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Nachbericht zum 4. Keramik Day in Hattersheim

Das Oppossum Zahntechnik

13.12.2018

Referenten und Veranstalter (v. l.): ZTM Christian Lang, ZTM Alek Aronin, ZTM Christian Hannker, Siegbert Witkowski, Attila Kun, Dr. Carsten Barnowski, Rüdiger Bach und ZTM Moritz Pohlig.
Referenten und Veranstalter (v. l.): ZTM Christian Lang, ZTM Alek Aronin, ZTM Christian Hannker, Siegbert Witkowski, Attila Kun, Dr. Carsten Barnowski, Rüdiger Bach und ZTM Moritz Pohlig.

Der 4. Keramik Day, der traditionell von den Firmen Goldquadrat und Kuraray Noritake ausgerichtet wird, war wieder bis auf den letzten Platz ausgebucht. 150 Teilnehmer trafen sich am 17. November 2018 in Hattersheim – dem Firmensitz von Kuraray Noritake – um den Vorträgen von ZTM Alek Aronin, ZTM Christian Lang, ZTM Moritz Pohlig sowie dem Referentenduo ZTM Christian Hannker und ZT Attila Kun zu folgen.

"Zusammenkommen ist ein Beginn, Zusammenbleiben ist ein Fortschritt, Zusammenarbeiten ist ein Erfolg!“

Mit diesen Worten von Henry Ford begrüßten Rüdiger Bach (Goldquadrat) und Dr. Carsten Barnowski (Kuraray Noritake) die Zahntechnikergemeinde zum 4. Keramik Day. Schon längst ist der Keramik Day kein Geheimtipp mehr unter Zahntechnikern. Dafür sorgt unter anderem die großartige Referentenriege, die am 17. November 2018 wieder aus fünf Ausnahmezahntechnikern bestand. Wie gewohnt versiert moderierte ZTM Siegbert Witkowski den Tag.

Wir sind alle farbenblind!

ZTM Alek Aronin reiste für den Keramik Day extra aus Kanada an. Der Vollblutzahntechniker arbeitet am liebsten alleine. Dies spiegelt sich auch in seiner täglichen Arbeit wieder. Er liebt es, große Arbeiten zu erstellen und erstaunte mit der Aussage, dass er den Patienten am liebsten nicht sehen möchte. Das lenke zu sehr vom Wesentlichen ab. Viel wichtiger sei ein gutes Equipment – und im besten Fall findet sich dieses eins zu eins in der Zahnarztpraxis seiner Kunden wieder.

Denn nur mit einem aufeinander abgestimmten Kamerasystem eines gemeinsamen Herstellers sind Ergebnisse, wie er sie präsentierte, möglich und nur so lässt sich zum Beispiel Farbe zuverlässig reproduzieren. „Wir alle sind farbenblind!“, lautet einer seiner Grundsätze, denn jeder sieht Farben auf seine ganz eigene Weise. „Wer garantiert mir, dass ein und dasselbe Grün von mir genauso empfunden wird, wie vom Zahnarzt oder gar dem Patienten?“, sensibilisierte er das Auditorium und untermauerte dies mit einigen Beispielen optischer Täuschungen. Schnell wurde deutlich, dass Farbe nicht nur individuell empfunden wird, sondern äußere Umstände wie Tageszeit und Tagesform die Sichtweise beeinflussen. Deshalb bestimmt er die unterschiedlichen Farbanteile am Computer.

Apropos Computer, Aronin telefoniert nicht gerne. „Nach fünf Minuten habe ich alles wieder vergessen“, offenbart er eine seiner Schwächen. Deshalb lässt er sich alle notwendigen Informationen per E-Mail schicken – Bilder sowie Wünsche oder andere Hinweise bezüglich Form und Farbe. Dies macht seine Arbeit nicht nur reproduzierbar, sondern auch jeden einzelnen Schritt nachvollziehbar. Sollte etwas schief gehen und der Patient unzufrieden sein, können Fehler in der Kommunikation entdeckt, besprochen und beim nächsten Mal umgangen werden. Alles für den Patienten.

Denn dieser steht natürlich auch in Kanada im Vordergrund jeglichen dentalen Tuns. Deshalb sei es unumgänglich, dass Zahntechniker alles über die Anatomie der Zähne wissen und stets zum Thema dazulernen. Aber Achtung: Zahnärzte und Zahntechniker sehen andere dentale Probleme als der Patient. „Hören Sie den Patienten aufmerksam zu, finden Sie seine wahren Probleme heraus und interpretieren Sie nicht einfach, was SIE sehen“, insistierte er eindringlich.

Der Cocktail namens Pareto-Prinzip

„Die Quadratur der Zähne“ lautete das Vortragsthema von ZTM Christian Lang, der erfreut feststellte, dass die Teilnehmer seines Goldquadrat-Sommerkurses auf Mallorca den Weg nach Hattersheim auf sich genommen haben. Dann verkündete er dem Auditorium: „Die Zahntechnik ist tot.“ In einem provokanten Nachruf an die Zahntechnik stellte er viele Fragen. Was hätte sich die Zahntechnik gewünscht? Seine Antworten waren vielseitig. Sie hätte sich wohl mehr Zeit gewünscht, denkt er. Vielleicht auch mehr Umsetzbarkeit oder Korrekturmöglichkeiten.

Wenn man aber genau darüber nachdenkt, fällt auf, dass man nur alle Mittel, die einem an die Hand gegeben werden, nutzen muss – dann wird auf einmal alles ganz leicht. Dazu erläuterte er das Pareto-Prinzip. 80 Prozent der täglichen Arbeit werden mit nur 20 Prozent des täglichen Arbeitsaufwands erledigt. Dieses Prinzip legte er gekonnt auf das Keramiksystem von Kuraray Noritake um und erklärte, wie mit nur 20 Prozent der Keramikmassen 80 Prozent der Restaurationen im Laboralltag realisiert werden können. Denn Christian Lang liebt Ordnung und deshalb hat er in seinem gesamten Labor alles auf das Wesentliche reduziert – auch die Keramikmassen. Mit nur 40 verschiedenen Massen erledigt er sämtliche Aufträge – schnell und reproduzierbar.

Er zeigte auf, dass die Massen untereinander mischbar seien, um die vermeintlich fehlenden Massen herzustellen. Sein Rezept: „Misch dich zum Erfolg, wie bei einem Cocktail – mit dem Pareto-Prinzip!“ Dies erfordere ein gutes Zeitmanagement, welches man am besten in Kursen erlernt. Idealweise durch einen Ortswechsel, denn so ein Kursbesuch verändert meist den Blickwinkel auf die Zahntechnik. So kommt man vielleicht doch zu der Erkenntnis, dass die Zahntechnik gar nicht tot ist. „Sie hat sich nur tot gestellt, wie ein Opossum“, gab er schmunzelnd bekannt.

  • An den Diskussionsrunden herrschte rege Beteiligung seitens des
Auditoriums.
  • An den Diskussionsrunden herrschte rege Beteiligung seitens des Auditoriums.
    © Jung

Licht ins Dunkel bringen

Für ZTM Moritz Pohlig ist das Ziel eines jeden Zahntechnikers völlig klar: Alle möchten, dass ihre Kronen dem natürlichen Vorbild in nichts nachstehen – doch die Realität sieht meist anders aus. Da kommen Patienten, deren Lächeln Metallgerüste offenbaren oder in anderer Weise eher der Kategorie „Gruselkabinett“ zuzuordnen wären. Für Moritz Pohlig steht fest, dass in Zukunft das Thema Totalprothetik eine immer kleinere Rolle spielen wird.

Veneers und ästhetische Aspekte werden mehr in den Mittelpunkt rücken. Als Material der Zukunft erachtet er unter anderem Zirkoniumdioxid. Dabei liegt die größte Herausforderung für ihn im Helligkeitswert. Denn Kronen oder Veneers auf natürlichen Untergründen frei jeglicher Farbveränderung herzustellen, sei noch relativ einfach. Schwieriger wird es bei devitalen, stark verfärbten Stümpfen. Hier den richtigen Helligkeitswert zu treffen, ist eine Kunst. Aus diesem Grund hat er sich eine Strategie überlegt, die ebenso einfach wie genial ist. Der Zahntechniker färbt sich die Gipsstümpfe dunkel und erstellt darauf seine Rekonstruktionen. So ist er zu jedem Zeitpunkt in der Lage, zu erkennen, ob er sich noch auf dem richtigen Weg befindet oder ob der dunkle Stumpf durchscheint. Bei devitalen Stümpfen setzt er auf ein opakes Zirkoniumdioxid, sodass der dunkle Untergrund blockiert wird. Dies verschafft ihm Platz für seine individuelle Schichtung.

Bezüglich der Keramikschichtung verwies er auf das penible Einhalten der Brennparameter. Ein Überbrennen führt zu unerwünschten Farbveränderungen, die man kaum wieder korrigieren kann. Eine Neuanfertigung wird zwingend notwendig. Er fertigt sich Brennproben, mit denen er sich den Ofen genau kalibrieren kann. Das dies der für ihn richtige Weg ist, untermauerte er mit beeindruckenden Bildern gelungener Arbeiten.

Das digitale Einmaleins

„An Beziehungen muss man stets arbeiten“, findet das Referentenduo ZTM Christian Hannker und ZT Attila Kun – dies gelte auch für die Beziehung zu seinem Computer. Christian Hannker beschreibt, dass er beruflich mit zahntechnischen Meistern wie Reiner Semsch und Klaus Müterthies groß geworden sei. „Doch die Arbeitsplätze haben sich verändert“, gibt er zu bedenken, „unsere Arbeit ist digitaler geworden.“ Vieles wird am Computer erledigt, auch wenn das Handwerk an sich gleich geblieben ist. Daher schätzt er zum Beispiel das manuelle Zähneschnitzen, das er in Japan erlernt hat und heute noch seinen Auszubildenden beibringt. Damit erhält er sich trotz aller Digitalisierung das ästhetische Gefühl für Zähne. Für ihn steht fest, dass das Wissen über die Funktion analog vorhanden sein muss, um sie digital zu rekonstruieren.

Deshalb haben er und sein Kollege Attila Kun mithilfe von Anatomiestudien versucht, herauszufinden, wie die einzelnen Zahnschichten aufgebaut sind und wie sie diese nachahmen können. „Je mehr wir über Form, Struktur und Aufbau wissen, desto genauer können wir die Natur kopieren“, erläutert Christian Hannker. Schmunzelnd berichteten die beiden, dass sie ihr Zirkoniumdioxid-Gerüst früher selbst einfärbten. Dies geschah oftmals erst spät am Abend und der Brennvorgang über Nacht. Als sie dann morgens das fertig gebrannte Gerüst betrachteten, weigerten sie sich oftmals zu glauben, dass es sich tatsächlich um das von ihnen angefertigte Gerüst handelte. Denn die Farben wollten so gar nicht mit ihrer Erinnerung übereinstimmen.

So nach und nach kamen die beiden auf des Rätsels Lösung: in der Pinselspitze – vorwiegend bei den Braun- und Orangetönen – sammelte sich ein Farbtropfen, der die Kaufläche komplett „flutete“ und so für Überraschungsfarben sorgte. Kaum überraschend, dass sich die beiden sehr freuten, als die vorgefärbten Multilayer-Zirkoniumdioxid-Rohlinge Katana Zirconia ML (Kuraray Noritake) auf den Markt kamen.

Im Verlauf ihres Vortrags sprachen die beiden unter anderem über die Arbeit mit dem Gesichtsscanner. Damit löse sich der Blick von physischen Parallelitäten der Arbeitsumgebung (zum Beispiel Tischplatte parallel zur Okklusionsebene) und die Zähne werden den tatsächlichen Gegebenheiten des Gesichts angepasst.

  • ür die grafische Zusammenfassung all ihrer Vorträge durch Christian Lang (re.) zeigten die Referenten Moritz Pohlig, Alek Aronin, Christian Hannker und Attila Kun durchweg große Begeisterung.
  • ür die grafische Zusammenfassung all ihrer Vorträge durch Christian Lang (re.) zeigten die Referenten Moritz Pohlig, Alek Aronin, Christian Hannker und Attila Kun durchweg große Begeisterung.
    © Jung

Fazit

Möchte man alle Aussagen der Referenten auf einen einzigen großen Ratschlag reduzieren, kommt man unweigerlich zu der Erkenntnis, dass es allen ausschließlich um den Patienten und die Erfüllung dessen Wünsche geht. Jeder Referent sieht den Schlüssel zum Erfolg im Wissen – im Wissen um Funktion, um Form, um Farbe und um dessen, was der Patient wirklich will. Dass der Wissensdurst bei allen im Auditorium unheimlich groß ist, wurde in den Diskussionsrunden im Anschluss an die Referatsblöcke deutlich. Siegbert Witkowski moderierte erfahren sowie souverän und brachte interessante Fragen in die Diskussion ein.

Einen großen Applaus erhielt außerdem noch ZTM Christian Lang, der die gesamten Vorträge in Zeichnungen festhielt und den Vortrag von Alek Aronin direkt im Anschluss anhand seiner Skizzen auf den Punkt zusammenfasste. Graphic Recording wird diese Art des Festhaltens wichtiger Informationen genannt. Diese Visualisierung der Inhalte konnte von den Teilnehmern fotografiert, mit nach Hause genommen und jederzeit noch einmal betrachtet und erlebt werden. Schließlich merken sich Menschen 80 Prozent der wichtigsten Informationen anhand von Bildern: Das Pareto-Prinzip zum Mitnehmen.

Save the date!

Der Termin für den 5. Keramik Day steht bereits fest. Am 23. November 2019 wird die moderne Zahntechnik erneut im Mittelpunkt eines kurzweiligen Kongresstages stehen.

Kerstin Jung, Freie Journalistin, Augsburg

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