Funktion

Mini-Check - In wenigen Minuten versteckte Funktionsstörungen entdecken

Die sieben Wege zur Okklusion - Weg 1

10.04.2014


Wie kann Ihr Zahnarztkunde ein Funktionskonzept in seine tägliche Praxis integrieren? Wie viel Funktionsanalyse brauchen die Patienten? Welche Patienten benötigen eine Vorbehandlung – wie Schiene, selektives Einschleifen und/oder laborgefertigte Schalenprovisorien – und welche nicht? Am Anfang dieser Artikelserie beschreibt Autor Piet Troost, wie man solch elementare Fragen mithilfe eines Mini-Checks einfach und schnell zu Beginn einer jeden Behandlung zielsicher beantworten und eine erste Diagnose stellen kann. Eine Übersicht über die sieben Wege zur Okklusion ist in Heft 10/2013 des Internationalen Zahntechnik Magazins auf den Seiten 625 bis 633 nachzulesen.

Der Mini-Check als grundlegende funktionelle Eingangsuntersuchung besteht aus drei Teilen: Zunächst führt die manuelle Funktionsanalyse (modifiziert nach Bumann) weiter, mit der erstmals auch latente Symptome erkannt werden können. Zweitens ermöglicht es das Okklusogramm (modifiziert nach Slavicek), bereits vorab und ohne Kosten – und ohne weitere Maßnahmen wie Gesichtsbogen oder Registrat – die statische und dynamische Okklusion eines neuen Patienten zu beurteilen. Und schließlich gibt es das Slide-in-HIKP (habituelle Interkuspidationsposition; modifiziert nach Lauritzen), mit dessen Hilfe Ihr Zahnarzt klinisch unphysiologische Okklusionsstörungen sowie den vorhandenen Muskeltonus des neuen Patienten festmachen kann. Da diese Untersuchungen zügig und einfach durchzuführen sind, ist der Name „Mini- Check“ passend. Dem Zahntechniker als Teampartner des Zahnarztes hilft es, diesen zu kennen.

Erster Teil: Die manuelle Funktionsanalyse

Frühere Methoden (zum Beispiel Krogh-Poulsen) hatten einen entscheidenden Nachteil: Ausgiebige Muskelpalpationen und andere zeitaufwändige Dokumentationen standen kaum oder gar nicht im Zusammenhang mit der nachfolgenden zahntechnischen Restauration. Das entscheidend Neue an der Untersuchung (modifiziert nach Bumann/Landeweer) ist die Analyse eines – womöglich spezifischen – Belastungsvektors. Die systematische Ermittlung einer bevorzugten Richtung der funktionellen (Über-)Belastung ermöglicht es Ihren Zahnärzten erstmals, sowohl die Diagnostik als auch die Therapieplanung gemeinsam mit Ihnen als Zahntechniker auf die Ursache der Funktionsstörung der Patienten exakt auszurichten.

Mit den dynamischen Tests treten auch latente Symptome zu Tage, die Zahnärzte bisher leicht übersehen konnten. Wenn zum Beispiel der Patient bei aktiver Mundöffnung unauffällig war, kann er bei gleichzeitiger Kompression während seiner Öffnungsbewegung nun eine starke Deviation aufweisen oder ein Gelenkgeräusch verursachen. Weitere dynamische Translationen ermöglichen dem fortgeschrittenen Untersucher sogar, Kiefergelenkgeräusche gewebespezifisch zu differenzieren. Die verschiedenen Kapsel- und Bändertests erlauben es, wie ein Detektiv einzelne Gelenkbereiche auf ihre jeweilige Belastbarkeit zu überprüfen. Der Untersucher führt den Kondylus passiv in acht verschiedene Grenzpositionen (Abb. 1a und 1b). Sobald der Patient dabei einen Schmerz spürt, soll er diesen mit seinem Zeigefinger auch lokalisieren und bestätigen. So diagnostiziert man nicht nur zum Beispiel eine mögliche „Capsulitis der bilaminären Zone im dorsokranialen Bereich“. Ihr Zahnarzt erkennt vor allem, ob der Patient einen Belastungsvektor besitzt, der spezifisch ist, also bevorzugt in eine Richtung weist. Wenn Sie nun im Folgenden (klinisch per Okklusogramm und laborseits im Artikulator) okklusale Hinweise erhalten, die dieselbe Belastungsrichtung aufweisen, haben Sie die Bestätigung: Die funktionellen Störungen haben mit oder gar hauptsächlich ihre Ursache in der Okklusion. Die Prognose einer funktionellen Vorbehandlung (Schiene) ist in diesem Fall sehr gut. Sie wissen bereits jetzt, wo die Reise hingeht: Dass eine Vorbehandlung jetzt nicht nur medizinisch und zahntechnisch sinnvoll ist, sondern Sie vor bösen Überraschungen beim Eingliedern Ihres Zahnersatzes bewahrt (zum Beispiel langwieriges Einschleifen oder Chipping).

  • Abb. 1a: Die manuelle Funktionsanalyse.
  • Abb. 1b: Belastungsvektor medial/mediokranial.
  • Abb. 1a: Die manuelle Funktionsanalyse.
  • Abb. 1b: Belastungsvektor medial/mediokranial.

Zweiter Teil: Das Okklusogramm

Tatsächlich können Ihre Zahnärzte die Durchführung des Okklusogramms an ihre Assistenz delegieren. In nur zwei Minuten schreibt diese auf vier einzelnen Wachsplatten verschiedene Kontaktspuren des Patienten auf. Hier bevorzugen wir von Bego, Bremen, das genarbte Gusswachs (0,35 Millimeter, fein) und stellen sicher, dass die genarbte Seite immer zum Oberkiefer gewandt ist. So schließen Sie im Labor Verdrehungen und Fehldiagnosen sicher aus. Die Assistenz adaptiert die Wachsplatte an den Oberkieferzähnen ohne Druck und fixiert diese nun mit beiden Zeige- und Mittelfingern an den Labialflächen der oberen Schneidezähne (Abb. 2a). Nun lässt sie die Patienten jeweils mit einer Wachsplatte die entsprechenden vier Bewegungen aktiv durchführen: die habituelle Interkuspidationsposition (HIKP): „Bitte mit den Zähnen klappern!“, die Lateralbewegungen, die Pro- und – wenn möglich – die Retrusion sowie zum Schluss ein bewusstes Knirschen. Die nun erhaltenen Spuren auf den Wachsplatten (Abb. 2b) geben sowohl Ihrem Zahnarzt als auch Ihnen im Dentallabor ein erstes aussagekräftiges Bild, wie gut oder schlecht nicht nur der maximale Vielpunktkontakt (HIKP) Ihres Patienten ist. Sie sehen bereits auf den übrigen drei Platten die Abläufe der dynamischen Okklusion. Sie erkennen nun ganz einfach, ob die Seitenzähne bei Bewegungen mit beteiligt sind oder ob alle Seitenzahnkontakte – wie von uns beispielsweise für Vollkeramik erwünscht – sicher und sofort entschlüsseln (wechselseitig geschützte Okklusion – „mutal protective occlusion“).

  • Abb. 2a: Okklusogramm.
  • Abb. 2b: Protrusion: Beteiligung von Zahn 14 und 17.
  • Abb. 2a: Okklusogramm.
  • Abb. 2b: Protrusion: Beteiligung von Zahn 14 und 17.

Das Gusswachs ist der klassischen Okklusionsfolie unbedingt vorzuziehen. Denn die Farbfolie lügt gleich in doppelter Hinsicht: Sie überzeichnet, wenn sie – zum Beispiel per Miller-Pinzette – im Mund vorgespannt ist, und Ihr Zahnarzt erhält fälschlicherweise mehr Kontakte angezeichnet, als der Patient tatsächlich klinisch hat (FFKs = Folienfehlkontakte)! Andererseits unterzeichnet die Farbfolie immer dann, wenn ein Zahnbereich während der Aufzeichnung noch restfeucht war. Diese möglichen Fehldiagnosen per Farbfolie schließen Ihre Kunden mit dem genarbten Gusswachs sicher aus. Mit dem Okklusogramm erhalten Sie beide eine schnelle und aussagekräftige Diagnose zur statischen und dynamischen Okklusion Ihres Patienten, ohne große Kosten verursacht zu haben. In Praxis und Labor.

Dritter Teil: Slide-in-HIKP

Ihr Zahnarzt leitet den Patienten an, aus der Ruheschwebe heraus seine Zähne federleicht zu berühren, bis dieser den ersten Zahnkontakt spürt (Abb. 3a). Er zeigt nun mit dem Finger extraoral an, wo er den Erstkontakt bemerkt. Dies wird später von Ihnen im Artikulator mit den Kontakten der Gipszähne überprüft. Bei dieser ersten Kontaktposition ohne Kraftaufwand sind noch beide Kondylen zentriert. In unserer Bildgrafik kommen die Zahnreihen per Schließrotation auf den beiden Zähnen 17 und 47 auf (Abb. 3b).

  • Abb. 3a: Slide-in-HIKP.
  • Abb. 3b: Darstellung Frühkontakt am Zahn 17.
  • Abb. 3a: Slide-in-HIKP.
  • Abb. 3b: Darstellung Frühkontakt am Zahn 17.

Nun fixiert Ihr Zahnarzt seinen Blick auf den Inzisalpunkt im Unterkiefer. Während der Patient fest zubeißt, gleitet er mehr oder weniger in seine habituelle Interkuspidationsposition (HIKP), also in seinen maximalen, individuellen Vielpunktkontakt hinein. Diese Gleitbewegung beurteilt Ihr Kunde qualitativ (viel/wenig, rotatorisch oder horizontal). Bei Frühkontakten im Molarenbereich kann Ihr Zahnarzt als erste Verdachtsdiagnose „Distraktionsgelenk“ stellen. Zeigt der Patient an, dass er einen Erstkontakt im Frontbereich spürt, denkt der Behandler zunächst an ein mögliches Kompressionsgelenk. Die sichere und vor allem metrisch genaue Aussage über eine mögliche Fehlposition der Kiefergelenke erhält er per Digi-Check, wenn er seinen Patienten elektronisch vermisst (siehe Weg 3, der in einer späteren Ausgabe des Internationalen Zahntechnik Magazins beschrieben wird).

Fazit

Für die Durchführung des Mini-Checks benötigen Ihre Zahnärzte nur acht Minuten. Man erhält dadurch schnell und sicher viele wertvolle klinische Parameter, die für Ihre geplante zahntechnische Arbeit so entscheidend sein können. Wir führen dies bei jedem neuen Patienten durch. Die Patienten, die funktionell auffällig sind, werden dann genauer per Arti-Check im Dentallabor untersucht, das heißt mit der modifizierten instrumentellen Funktionsanalyse im Artikulator (siehe Weg 2 in der Fortsetzung des vorliegenden Beitrags).

Der Mini-Check dient Ihren Behandlern und Ihnen im Dentallabor als effektiver Sicherheitsgurt: Sie beide erkennen mögliche Risiken schnell und sicher. Sie entscheiden selbstbewusst und gemeinsam, welcher Patient eine funktionelle Vorbehandlung benötigt und welcher tatsächlich nicht. Vor allem aber können Sie bei funktionell auffälligen Patienten nun mit Ihrem Zahnarzt zusammen die Therapieplanung durchführen. Ihre Patienten erleben erstmals eine umfassende Untersuchung, die sich nicht nur auf die Zähne beschränkt. Sie verstehen das medizinische Bemühen Ihrer Zahnärzte um eine langlebige Lösung für ihre Mundgesundheit. Mit dem Mini-Check erhalten Sie und Ihr Labor- Team vor allem aber Therapiesicherheit. Auch und gerade bei komplexen Herausforderungen.

Fortsetzung folgt. Der nächste Teil der Artikelserie über die sieben Wege zur Okklusion widmet sich dem Arti-Check, mit dessen Hilfe festgestellte Funktionsstörungen verifiziert und exakt gemessen werden können.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Piet Troost

Bilder soweit nicht anders deklariert: Piet Troost



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