erforderlich. Die alten orangen Symbole (Abb. 2) werden zügig von den Verpackungen verschwinden, da der Stichtag für die neuen Symbole – der 01.06.2015 für Gemische – bereits verstrichen ist und es nur noch eine Abverkaufsfrist für bereits hergestellte Produkte bis zum Juni 2017 gibt.

  • Abb. 2: Diese Symbole werden ersetzt durch …
  • Abb. 3: … die neuen GHS-Symbole. Bildquelle: © Umweltbundesamt, Leitfaden zur Anwendung der GHS-Verordnung „Das neue Einstufungs- und Kennzeichnungssystem für Chemikalien nach GHS – kurz erklärt –“
  • Abb. 2: Diese Symbole werden ersetzt durch …
  • Abb. 3: … die neuen GHS-Symbole. Bildquelle: © Umweltbundesamt, Leitfaden zur Anwendung der GHS-Verordnung „Das neue Einstufungs- und Kennzeichnungssystem für Chemikalien nach GHS – kurz erklärt –“

Erläuterung der neuen Piktogramme
Es ist also an der Zeit, sich mit den neuen Piktogrammen auseinanderzusetzen. Eine komplette Auflistung sehen Sie in Abbildung 3.

Die einzelnen Piktogramme sind nummeriert mit dem Kürzel GHS01 bis GHS09.

  • GHS01, Explodierende Bombe: explosive Stoffe und Gemische; diesem Symbol ist u. a. der H-Satz 202 zugeordnet: „Explosiv; große Gefahr durch Splitter, Spreng- und Wurfstücke.“
  • GHS02, Flamme: entzündbare Gase, Aerosole, Flüssigkeiten, Feststoffe
  • GHS03, Flamme über einem Kreis: oxydierende Gase, Flüssigkeiten: kann Brand verursachen oder verstärken; Oxidationsmittel; Signalwort „Gefahr“
  • GHS04, Gasflasche: ein neues Symbol, das für Gase unter Druck steht, mit dem Hinweis „kann bei Erwärmung explodieren“; kombiniert wird dieses Symbol mit dem Signalwort „Achtung“
  • GHS05, Ätzwirkung: Ätz-/Reizwirkung gegenüber der Haut, verursacht schwere Verätzungen der Haut und schwere Augenschäden; Signalwort „Gefahr“
  • GHS06, Totenkopf mit gekreuzten Knochen: beschreibt akute Toxizität, also Lebensgefahr; giftig beim Verschlucken, Hautkontakt, Einatmen; Signalwort „Gefahr“
  • GHS07, Ausrufezeichen: (ersetzt das Kreuz aus dem alten System), steht für Gesundheitsschäden beim Verschlucken, Hautkontakt, Einatmen, aber auch für „verursacht Hautreizungen“; Signalwort „Achtung“
  • GHS08, Gesundheitsgefahr: ein neues Zeichen, ein Torso mit dem Stern in der Brust. Dieses Zeichen steht für krebserregende, erbgutschädigende und fruchtschädigende (im Mutterleib) Stoffe; arbeitet man mit diesen Stoffen, müssen besondere Schutzmaßnahmen getroffen werden
  • GHS09, Umwelt: hier geht es um die Gewässergefährdung, also um Stoffe, die giftig sind für Wasserorganismen

Wie wirkt sich die Änderung der Symbole im Dentallabor aus? Auf zwei Ebenen:

  • Bei einigen Produkten hat sich die Einstufung geändert, was anhand der aktualisierten Sicherheitsdatenblätter sichtbar wird.
  • Es gibt damit Änderungsbedarf für Betriebsanweisungen und Kennzeichnungen auf Behältern, die noch nach dem alten Recht gekennzeichnet sind.

  • Abb. 4: Beispiel für Gebinde-Kennzeichnung. Bildquelle: © Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, http://www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Gefahrstoffe/Einstufungund-Kennzeichnung/Kennzeichnungsetikett.html

  • Abb. 4: Beispiel für Gebinde-Kennzeichnung. Bildquelle: © Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, http://www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Gefahrstoffe/Einstufungund-Kennzeichnung/Kennzeichnungsetikett.html
Damit kommen wir zu einem weiteren wichtigen Thema im Gefahrstoffrecht: der Kennzeichnung der Behälter. Gebinde, die mit Gefahrstoff gefüllt sind, unterliegen einer besonderen Kennzeichnungspflicht (Abb. 4). So müssen zur Identifikation des Stoffes der Produktname und die gefährlichen Inhaltsstoffe genannt werden. Dem folgen die dazugehörigen Piktogramme mit dem Signalwort (Achtung oder Gefahr), die kompletten Kontaktdaten des Lieferanten, die Inhaltsmenge sowie die H-Sätze (Gefahrensätze) und die P-Sätze (Sicherheitssätze).

Werden aus diesen Gebinden Teilmengen abgefüllt, um sie als Tagesbedarf am Arbeitsplatz zu verarbeiten, müssen nicht alle Teile der Kennzeichnung übernommen werden. Nach den Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS) 201, 4.3, kann eine vereinfachte Kennzeichnung für Kleinmengen genutzt werden. Es muss in jedem Fall aber der Name des Gemisches aufgebracht werden, ergänzt mit den Gefahrstoffpiktogrammen.

Fazit

Auch im Bereich des Gefahrstoffrechts gibt es einiges für den Unternehmer zu tun. Wichtig sind die Dokumentation des Gefahrstoffkatasters, die anschließende Unterweisung der Mitarbeiter und natürlich ein stichprobenartiges Kontrollieren, ob die angeordnete persönliche Schutzausrüstung auch benutzt wird. Das Gefahrstoffrecht ist auch ein Gebiet, das der Unternehmer sehr aufmerksam verfolgen muss, da hier in kürzeren Zeitabständen immer wieder Änderungen auf den gesetzlichen Weg gebracht werden.

In seinem nächsten Beitrag (Link siehe unten) gibt ZTM Werner Hebendanz wichtige Informationen rund um das Thema „Desinfektionsarbeitsplatz“.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: ZTM Werner Hebendanz

Bilder soweit nicht anders deklariert: ZTM Werner Hebendanz



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