Firmennachrichten

Vom Zahntechniker zum Produktentwickler

Hartmut Stemmann – Zahntechniker mit Leidenschaften

Die Idee, Zahnprothesen mit Magnetkraft im Patientenmund zu fixieren, geht auf Hartmut Stemmann zurück.
Die Idee, Zahnprothesen mit Magnetkraft im Patientenmund zu fixieren, geht auf Hartmut Stemmann zurück.

Aus dem zahntechnischen Arbeitsalltag der Vergangenheit sind Produkte und Verfahren entstanden, die zu der heute erreichten zahnprothetischen Vielfalt und Qualität wesentlich beigetragen haben. Viele Zahntechniker-Persönlichkeiten, wie Geiger (Geschiebetechnik), Gründler (Teleskoptechnik) oder Pfannenstiel (Frästechnik) – um nur drei von weiteren Altvorderen zu nennen –, hatten maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung. In dieser guten Tradition steht auch der Hamburger Zahntechnikermeister Hartmut Stemmann. Seine Idee, Zahnprothesen mit Magnetkraft (Titanmagnetics, steco-system-technik, Hamburg) im Patientenmund zu fixieren, ist auch für die heutige Geroprothetik von unschätzbarem Wert.

Als Hartmut Stemmann im Jahr 1960 in Hamburg sein Dentallabor gründete, war dies noch die große Zeit der hochgoldhaltigen Edelmetall-Dentallegierungen und der konfektionierten feinmechanischen Konstruktionselemente, wie zum Beispiel Dalbo-Anker, Gerber-Zylinder, Steggeschiebe oder -gelenke. Diese wurden durch das von Professor Dr. Hermann Böttger, Düsseldorf, 1961 entwickelte, individuell anzufertigende Zylinderteleskop ergänzt. Hinzu kam 1968 die von Professor Dr. Karl-Heinz Körber, Kiel, konzipierte Konuskrone mit ihrer winkelabhängigen definierten Haftkraft. Und noch konnte festsitzender Kronen- und Brückenzahnersatz nur mit zahnfarbenen Kunststoffen verblendet werden. Die „Metallkeramik“ kam erst zwei Jahre später (1962) mit den Systemen VMK-DeguDent (Kooperation Vita Zahnfabrik und Degussa) und Biodent-Herador (DeTrey und Heraeus) auf den Markt. Hartmut Stemmann hat also wegweisende zahnmedizinische und zahntechnische Entwicklungen des 20. Jahrhunderts von Anfang an miterlebt.

Bestehendes sinnvoll weiterentwickeln

Insbesondere bei der herausnehmbaren Zahnprothetik beobachtete er sehr genau, welche Verankerungselemente gut und welche weniger gut funktionierten. Und vor allem: mit welchen dieser Elemente die zumeist älteren Prothesenträger beim Ein- und Ausgliedern ihrer „Gebisse“ am besten zurechtkamen. Manche teil- oder vollprothetischen Rehabilitationen konnten in ihrer Handhabung doch recht figelinsch sein – um es mit einem Hamburger beziehungsweise norddeutschen Wort zu beschreiben, das sich mit kompliziert oder schwierig übersetzen lässt.

  • Abb. 1: Magnetarbeiten damals. Bildnachweis für alle Bilder: Hartmut Stemmann, privat

  • Abb. 1: Magnetarbeiten damals. Bildnachweis für alle Bilder: Hartmut Stemmann, privat
Im Jahr 1971 inspirierten seine Beobachtungen und Überlegungen Hartmut Stemmann dazu, selbst eine Verankerungsmethode zu entwickeln: die Fixierung von herausnehmbarem Zahnersatz durch Magnete (Abb. 1). In vielen Entwicklungsschritten experimentierte er mit der Magnetkraft – wie stark musste diese sein und sollte deren Anziehungs- oder Abstoßkraft genutzt werden? Auch war die Verankerung der Magnete und ihres Gegenpols zu klären – welcher Teil sollte im Mund beziehungsweise in der Prothese eingesetzt werden? Und wie konnte der Schutz der Magnete vor Korrosion aussehen? Dass dies keine banalen Entwicklungsfragen waren, mag daran zu erkennen sein, dass ihm erst acht Jahre später (1979) ein Patent auf „magnetgehaltene Zahnprothesen“ erteilt wurde. Aber auch mit dieser Urkunde in Händen war es immer noch ein weiter Weg, seine Idee zur Marktreife zu führen. Diese zu erreichen, wurde unter anderem auch durch die Professoren Dres. Rainer Schmelzle, Hamburg, und Jakob Wirz, Basel, unterstützt.

Wirz beschrieb in zwei Fachartikeln [1 und 2] unter anderem die geschichtliche Entwicklung und ging auf Fragen zum Material und der Biokompatibilität von Magnetsystemen ein. Vor allem zeigte er aber, welche Vorteile diese Verankerungsmethode für die „prothetische Versorgung der älteren Menschen“ bietet. Im Jahr 1994 stellte er dazu fest: „Die auf Implantaten magnetverankerte Unterkiefer-Totalprothese darf heute als echter Therapiebeitrag zur Altersprothetik betrachtet werden“ [1]. Hartmut Stemmanns Entwicklergeist und seine Beharrlichkeit, den nicht immer einfachen Weg zur Vermarktungsreife seiner Produktidee weiter zu gehen, wurde nicht zuletzt durch diese Feststellung belohnt.

Einfache Technik, hohe Wirkung

  • Abb. 2: Die von Stemmann entwickelten Titanmagnetics gibt es wahlweise mit 163 Gramm oder 300 Gramm Abzugskraft für über 50 verschiedene Implantatanschlüsse.

  • Abb. 2: Die von Stemmann entwickelten Titanmagnetics gibt es wahlweise mit 163 Gramm oder 300 Gramm Abzugskraft für über 50 verschiedene Implantatanschlüsse.
Seine Titanmagnetics stehen wahlweise mit 163 Gramm oder 300 Gramm Abzugskraft und für über 50 verschiedene Implantatanschlüsse zur Verfügung (Abb. 2) und geben so den Prothesen im Munde Halt. Sie fixieren sie in ihrer physiologischen Position, ohne sie starr zu verankern. Bei einer kaudruck-initiierten Einlagerung der Prothesen in die Schleimhaut können Horizontalkräfte dadurch keine implantatbelastende Wirkung entfalten – eine „Kipp“-Belastung findet nicht statt, da sich die Magnete aus ihrer Ruheposition abheben können. Anders kann dies zum Beispiel bei zylindrisch frikativen Verankerungen der Fall sein. Vor allem dann, wenn sie die Prothesen gegebenenfalls zusätzlich mit retentiv wirkenden Federringen aus Kunststoff oder Metall auf diesen Konstruktionselementen fixieren.

Für die mit Geroprothetik versorgten älteren und alten Menschen sind die mit Magneten verankerten Prothesen ausreichend fixiert und lassen sich auch bei eingeschränkter Mobilität von Armen und Fingern leicht ein- und ausgliedern. Da die Magnetkraft die Prothesen „automatisch“ in ihre Position zieht, erhalten die Patienten dadurch die Sicherheit des immer „richtigen“ Prothesensitzes.

Aber auch ein weiterer Aspekt ist nicht minder wichtig. Wenn die Prothesenhygiene durch Angehörige oder Pflegepersonal durchgeführt wird, ist dies ohne besondere Instruktion möglich: Diese Personen sind in der Lage, die Prothesen einfach ein- und auszugliedern und die implantatgetragenen Titanmagnetics-Abutments zu reinigen. Heute kann Hartmut Stemmann auf eine über 18-jährige klinische Erfahrung der Prothesenverankerung mit Titanmagnetics zurückblicken. Diese wurden bisher weltweit bei nahezu 200.000 Patienten verwendet. Bei der Bedeutung, die die Geroprothetik durch die veränderte demografische Entwicklung künftig erhält, wird seine über 40-jährige Idee weiter auf Erfolgskurs bleiben.

Ein Beruf, viele Interessen

Viele Jahre hat Hartmut Stemmann auch die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Dentale Technologie in Sindelfingen und Böblingen mit seinen Diskussionsbeiträgen belebt. Es gab kaum ein Vortragsthema, zum dem er keine Fragen oder Anmerkungen hatte – fast konnte man darauf wetten. In allen Fällen zeugten seine Beiträge davon, wie sehr er mit seinem Beruf und dessen aktuellen Entwicklungen verbunden war. An Neuem war (und ist) er stets sehr interessiert.

  • Abb. 3: Hartmut Stemmann sammelt alte Praxis- und Laborausstattungen und hat Teile seiner zahnmedizinisch-zahntechnischen Sammlung dem Medizinhistorischen Museum Hamburg als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.

  • Abb. 3: Hartmut Stemmann sammelt alte Praxis- und Laborausstattungen und hat Teile seiner zahnmedizinisch-zahntechnischen Sammlung dem Medizinhistorischen Museum Hamburg als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.
Doch auch das „Alte“ fasziniert ihn. Getreu dem Goethe zugeschriebenen Satz „Zukunft braucht Herkunft“ sammelt Hartmut Stemmann alte Praxis- und Laborausstattungen. Im Keller seines Labors finden sich Schätze, mit denen sich die Entwicklung der Zahntechnik und der Zahnprothetik nachvollziehen lässt (Abb. 3). Teile seiner zahnmedizinisch- zahntechnischen Sammlung stellte er dem Medizinhistorischen Museum Hamburg als Dauerleihgabe zur Verfügung.

Mit seinem enormen Fachwissen und viel Freude an den alten Schätzen arbeitet er jetzt daran mit, dort die Ausstellung der Exponate zu kuratieren. Interessenten können sich im Internet unter www.uke.de/institute/medizinhistorisches-museum über das Angebot des Museums informieren.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Jürgen Pohling

Bilder soweit nicht anders deklariert: Jürgen Pohling



Das aktuelle Heft

+++Am 10. Juni erscheint die nächste Ausgabe!+++

Besuchen Sie uns doch mal auf unserer Facebookseite! Wir freuen uns über jeden Like und sind gespannt auf Anregungen, Kommentare, Kritik und Ideen für neue Themen!

Hier geht's direkt zur Seite